Schlagwort: Selbstmord

071 // Insta-Challenge #ichundmeinepsyche

Seit gestern gibt es auf Instagram eine tolle Aktion, die von der Userin freudmich ins Leben gerufen wurde. Eine Insta-Challenge, die an fünf aufeinander folgenden Montagen auf das Leben mit psychischen Erkrankungen aufmerksam machen und Stigmatisierung entgegen wirken soll.

Sie schreibt:

„ 17,8 Millionen Deutsche erkranken jährlich an einer psychischen Störung. Ob selbst betroffen, Freunde, Arbeitskollegen oder Familie: Wir sind alle entweder direkt oder indirekt damit konfrontiert.
Am Tag eins wollen wir darauf aufmerksam machen, dass psychische Störungen keine Seltenheit sind. Machste mit? ☺️ Poste dazu ein Bild mit der Zahl (17,8 Mio) und verwende den Hashtag #ichundmeinepsyche “
Quelle: instagram.com/freudmich

Ich habe natürlich mitgemacht – Ehrensache 😉

Gerade, weil ich weiß, wie schwer es fällt, die Fassade fallenzulassen. Es gibt noch so viele Vorurteile und Stigmatisierungen, die mit einer F-Diagnose gratis frei Haus geliefert werden, dass sich einem der Magen umdreht. (Das nennt man dann „psychosomatische Beschwerden“ ;-))

Vor ein paar Tagen noch, sprach ich mit einem Mann, der offensichtlich seit Jahren an Depressionen und allerlei somatisiertem Unbill leidet, sich dies aber niemals eingestehen würde, weil er unter anderem Angst hat, mit einer solchen Diagnose im Alter schneller entmündigt werden zu können.

Muss man mal kurz einwirken lassen …

Mich machen solche Aussagen sprachlos. Sie zeigen aber, das wir was tun MÜSSEN.

WIR, die wir uns äußern und zu Wort melden können, müssen aus’m Quark kommen und ins Licht der Öffentlichkeit treten, um zu zeigen, dass wir keine Aliens mit sieben Nasen und acht Ohren sind (dies schrieb ich auch so ähnlich einer Instagrammerin, die sich nach langem Überlegen doch dazu durchgerungen hat, ihr – wirklich hübsches – Gesicht zu zeigen).

Natürlich gibt es unter den psychisch Kranken auch Extremfälle oder Menschen, die mit Hirnanomalien auf die Welt gekommen sind, die sie daran hindern, sich „normal“ zu entwickeln. Auch gefährliche “Verrückte” sind unterwegs – keine Frage.

In den allermeisten Fällen (das ist meine feste Überzeugung und Zahlen suche ich später noch) sind es aber nicht die Hirnkranken (zu denen ich mich aufgrund der Migräne genau genommen auch zählen müsste) oder die Psychopathen, die wir in den Statistiken der psychischen Krankheiten sehen, sondern es sind die ehemals „normalen“, liebenswerten kleinen Menschen, die man in die Welt gesetzt hat, ohne sie zu fragen, ob sie das unter den ihnen gegebenen Umständen überhaupt wollen.

Die sogenannte „Umwelt“, Menschen, denen wir unser Leben anvertrauen mussten, Menschen, die wir geliebt haben, Menschen, die uns enttäuscht, gequält und missbraucht haben, Menschen, die unsere Hilferufe ignoriert haben, Menschen, die uns als zu schwach aussortieren, haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind: psychisch krank.

Auslöffeln können wir die Suppe in der Regel alleine.

Die meisten von uns schaffen das auch. Aber viele eben nicht. Psychische Erkrankungen enden oft tödlich, das sollte jedem klar sein. Nicht nur die Selbstmörder gehören zu den Opfern, auch ein großer Teil der Herz- / Kreislauf- und Krebstoten könnte noch leben, wenn ihre Psyche sie nicht noch zusätzlich geschwächt hätte – davon bin ich überzeugt (ohne belastbares Zahlenmaterial parat zu haben).

