Schlagwort: Rollator

Gaensebluemchen

079// Über Kommunikation in der Schmerzambulanz und Rampensäue

So, ich habe es geschafft. Nach 16 Monaten bin ich in der Schmerzambulanz bei einem fremden Arzt gewesen – alleine!

Ich bin sehr stolz auf mich, wenngleich einige meiner inneren Anteile das Motzen auch diesmal nicht sein lassen können. Aber um die kümmere ich mich später.

Knapp drei Monate hatte ich auf den Termin gewartet und ich versprach mir ein paar neue Impulse und vielleicht sogar Hilfe. Vor allem, nachdem ich den Flyer der Schmerzambulanz studiert hatte: Psychoedukative Sitzungen in Kleingruppen, Feldenkrais, Akupunktur, Physikalische Therapien wie Bewegungsbad, Manuelle Therapie, Psychologengespräche, Aroma-Therapie, Diagnostik durch einen Neurologen, Behandlung chronischer Schmerzen nach einem multimodalen interdisziplinären Konzept über mehrere Monate wurden dort angepriesen. Eine Chance, vielleicht an irgendeiner Stelle noch Verbesserungen zu erreichen, … dachte ich.

Phase 1: Panik

Die letzten drei Tage vor dem Termin, in denen ich mal wieder einen zig Seiten langen Fragebogen ausfüllen und Befundkopien, Medikamentenpläne und Arztlisten zusammensuchen musste, waren die Hölle: Kapitaler Basilarisanfall, Panikattacke, schwerster Magen- / Darmstress, eine Art „Akut-Depression“ und Schmerzen bis zum Abwinken – zusätzlich zu dem Lipödem-Scheiß bei der momentanen Witterung. Mein Körper hat’s mir richtig gegeben – die gesamte psychosomatische Klaviatur rauf und runter. Und da soll man eins bleiben mit sich … ?

Zumindest hab’ ich’s versucht und konnte in vielen imaginären sowie laut hörbaren Selbstgesprächen meinen Standpunkt deutlich machen, aber auch Mitgefühl mit der armen Kreatur heucheln.

[Gut, dass niemand (außer dem Hund) mitkriegt, was ich tagsüber und nachts so mache … ;-)]

Ich stehe also nach einer miserablen Nacht morgens auf und schaffe es, dass ich etwa 45 Minuten vor dem Termin bereits im Parkhaus vor der Klinik bin. Den Rollator hatte ich mitgenommen. Momentan bin ich richtig schlecht zu Fuß und nicht mal kurze Strecken sind drin. Damit sollte es aber funktionieren! Auch wenn ich mir immer noch erniedrigt und doof damit vorkomme. Wie richtig die Entscheidung für die Gehhilfe aber ist, sehe ich, als ich zum Parkhaus-Aufzug roll-humple: „Ausser Betrieb“ steht dran. Toll! Warum erfährt das der gehandicapte Parkhauskunde erst, wenn er sich auf Etage 6 eingefunden hat?

Aber, sehen wir das positiv: Mit dem Rollator kann ich flugs die sechs Parkhausrampen runtersausen. Huuuuiiii!

Na ja, ganz so lustig ist das nicht, so schnell bin ich nunmal nicht. Sechs Etagen bergab bremsen gehen tierisch auf die Handgelenke und Arme … Aua. Und wie man sich vorkommt, als Rollatöse auf der Parkhausrampe, wenn das gesamte angrenzende Ärztehaus zuschaut, dazu möchte ich nichts sagen … :-/

Phase 2: Euphorie

In der Klinik angekommen, werde ich von der wabernden Masse einer unbestimmten Anzahl anderer Rollator-Nutzer verschluckt. Fühlt sich schon mal besser an.

In der Schmerzambulanz begrüßt man mich sehr freundlich und es gibt kaum Wartezeiten.

Ein netter, junger Arzt kümmert sich um meine Akte, die ich diesmal vergleichsweise dünn gehalten und nur die wichtigsten Befunde mitkopiert hatte – nicht dass es wieder heißt: Die macht mutwillig Ärztehopping. Das Gespräch dauert sehr lang, mir werden viele Fragen gestellt und ich muss auch nur 3 Mal heulen.

