Schlagwort: Trauma

086// Howgh, ich habe geschrieben.

Das aktuelle Jahr hat fast genauso Scheiße angefangen, wie das alte aufgehört hat: Schmerzen, Viren, Erschöpfung und der Tod meines kleinen Hundes Ernie hauen ganz schön ins Kontor.

Die Welt drumherum interessiert das nicht – sie dreht sich einfach weiter und zaubert allerorts Abstrusitäten hervor, durch deren Kenntnisnahme ich mich zusätzlich stark beeinträchtigt fühle. Und doch muss ich dankbar sein. Ich habe mich so provoziert gefühlt, dass ich endlich wieder schreiben konnte … oder musste.

Für ein besonders denkwürdiges Stück Weltgeschehen, zu dem ich mich äußern möchte, sorgte kürzlich eine Hamburger Kita. Die sprach sich gegen die Kostümierung der Kinder als Indianer oder Scheich aus. Man achte „im Kitaalltag sehr auf eine kultursensible, diskriminierungsfreie und vorurteilsbewusste Erziehung und das solle sich auch an Faschingstagen nicht ändern“, berichtet die Hamburger Morgenpost. Eltern sollen darauf achten, dass mit der Kostümierung keine Stereotype bedient werden. Insbesondere mit den Faktoren „Geschlecht, Hautfarbe und Kultur“ solle sensibel umgegangen werden. (https://www.mopo.de/hamburg/politisch-korrekter-fasching-hamburger-kita-verbietet-indianer-kostueme–32163248)

Es folgte eine mehr oder weniger fröhliche „Diskussion“ und ein aufgeregtes SocialMedia-Getöse. Unter anderem stieß ich auf einen Twitter-Erguss der Osnabrückschen Jusos. Dort stand:

Kurze Zeit später verwies man auf den Artikel eines Indigenen American Natives namens Ty, der uns und der Welt erklärte, warum er die Indianerkostüme nicht lustig findet. (https://www.vice.com/de/article/zma8ze/liebe-deutsche-indianer-kostume-an-karneval-sind-nicht-lustig)

Ich war einigermaßen erstaunt und berührt.

Ty erklärt unter anderem, dass es ihn traurig und wütend macht, wenn sich jemand einfach ohne den entsprechenden spirituell-kulturellen Background Federn in ungeheurer Anzahl an die Kleidung steckt. Federn verdiene man sich in seiner Kultur – die steckt man sich nicht einfach an.

Ah, das ist ja interessant, dachte ich.

Das wusste ich nicht.  – So wie die vielen Kinder und Besoffenen, die am Rosenmontag einfach mal ihren Spaß haben wollen und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht darauf aus sind, jemanden damit  zu beleidigen oder zu diskriminieren.

Trigger-Gedöns

Trotzdem kann ich Tys Traurigkeit und Wut verstehen. Klar fühlt er sich mit dem, was er an und um den Rosenmontag sieht, an seine schlimmen Erfahrungen und die seiner Familie erinnert. Das ist nichts anderes als eine Triggerung. Sehr unschön für Ty und alle anderen Betroffenen, aber in erster Linie sein persönliches Problem. – So wie meines das Verhalten einiger Mitmenschen – insbesondere Ärzte.

Ich möchte mein eigenes Leid nicht über das von Ty stellen. Ganz im Gegenteil. Ich möchte nur die Mechanismen und Zusammenhänge zeigen. Im Grunde möchte ich Ty und allen anderen durch Diskriminierung traumatisierten Menschen nur sagen, ihr seid leider, leider, leider nicht alleine mit eurem Schmerz.

Trotzdem können wir nicht alle Trigger verbieten.

Ich kann Ärzten nicht ihre Kittel verbieten, weil sie mich triggern. Ich kann nicht fordern, dass alle Blutdruckmessgeräte aus den Praxen verschwinden. Ich kann den Ärzten, die sich scheiße benehmen, nicht per Dekret mehr Hirn oder Herz einpflanzen. Eine solche Forderung hilft mir nicht … und auch sonst niemandem.

