Schlagwort: Liebe

Kleinanzeige Teddybär

074 // I love sarah – Kleinanzeige die 2. …

Irgendwie hatte mich sarahs Schicksal von neulich nicht losgelassen und nach einer fast schlaflosen Nacht (nicht wegen ihr, aber wegen einer ähnlich willkommenen „Freundin“ namens Fibromyalgie) stellte ich eine weitere Kleinanzeige in dem Portal mit dem entsprechenden Bild* ein:

„Liebe Kleinanzeigen-Leser.
Auf meine letzte Anzeige in der Rubrik „zu verschenken“, in der ich nach alten / defekten Woks suche (gerne geschenkt), erhielt ich eine Antwort von einem Nutzer namens sarah.
sarah schrieb: „Schmarotzer“

Ich habe sarah daraufhin einen ganzen Blogeintrag auf meiner Seite myyzilla . de gewidmet (Titel: „073 // Leute gibts …“)

Jetzt suche ich noch mehr Liebe und Aufmerksamkeit für sarah. Es scheint ein großer Mangel hieran bei ihr (oder ihm?) zu bestehen.

Natürlich zahle ich als Schmarotzer nichts dafür, aber vielleicht können wir alle zusammen mit unseren liebevollen (kostenlosen) Gedanken sarahs Herz irgendwie erwärmen und dafür sorgen, dass sarah sich wieder besser fühlt.
Da sie leider ansonsten anonym blieb, müsste es irgendwie „feinstofflich“ gelingen, aber der Glaube an die gute Sache versetzt ja bekanntlich Berge. 😉

Wer auch Liebe und Aufmerksamkeit braucht, kann sich gerne ebenfalls melden. Vielleicht gibt es auch noch originellere und zeitgemäßere Beschimpfungen, die euch einfallen? Die besten veröffentliche ich natürlich ebenfalls auf meinem Blog. ;-)“

Nach ein paar Stunden konnte ich bereits über 200 Aufrufe verzeichnen und bekam viele Nachrichten und Likes.

Nur sarah schwieg bisher. Mag vielleicht daran liegen, dass ich sie direkt nach ihrem kleinen „Fauxpass“ beim Anbieter als Spam gemeldet habe. Natürlich ohne vorher auf sie direkt zu reagieren. 🙂 Das macht man ja nicht. Das wäre dann doch zu viel Futter für einen Troll.

Viel lieber berichte ich von dem wirklich tollen, positiven Feedback, das ich erhalten habe:

Zum Beispiel von Kati: Sie wurde kürzlich offenbar auch von einer sarah dämlich angeschrieben, nachdem sie einige gut erhaltene Kuscheltiere anbot und lediglich einen kleinen Obolus in Form einer Tüte Kaffepads o.ä. dafür erbat. (Was fällt ihr auch ein?! ;-))

Oder Andreas: Er schrieb von Denise, die ihn als Katzenvermehrer beschimpfte, weil er Katzenbabys nicht zum Spottpreis abgeben wollte, um sie vor fragwürdiger „Weiterverwendung“ zu schützen.

Und Ronny, der zusicherte, ein bis zwei Minuten seiner Zeit zu investieren, um an sahra zu denken. Er mutmaßte:

„da steckt ein armer Mensch hinter, der leider noch nicht kennengelernt hat, was es heißt, was für andere Menschen zu tun“.

Wie schon persönlich geschehen, danke ich ihm auch hier nochmal für seine Unterstützung, denn ich finde, in diesem speziellen Fall zählt jede Minute! 🙂

CH. schrieb:

„Diese Person “Sarah ” hat wirklich nichts besseres zu tun als Leute wegen ihrer Suchanzeigen zu beschimpfen, Bedauerlich !!!!“

Ramazan zeigte sich ebenfalls empathisch:

„Scheiß einfach auf solche Menschen, die den Sinn deiner Anzeige nicht verstanden haben!!!!!LG“,

schrieb er.

