Schlagwort: Schule

081 // Klassentreffen

Am Wochenende war Klassentreffen. – Leider ohne mich.

Der Abijahrgang 1993 wurde sogar von der Schule eingeladen, um sein 25-jähriges Jubiläum mit in der Aula zu begehen, in der die nächste Generation schon angetreten war, um in 25 Jahren an unserer Stelle zu sein.

Lange hatte ich überlegt, ob ich hingehen sollte. Als ich mich gerade fast dafür entschieden hatte, es wenigstens zu versuchen, schlugen die Viren zu, die mein Sohn von der Klassenfahrt mitgebracht hatte. So ist das. Hätte ich mir ja denken können. Wenn ich schon mal vorsichtig was „plane“, geht das meistens schief. Vielleicht war es aber auch gut so.

Ich weiß nicht, ob ich wirklich etwas verpasst habe. Zumindest habe ich jetzt Fotos gesehen. Das tat mir gut. Offensichtlich bin ich nicht die einzige, an der der Zahn der Zeit sich schon ordentlich einen abgenagt hat.

Beim Betrachten der Bilder kamen dann ein paar Erinnerungen hoch, an die ich teils mit einem breiten Grinsen, teils mit Genugtuung und teils etwas traurig zurückdenke.

An sich war meine Schulzeit nichts Besonderes. Schule war zum Absitzen da. Musste ja sein, wenn man irgendwas Vernünftiges werden wollte. Dank meiner ausgeprägten Fähigkeiten, das Mini-Max-Prinzip zu leben, kam ich immer ohne großes Theater durch – zumindest was die Leistungen anging.

Hausaufgaben (außer in Mathe) hatte ich seit der 7. Klasse nicht mehr gemacht. Ich war in der Lage, aus den vorgelesenen Beiträgen der anderen, mit Hilfe von Stichwörtern in Sekundenschnelle einen eigenen kleinen Vortrag zu basteln. Ich bin damit nie schlecht gefahren und aufgefallen ist es auch nicht.

Wegen der Migräne fehlte ich damals schon oft und brachte trotzdem gute (schriftliche) Noten mit nach hause. Sehr zur Überraschung meiner Lehrer, die ja von ihrem bildungspolitischen Auftrag sehr überzeugt waren und es seltsam fanden, dass ich ohne eine einzige Stunde der selbstverständlich wichtigen Unterrichtsreihe mitbekommen zu haben, trotzdem eine Zwei Plus hinlegte. Außer in Chemie – da lief es andersrum: Da habe ich es geschafft, trotz tagelangem, von einem engagierten Klassenkameraden unterstützen Lernen und emsig bemühten Bearbeiten sämtlicher Aufgaben, eine Sechs zu schreiben. Ja. Eine Sechs. Null Punkte. Die einzige in meiner schulischen Laufbahn. Aber auch das war eine wertvolle, wenngleich schmerzhafte Erfahrung, die auch ein von seinen kognitiven Leistungen verwöhnter Mensch einmal machen sollte. Niemand weiß alles – auch Frau Grundsätzlich nicht. Wasserstoffbrücken sind mir sowieso scheißegal, gestern wie heute.Pöh! 😉

In allen anderen Fächern wurde meine partielle Ahnungslosigkeit meistens von meinem generell zurückhaltenden unterrichtlichen Gebaren kaschiert. Das Am-Unterricht-Beteiligen hatte ich spätestens in der Oberstufe zugunsten diverser Tagträumereien und aus Trotz fast überall komplett eingestellt. Das war mir alles zu viel Aufwand und Kommunikation mit Wesen, die offensichtlich aus einem Paralleluniversum – jedenfalls nicht aus meinem – stammten. Bis auf wenige Ausnahmen gehörten fast sämtliche Lehrer und Mitschüler offenbar zu dieser Spezies.

Noten waren mir weitgehend egal. So hatten meine Freundin und ich mit unserem Pädagogik-LK-Lehrer, der mich zumindest in Grundzügen „abholen“ konnte, ein sehr faires Agreement ausgehandelt: Wir schreiben brav unsere Einsen und Zweien und stören nicht den Unterricht. Dafür lässt er uns in Ruhe und gibt uns unsere Drei.

War das schön.  So regelt man das unter Erwachsenen.