Wenn ich Tys Argumentation und dem elaborierten Gequatsche der Osnabrücker Jusos folge, müsste ich mich konsequenterweise gegen alle möglichen Kostümierungen aussprechen, die meine Randgruppeneigenschaften in stereotyper Weise darstellen und so durch diskriminierende Projektion Gewalt gegen mich ausüben (allein diese Formulierung … puuh).

Analogien

Als selbst Betroffene müssten meine Statements dann so aussehen:

1. Gegen Masken mit Brillen, die darauf abzielen, den Brillenträger als ästhetisch unattraktiv zu deklassieren! – Ich als Sehbehinderte fühle mich damit echt schlecht.

2. Gegen Clownsmasken, die eine Glatze und eine rote Nase simulieren, die auf diese Art und Weise, ästhetische Minderwertigkeit in die Welt projizieren! – Das tut mir als Alopezie- und Rosazea-Opfer ja auch weh.

3. No Fatsuits!!! Weg mit Kostümen, die Kissen oder sonstiges Füllmaterial verwenden, um dicke Bäuche oder sonstige Fettansammlungen vorzutäuschen! – Wir Dicken und lipödemischen Fettbeiner haben es überall so schwer.

4. Nicht zu vergessen: Männer, die sich als Frau womöglich noch in überzogener, klischeehafter Weise verkleiden, gehören verboten! – Wir Frauen werden auf dem gesamten Planeten aufgrund unseres Geschlechts tagtäglich diskriminiert, da verbiete ich mir diese Form der projizierten Gewalt doppelt und dreifach! Die Deutungshoheit über meine Gene gehört mir!!!

(Zur Sicherheit weise ich jetzt kurz aber explizit darauf hin, dass es sich bei den Punkten 1-4 um satirisch-ironische Übertreibungen zur Verdeutlichung handelt.)

Jetzt schreien trotzdem sicher einige: Aber das ist doch was ganz anderes! Das kann man doch garnicht vergleichen. Der arme Indigene American Native! Der wird doch nur aufgrund seiner Kultur  diskriminiert!

Jo, sag’ ich dann, das ist schlimm und sollte so nicht sein.

Und: Natürlich kann ich das vergleichen, weil es die gleichen Mechanismen sind, die einem das geamte Weltbild und Selbstwertgefühl verauen. Dicke, kranke, weibliche Behinderte leiden nicht weniger unter Diskriminierung. Diskriminierung ist immer Scheiße!

Da gibt’s kein schlimmer oder weniger schlimm, denn die Person, die darunter leidet, leidet immer gleich. Es ist einfach ein Scheißgefühl – egal in welchem Land, in welcher Kultur und mit welcher „Begründung“.

Die Frage ist doch, wie können wir Diskriminierung generell entgegenwirken?
WIR alle. Auch wir Opfer.

Und da sage ich: Nee, nee, liebe Unterstützer und Solidarisierer Indigener American Natives und alle anderen, die ihre karnevalistische Verhohnepiepelung zum Anlass nehmen, um sich wie die kleinen Gockels aufzuplustern, und mit ihrer völlig pervertierten sogenannten „political correctness“ um die Ecke kommen. So wird das nicht funktionieren.

Nehmt doch ein Kostüm einfach mal als Impuls, um über eure Erfahrungen und Erlebnisse als Mitglied einer diskriminierten Gruppe zu reden. Erzählt den Kindern im Indianerkostüm etwas über eure Kultur, euer Leben und eure Gefühle. Das machen die nämlich, weil sie eure Kultur so toll und spannend finden. Kommt ins Gespräch mit denen, die für Triggerung sorgen, ohne es zu wissen und zu wollen.

Die allermeisten wird es interessieren. Die allermeisten werden das als Bereicherung empfinden und manche von ihnen werden ihre Denk- und Verhaltensmuster überdenken. Und euch wird es gut tun, wenn ihr Gehör und vielleicht sogar Mitgefühl findet.