Der Arzt erklärt mir viel. Das Meiste weiß ich natürlich schon, aber ich finde es gut, wie er sich dem Fall nähert.

Er nimmt Rücksicht auf meine Ängste, die ich immerhin artikulieren kann. So benutzt er beispielsweise nicht dieses Reflex-Hämmerchen, das mir beim letzten Mal eine Dissoziation erster Kajüte bescherte und fragt bei jedem Untersuchungsschritt nach, ob das so in Ordnung für mich sei.

Das ist es. Geht doch! 🙂

Phase 3: Ernüchterung

Nicht, dass wir uns falsch verstehen, der Arzt ist wirklich nett und zugewandt, aber wenn wir das lange Gespräch einmal runterdestillieren auf die konkreten Ergebnisse für mich, haben wir

  • eine Ansammlung von Merkmalen gestörter Arzt-/Patienten-Kommunikation,
  • keine Neuigkeiten und
  • ein konkretes Behandlungsangebot, dass man vielerorts hätte bekommen können mit deutlich kürzeren Wartezeiten.

Hier ein paar Gesprächsmeilensteine:

Situation A:

Ich: Ich möchte versuchen, kein Antidepressivum (Opipramol) mehr zu nehmen, weil ich 10 von meinen 25 abgenommenen Kilos seit der Einnahme wieder drauf habe, ohne mein Essverhalten geändert zu haben. Ich würde gerne wissen, ob es im Bereich Schlafverbesserungen noch andere Möglichkeiten gibt als medikamentöse.

Er: Nehmen Sie vielleicht ein anderes Antidepressivum, dass evtl. die gleichen und andere Nebenwirkungen hat [Mirtazapin].

Situation B:

Ich: Ich möchte Ihr gesamtes Flyer-Angebot für meine Heilung nutzen.

Er: Das, was im Flyer steht, gibt’s hier nicht (mehr). Für Sie können wir nur Akupunktur anbieten.

Ich: Das ist aber blöd, weil deswegen war ich ja eigentlich hierher gekommen.

Er: Der Flyer ist nicht aktuell. [Anmerkung: Der Flyer ist von April 2018] Wir wissen, dass wir das nicht mehr anbieten, schreiben es aber trotzdem rein, auch wenn die Patienten dann enttäuscht sind.

Situation C:

Ich: Ich habe keinen auf die Migräne spezialisierten Neurologen in erreichbarer Nähe und bräuchte einen Ansprechpartner für diesen Themenkomplex.

Er: Sie brauchen einen auf Kopfschmerzen spezialisierten Neurologen als Ansprechpartner für die Kopfschmerzen und evtl. einen Psychiater für die anderen Fragestellungen.

Situation D:

Ich: Ich kann nicht mehr laufen, ich kann nicht mehr gut raus. Ich fühle mich damit (zeige auf den Rollator) auch nicht wohl, aber es ist momentan die einzige Möglichkeit, solche Termine hier alleine zu bewältigen.

Er: Am besten wäre, Sie gehen raus und laufen. Nordic Walking oder Joggen – vielleicht auch Fahrradfahren.

Ich: Das ist nicht machbar für mich momentan.

Er: Machen Sie das täglich 10 Minuten.

Ich: Äh, wiegesagt, das ist nicht machbar für mich momentan – allein schon wegen der Hälfte komplett ausgefallener Tage im Monat wegen der Migräne.

Er: Es ist wichtig, dass das regelmäßig gemacht wird.

Ich: Nochmal: Das ist nicht machbar. Ich würde ja gerne, aber ich kann das nicht, deshalb bin ich hierher gekommen, damit es wieder möglich wird.

Er: –  (tippt was in den PC)

Ich: Was ist denn mit der Physikalischen Therapie, die Sie im Flyer … ?

Er: Nicht für Sie / nicht für Fibro. Sport ist besser.

Ich: – (resignatives Schweigen)

Situation E:

Zum Thema Lipödem.
Er: “Seit wann haben sie das?”
Ich: “Äh, [ist das eine Fangfrage?] … seit der Geburt … is’ ja genetisch …”

Die Schmerzen, die hierdurch vor allem beim Laufen verursacht und verstärkt werden, werden nicht weiter thematisiert.