Ich antwortete ihm:

„[…] Du hast einerseits Recht, wenn du sagst „scheiß drauf“. An ihr als Person bin ich auch überhaupt nicht interessiert und sie selbst wird von mir auch keinerlei persönliche Reaktion erhalten.
Aber ich meine das schon ernst, dass bei solchen Menschen einfach viel Liebe und Aufmerksamkeit fehlte, so dass sie weder Mitgefühl noch Empathie entwickeln konnten.
Dafür ist nicht nur sie selbst, sondern auch andere mitverantwortlich.
Dazu noch ein bisschen Neid und eigener sozialer Misserfolg und schon haben wir den Salat (wie man leider an jeder Ecke in dieser Welt sehen kann).
Dieser Gesinnung und hasserfüllten Trollerei möchte ich etwas entgegensetzen.

Irgendwas – und wenn es „nur“ Liebe ist ;-)“

Ich hoffe sehr, es hilft … 😉

—— update 14.4.: ——

Aaaah, endlich mal eine zünftige Beleidigung! 🙂

Viola schreibt:

„Du bist die jenige die hier aufmerksamkeit sucht, spast“

Wow!

Also „spast“ finde ich auf jeden Fall schonmal zeitgemäßer als „Schmarotzer“ – dafür Daumen hoch … und neun Wörter sind ja schon eine richtig persönliche Nachricht … Toll! 🙂 Die fünf Fehler will ich mal nicht überbewerten, der gute Wille zählt. Weiter so! 🙂

Beeindruckend, dass sar… äh Viola auch schon erkannt hat, warum man mit seinen Geschichten und Erlebnissen in die Öffentlichkeit geht. Also dumm ist sie nicht … Respekt! 😉

 

 

 

 

_ _ _

* (Bild: Pixabay)

065 // Ungesunde Beziehungen – Was man nicht verwechseln sollte …

Viele kennen das: Sie geraten immer an die Falschen. Warum ist das so? Was treibt uns dazu, uns immer und immer wieder auf schädliche Beziehungen einzulassen? Was ist da los, wenn Menschen entscheiden, sich demütigen, ausnutzen und vielleicht sogar verprügeln zu lassen? Bei vielen dieser Menschen weisen die Partner (für andere) ganz offensichtlich ähnliche Charakterzüge wie die Eltern bzw. Bezugspersonen der Kindheit auf.

Es ist heute bekannt, dass “Beziehungsopfer” meist schon aus gestörten Familiensystemen kommen. Es ist also kein Zufall, dass sich Töchter narzisstischer Mütter später einen narzisstisch veranlagten Partner suchen und diese Beziehung oft bis zum eigenen Untergang aufrecht erhalten.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es nichts bringt, wenn man auf diese Menschen einredet und ihnen klarmachen will, dass sie in einer für sie ungesunden oder gefährlichen Partnerschaft leben. Viele nehmen die Partner in Schutz – aus Scham oder Schuldgefühl. „Alles nicht so schlimm“, sagen sie und die eigenen Gefühle, die “Liebe”, ist doch sooooo groß. Oder sie denken: “Ich muss mich einfach noch mehr anstrengen”.

Das ist ein Irrtum!

Der erste Schritt, aus einer ungesunden Beziehung heraus, ist einzusehen, dass wir einen fundamentalen Fehler in unseren Grundannahmen machen:
Das große Gefühl in uns ist nicht Liebe!

Wir müssen begreifen, dass das, was wir als “Liebe” empfinden, in Wirklichkeit nur die Sehnsucht danach ist.

Es ist bizarr: Je schlimmer und schädlicher die Beziehung, desto größer wird die Sehnsucht danach, dass (wieder) alles gut wird, desto mehr glauben wir zu lieben, was uns in Wirklichkeit kaputt macht.

Die Sehnsucht wird so stark, dass wir dafür leiden bis zur Unkenntlichkeit …. Das ist grundverkehrt und extrem ungesund!

Jeder, der in einer unglücklichen Beziehung lebt und „aus Liebe“ dort verharrt, sollte sich fragen: Welches Gefühl ist das wirklich, das ich da in mir spüre?

Gefühle wahrzunehmen als das, was sie sind, kann aber gerade für traumatisierte Menschen ein echtes Problem sein. Ein Teufelskreis mit höchstem Retraumatisierungspotenzial!

Mein Weg da raus war lang und steinig, aber ich hab‘ ihn geschafft!
Zwar ist es auch heute noch schwierig für mich, Gefühle als die, die sie sind, wahrzunehmen und darauf entsprechend zu reagieren, aber wenigstens habe ich es erkannt und es ist mir heute bewusst. So kann ich mit und an mir arbeiten, um das Glück, das ich heute habe, schätzen und schützen zu können.