Und den anderen sage ich: Hört gefälligst zu! Entwickelt ein Bewusstsein dafür, dass euer Handeln – egal aus welcher Motivation heraus – bei anderen Menschen immer eine Resonanz erzeugt. Wenn ihr dem Menschen konkret helfen könnt, dann tut es. Achtet das Individuum, aber bleibt euch auch selber treu.

Wenn Ty sich zum Beispiel wünscht, dass auf der nächsten Karnevalsparty im Familienkreis keine Indianerkostüme getragen werden, weil er sich damit unwohl fühlt, dann ist das eine menschlich nachvollziehbare Sache. Das werden sicher alle Freunde und Familienmitglieder gerne berücksichtigen, weil sie wissen, warum es für ihn schwierig ist, das auszuhalten. Aber Ty sollte so reflektiert sein, dass er einsieht, dass nicht die ganze Welt seine Trigger eliminieren kann.

Verbote und der erhobene Zeigefinger machen doch alles nur noch schlimmer!

Und dann sage ich noch: Wenn Ty das Gefühl hätte, dass er und seine Familie von allen respektiert und geschätzt wird, würde er safe auf die Kostüm-Sache ‘nen feuchten Furz geben.

Hier gilt es wie immer, dass sich zwei Seiten bewegen müssen, um miteinander in Verbindung zu treten. Und was verbindet mehr, als ein Lachen? In diesem Fall vielleicht ein Lachen über das Unwissen der “Bleichgesichter” – so nennen “die Indianer” uns doch … wenn ich mich nicht irre … *kopfkratz*

 

Ruf den Exorzisten – Oder: TRE – Körperübungen zur Traumaverarbeitung

Ich liege am Boden. Auf dem Rücken mit aufgestellten Beinen. Zitternd, zuckend, mich unnatürlich verbiegend, den Kopf hin- und her drehend, manchmal krampfartig kurz verharrend, um mich sogleich wieder den bizarr anmutenden Bewegungen hinzugeben. Manchmal fliegt einer meiner Arme zur Seite. Ich konzentriere mich darauf, gleichmäßig zu atmen, was nicht immer gelingt – dabei lächle ich.

Was macht sie?, fragt ihr euch sicher.

Nun, was aussieht wie eine zünftige Teufelsaustreibung oder ein weiteres unsägliches Kapitel von Shades of Grey ist nichts weiter als eine einfach zu erlernende Methode zur Trauma- und Stressverarbeitung: Tension & Trauma Releasing Exercises (kurz TRE)

Die Methode bedient sich der stressreduzierenden Potenziale neurogenen Zitterns. Der Begründer, Dr. David Berceli, entwickelte spezielle Übungen, auf die der Körper mit Zittern reagiert, um Muskelverspannungen zu lösen. TRE zielt darauf ab, die natürlichen Heilungsprozesse, die im menschlichen Körper genetisch angelegt sind, zu aktivieren. In der Traumaverarbeitung bietet TRE eine gute Möglichkeit, mit extremer Anspannung und im Körper gespeicherten Verkrampfungen umzugehen. Ohne sich inhaltlich mit den Hintergründen des Traumas beschäftigen zu müssen, ist so eine tiefe erlösende Entspannung möglich. Der Körper übernimmt sozusagen die Regie – wir müssen es ihm nur erlauben.

Theorie und Praxis dieser Methode sind weder esoterisch noch sonst wie fragwürdig angehaucht. Sie wurde von Berceli nach eigenen kriegsbedingten Erlebnissen ursprünglich als körperorientierte Behandlungsmethode für Traumata in großen Bevölkerungsgruppen entwickelt, in dem er die unbewussten physiologischen Reaktionen des Körpers in Krisensituationen erforschte.