Dass der Schmerzarzt beim Lipödem nicht in der Tiefe Bescheid weiß, kann ich nachvollziehen. Andererseits ist die Kombination Lipödem / Fibro auch gar nicht so selten, wie man überall nachlesen kann … und dass sich ein (selbst in Kompressionsbestrumpfung deutlich sichtbarer) ödemischer Fettkragen über den Muskel-/Sehnenansätzen nicht gerade positiv auf Schmerzen in diesem Bereich auswirkt, könnte man auch durch logisches Kombinieren drauf kommen, oder?

Aber, was weiß ich schon? Ich bin eben einfach zu naiv, … oder zu arrogant (?), dass ich das von einem Arzt in der Schmerzambulanz und chronischen Schmerztherapie erwartet oder zumindest erhofft hatte.

Während ich leicht desillusioniert zuschaue, wie er wieder etwas in den Rechner tippt, bricht etwas Wildes, Ungestümes und unfassbar Mutiges aus mir heraus – ich sage:

„Also, nochmal zum Thema Sport: Ich weiß, wie wichtig Bewegung ist. Ich bewege mich, wann immer ich kann, mache Übungen, gehe einmal täglich um den Block. Das sind maximal 500 Meter. Mehr schaffe ich nicht. Es ist einfach unrealistisch, mir Nordic Walking o.ä. zu empfehlen. Verstehen Sie? Ich würde ja gerne, aber das ist ja genau das Problem, dass ich es nicht kann.“

Antwort: Keine.

Hm.

Nach einer kurzen Pause, in der er weiter in den PC hämmert und ich darüber nachdenke, in welche Sprache ich das Gesagte nochmal übersetzen könnte, um verstanden zu werden, setze ich nach und werde (auch weil ich keine nennenswerten Fremdsprachenkenntnisse habe) auf Deutsch deutlicher:

„Ok, nochmal: Ich weiß nicht, wie das bei anderen ist, aber ich bin keine dicke Fibro-Tante, die keinen Bock hat, sich zu bewegen. Was Sie empfehlen, ist nur einfach unrealistisch.“

Ich kann fast nicht glauben, dass ich das gesagt habe, aber ich hab’s gesagt!!! 😀

Innerlich erwartend, dass mich gleich von irgendwo her der Schlag trifft, ob dieser Unverschämtheit, gucke ich ihn an – vielleicht sogar böse … wer weiß …

Seine Antwort: „Äh … nee, nee“ … und tippt weiter in den PC.

Weil ich nun einen gewissen pädagogischen Ehrgeiz entwickele und weil ich offenbar noch Herrin der Lage und weder dissoziiert noch kurz vor’m Flashback bin, ergänze ich ruhig:

„Wissen Sie, wo das bei Leuten wie mir hinführt, wenn Sie so was sagen? Das bedeutet: Wenn du keinen Sport machst, bist du selber Schuld an deiner Krankheit. Da hängen wir soooo tief in Schuldgefühlen. Das ist nichts, was hilft.“

Er: „Äh, nein, so isses ja nich’ … äh…“ und weiter: „So, vorne bekommen Sie ihre Termine für die Akupunktur. Wir sehen uns dann Ende Juli nochmal.“

Ich: „Ja, alles klar. Vielen Dank für Ihre Rücksichtnahme vorhin.“

Ohne ein Danke geht es bei mir nicht. 😉 War auch ehrlich gemeint.

Mehr fällt mir auch nicht mehr ein und ich bin ja sehr, sehr glücklich, dass ich nicht wieder völlig abgeschmiert bin.

Phase 4: Willkommen zurück

Nach einem kurzen Austausch über Organisatorisches mit der wirklich super-netten Dame an der Anmelde-Theke trete ich den vorläufigen Rückzug an.

Am Parkautomat fällt mir ein, dass man ja immer nur eine gewisse Zeit zur Verfügung hat, um vom Bezahlen zur Ausfahrt zu gelangen. Ich schätze, es werden bestimmt nicht mehr als 10 Minuten sein. Sportlich! Sechs Rampen, plus Rollator einpacken, plus runter fahren. Ja, dann aber: “Zack, zack!”, denke ich.

