Schlagwort: Vater

Frosch mit Koffer

090//Mein UNschönstes Ferienerlebnis

In den Sommerferien waren mein Mann, mein Sohn, unsere beiden Hunde und ich bei Oma und Opa zu Besuch.
Es war nicht schön.
Die Hunde verloren viele Haare.
Das fanden Oma und Opa doof.
Das Kind spielte lange an seinem neuen Handy. Das fanden sie auch doof.
M. und ich sind ziemlich dick und haben wenig Geld. Trotzdem wollten wir im Urlaub mal eine Pizza bestellen. Das fanden sie ebenfalls doof.
Sie haben sich einen Wohnwagen gekauft. Darüber haben wir uns nicht genug gefreut. Das fanden sie total doof.
Opa und Oma finden sich auch gegenseitig doof. Das sagen die sich und uns dann auch. Das finden wir dann doof.
In den nächsten Ferien fahren wir woanders hin.

Ok. Die Grundstimmung meines diesjährigen Sommerurlaubs sollte damit klargeworden sein. Jetzt zum wirklich unschönsten Ferienerlebnis der letzten Jahre:

Schwapp

John Wayne (mein Vater) erzählt mir seit ich denken kann was von Anstand, Manieren, Respekt und Benimm. Genau dieser Typ sitzt nun also am Mittagstisch meinem 9-jährigen Filius gegenüber.
Der will sich Knoblauchsoße auf den Teller schütten. Er macht den Deckel ab und ehe ich noch sagen kann: „Vorsicht! Das kommt in einem Schwapp da raus!“, kommt es in einem Schwapp da raus und die halbe Pulle Knoblauchtunke ergießt sich auf des Kindes Teller.
Super!
Mit hilfloser Verzweiflung schaut er zu mir herüber.
Ich verdrehe kurz die Augen und stöhne ein „Och nöö …“
Bevor ich jedoch irgendwas tun kann, spricht es laut und böse aus des Opas Mund:

„Sowas Dämliches wie Dich hab‘ ich noch nie gesehen!!!“

Pardon?
Ich bin so perplex, dass mir die Speiseröhre nebst darinsteckendem Hähnchenstück versteift. Vielleicht ist auch noch ein wenig gekaute Pommes dabei. Ich japse (wahrscheinlich unhörbar) nach Luft und lande in einer Art Podiumsdiskussion meiner inneren Teile, während die Hähnchen-Pommes-Sürge millimeterweise doch noch Richtung Magen ruckelt:

A: „Das hat der nicht gesagt!“
B: „Doch! Hat der!“
C: „Kann nich‘!“
B: „Doch! Klar! Guck‘ mal, wie der guckt!“
A: „Nein!“
B: „Doch!“
C: „Ooh!“
D: „Krass!“
A: „Alter …“
C: „Darf er das?“
A: „Bist Du doof, Mann?!? Natürlich nich!!!“
C: „Warum macht der das dann?“
B: „Weil er‘s kann?!“
A und C: „WAS?!?“

„WIU WIU WIU“ – Der Glucken-Alarm geht an.
Brut in Gefahr.
Brut in Gefahr.
Brut in Gefahr.

Eskalation in 3, 2, 1 …

„Es gibt ja wohl noch wesentlich Dämlichere …“, sag‘ ich und gucke den bösen alten Mann ebenfalls böse an.
Der rafft nix.
Kunststück. Wie immer bin ich viel zu subtil.
Ich ringe um Fassung.
Gewinne.
Und schweige.
An essen ist nicht zu denken.
„Da muss man doch nicht so beleidigend werden!“, formuliere ich dann sachlich.
„Doch! Muss man!“ erwidert der von jahrelangem Betablocker-Konsum künstlich gechillte Mann, der mich in die Welt gesetzt hat, sehr überzeugend und stopft sich die nächste Gabel mit Essen in den Mund.