Hier jedenfalls mein Beitrag an Challenge-Tag 1:

„ Tolle Idee von @freudmich -
Ich mache mit! Für Aufklärung und Entstigmatisierung halte ich meine Rübe gerne ins Licht ... 😉 🙂 Das muss sein, denn WIR müssen uns nicht verstecken. WIR sind nicht Schuld an dem, wie es uns geht. WIR haben uns unsere Situation nicht ausgesucht, aber WIR müssen damit leben. Leider werden WIR immer mehr. Mal sehen, wie viele WIR noch werden müssen, bis auch der letzte verstanden hat, dass eine psychische Krankheit kein Zeichen von Schwäche ist. Ein Leben mit psychischer Erkrankung ist nichts für Weicheier: Es ist Kraftsport, Drahtseilakt, Marathon laufen, Jonglieren, Jagen, Angeln, Balancieren und: mit den Monstern kämpfen.
Jeden Tag. Jede Nacht.“

056 // “In the end it doesn’t even matter …” :-(

Ich bin etwas spät dran mit meinen Beileidsbekundungen, aber mich hält die Migräne immernoch in Schach. Trotzdem beschäftigt mich der Tod von Chester Bennington, dem Sänger von Linkin Park am 20. Juli, mehr als ich vermutet hätte.

“Und wieder einer von uns, der’s nicht geschafft hat”, denke ich. Wieder einer, der den Kampf gegen Depression und Trauma verloren hat.
Benningtons Schicksal geht mir nah, obwohl ich ihn nur durch seine Musik kannte – vor allem die frühen Alben Hybrid Theory und Meteora der Band habe ich rauf und runter gehört, aber auch neue Stücke wie Heavy mag ich.

Immerhin hat Chester Bennington in den letzten ca. 20 Jahren viel von meinem eigenen Schmerz durch meine Lautsprecherboxen geschrien – wie ich es selbst nicht besser gekonnt hätte.

“Crawling in my skin –
these wounds they will not heal”

Wie oft hab’ ich diese und andere Zeilen aus den Liedern von Linkin Park mitgeschrien und/oder mitgeschluchzt?

Jetzt empfinde ich Traurigkeit und Wut –
aber auch Demut und Dankbarkeit.
Traurigkeit und Wut, weil ich es generell schlecht aushalten kann, dass ein so junger Mensch (41!) an irgendwas in seinem Inneren, für das er wahrscheinlich nichts konnte, kaputt geht und ihn nichts retten konnte – nicht mal die Liebe zu und von seinen Kindern. 🙁

Demut und Dankbarkeit, weil mich meine eigenen “mentalen Sicherungsseile” immer noch gut und sicher halten und sich trotz aller Not seit meinem juvenilen Hilferuf vor ca. 30 Jahren (ich berichtete) noch nicht gelockert haben. Wann immer ich von Selbstmorden in Verbindung mit Depression und Trauma höre, check’ ich das reflexartig. Man ist sich ja immer selbst der Nächste.

Ich habe Glück – ich fühle mich gehalten vom und im Leben.

Für Chester Bennington lief es trotz Geld, Ruhm und Ehre weniger gut: Vor zwei Monaten trat sein Freund Chris Cornell (Sänger der ebenfalls von mir geschätzten Band Soundgarden) auf die gleiche Weise ab und kappte damit eines von Benningtons Seilen … so denke ich mir das.

Aber, was weiß ich schon?

Bleibt zu hoffen, dass seine Kinder und ihm nahestehende Menschen das irgendwie “verpacken” können …

Das macht ja eh jeder anders.