Was hatte ich gesagt?  Der Abstieg sei schwer gewesen? Dann holt uns jetzt gemeinsam die Rampen-Realität ein: Die ersten drei Etagen nehm’ ich noch volley. Etage 4 erklimme ich in deutlich reduziertem Tempo, aber ich erklimme sie.

Nächstes Ziel: Etage 5. Jetzt wird’s krass. Mit den Unterarmen auf die Handgriffe des rollenden Helfers gestützt, krieche ich wie eine schwer vom Morbus Bechterew gezeichnete 102-Jährige die Rampe rauf. Ein Auto kommt. Bleibt kurz auf meiner Höhe stehen und macht ein „wohl-meschugge-Handzeichen“… – die dumme (Rampen-)Sau!!! Am liebsten hätt’ ich ihm mit dem Rollator die Windschutzscheibe zertrümmert und ihm „Fahrstuhl außer Betrieb, du Penner“ auf die Stirn tätowiert – nein: gebrannt oder gepeitscht.

Aber, in Ermangelung der entsprechenden Energiereserven und Werkzeuge, kroch ich einfach weiter. Fing stattdessen an zu summen:

Ich bin ein Gänseblümchen im Sonnenschein, und durch meine Blüte fließt die Sonne in mich rein, ich bin ein Gänseblümchen, ohne Aggression. Wut, Ärger, was bringt das schon? … ich bin ein Gänseblümchen … la la la …*

Mit Wut-Tränen in den Augen und vollkommen erschöpft komme ich auf Etage 6 an. Packe mit tauben Armen den Rollator ein und schaffe es, offenbar just in time durch die Schranke zu kommen.

Alter Verwalter, was für eine Aktion!

Nassgeschwitzt, leicht verheult, aber sehr stolz lande ich wieder zu Hause – willkommen zurück!

 

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* aus Ganz Schön Feist: Gänseblümchen: https://youtu.be/KK2x2VzW5_k?t=22

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Bild: pixabay/MabelAmber

034 // Die maximale Erniedrigung – Projekt „Mobilität“

„Schreiben Sie doch mal ein Buch”, schlägt mein Hausarzt vor.

Ich lächle ihn an: „Wenn ich ein paar Stunden am Tag am PC sitzen könnte und irgendwas Sinnvolles da reinschreiben könnte, würd’ ich arbeiten gehen“, antworte ich etwas patzig. Bei ihm bin ich mittlerweile ein bisschen mehr ich selbst.
„Aber es gibt doch für alles Hilfsmittel“, sagt er gelassen. Ich weiß nicht, worauf er hinaus will. Wasserbefüllte, beheizbare Liegesitze mit Armstützen und Bildschirmhalterung übersteigen zwar nicht meine Vorstellungskraft, aber mein Budget – deutlich.
„Spracherkennungssoftware“, sagt er.
Ich gucke sparsam. In den 90er Jahren habe ich auf der CeBit – damals DAS Messeevent der IT-Branche – ein paar Demo-Aktionen gesehen. Träum’ weiter, denke ich.
„Früher war das nicht benutzbar, aber heute sind die da verdammt weit“, schwärmt der Arzt.
„Hm, ich weiß nicht. Aber ich gucke mal“, verspreche ich.

Zu hause beginnt die Recherche. Da ich alles mit dem Smartphone erledige, suche ich eine App, in die ich meine Gedanken einsprechen kann und die mir zumindest das Gröbste schon mal in Textform ausgibt. Ich werde schnell fündig: Dragon, heißt eine weit verbreitete Spracherkennungssoftware, die es auch in einer kostenlosen Light-Version gibt. Zwar sind die ersten Tests mühsam und ich muss trotzdem viel am Telefondisplay nachbearbeiten, aber vieles kann ich 1:1 übernehmen.

Leider kann ich auch nicht immer gleich gut sprechen. Wortfindungsstörungen, Konzentrationsschwäche oder Erschöpfung machen das Sprechen oft zur leidigen Angelegenheit. Aber ich will nicht jammern, mit der Drachen-App komme ich voran und beginne wieder, mehr von meinen Gedanken zu Bildschirm zu bringen.