Detaillierte Informationen liefert Berceli in einem Artikel in der in der Zeitschrift Trauma & Gewalt 2/2010: https://www.tre-deutschland.de/uphelf/dl.php?dl=TraumaGewalt.pdf

TRE in der Praxis

Bevor man sich mit der Methode befasst, sollte man sich unbedingt mit den theoretischen Grundlagen vertraut machen und ein paar Videos gucken. Auch anwesende Personen sollten kurz damit vertraut gemacht werden, ansonsten prophezeie ich mindestens belustigtes – wahrscheinlich aber schockiertes Publikum.

Für die ersten Versuche empfehle ich einen fachkundigen Therapeuten aufzusuchen, der auch die ersten Phasen nach der Übung begleiten kann. Später kommt man gut alleine klar oder kann sich von einer Vertrauensperson begleiten lassen.

Meine Erfahrungen schildere ich hier in einem ausführlichen Bericht …

062// Traumatisiertenbenamsung

Neben vielen anderen Dingen mache ich mir häufig Gedanken über Wörter. Zum Beispiel über das richtige Wort für Traumatisierte. Ich mag es so nicht, weil es so verdammt nah an Stigmatisierte ist.

Leider stimmt das auch irgendwie, deshalb denke ich schon länger über eine charmantere Begrifflichkeit nach, aber alles hört sich irgendwie doof an und wird der Sache nicht gerecht:

  • Traumathen (wie Psychopathen)
  • Traumatiker (so werden schon die mit Schädel-Hirn-Trauma genannt)
  • Traumantiker (zu schön)
  • Traumat (öhm …)
  • Traumanen (zu esoterisch)
  • Traumanten (männlich) oder Traumanzen (weibliche) ( :-D)
  • Traumansen (zu tuckig)
  • Traumatisten (zu selbstwirksam)
  • Traumanden (zu anwärterhaft zielgerichtet)
  • PTBSler (hört sich ein bisschen nach abseitigen Sexualpraktiken an, oder?)
  • Träumerle (Favorit – :-D)

Jemand Ideen? Vorschläge? Besserwissen?

Ok, die sachdienlichste Benamsung* traumatisierter Menschen wäre als Abgrenzung zu den Traumatikern (Menschen mit Schädel-Hirn-Trauma) vielleicht am ehesten Psychotraumatiker und die Unterteilung in Entwicklungstraumatiker oder Schocktraumatiker. Wahrscheilich gibt’s das auch schon, aber schön hört sich das auch nicht an. Na gut, dann passt es wenigstens, denn schön is’ anders … :-/

 

 

*Ich weiß, dass es besser Benennung heißen sollte, aber Benamsung finde ich dynamischer und einfach süß. Übrigens wird der ehemals als scherzhafte Bezeichnung für Benennung benutzte Begriff mittlerweile auch in ernsthaften Publikationen verwendet und hat sogar den Sprung in Nachschlagewerke wie openthesaurus geschafft…

Schöne verrückte Welt. 🙂

By the Way: Ich mag besonders das Wort: Klofußumpuschelung … <3 … und Max Goldt 😘

025 // Todesangst

Da ist doch gewaltig was schief gelaufen, denke ich immer wieder über mich und mein Leben. Ja, das ist es. Es nennt sich Trauma. Das weiß ich heute. Daraus entstanden ist eine veritable Angst- und Panikstörung, depressive Episoden, somatoforme Schmerzstörung und eine Hypersensibilität, die jeden kleinen Scheiß zum Migräne-Trigger macht.

Neben diversen anderen Dingen, habe ich zum Beispiel Angst davor, dass meine Emotionen mich töten – vor allem die negativen, wie Wut und Aggression. Die Angst hat sich offenbar in frühester Kindheit etabliert, weil Wut, Hass, Ärger auf keinen Fall gefühlt werden durften. Das habe ich mir nicht ausgesucht, sondern es war tatsächlich überlebensnotwendig, diese negativen Gefühle nicht auszuleben. Die Lösung: Abspaltung – am besten gar nicht fühlen. Eine Art Aufpasser musste her: Die Angst.