Äußerungen wie die von Brian Welch (Gittarist von Korn) kann ich da auch verstehen. Er hatte auf facebook ziemlich wütend geschrieben “Ich habe genug von diesem Selbstmordscheiß!“, weil er meint, dass sei der “feige Weg” und keine “gute Botschaft” für die Kinder und Fans. Stimmt auch irgendwie. Natürlich kassierte er einen Shitstorm. Klar. Allen tut was weh, alle wollen mit ihrer Wut irgendwo hin.
Ich möchte auch jedem Suizidkandidaten erstmal ins Gesicht schreien. “Lass die Scheiße!” Aber, wer bin ich, dass ich mir ein Urteil über Ausmaß und Auswirkung eines anderen Leids anmaßen kann?

Jeder sollte machen dürfen, was er für richtig hält.

Ich heul’ einfach ein paar Tage und freue mich, dass ich noch – und wieder – heulen kann.

“In the end it doesn’t even matter …”

R.I.P.  – Chester Bennington.

Shadow Of The Day (Official Video) – Linkin Park

Dieses Video ansehen auf YouTube.

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Mehr von Linkin Park auf deren youtube-channel:
https://www.youtube.com/user/linkinparktv

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Ich finde diesen Standard-Hinweis am Ende von Berichten über Selbstmorde immer irgendwie seltsam, weil sie so “druntergestempelt” aussehen. Einige wirken fast arrogant, weil man deutlich merkt, dass ein standardisierter Textbaustein verwendet wird – von Autoren, die meistens nicht den Hauch einer Ahnung haben, um was es da wirklich geht.

Meine “Standardversion” schreibe ich hier bewusst noch mal hin, weil ich weiß, dass solche Geschichten eine Art Sogwirkung haben können und weil ich weiß, dass es im Notfall helfen kann.

Also:

Wenn Du an Selbstmord denkst:

Überleg‘ Dir gut, was Du mit Deinem Plan erreichen willst. In den allermeisten Fällen geht die Rechnung ebenso wenig auf wie bei mir (s.o.). Wenn Du sämtliche Plausibilitätsprüfungen durch hast, denk noch mal drüber nach. Schlaf eine Nacht drüber. Und denk noch mal nach. Dann rede mit irgendwem über Deine Gedanken. Wenn Du niemanden kennst, der das aushält, wende Dich an die Menschen von der Telefonseelsorge. Hier hört man Dir zu. Anonym, kostenlos und rund um die Uhr.

Telefonnummern: 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.

Der Anruf taucht übrigens nicht auf der Telefonrechnung oder im Einzelverbindungsnachweis auf.

Du kannst auch per E-Mail Kontakt mit den Leuten von der Seelsorge aufnehmen: Unter https://ts-im-internet.de/ findest Du alle Infos.

Bevor Du weiter planst, schau‘ unbedingt mal hier rein: Freunde fürs Leben

Wenn Du weiter dabei bleibst, dass Suizid der richtige Weg ist: Denk dran: Keiner ist unnütz, er kann immer noch als abschreckendes Beispiel dienen ;-P – – Wenn Du jetzt wütend auf mich bist wegen des dummen Spruchs – gut!
Wut ist Leben! Du spürst gerade Lebensenergie in Dir. Mach was draus! Es lohnt sich!

026 // Mein Ende gehört mir!

In den letzten paar Tagen vor meinem Klinikaufenthalt kann ich kaum noch aufstehen, scheitere am Aufdrehen eines Flaschenverschlusses. Jedes Wort, jede Umarmung, jeder Kontakt zu Mann und Kind sind nur noch anstrengend. Ich denke wiederholt über Selbstmord als Lösung nach. Glücklicherweise schützen meine Angst vorm Verpissen, mein logisches Denkvermögen und die Liebe meiner Familie mich zuverlässig vor solcherlei Unsinn.

Die Tatsache, dass ich schon sehr früh im Leben gelernt habe, dass Suizid nur in sehr seltenen Spezialfällen eine Lösung für irgendetwas sein kann, kommt mir jetzt zugute.

