Ich bin nicht zäh wie Lähda; nicht hart wie Kroppstahl und erst recht nicht schnöll wie ein Wändhond – kurz: Ich habe versagt.

Ich habe meine Klage beim Sozialgericht bzgl. einer Höherstufung des GdB und Erteilung des Merkzeichens G zurückgezogen. Grund: Ich kann nicht mehr. In diesem Verfahren sind einige Dinge passiert, die mich vorläufig kuriert haben, mir einzubilden, meine Belange würden irgendjemanden von den verantwortlichen Instanzen interessieren, wenn ich sie nur sachlich und umfassend genug informieren würde.

Mein dämlich-naives Rechtsempfinden, meinen Gerechtigkeitssinn und meine Bemühungen, meine Krankheiten fachmedizinisch korrekt einordnen zu lassen, kann ich mir schön zum Zopf geflochten in den Allerwertesten schieben. Das bringt alles nix. Nur Stress, Ärger und neue Verletzungen.

Damit kann ich grade nicht umgehen. Zu wenig Energie und (oh Wunder) zu viel Selbstachtung. Ja, hört, hört! Madame nimmt sich selbst mal wichtig! Das ist ja mal was ganz Neues.

Wie konnte das nur passieren?

Nun, es begab sich zu einer Zeit als noch Hoffnung ward unter den Menschen.

Die angerufene Richterin, eine stolze, hoch gewachsene Frau im roten Rock mit weißen Streublümchen und keckem Pferdeschwanz lud zu einem Erörterungstermin.

Es war vorher über Jahre viel geschrieben worden. Allein auf zuletzt nocheinmal 24 (!) Seiten trug meine Rechtsanwältin Punkt für Punkt zusammen, warum das, was das Versorgungsamt bzw. deren Gutachter da zuletzt zusammensermoniert hatten, überwiegend Blödsinn ist. Man bezog sich dort nämlich auf Tippfehler der Ärzte, leugnete das nachweisliche Vorhandensein von Unterlagen oder ignorierte einfach die beiden Hauptdiagnosen.

Wenn es nicht so amtlich und gleichsam tragisch wäre, müsste man sich im Grunde totlachen.

Nun hatte ich gehofft, dass auch eine Richterin sich ungern von Amtsvertretern verarschen lässt, aber weit gefehlt! Die beiden Damen (Richterin und Amtsvertreterin) verstanden sich quasi blind – ohne Sachargumente, ohne irgendwelche Akten wirklich gelesen zu haben und ohne überhaupt den Anschein zu erwecken, man sei an sachlicher Aufklärung eines zugegeben komplexen Falles (des meinigen) interessiert, bügelte die schillernde Judikateuse in Windeseile und mit entzücktem Lächeln alles ab, was fraglich war und scherzte und gibbelte lieber über die unmenschlichen 24 Grad Temperatur in ihren Büroräumen. Eure Probleme möcht‘ icg haben …

Weil die rechtlichen Details alle nur langweilen würden, möchte ich hier nur von Gefühlen berichten, die in diesem Termin in mir ausgelöst wurden. Das  mache ich eh immer noch viel zu selten. Einer der Gründe, warum ich heute in dieser gesundheitlichen Misere stecke. :-/

Also los:

1. Bewunderung und Traurigkeit

Man sieht es heute selten, deshalb bewundere ich, dass die freundliche Frau Vorsitzende offenbar zu den Menschen gehört, die sich den absolut richtigen Beruf ausgesucht haben und darin aufgehen:

Sie verurteilt Menschen.

Und dies augenscheinlich gerne und schnell.

Im meinem Fall offenbar auch ohne jegliche Kenntnis der seit 2015 in diesem Verfahren mehrfach geschilderten Symptomatik der verhandelten Krankheiten.

Sie hat nur „Migräne“ gelesen und da stand für sie fest: „Ach, die hysterische Alte hat Kopfweh und muss sich mal kurz hinlegen“.