Wenn ich sie fühle, fühle ich nichts anderes mehr. Aus ihrer Sicht: Ziel erreicht. Existenz gesichert. Läuft! Jetzt wacht sie also darüber, dass ich die negativen Emotionen nicht mehr fühlen muss, denn die bringen mich um, meint sie.

Das findest Du wirsch? Ich auch. Aber es geht noch wirscher:

Täter werden

Immer wieder habe ich Todesangst. Mal begründet durch einen Basilarismigräne-Anfall, mal ausgelöst durch irgendwelche, zum Teil banalen Körpersensationen, mal völlig unbegründet. Diese Todesangst ist nicht nur die Angst vor’m Selbstverlust. Nein, bei mir ist das zusätzlich die Angst vor’m Verpissen. Die Angst davor, dass ich mein Kind und meinen Mann im Stich lasse, so wie man mich unzählige Male im Leben im Stich gelassen hat. Ich habe Angst davor, Täter zu werden.

Da muss man erstmal drauf kommen.

Ich empfinde eine möglicherweise irgendwann mal aufgrund meines Ablebens verursachte Schuld. Na, toll. Nicht mal das Sterben (in meinem kranken Kopf als ultimative Unzulänglichkeit gesehen) erlaube ich mir. Als hätte ich einen Einfluss darauf. Im Grunde ist das der absolute Gipfel der krankhaften Selbstüberschätzung. Vielleicht bin ich doch Narzisst – es äußert sich nur anders und fühlt sich dööfer an als bei denen, die ich zur Genüge kenne.

Mein erstes Mal

Meiner ersten “Erinnerung” an die Todesangst konnte ich in der Hypnotherapie begegnen. Authentische Worte habe ich nicht für das in Trance Erlebte. Ich kann nicht 1:1 beschreiben, wie und was das genau war. Es sind nur Eindrücke, Farben, Gefühle. Der Rest ist Interpretation. Offenbar ging es um eine sehr frühe Erfahrung in einer Arztpraxis: Ich erlebe, wie mein Körper sich einkrempeln will. Mein rechtes Knie geht nach oben, meine Fäuste sind geballt, die Arme vor der Brust gekreuzt. Ich nehme “Wesen” (Menschen ?) wahr, einen Honigfarbenen wolkenartigen Kranz an einem der Wesen (lockige Haare?), weiße Flächen (Deckenplatten?), unangenehme Helligkeit (grelle Beleuchtung?) – Schmerz. Man tut mir weh. So weh, dass ich Todesängste ausstehe. Niemand hilft. Ich bin den Grausamkeiten allein und hilflos ausgeliefert.

Zuviel für mich. Die Szene ist abrupt zu Ende.

“Die weiß aber, was sie will.”, hätte die Kinderärztin mal bei einer Impfung zu meiner Mutter gesagt. An mehr kann (oder will) sie sich nicht erinnern als ich sie danach frage. Ich kombiniere: 1. So was sagen Ärzte nicht, wenn ein Säugling still und lethargisch auf dem Behandlungstisch döst. 2. Meine Mutter war nicht unmittelbar dabei.
Ich habe mich offenbar gegen etwas gewehrt. Habe gekämpft. Wollte nicht verletzt werden, wollte nicht sterben. Und ich war allein.

Ob das wirklich der Anfang war?
Genau weiß das niemand. Dennoch macht es einiges plausibel. Die hundert nachfolgenden Erlebnisse in Arztpraxen und Krankenhäusern waren der Zement in den mein Trauma gegossen wurde. Immer und immer wieder. Neue kamen dazu. Alte wurden verstärkt. Hilfestellung durch Bezugspersonen: Regelmäßig Fehlanzeige.

Helfer wurden zu Tätern – die meisten unabsichtlich, ohne es zu wissen. Ein Dilemma.

Übergangslösung

Ich muss mir erst mal selber helfen, zu groß ist die Gefahr, wieder in die Falle zu tappen. Wieder alles erleben zu müssen, wieder abzuspalten, wieder falsch behandelt zu werden, wieder von vorn anfangen zu müssen.