Ich sehe Sterne.
Geschätzter Blutdruck: 220/130.
Ich wünschte, ich könnte schnell auch ein paar Metoprolol einwerfen, um keinen Herz- oder Hirnschlag zu erleiden vor lauter Wut, doch Betablocker vertrage ich nicht.
Ich schweige deshalb wieder und rede mit meinem Herzen: „Du bist ganz ruhig! Du bist stark und ruuuuhig. Richtig ruuuuuhig. Echt ruuuuhig. Totaaal ruuuhig.“
Jetzt dissoziiere ich kurz.
Erinnere mich beim „Wiederkommen“ an all die Beleidigungen und Erniedrigungen, die ich seit frühesten Kindertagen aus dem gleichen Munde hören musste.
„Du bist ja auch klein und doof!“, hallt es noch in meinem Kopf, als ich merke, dass die Unterhaltung bei Tisch, die ich jetzt wie durch einen Schleier wahrnehme, schon halbwegs normal weitergegangen war.
„Können wir heute wieder im Wohnwagen schlafen?“, fragt irgendwann mein Sohn (der mittlerweile tapfer die ganze Pampe auf seinem Teller aufgegessen hatte) in die Runde.
„Weiß ich nicht“, sage ich tonlos.
„Warum denn NICHT!?“, erwidert John Wayne, als ob ich was sehr Dummes gesagt hätte.
„Vielleicht sind wir dir ja zu doof …?“, sage ich tonlos.

Woaaaaahhh! – Auftritt Narzissa I.:
„Was soll DAS denn jetzt?!?!“, empört sich meine Mutter.

„Na, ja, kann ja sein“, sinniere ich abwesend.
„Also, IHR sagt doch auch dauernd so Ausdrücke zu dem Kind!“, motzt sie in meine Richtung und meint damit auch meinen Mann.
Der ist auch noch ganz benommen und sagt: „Nee, also sowas sagt bei uns garantiert keiner!“
„Wenn, dann aus Spaß!“, setze ich nach. Ein „Du Heini!“, „Trötnase“ oder „Schleifen-Heinz“ kommt bei uns tatsächlich schon mal vor. 😉

Ein Teil von mir wollte noch erklären, was es mit dem Unterschied von „Verhalten kritisieren“ und „den ganzen Menschen abwerten“ auf sich hat, aber dieser Teil kam nicht mehr zum Zug. Es wäre auch sinnlos gewesen, trösten mich mein Mann und mein Verstand später.

„Dann war das eben auch Spaß!“, patzt der betagte Beleidiger, was ich nur noch mit einem „Na, DANN is‘ ja gut“, quittieren konnte.

Es folgt ein nahezu vollständiges Verstummen meinerseits, eine vorgezogene Abreise, mehrere Migränetage und unwürdiges psychosomatisches Säbelrasseln (Körper so: „Mach‘ das nochmal und du lernst mich richtig kennen!“
Ich so: „Mäh!“)

Nächstes Mal fahren wir mit Sicherheit woanders hin.

——
Epilog:

Sowas erleben sicher Millionen Menschen jeden Tag. Schlimm genug. Das Problem bei meiner komplexen PTBS und dem Konglomerat „psychoaktivierbarer“ Symptome meiner anderen Grunderkrankungen und meine genetische Disposition ist, dass sich hier die Trigger die Klinke in die Hand geben und meine vorab vermutete, relative Resilienz sich wohl unbemerkt aus‘m Staub gemacht hatte.

Meine Probleme:

  • Wut, Ärger und Enttäuschung sind Gefühle, die ich immer noch nur mühsam auseinander halten kann. Manchmal auch erst im Gespräch mit sach- und fachkundigen Mitmenschen.
  • Projektion, Intrusion und Dissoziation (“Opa zu Enkel” fühlt sich für mich plötzlich an wie “Vater zu Kind” – also er zu mir -und das ist in der Erinnerung so schlimm, dass ich das Erleben abspalte (=dissoziiere) und komplett abwesend bin.)
  • Kontrollverlust– und Konfliktangst münden in Panik (= Todesangst) vor den eigenen (unter diesen Umständen völlig normalen) Körpersensationen wie Blutdruck- und Herzfrequenzanstieg

Meine Erfolge:

  • Ich kann das alles zumindest im Nachhinein selber erkennen.
    Ich musste in keine Klinik.
  • Mein Sohn hat sich am Ende bei mir bedankt (!!!), dass ich ihm „gegen Opa“ so geholfen hab‘. (So richtig erinnern, was ich noch alles gesagt habe, kann ich mich nicht, aber wenn das Kind es so empfunden hat, is‘ ja alles gut.)
  • Ich konnte meine Grenzen zumindest spüren und habe irgendwie gehandelt und entschieden.