Meine SoWi-Lehrerin hielt es hingegen für schlauer, mir eine Fünf Plus für meine zunächst noch deutlich bessere Beteiligung reinzuwürgen, um mich zu motivieren. Aus Trotz schwieg ich ab dieser Stunde vollumfänglich und beharrlich. Wenn schon, dann wollte ich verdient verkacken.

Meinen Sitznachbarn sagte ich gerne vor und amüsierte mich, wie die Didaktik-Koriphäe mit den dunklen Locken und den Glubschaugen unsere Entschuldigungen abzeichnete, auf der wir alle „Menstruationsbeschwerden“ eingetragen hatten – auch die Jungs.

Meinen Abi-Schnitt zogen die beiden Fünfen, die ich so kassierte natürlich etwas runter, aber es reichte trotzdem gut, um durchzukommen.

Mein Soziologie-Studium schloss ich später wesentlich erfolgreicher ab. Ein großes formales Highlight in meinem Leben. Vielleicht hatte ich das auch aus Trotz gemacht? Man weiß es nicht.

Eine dümmere Le(e)hrkraft als die Dame mit dem albernsten aller mir bekannten Doppelnamen, (den ich hier nicht nennen möchte, weil ich Glubschi diesen Ruhm nicht gönne ;-)), habe ich nie wieder getroffen. Von hier aus jedenfalls ein: Chapeau, Madame! Nicht viele Lehrkräfte schaffen es in mein Blog. Hier würdige ich wirklich nur die Creme de la Creme der fragwürdigen Persönlichkeiten …

Einen, wie Herrn W. zum Beispiel: Ein bejeanster, bärtiger Mathe-Typ und Möchte-Gern-Sadist. Seine Passion: Schüler-Erniedrigung bis hin zu leichter Körperverletzung mittels Schlüsselbund und Dart-Pfeilen. Wir waren alle hart im Nehmen und erduldeten so Einiges in unserem Mathe-Grundkurs.

Seinen Ruf: „Blondie, an die Tafel!“, höre ich heute noch manchmal. Meistens kurz bevor ich im Traum mit der Kettensäge loslege und ihm damit den Unterkörper filetiere.

Aber auch von Herrn W. habe ich – neben der Polynomdivision, die ich lange Zeit sehr gerne als eine Art meditative Entspannung durchführte – viel gelernt. Zum Beispiel, was mit „Karma strikes back“ gemeint sein könnte:

Eines Tages fehlte Herr W.. Er sei mit dem Fallschirm (oder war es ein Paraglider?) irgendwie blöd gelandet und sehr unmittelbar und unsanft von einem Weidezaun gebremst worden. Dabei brach er sich sämtliche Knochen. Er fiel lange aus. Als er wiederkam, lief er an Krücken und trieb sein Unwesen ab sofort weniger mobil, aber gewohnt unempathisch in der Schule. Seine Behinderung hielt ihn nicht davon ab, weiterhin gemein zu einigen von uns zu sein. Im Gegenteil.

Eines Tages – kurz vor dem Abi – stand ich mal wieder mit der Kreide in der Hand wie paralysiert vor dem grünen, karierten Brett an der Wand und hypnotisierte die Zahlen und Buchstaben, die ich offenbar gerade selbst da dran geschrieben hatte.

Er fragte irgendwas. Ich schwieg. Er fragte lauter. Ich schwieg beharrlich und starrte weiter die Tafel an.”Kommt da noch was?!”, motzte er. Ich zuckte mit den Schultern. Schwieg aber immer noch.

Dann tat er etwas, das er bisher noch nicht getan hatte: Er fasste mich an. Er stach mir mit dem Zeigefinger in die Seite, um Leistung zu provozieren.

Shit! Code red! Dissoziationsschilde hoch!

Ich eskalierte sofort und schlug seinen Arm offenbar sehr kraftvoll und zielorientiert weg. An die Tat selbst kann ich mich nicht genau erinnern, aber an sein dummes Gesicht, das meiner Mitschüler und mein eiskaltes, zu allem entschlossenes „Nicht anfassen!“ danach schon.

Ein paar Sekunden herrschte Stille.

Kämpfen oder Fliehen?

Er entschied sich für Letzteres und wich hinter sein Pult zurück.