Um irgendeine Lösung zu finden, lese ich, wann immer mein Kopf es zulässt, E-Books, höre Podcasts und schaue youtube-Videos. Irgendwo muss die Lösung zu finden sein …

Immerhin lerne ich so, dass die Schuldgefühle ein ziemlich genialer Trick der geschundenen menschlichen Seele sind. Sie gaukeln dem Selbst eine Wirkmacht vor, die es nicht hat. Solange ich mir also einbilden kann, dass ich selbst Schuld bin an dem, was passiert, gebe ich mir unbewusst eine Möglichkeit, in das, was geschieht, einzugreifen – eine Selbstwirksamkeit. Die zu haben, ist verdammt wichtig. Hab’ ich aber nicht – nicht immer jedenfalls.

Die Kreativität der menschlichen Existenz ist erstaunlich, das muss man anerkennen.

Theorie und Praxis

Obwohl ich so viel weiß, so viel von meiner Geschichte aufgearbeitet und einige meiner Muster verstanden habe, kann ich immer noch keine Erlösung spüren. Mein Verhalten und meine Körperreaktionen scheren sich einen Scheiß um mein intellektuelles Verständnis. Ich kann mir ‘nen Wolf autosuggerieren und positiv denken bis (mal wieder) der Arzt kommt.

Es geht nicht vorwärts, aber es muss eine Lösung geben!

016 // “Weißkittelhypertonie”: dem Trauma auf der Spur

Seit ich denken kann habe ich panische Angst vor’m Blutdruckmessen. Allerdings nur beim Arzt oder wenn jemand zuschaut. Unwillkürlich höre ich auf zu atmen. Will nur, dass es schnell vorbei ist. Außerdem tut es weh und macht blaue Flecken. Was das für Werte gibt, kann man sich vorstellen.

Sämtliche Langzeitmessungen, Eigenmessungen mit geeichten Geräten und Messungen von Vertrauenspersonen zeigen normale Werte (außer in Paniksituationen).

Manche Autoren sprechen bei diesem Phänomen von der sogenannten „Weißkittelhypertonie“.

Danke, Pfleger Stefan!

Ein Schlüsselerlebnis  mit Anästhesie-Pfleger Stefan bei den Vorbereitungen für eine Magenspiegelung bringt mich endlich auf die richtige Spur, um meine Angst zu verstehen:

Mit ihm scherze ich über Propofol und Michael Jackson. Ich weise noch fröhlich darauf hin, dass ich am gleichen Tag Geburtstag habe wie der King of Pop. Der soll ja die „Schlafmilch“, wie Pfleger Stefan das Narkosemittel nennt, von seinem verantwortungslosen Arzt bekommen haben, weil er das Entspannungs-Gefühl beim Wirkungseintritt so toll fand. Die Stimmung ist gelöst. Bis er mit der Blutdruck-Manschette ankommt. Ich krieg’ den „irren Blick“, sage, dass ich Angst vor’m Blutdruckmessen habe und lieber am offenen Herzen operiert werden würde als das.

Anstatt mich zu belächeln und mit einem „Ach, was!“ loszulegen, wie tausend Pfleger, Krankenschwestern und Ärzte vor ihm, sagt er: „Das ist ja interessant. Hab’ ich ja noch nie gehört. Haben Sie denn mehr Angst vor dem Messen oder mehr Angst vor dem Ergebnis?“

Gute Frage, Pfleger Stefan!

„Ich weiß gar nicht“, sage ich, behalte die Frage aber im Hinterkopf und hoffe, dass ich mich nach der Narkose noch daran erinnere. „Das Ergebnis ist natürlich immer zu hoch. Hab’ ja Panik. Dann fühl’ ich mich falsch verurteilt und doof. Irrational, ich weiß.“ schwadroniere ich weiter.