Logik kann Leben retten

Wenn Selbstmord plausibler wär’, wäre ich wahrscheinlich schon tot. Erhängt, vom Hochhaus gesprungen, Tabletten, Insulin, besoffen im Schnee einschlafen … Es gibt so viele Möglichkeiten.

Mit 14 hab’ ich’s mal probiert. Die Pulsader-Nummer. Old school sozusagen. Dilettantisch aufgrund fehlender Tötungsabsicht. Klassisches “Hilfreschrei”-Ding. Erst ‘ne halbe Flasche Cointreau (eine Art Weinbrand) rein und dann mit dem Obstmesser angesetzt. Den Moment, in dem die Klinge den ersten Milimeter Haut zerteilte, hab’ ich bis heute nicht vergessen.

Tat scheiße weh.

Mit dem Schmerz kam die blitzartige Erkenntnis:

  1. Obstmesser taugen nicht zum Fleisch schneiden.
  2. Wenn ich jetzt wirklich sterbe, würde ich das Gefühl, gehört, gesehen und geliebt zu werden, definitiv niemals mehr erleben. Und die Verantwortlichen würden immer noch nichts verstanden haben. Ergo: Selbstmord als Lösung ist unplausibel.

Ich hab’ das Messer wieder weggebracht, ein Pflaster auf den Mini-Schnitt geklebt und meinen Rausch ausgeschlafen. Bin sehr froh, dass ich diese Lektion so früh, so gründlich und so rechtzeitig gelernt habe.

Trotzdem lehne ich Selbstmord nicht grundsätzlich ab. Ich bin für selbstbestimmtes Abtreten. “Mein Ende gehört mir!” ist eine Kampagne, die ich deshalb aus vollem Herzen unterstütze. Ich habe gesehen, wie anders die Uhren am Ende des Lebens ticken, und finde jedwedes Urteil darüber, ob, wann und wie jemand sterben möchte, höchst unmoralisch und menschenverachtend. Die frühe Begegnung mit Siechtum, Sterben und Tod hat vieles relativiert. Diese Erfahrung sollte jeder Erwachsene mal gemacht haben, finde ich.

Willkommen in Dementia

Während meines Soziologie-Studiums habe ich eineinhalb Jahre im Sozialen Dienst in einem Pflegeheim gearbeitet. Da wurde hemmungslos gestorben – jede Woche. Viele gingen mit einem Lächeln auf den Lippen – auch und vor allem die, deren Leben zuletzt nur noch aus Schmerz und Einsamkeit bestand. Viele hatten am Ende nur noch einen Wunsch: In Würde und selbstbestimmt zu gehen, der Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit und dem Leid den Rücken zu kehren.

“Ich will sterben!”, sagte Frau Soundso eines Tages zu mir.  Zuerst hat mich das schockiert und ich wusste nichts Besseres zu sagen als “Ach, Frau Soundso, das wird schon wieder.”  – Was für ein selten dämlicher Spruch.

Frau Soundso war zerfressen vom Krebs, ihr hingen die geschwürigen Gedärme praktisch zwischen den Beinen raus. Sie hatte Schmerzen trotz Morphium, bekam keinen Besuch, lag nur noch im Bett. Sie erhielt jede Woche verstörende Briefe von einer Zeugin Jehovas aus ihrer ehemaligen “Gemeinde”. Ich las sie ihr vor, weil Frau Soundso fast blind war. Mich gruselt es heute noch, wenn ich an Harmagedon und die restlichen Horrorstorys zurückdenke. Frau Soundso waren die Briefe wichtig – deshalb las ich so schön, wie ich konnte. Gleichzeitig stürzten sie sie in einen tiefen inneren Konflikt. Sie sehnte sich nach dem ihr versprochenen Leben im Himmel oder der Erde*. Gleichzeitig wand sie sich in Schuldgefühlen und Gewissensbissen, weil ‘Jehova  Selbstmord nicht gefällt’. Sie traute sich nicht mal, daran zu denken. Und wenn ihr doch mal ein “Ich will sterben.” rausrutschte, quälte sie nachher das schlechte Gewissen Jehova gegenüber. Ihr Leben bestand am Ende nur noch aus Schmerzen, Angst, Schuldgefühlen und Einsamkeit. Die Stunden bei Frau Soundso haben mich demütig und nachdenklich gemacht.