Ganz langsam lerne ich, dass es immer einen Weg gibt:
Den, den wir gemeinsam mit den Menschen gehen, die uns wirklich lieben.

Dann wird die quälende Sehnsucht kleiner und der Weg frei für die wahre Liebe und eine gesunde Beziehung!

<3 Lo que necesitas es amor!

Aus ganz aktuellem Anlass mal was richtig Gesundes hier! 🙂

Als Geschenk zum “Legitimationstag” für ALLE Heiratswilligen: Eines meiner Lieblingsvideos von Hape Kerkeling mit DER Botschaft überhaupt!

Lo que necesitas es amor! 😀

Nur die Liebe zählt auf spanisch | Darüber lacht die Welt mit Hape Kerkeling

Dieses Video ansehen auf YouTube.

044 // Der Mann, der mich Affenmädchen nennt

Je mehr ich der Radikalen Erlaubnis folgend, alle inneren Anteile erlaube, desto mehr negative Gefühle und Ideen ploppen bei mir ungebremst hoch. Das erschreckt mich manchmal. Mit „Ideen“ meine ich nicht solche Sachen, wie unvermittelt Hotelzimmer-Schlüssel ins Meer werfen oder so, wie wir alle sie kennen. (Kennen wir doch, oder? ;-))

Nein, ich habe richtig wilde, aggressive, zerstörerische – schlicht sadistische Gedanken. Und damit meine ich nicht die nett gemeinten Streichel-Hiebe eines verantwortungsvoll zur Tat schreitenden, einvernehmlichen Sadomasochisten – nein. Ich denke so richtig fiese Sachen. Ohne Codewörter und komplett non consensual. Einfach gruselig. Erschwerend kommt hinzu, dass ich als alter Splatter-Fan auch auf einen enormen Pool von bereits fertigen Szenen zurückgreifen kann, die von mir nur noch abgewandelt und perfektioniert werden müssen. Ich mache mir ein bisschen Sorgen.

Mein Psychotherapeut versichert mir, dass Zwangsgedanken statistisch gesehen nur in den allerseltensten Fällen tatsächlich umgesetzt werden und nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen, die bei mir nicht gegeben seien. Das beruhigt mich ein bisschen. Auf Zahlen kann ich mich verlassen. Die bleiben was sie sind.

Ich denke darüber nach, diese fiesen Ideen aufzuschreiben. So wie Bret Easton Ellis. Mit American Psycho hat er alles rausgelassen und verdient damit noch Geld – noch lebt er auch. Ganz gut, glaube ich. Oder Jörg Buttgereit. Der Splatter-Regisseur erzählte in einem Interview, dass er mit seinen Filmen, wie Nekromantik, lediglich einen Weg sieht, mit seinen größten Ängsten klarzukommen. Er hat offenbar auch ein paar wirsche Ideen und ist ansonsten ein netter ausgeglichener Typ … glaube ich … äh … kennt ihn jemand persönlich? 😉

Mein Mann

Meine Mann ist auch so einer. Wenn ihn etwas oder jemand ärgert, lässt er seinen kruden Phantasien (verbal) freien Lauf, zumindest wenn wir unter uns sind. Wenn er es aufschriebe, schwämme er im Geld oder säße im Knast – da bin ich ziemlich sicher. Er kann aus einer unergründlichen Quelle von erdachten Grausamkeiten schöpfen und tut dies, mit dem Effekt einer inneren Zufriedenheit, die ihres Gleichen sucht. Ich habe viel gelernt von ihm.