Ich stand da und war felsenfest davon überzeugt, mein Abi jetzt abhaken zu können. Mit dem Herz im Hals und dem Magen in den Knien, wartete ich auf meine Hinrichtung. Trotzdem zu allem bereit, was nötig war, um ihn kalt zu stellen.

Im Kopf ging ich das Schreiben durch, das der Schuldirektor jetzt gleich bestimmt für mich aufsetzen würde. Wie sollte ich meinen Eltern erklären, dass ich das Abi nicht machen durfte? Wie meinen noch ungeborenen Kindern? Wie lange könnte ich mich mit meinem Job als Schraubenverpackerin über Wasser halten? Hätte ich eine Chance an einer anderen Schule? Vielleicht unter anderem Namen?

Die Fragen wurden immer mehr. Bis der bärtige Blödmann wieder was sagte: „Oh, Blondie wird böse. Dann setz’ dich wieder hin, bevor du komplett ausrastest.“

Ich setzte mich und versuchte, durch konzentriertes Starren, eins zu werden mit der Tischplatte. An den Rest dieses und die folgenden Tage kann ich mich nicht erinnern.

Woran ich mich aber erinnere ist, dass er mich seit diesem Tag in Ruhe ließ. Keine Tafel, keine Erniedrigungen, keine dummen Sprüche mehr.

Hätt’ ich das mal früher gemacht …

054 // “Stay here. I’ll be back!”

Ich bin wütend.

Diese profane Feststellung hat mich einiges an Kraft gekostet. Wie immer ist das Erleben – nein das Ausleben von Wut für mich ein physisch und psychisch sehr schmerzhaftes Unterfangen.

Der Auslöser war eine unangemessene Strafe einer Lehrerin für meinen Sohn.

Sie hatte ihn in der letzten Unterrichtseinheit vor den Ferien vom Schwimmunterricht ausgeschlossen, weil er sein Duschgel (!) ein einziges Mal nicht dabei hatte. (Es war mir aus der Tüte gefallen beim Taschepacken).

Ja, richtig gelesen. Das Duschgel …

Muss man mal kurz “einwirken” lassen die Szenerie … 😉

Eigentlich nur lachhaft das Ganze, aber das Kind war fix und fertig und mir ist die nicht mehr vorhandene Galle übergelaufen.

Das Kind konnte am Wochenende ganz gut abschalten, weil er ersatzweise mit seinem Papa im Freibad war. 🙂

Ich hatte weiter mit der Wut zu kämpfen.

Wie es sich für eine angepiekste Mutter gehört, hatte ich sofort in der Schule angerufen und erwischte die betreffende Lehrerin noch.

Ein guter Zeitpunkt, seine Emotionen nicht mehr allzu gut und gründlich zu unterdrücken, entschied ich und äußerte absolut sachlich, aber auch erkennbar wütend meinen Unmut über diese pädagogische Unverhältnismäßigkeit.

Das Gespräch wäre sehr schnell und sanft beendet gewesen, hätte die Dame nur einen Hauch von Bereitschaft zu kritischer Selbstreflexion erkennen lassen.
Aber: Fehlanzeige.
Im typischen “ich Macht – du nichts”, Ober-, Haupt- und “Von Gottes Gnaden”-Lehrer-Stil (auf den ICH allergisch reagiere) konstatierte sie, das sei alles ganz genau richtig so.

Wow …

Das Ende vom Lied: Ein 4-Seitiger Brief an die Schulleitung in der letzten Schulwoche. Checkereien, die niemand haben will. Ein Kind, dass jetzt Angst vor einer Lehrerin hat, eine Mutter, die vieles gebrauchen kann, aber nicht noch so ein Affentheater.
Auch die Rektorin wird sich freuen, sie hat ja bestimmt sonst nichts zu tun momentan … 😉

Aber, sich das gefallen lassen?
Keine Option.

Ich seh’s als Trainingseinheit.
“Chancen und Grenzen explizit demonstrierter Unmutsbekundungen unter dem Paradigma pädagogischer Einwirkungsoriginalität” … oder so …

… … …

… oder … SO:

“Stay here. I’ll be back!”
(Zitat: Arnold Schwarzenegger in Terminator 2)

T2 – I'll Be Back

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Gaaanz wichtig! Gewalt ist doof, meistens unnötig und bringt nix. Sein Innenleben durch Filmszenen auszudrücken, hingegen schon: Spaß! … 😉😂

 

 

 

 

 

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