Schämt euch!

Wenn ein derartig leidender Mensch nun entscheidet: ‘Ich will nicht mehr!’ – welches Recht hat irgendwer, den Wunsch nach Erlösung mit der Arroganz der Übriggebliebenen womöglich noch im Namen irgendwelcher obskuren Ideologien (ja, auch die christlichen Kirchen sind gemeint!) zu entwerten? Schämen solltet ihr euch! Ekelhaft und menschenverachtend ist das!

Die beiden letzten Tage von Frau Soundso habe ich nicht mehr mitbekommen. Und ganz ehrlich: Ich bin froh darüber. Eine Kollegin erzählte mir später, sie habe viel geschrien, hätte wild fantasiert und sei dann irgendwann nach langem Kampf verstummt.

So will ich nicht enden. Und ich will nicht, dass irgendjemand so enden muss. Wenn alles getan ist, was einem Menschen seine Würde erhält, wenn wir ihm so viele glückliche Momente, Respekt und Liebe entgegengebracht haben, wie es nur geht, dann (und nur dann!) müssen wir auch seinen freien Willen und seinen Entschluss akzeptieren, zu gehen, wann er es für richtig hält. Und wir müssen ihm auf diesem letzten Weg helfen dürfen. So sehe ich das. Ich hoffe, dass irgendwann die Menschlichkeit siegt und die sogenannten Volksvertreter ihren skandalösen Beschluss von 2015 möglichst bald zurücknehmen.

Umdenken

Den (noch lebenden) Senioren in dem privat geführten Heim wurde wenigstens zu Lebzeiten noch einiges geboten. Sie guckten mich anfangs nur skeptisch an, als ich ihnen ihren tristen Alltag mit Mandalas, Gehirnjogging und Sitztanz verschönern wollte. An sich war das Angebot freiwillig für die Bewohner. Da ich meinen relativ gut bezahlten Job dort nicht aufgrund magerer Teilnehmerzahlen riskieren wollte, sammelte ich jeden Samstag und Sonntag alle Wehrlosen, Unbesuchten, Desorientierten und die Rollstuhlfahrer im Haus ein und verbrachte sie in meinen Raum ins Untergeschoss. Langsam kamen die alten Leutchen auf den Geschmack. Mit meinen Freddy-Quinn-CDs für den Sitztanz und beeindruckender Textsicherheit beim „Auf der Reeperbahn“-Singen, machte ich mir in kurzer Zeit einen Namen. Bald halfen auch ein paar fußfitte Bewohner beim Einsammeln der Wehrlosen und so hatte ich stets eine gute Teilnehmerstatistik vorzuweisen.

Nur Frau Dingsbums jagte mich regelmäßig weg, weil sie mich durch meinen Nachnamen als “undeutsch” entlarvt sah. “So was” kam für sie nicht infrage. Das war unter ihrer Würde. Einem polnischen Pfleger zog sie eines Tages ihre Lederhandtasche über, als er sie auf ihr Zimmer bringen wollte. Alte Leute sind nicht immer nett und auch Arschlöcher haben ein Recht auf Pflege. Viel später singen die Ärzte mit Sommer nur für mich „unser“ Lied …

Aber, weil so ein Heim eine völlig eigene Normalität hat, fallen Problem-Patienten wie Frau Dingsbums gar nicht weiter auf. Die beiden Schiebetüren am Eingang funktionierten wie eine Schleuse. Sssst – erste Tür geht auf. Sssst wieder zu. Tschüss, Welt! Sssst – zweite Tür geht auf. Du gehst hindurch. Sssst – zweite Tür geht zu: Willkommen in Dementia!