Der Doc kommt dazu. Ich will mich nicht anstellen und cool sein. Klappt nicht. Ich fang’ an zu heulen. Der Doc guckt verwundert. Pfleger Stefan erklärt sachlich:
„Sie hat Angst vor’m Blutdruckmessen.“
Oberpeinlich!
„Ach,“, sagt der Doc (jetzt kommt’s wieder, denke ich).
„Dann machen wir Ihnen das einfach gleich um, wenn Sie schlafen.“

Thema durch. Sofort bin ich maximal entspannt. Auch ohne Propofol. Wenn doch nur alles so einfach wär’…

Als ich wieder wach werde, hab’ ich noch die Manschette um. Pfleger Stefan sitzt nebenan an einem Tisch und sortiert Unterlagen. Als er merkt, dass ich wach bin, zwinkert er mir zu: „Na, da sind sie ja wieder. Blutdruck is’ noch’n bisschen niedrig, aber sonst is’ alles ok.“

Niedrig. So, so …

Angst vor den eigenen Befindlichkeiten

Heute weiß ich, dass meine Blutdruck-Mess-Angst nichts anderes ist, als die Angst, Inneres preiszugeben, Befindlichkeiten zu äußern und Bedürfnisse zu haben.

Befindlichkeiten wahrzunehmen und zu äußern gehört noch immer nicht zu meinen Stärken. Kein Wunder, wenn du Jahrzehnte lang bestens darauf trainiert und konditioniert wurdest, alles, was deine Bedürfnisse oder emotionalen Anteile angeht, zu verdrängen, abzuspalten oder zu verleugnen. Das ist eine völlig „normale innere Strategie“ traumatisierter Menschen …

Das Blutdruckmessen zwingt mich, mein Inneres zu zeigen. Davor habe ich panische Angst, weil mein kindliches Ich gelernt hatte, dass es existenziell wichtig ist, die eigenen Befindlichkeiten und somit Bedürfnisse nicht zu zeigen, nicht zu äußern, besser noch: gar nicht erst zu fühlen. Vor allem im Zusammenhang mit medizinischen Einrichtungen und Ärzten als Person wird dieses Traumageschehen immer wieder getriggert. Doofe Kombi … ganz doof …

Erst seit den 1990’er Jahren gibt es den Begriff der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (komplexe PTBS), die wahrscheinlich für solche Phänomene wie meine Blutdruck-Mess-Angst (mit-)verantwortlich ist.

Hier ein guter Überblick über die theoretische Seite dieser wirklich vertrakten Angelegenheit:
https://de.wikipedia.org/wiki/Komplexe_posttraumatische_Belastungsst%C3%B6rung

 

012 // Der Dodo in mir – Über Dummheit und Selbsthass

Nach einer längeren Auszeit schleppe ich mich mit meinen zwei Bandscheibenvorfällen, einer zünftigen Bronchitis, obernervigen Gastritis und den Ausläufern der Wochenend-Migräne in die dritte Woche eines Wiedereingliederungsversuchs, den ich selbst initiiert habe. Ich will wieder funktionieren. Vollgestopft bis obenhin mit Medikamenten aller Art, will ich meine Pflicht erfüllen. Andere haben schließlich auch Probleme.

Die Freude der Kollegen, mich nach vier Monaten AU wieder zu sehen, hält sich in Grenzen. Hatte ich etwas anderes erwartet? Im Grunde nicht. Aber wie „herzlich“ der Empfang wirklich ist, beeindruckt mich dann doch …

Den Gipfel der Liebenswürdigkeiten erlebe ich mit einer Kollegin, von der ich mal gedacht – nein, mir eingeredet hatte, sie hätte (trotz aller Verfehlungen) zumindest eine Art Grundanstand. Ein Irrtum.
„DU brauchst dir doch über deine Rente keine Sorgen zu machen, DU bist doch verheiratet.“, sagt die zehn Jahre jüngere, äußerlich hübsche, körperlich gesunde Kollegin mit glücklicher Kindheit und einem seit zig Jahren bestehenden Arbeitsverhältnis im öffentlichen Dienst zu mir.

„Wie bitte?!“ Ich zweifle an meiner Wahrnehmung. Falscher Film.