Ganz von sich und ihrem medizinischen Urteilsvermögen überzeugt, hatte sie nicht mal eine vage Idee von dem, was die bei mir vorliegende Erkrankung tatsächlich bedeutet, obwohl ich das mehrfach geschildert, mit einschlägiger Fachliteratur belegt habe und aus den Unterlagen klar hervorgeht, wie „extrem“ die Auswirkungen sind. (Zur Erinnerung: Auch erfahrene Mediziner können eine Basilarismigräne nicht mal eben so von einem Hirninfarkt unterscheiden).

Das zeigt mir, dass sie ihr Urteil bereits gefällt hatte und es vollkommen egal ist, was ich sage oder tue.

Das macht mich traurig.

2. Fremdscham und Mitleid

Um mir zu zeigen, wie abstrus mein Begehr auf ein Merkzeichen sei, wies sie triumphierend darauf hin, dass ja selbst der Mann im Rollstuhl, der zu einem Termin vor mir geladen worden war, bisher kein Merkzeichen G bekommen hat.

Darauf war sie offenbar auch noch stolz. Für mich wäre das ein Grund, mich in Grund und Boden zu schämen, wenn ich dafür (mit-)verantwortlich wäre. Selbst, wenn ich nur ausführendes Organ in einem Staat wäre, der das so vorsieht.

Was muss da passiert sein, dass man solch einen Zustand feiert? Viel Schlimmes auf jeden Fall. Das tut mir sehr leid. Für uns alle.

3. Unverständnis und Verletztheit

Die Dame mit dem stylischen Rock und zum Pferdeschwanz gebundenen dichten Haupthaar, erklärte mir bzgl. der Diagnose meiner Dermatologin unter Inaugenscheinnahme meiner „Haarpracht“ lapidar und geradezu belustigt, aber vollkommen von ihrer Sach- und Fachkunde überzeugt: „Sie haben keinen Haarausfall.“

Ach, so.

Ich entgegnete etwas konsterniert, dass ich mich sehr freue, wenn das für sie noch nicht so offensichtlich erkennbar sei, aber das wäre ja nun mal leider so.

Nein. Von Glatzenbildung könne keine Rede sein. Nun, ja, sie muss es wissen.
Sie ist Richterin am Sozialgericht.

Dass mir in den letzten drei Jahren nachweislich etwa 50% meiner Haare ausgefallen sind und jeden Tag weit mehr als die üblichen 100-150 Stück durchs Waschbecken fließen ignorieren wir also mal und finden’s wunderbar!

Ihren besonderen Beautytipp für mich („Das können Sie doch einfach blondieren, dann sieht man da gar nichts mehr!“) werde ich natürlich nicht umsetzen – ich bin ja nicht bescheuert. Durch den chemischen Bleichprozess wären auch die letzten Haare innerhalb von Minuten komplett weg. Das möchte ich so lange wie irgend möglich hinauszögern.

Zu den Gefühlen: Ich habe diesen fachmedizinischen Blödsinn als anmaßend und persönlich sehr verletzend empfunden. Darüber hinaus war das vollkommen unnötig. Es hätte gereicht, einfach zu sagen, das Ausmaß sei für den GdB nicht ausreichend – es geht auch ohne diese selbstherrliche Arroganz der Nichtbetroffenheit!

4. Wut und Hilflosigkeit

Auch die Tatsache, dass die Frau offenbar auch ohne jede Kenntniss der konkreten Auswirkungen der bei mir vorliegenden Schmerzerkrankungen und der Fibromyalgie als vollkommen irrelevant für das Merkzeichen G bezeichneten, zeigt mir, wie aussichtslos mein Wunsch auf eine gerechte Beurteilung meines Falles durch dieses Gericht war.

„Ach, für Fibromyalgie und Lipödem gibt’s gaaarnichts“, sprach’s und wischte lachend die Wehwehchen der Klägerin (also mir) mit einer Handbewegung, die ich persönlich mache, wenn ich eine dicke Scheißhausfliege vertreiben will, vom Tisch.

Keine weitere Nachforschung, keine Beachtung der ärztlichen Berichte hierzu, kein garnix. Ok.