Lektionen für’s Leben

Es gibt tausend beschissene Krankheiten, aber Alzheimer empfand ich schon immer als besonders perfide. Die Betroffenen bekommen mit, dass langsam etwas mit ihnen passiert. Viele kämpfen dagegen, werden aggressiv. Andere resignieren, ziehen sich in sich zurück und verzweifeln. Die traurigen Geschichten kennt man.

Ich hatte das Glück, eine alte Dame kennenzulernen, die ganz anders mit ihrer Erkrankung umgehen konnte. An diese unkaputtbare Lebensfreude erinnere ich mich oft und gerne:

“Haha”, lachte sie beim Einsteigen in den Aufzug, in dem ich eines Nachmittags schon mit einer eingesammelten Rollstuhl-Oma stand.
“Ich weiß, dass Sie schon mal hier waren, aber wer Sie sind: Keine Ahnung! Ich lerne hier jeden Tag neue Leute kennen!”, lachte sie.
“Hallo Frau Dings. Ich bin Tanja Dingske vom Sozialen Dienst. Schön, dass Sie mit uns zum Gruppentreffen kommen!”
“Wo gehen wir hin?”
“In den Gemeinschaftsraum im Untergeschoss. Wir wollen heute wieder eine Collage machen.”, erklärte ich.
“Hab’ ich das schon mal gemacht?”, fragte sie interessiert.
“Ja, ich glaube, Sie waren letztes Mal auch dabei.”
“Ach, wie schön!”

Egal, was es war, Frau Dings war immer Feuer und Flamme. Angst kannte sie nicht. Wenn sie auf dem Gang stand und nicht wusste, wo ihr Zimmer ist, rief sie laut aber freundlich und sehr geduldig. „Hallooooo?!“ – solange bis jemand kam. Beneidenswert. Ich hoffe, sie konnte sich ihre Lebensfreude bis zum Schluss bewahren.

In dunklen Momenten hilft mir die Erinnerung an sie, mich selbst in den Arsch zu treten: „Nimm’ Dir mal’n Beispiel dran!“ –

Hallooooo?!“

Wenn Du an Selbstmord denkst:

Überleg’ Dir gut, was Du mit Deinem Plan erreichen willst. In den allermeisten Fällen geht die Rechnung ebenso wenig auf wie bei mir (s.o.). Wenn Du sämtliche Plausibilitätsprüfungen durch hast, denk noch mal drüber nach. Schlaf eine Nacht drüber. Und denk noch mal nach. Dann rede mit irgendwem über Deine Gedanken. Wenn Du niemanden kennst, der das aushält, wende Dich an die Menschen von der Telefonseelsorge. Hier hört man Dir zu. Anonym, kostenlos und rund um die Uhr.

Telefonnummern: 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.

Der Anruf taucht übrigens nicht auf der Telefonrechnung oder im Einzelverbindungsnachweis auf.

Du kannst auch per E-Mail Kontakt mit den Leuten von der Seelsorge aufnehmen: Unter https://ts-im-internet.de/ findest Du alle Infos.

Bevor Du weiter planst, schau’ unbedingt mal hier rein: Freunde fürs Leben

Wenn Du weiter dabei bleibst, dass Suizid der richtige Weg ist: Denk dran: Keiner ist unnütz, er kann immer noch als abschreckendes Beispiel dienen ;-P – – Wenn Du jetzt wütend auf mich bist wegen des dummen Spruchs – gut!
Wut ist Leben! Du spürst gerade Lebensenergie in Dir. Mach was draus! Es lohnt sich!

 

*”Zeugen Jehovas vertreten eine doppelte Erlösungslehre: Sie glauben, dass ein Teil der von Gott als „treu“ befundenen Menschen nach dem Tod unsterbliches Leben im Himmel erhalten wird, die anderen würden nach Harmagedon auf der Erde zu ewigem Leben wiedererweckt.” (Quelle: Wikipedia)

 

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