Das Kind hat „Knoblauchgate“ übrigens den Umständen entsprechend gut verkraftet, ist sich aber sicher, dass er „das sein Leben lang nicht vergessen wird“ (O-Ton). Ich befürchte, er wird Recht behalten …

035 // Die unsichtbaren Krankheiten

„Du siehst doch gar nicht so krank aus.“

Wie ich diesen Satz liebe …

Schmerzen und Migräne können Außenstehende nicht sehen. Da liegt die Vermutung nahe: „Die hat doch gar nichts. Die kann uns viel erzählen.“
Im Grunde stimmt das natürlich. Wer nicht grade seine speziellen aktuellen Blutwerte oder ein mobiles MRT-Gerät dabei hat, dem fällt es schwer, die messbaren Vorgänge im Gehirn zu visualisieren. Der sieht eben fit aus. Vor allem, wenn er noch nicht so alt ist. Da Mitmenschen zunehmend geizig werden mit Verständnis, Rücksicht oder Anteilnahme hier mein Tipp:

Um im Alltag Aufmerksamkeit zu bekommen, mach’ Dir lieber ‘nen Verband um den kleinen Finger oder renn’ mit hochgekrempelter Hose durch’s Büro, um allen Deine neuesten blauen Flecke zu präsentieren. DAS macht Eindruck.

Deine Schmerzen interessieren keinen. Man muss schon was sehen können.

Pneumatische Plastologie

Aber einige Migräniker haben’s gut: Manchmal sieht ihr Gesicht aus wie eine Hüpfburg. Die können dann zwar nicht durch’s Büro laufen, aber sie können mal ein Foto ins Internet stellen. Endlich sieht man denen die Krankheit mal an. Dann sehen selbst kritische John Wayne-sozialisierte ältere Herren, dass „die wirklich was hat und sich nicht nur anstellt, oder bei unangenehmen Aufgaben in die Krankheit flüchtet“.

Ich staune bei diesen Gelegenheiten immer, wie schön glatt auch meine Stirn noch sein kann, wenn die ansonsten canyonartigen Furchen mal gut ödemisch unterpolstert sind.

Migräne tut nicht nur weh, die sieht manchmal auch Scheiße aus.

Simulant und Verpisser

Immer wieder wurde ich in der Vergangenheit als Simulant und berechnender Verpisser dargestellt. Natürlich kann man sagen: „Da musst Du doch drüber stehen.“ Da sag ich: „Tu’ ich aber nicht.“
Von Kollegen erfahre ich zum Beispiel nach meiner Mandeloperation, dass sie der Meinung sind, ich würde immer krank mit Ansage. Klar, wenn ich morgens mal wieder solche Mandeln

mandeln

und Fieber habe, äußerte ich schon mal ein vorsichtiges: „Ich glaub’ ich werd’ krank.“ (Originalfoto)

By the way: Man kann wirklich nicht zu einem Pläuschchen ins Büro kommen, wenn der Magen und seine Nachbarn vor ein paar Tagen auf diese:

magen-op

Art und Weise operativ verwurschtelt wurden. (Originalfoto)

Und: Nein, ich verpisse mich nicht. Die Angst davor ist viel zu groß. Wie groß, können sich die meisten gar nicht vorstellen. Darüber sollten sie froh sein.

Die unzähligen Male, die ich mit Migräne, Rückenschmerzen oder eitrigen Mandeln und Gallenkoliken meine Arbeit gemacht habe, hat niemand auf dem Schirm, weil ich es gut versteckt habe. Mit der Gürtelrose bin ich auch ins Büro gegangen. Zwar wusste ich nicht, dass es eine Gürtelrose war, aber wegen Schmerzen schon wieder fehlen? Nein, nein, dann lieber Schmerzmittel rein und los. Oh, keine Angst, alles war steril verpackt und zum Heulen bin ich auf’s Klo gegangen. Nicht, dass meine Krankheiten noch jemanden belästigen.

Ich war richtig gut im Gesund-Tun und Auf-Stark-Machen.

Alles nich’ so schlimm

Sprüche wie: „Stell Dich nicht so an!“ und „Guck mal, was andere alles aushalten müssen!“, habe ich sozusagen mit der Muttermilch eingesogen. Wobei in diesem Punkt nicht meine Mutter die treibende destruktive Kraft war.

Mein Vater, das jüngste von vier pommerschen Flüchtlingskindern einer alleinerziehenden Mutter, deren Mann auf dem Weg nach Sibirien irgendwo verschollen, und Augenzeugen zufolge unterwegs an Typhus gestorben war, wurde in Ermangelung des Vaters von Kino-Cowboy John Wayne erzogen.