Es entsteht ein bizarres Gespräch darüber, wer nun das härtere Los gezogen hat. Irgendwann frage ich sie: „Sag mal, bist du etwa neidisch?“
„Ja, sicher bin ich neidisch. DU hast ja einen Mann und ein Kind.“
Ich bin fassungslos und sehr wütend.
Wütend über das unendlich dumme Geschwätz dieses Menschen, aber vor allem über meine eigene unendliche Dummheit. Mein selbstzerstörerischer Hang, mich mit Menschen zu umgeben, die mir nicht gut tun, macht mich fertig. Ich bin wie einer dieser Dronten-Vögel, die Dodos, die einst auf der schönen Insel Mauritius ihren Schlächtern treuselig und gutgläubig immer wieder in die Arme gelaufen und schlussendlich von ihnen ausgerottet worden sind. Auch äußerlich gibt es gewissen Ähnlichkeiten zwischen mir und dem pummeligen Vogel mit dem watschelnden Gang. 😉

Wie ein treudoofer Dodo renne ich immer und immer wieder zu Menschen, die mir nicht nur einmal bewiesen haben, wie egal ich ihnen bin. Ich entschuldige, bagatellisiere, rechtfertige ihr Verhalten. Ich Vollidiot.

Hinrennen, Fresse polieren lassen, wieder hinrennen, wieder Fresse polieren lassen, nochmal hinrennen …

Jeder normale Mensch hätte spätestens nach den diversen Vertrauensbrüchen, die dieser Mensch begangen hat, kapieren müssen, dass hier was grundsätzlich schief läuft. Ich hab’s nicht geschnallt oder wollte es nicht schnallen. Wie ein dösiger Dodo hab’ ich ihr weiter alles mögliche anvertraut. Ich bin mir sehr sicher, dass nichts, aber auch wirklich gar nichts davon unter uns geblieben ist. Garniert mit Spitzfindigkeiten, Unwahrheiten und Abwertungen. So wie sie es mit allen macht. Auch ich habe eine Menge über andere Kollegen von ihr erfahren. Es tut mir heute leid, dass ich den ein oder anderen nicht gewarnt habe. Ich war zu beschäftigt mit mir selbst.

Und diese Person erzählt MIR, dass sie neidisch auf MEIN Glück ist. Im Grunde zum Totlachen. Wenigstens ist das ehrlich. Dass überhaupt jemand auf MICH neidisch sein könnte, darauf wäre ich im Traum nicht gekommen. Guckt mich doch mal an.

Aber klar, in ihrer Wahrnehmung bin ich jemand, dem alles „zufliegt“, was sie so gerne hätte: Liebe. Geborgenheit. Glück. Und sie versteht nicht mal, warum das bei ihr alles nicht so läuft – so wie alle Neider, Hater und andere unzufriedenen Geister …

Die Probleme, das Leid, die Qualen der anderen sieht keiner von ihnen. WILL keiner sehen.

Diese Menschen kann ich nicht ändern, das weiß ich wohl. Aber es ärgert mich, dass ich nicht besser auf mich aufpassen kann. Diese Menschen beweisen nicht nur mir oft genug, dass die Worte liebensWERT und liebensWÜRDIG nicht von ungefähr kommen. Und trotzdem renne ich ins offene Messer. Immer und immer wieder. Scheiße auf eigene Grenzen, lasse alles in mir niederknüppeln ohne Widerworte.
Dafür hasse ich mich manchmal. Denn das ist nicht gut. Nicht gesund. Das muss ich noch lernen. Blöd, dass das so schwierig ist, wenn die Angst vor Konflikt und Kontrollverlust dich 24/7 im Schwitzkasten hat. So ist das mit dem Trauma-Scheiß … :-/

Trauma und Grenzen

Über die Schwierigkeiten des „Grenzen ziehens“ in Verbindung mit Trauma berichtet die Traumatherapeutin Dami Charf ausführlich und sehr plastisch in ihrem Video-Blog:

Trauma und Grenzen

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