Der unbearbeitete, eingesprochene Satz aus der App sieht übrigens so aus:

Leider kann ich nicht immer gleich gut sprechen Wortfindungsstörungen oder Schöpfung mache noch das sprechen auf zur leidigen Angelegenheit aber ich will nicht jammern mit der Drachen App komme ich voran und beginne wieder mehr von meinen Gedanken zu Bildschirm zu bringen

Nicht schlecht, oder?

Große Teile dieses Blogs realisiere ich mit diesem schönen Helferlein. Briefe an Krankenkassen, Ärzte und Ämter muss ich nicht mehr diktieren. Autonomie! Whooooo…!

Akzeptanz des Unabänderlichen

Die eigene Hilflosigkeit und die Einschränkungen zu akzeptieren – das hatte man mir auch in der Schmerzklinik Kiel geraten. In Verbindung mit dem hausärztlichen Rat, meine Belange einfach ganz neutral als Projekte zu sehen, will ich das Projekt „Mobilität“ jetzt endlich in Angriff nehmen. Ich lege los:

Die Basis (Was ist das Problem?)

  1. Ich kann keine 500 Meter alleine gehen.
  2. Ich gehe nirgendwo alleine hin.

Das Ziel (Was will ich erreichen?)

  1. Ich möchte alleine das Haus verlassen und den Weg zur Schule meines Sohnes zu Fuß schaffen.
  2. Ich möchte kleine Besorgungen und Spaziergänge alleine machen, wenn ich die Energie dazu habe, nicht nur, wenn jemand Zeit hat, mich zu begleiten.

Die hindernden Faktoren – (Was hält mich davon ab, mein Ziel zu erreichen?)

  1. Durch den Schwindel, die Sehstörungen, die Muskelschwäche und die Koordinierungsstörungen bin ich unsicher auf den Beinen.
  2. Bei den (teilweise plötzlich einschießenden) Schmerzen in Hüfte und Bein falle ich hin.
  3. Die unvermittelt einsetzende totale Erschöpfung haut mich von jetzt auf gleich um.
  4. Aus Angst vor dem nächsten Basilarismigräne-Anfall (und dem damit verbundenen Rattenschwanz an Retraumatisierungspotenzial) traue ich mich nicht alleine irgendwo hin.

Die Lösung – (Was könnte die hindernden Faktoren ausgleichen?)

  1. Ich brauche Hilfe beim Gehen, die Sicherheit schafft.
  2. Ich brauche etwas, das das Umfallen verhindert.
  3. Ich brauche jederzeit eine Sitz-Möglichkeit.
  4. Ich brauche eine stabile Sitzmöglichkeit, die auch bei Lähmungserscheinungen Sicherheit bietet.

Ich erinnere mich daran, dass ich im Supermarkt immer ganz froh bin, wenn ich den Einkaufwagen schieben kann. Das gibt Sicherheit. Und schon hab’ ich die Lösung: Ein Einkaufswagen. 😀

[Wie unglaublich witzig ich sein kann, wenn es mir an den Kragen gehen soll … ha ha.]

Also ernsthaft: Die Lösung – Ein Rollator.

Ach, du Scheiße, denke ich. Nichts anderes mehr. Tagelang. Irgendetwas sperrt sich sofort gegen den Gedanken. Nächtelang befasse ich mich mit dem Rentner-Vehikel. Suche weniger senil-morbide Alternativen. Zunächst probiere ich es mit einem klappbaren Gehstock. Das hilft ein bisschen gegen die Unsicherheit und bei den Schmerzen in der Hüfte. Allerdings tun sofort die Handgelenke weh und die schiefe Gehhaltung bringt’s auch nich’ wirklich. Außerdem sind die Probleme 2, 3 und 4 nicht gelöst.

Es gibt keine Alternative. Egal wie sehr ich mir den Kopf zerbreche. Es muss sein. Der Projekterfolg ist greifbar nahe.

Die Umsetzung – (Welches Produkt ist das richtige?)

Heimlich sehe ich mir ein leicht zu transportierendes, stabil wirkendes Modell mit weichen Handballenauflagen und stabiler, genügend großer Sitzfläche in nachtblau metallic im Sanitätshaus, über das ich meine Kompressionsstrümpfe für das Lipödem beziehe, an. Als mir ein Gutschein-Code für einen Online-Shop in die Hände fällt und ich für das ursprünglich 279,- Euro teure Modell „nur noch“ 111,- zahlen soll, schlage ich zu. Sorry, Sanitätshaus vor Ort – ich hab’ echt kein Geld übrig momentan, um politisch korrekt im Laden zu kaufen.