Der Mann in Zitaten (also mein Vater – nicht John Wayne ;-)):

„Rumflennen bringt da jetzt auch nix.“ – „Reden, wieso reden? Worüber denn?“ – „Science fiction? So’n Blödsinn – alles ausgedachter Mist.“ – „Büro? Das ist doch keine Arbeit!“ – „Ein Mann der weint, is’ doch kein Mann, das is’ ne Memme.“ – „Wegen Kopfschmerzen geht man doch nicht zum Arzt.“ – „Schwul? Das ist doch abnorm.“ – Danke, Papa, dass du mir geholfen hast. – „Ja, muss ich ja. Gehört sich ja so.“ – Mir tun die Knochen im Bein so weh, Papa. „Du bist doch noch ein Kind, du hast doch noch gar keine Knochen.“ – „Das macht die doch mit Absicht!“ (Zu meiner Omma nach ihrem Schlaganfall, als sie halbseitig gelähmt, im Rollstuhl sitzend und schwer sprachgestört die Wörter Steckdose und Flugzeug verwechselt.) – „Ja, guck’ Dir mal xy an, was andere alles aushalten müssen!“ (auf die Nachricht, dass ich mich scheiden lassen will.) – „Du hast Dir doch noch nie ‘nen Vernünftigen gesucht!“ (im Gespräch über die Scheidung) – „Natürlich ist das DEINE Schuld!“ (als ihm eine Taube auf den Benz geschissen hat, an dem Tag, an dem ICH gefahren bin.) – „Der wird NIE den Wert der Dinge kennen lernen!“ (zu meinem 2-jährigen Sohn, als er sein Eis in den Sand fallen lässt.) – später dazu: „Natürlich bist DU da dran Schuld!“- „Was studierst Du noch mal?” (im 6. Semester kurz vor der Prüfung).

Das Blöde ist: Ich habe nicht nur ein Gehirn wie ein Pferd, sondern auch ein Gedächtnis wie ein Elefant. Jeder Spruch hat sich eingebrannt. Wie in diese kleinen Holztäfelchen, die man früher auf den grün- oder bahamabeige-gefliesten Gästetoiletten unserer Elternhäuser hängen sah. Ich hab’ alle Sprüche im Kopf. Jeden Tag.

Trotz allem fühle ich so was wie Liebe, Zuneigung und Verbundenheit zu diesem Menschen, aber ich weiß genau, dass die emotionale Verstümmelung, die er da in sich trägt, die Verbindung an vielen Stellen sehr fragil macht. Am besten nur an der Oberfläche kommunizieren und nichts hinterfragen, dann kann er echt witzig sein. Und hilfsbereit. Muss er ja. 😉

Zu Tieren hat er ein besseres Verhältnis. Ich hab’ ihn außer nach dem Tod seiner Mutter nur weinen sehen, als unsere Hunde gestorben sind. OK, weinen ist vielleicht übertrieben, aber er hat sich mit seinem Baumwolltaschentuch, dass er immer in der Hosentasche trägt, die feuchten Augenwinkel abgewischt.

Das Apfel / Stamm-Problem

Schlimm für mich: Ich habe irgendwann seine Maßstäbe in meine Persönlichkeitsstruktur übernommen. Habe alle körperlichen und erst recht die seelischen Verwundungen und Schwächen ignoriert, geleugnet oder versteckt. So wie ich es gelernt habe. Systematisch hat man mir das Bauchgefühl abtrainiert. Als ich älter wurde, hab’ ich die Kontrolle selbst übernommen und bin mit mir selbst mindestens so schlecht umgegangen, wie ich es anderen heute vorwerfe. Verrückt.

Das ist nicht gesund und macht es anderen schwer, dich als verwundbares Wesen zu sehen. Das wiederum führt dazu, dass sie dich auch nicht wie ein solches behandeln. Du steckst alles ein und wehrst dich nicht. Was innen ist, sieht keiner. Die meisten interessiert es auch nicht, aber das ist ok, die meisten Menschen interessieren mich ja auch nicht.

Ich weiß nicht genau, welcher Zusammenhang zu meiner Angst vor dem Falsch-Verurteilt-Werden besteht, aber irgendeinen gibt es – ganz bestimmt. In mir schreit alles und raus kommt nichts. So habe ich das gut 40 Jahre lang gehandhabt.

Irgendwann kamen die ersten Quittungen: In Form einer Gallen-Not-OP, chronischer Mandelentzündung, (unbehandelter) Gürtelrose, eines gerissenen Zwerchfells, zweier Bandscheibenvorfälle und Vorwölbungen, kaputter Venen, Tinnitus und einem hübschen Konglomerat an psychischen Folgeschäden: Angst, Panik, Depression und Schmerzen im ganzen Körper.

Ich bin fertig. Mit 43.

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