Ich weiß nicht, ob sie es wusste, aber das Bundessozialgericht (9. Senat) stellte in seinen Urteil vom 11.08.2015 (Aktenzeichen:B 9 SB 1/14 R) fest, dass sogar psychische Erkrankungen, die zusammen mit der Fibromyalgie auftreten, zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr führen können, auch wenn sie Anfallsleiden oder Orientierungsstörungen nicht gleichzusetzen sind. Damit erfüllen auch Menschen wie ich unter Umständen (die einfach nur mal näher geprüft hätten werden müssen) die Voraussetzung für ein Merkzeichen G.

Dass sie nicht mal in Erwägung zog, dem obersten Gericht in Sozialrechtsfragen zu folgen, hat mir letztlich gezeigt, wie chancenlos ich hier war. Es war klar, dass ich auf jeden Fall noch weitere Instanzen hätte anrufen müssen. Das pack’ ich einfach nicht.

Aber, wie der gute Max Planck ja sagte: „Auch eine Enttäuschung, wenn sie nur gründlich und endgültig ist, bedeutet einen Schritt vorwärts.“

Das muss ich hier jetzt auch einfach so sehen.

Die Dame vom Versorgungsamt wird sich ebenfalls gefreut haben, als sie die frohe Kunde meiner Kapitulation erhielt. Hat ihre Behörde es doch geschafft, ohne auch nur eine einzige fundierte inhaltliche Reaktion auf die umfangreichen Ausführungen meiner Rechtsanwältin, den Fall wie gewünscht abzubügeln.

(Mit tatkräftiger Unterstützung durch nachweislich fachlich überforderte „Gutachter“ und „Amtsärzte“, die es besser fanden, sich auf offensichtliche Tippfehler in Attesten (für die ich nichts kann) und Spitzfindigkeiten bzgl. einzelner Formulierungen in deren Ausführungen zu beziehen, anstatt auf die mehrfach bestätigten Hauptdiagnosen, die sie und alle anderen geflissentlich in ihren Ausführungen ignorierten.)

Ich Dummerle hatte erwartet, dass an die Argumentation der Ämter die gleichen Anforderungen gestellt werden, wie an meine. Ha ha, ich bin aber auch doof.

Gut, dass ich jetzt dazugelernt habe und mir und der Staatskasse nun ein weiteres neurologisches Gutachten, das eventuell noch die Basilarismigräne als merkzeichenrelevantes Anfallsleiden ausgewiesen hätte, erspare. Das halte ich nicht aus. Ich bin psychisch zu fertig, um mir weitere Erniedrigungen und fachmedizinische Diarrhö anzutun.

Denn, dass der bisherige „fachkundige Gutachter“ das klinische Bild der chronischen und der Basilarismigräne nicht erkannt hat, kann ja offenbar immer wieder passieren. Auch wenn er gleichzeitig auf der Seite der Pharmafirma Allergan (Botoxhersteller) dem (zahlungskräftigen) Kunden suggeriert, er sei Spezialist auf diesem Gebiet.
Köstlich sowas …

Und das sind Menschen, die für die Existenz von anderen (kranken) Menschen verantwortlich sind! Wie krank ist das eigentlich? Wie krank ist ein System, das sowas zulässt und kultiviert?

Wen wundert es eigentlich noch, dass die, die noch irgendwas merken, reihenweise als Psychowracks von der Stange kippen?

Diesen ganzen Irrsinn kannst du doch nur noch als komplett degeneriertes, humanistisches Nullum unterstützen.

Ich schaff das nicht. Bin wohl einfach noch zu gesund. Oder, um es mit Manfred Lütz zu sagen: „Irre – wir behandeln die Falschen.“

So, zum Schluss und zur allgemeinen Erheiterung und einfach, weil es zum Thema Kapitulation und wie man zu ihr stehen kann, so schön passt, eines meiner vielen Lieblingswerke von Walter Moers:

“Ich hock’ in meinem Bonker:”
https://youtu.be/np2ymo0iMfk