Geh- und Sitzversuche mit dem neuen Capero (so heißt mein Neuwagen) im Wohnzimmer sind vielversprechend. Meinen ersten Ausflug mit dem super leichten Aluminium-Konstrukt mache ich heimlich und alleine – ich möchte nicht, dass mich jemand so sieht. Ich schäme mich in Grund und Boden. Selbst vor meinem Mann. Das Gefährt verstaue ich im Auto. Das klappt schon mal gut. Ich fahre ca. 400 Meter weit zu einem kleinen Waldstück, durch das ein asphaltierter Weg führt. Ideal. Ich klappe den Capero auf und schieb’ ab.

Ein Dreivierteljahr ist es her, dass ich alleine hier im Wald war. In besseren Zeiten bin ich immerhin 5 Kilometer mit den Walking-Stöcken hier durchmarschiert. Jetzt erfreu’ ich mich an jedem Meter. Bleibe stehen. Höre den Wind in den Ästen und die Vögel im Unterholz. Der etwas vom Weg entfernte Teich sieht etwas verwahrlost aus. Keine Enten in Sicht. Dafür luken der blaue Himmel und ein paar kleine Wölkchen durch die nackten Baumwipfel. Mir gefällt’s. Nach 10 Minuten verlässt mich die Kraft. Ich setze mich. Mache ein paar Ruckel- und Kipp-Tests. Der Capero ist bequem und hält selbst einer gewagten Gewichtsverlagerung nach rechts stand.

Ich bin glücklich und am Boden zugleich.

Muss man mögen

Die Freiheit, die mir der Rollator gibt, ist durch nichts zu ersetzen.
Der Preis? – Die maximale Erniedrigung.
Das muss ich aushalten. Leider mangelt es bei mir offenbar noch an hinreichend devoten Gelüsten. Andere zahlen da viel Geld für, ich weiß. Ich erinnere mich an den Fall einer jungen Domina, die ihren unbekleideten Sklaven am späten Vormittag über eine gut frequentierte Hauptstraße mitten in einer Ruhrpottstadt an einer Hundeleine Gassi geführt hat. Abgesehen davon, dass die mit dieser öffentlichkeitswirksamen Nummer bestimmt einige Menschen (es sind auch Kinder unterwegs, vielleicht mal Hirn anschalten?) ganz schön verstört haben, soll ja jeder machen, was er will. Ich kann mir jetzt jedenfalls vorstellen, wie der am unteren Ende der Leine sich gefühlt hat.
„Muss man mögen“, sag ich nur.

Lebensqualität und Selbstbestimmtheit

Es vergehen ein paar Wochen bis ich mich „richtig“ raus traue. Erst als mein Mann mir gefühlt etwa zweihundert Mal versichert hat, dass er sich mit mir neben sich nicht schämt, drehe ich mit ihm und dem Capero eine ganze Runde um den nahegelegenen Schlossteich. Wir lachen viel und lästern über beige Leute mit Rollatoren in Standard-Lackierung. Mein nachtblauer Capero ist da um einiges cooler. Ob mein Mann sich wie eine junge Domina gefühlt hat, weiß ich nicht. Ich werde ihn bei Gelegenheit fragen.

Mein Hausarzt ist begeistert, als ich ihm sage, dass ich mit dem neuen Gefährt, alleine um den Block fahre und mir sogar eine 30-minütige „Shoppingtour“ mit meiner Mutter zugetraut habe.

Er bestärkt mich darin, das Ding zu benutzen, wenn es nötig ist. Er berichtet von vielen jungen und alten Patienten, die aus falscher Scham auf dieses Plus an Mobilität und damit Lebensqualität und Selbstständigkeit verzichten und sich mit Krücken und Stock noch zusätzlich die Armgelenke ruinieren. Sein Zuspruch macht mich noch mutiger.

Nach kurzer Zeit traue ich mich, von der Haustür loszufahren. Sollen doch alle denken, was sie wollen. ICH muss mit den Gegebenheiten leben – niemand anders.

Wuff. 😀

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