Das Geheimnis unserer Beziehung

Ein Geheimnis unserer wirklich guten Beziehung ist vor allem unsere radikale Offenheit. Inklusive Schimpftiraden, Geringschätzigkeitsäußerungen und Unmutsbekundungen dem anderen gegenüber, und zwar sofort und unmittelbar, wann sie in uns wach werden. Streit gibt es bei uns dagegen fast nie. Es staut sich einfach nicht genug an, aus dem man etwas Handfestes vom Zaun brechen könnte. Wenn ich ihn doof finde, sag’ ich: „Du bist doof.“ Wenn er mich nervig findet, sagte er: „Du nervst.“ Ich sage: „Blödmann.“ Er sagt: „Affenmädchen.“ Ich sage: „Hau ab, ich kann dich grad’ nich’ leiden.“ – Er sagt. „Geh weg, Frau!“

Das klingt für manche vielleicht befremdlich, spricht man doch immer davon, wie wichtig der Respekt voreinander sei. Ja, das sehe ich auch so. Aber ich habe nicht eine einzige Sekunde in meiner Beziehung das Gefühl, dass uns der Respekt flöten geht …  Außer, wenn Herr Unflat mal wieder jeden seiner unerträglich stinkenden Fürze feiert wie den Geburtstag der Queen. 😉

Zurück zum Thema: Wer aus falsch verstandenem Respekt schweigt, generiert damit nur Probleme, Missverständnisse, Misstrauen und Unsicherheit, weil er dem anderen die Möglichkeit nimmt, sich in ihm zu finden. Deshalb reden wir lieber.

Pudding on demand

So sind wir uns aber auch nicht zu schade, unsere positiven Gefühle füreinander zum Ausdruck zu bringen. In Wort und Tat. Wobei er mir da in Ermangelung der notwendigen Energiereserven zurzeit eindeutig die Show stiehlt. Das macht mir manchmal ein schlechtes Gewissen, was aber nicht nötig sei, mir aber dennoch das Leben erschwert, was aber wirklich nicht nötig sei, und mir trotzdem auf der Seele liegt – unnötigerweise – sagt er.

Zu Mandelentzündungszeiten konnte ich beispielsweise auf einen besonderen Service zurückgreifen: Puddingsuppe on demand – in allen erdenklichen Varianten und mit liebevollen Garnierungen, kochend heiß, lauwarm oder erkaltet je nach Wunsch ans Bett geliefert.

So geht Liebe. 🙂

Oh, ich höre grade eine Stimme in mir, die sagt: „Typischer Fall von sekundärem Krankheitsgewinn.“ 😀

Na, und?

In unserer Familie soll jeder so sein dürfen, wie er ist und fühlen dürfen, was er fühlt – ohne Einschränkung.

Etwa einmal im Monat oder nach Bedarf setzen wir uns deshalb auch zusammen und jeder sagt dem anderen, was er an ihm nicht mag. Ohne Kommentar, Rechtfertigung oder Beleidigtsein. Wir halten das zusammen aus. Auch mein Sohn ist da mit von der Partie. In der zweiten Runde sagen wir uns dann, was wir besonders gern mögen. Das ist immer viel mehr.

Ein Grundsatz, den ich auch in meiner Erziehung vertrete, ist kurz gesagt das sozialverträgliche die Sau-raus-lassen.

Gut funktioniert das auch mit unserer Auto-Regel: Wenn niemand anderer dabei ist, sind bei uns im Auto auch Schimpfwörter erlaubt. Da lassen wir verbal alles raus. Wenn es nötig ist, dürfen wir die uns auch untereinander an den Kopf knallen. Wenn wir aus dem Auto steigen, gilt dann wieder das normale Regelwerk für draußen – lieb haben wir uns trotzdem.

Das klappt hervorragend und ich garantiere, dass mein Sohn niemals das Gefühl haben wird, dass negative Gefühle bei mir nicht erlaubt sind und zu Liebesentzug führen. Er wird genug andere Hürden in seinem Leben überwinden müssen und mich für andere Dinge hassen – das ist schwer auszuhalten für mich, aber nicht zu ändern.

Projektionsgefahr

Als Mutter mit traumatischen Erfahrungen darf ich nicht den Fehler machen, mein verkorkstes Kinderleben auf mein Kind zu projizieren. Das wäre weder ihm noch mir selbst gegenüber fair. Er ist eine eigenständige Person mit vollkommen anderen Rahmenbedingungen. Das nicht nur zu wissen, sondern auch zu fühlen, ist ein großer, schmerzhafter, sehr heilsamer Schritt, den ich dankenswerterweise schon geschafft habe.

Die Projektionsimpulse gibt es immer wieder, aber ich kann sie wahrnehmen und so sein lassen. Wenn es gut läuft, beschäftige ich mich mit ihnen neutral bis neugierig interessiert. Meist bin ich nach einer Begegnung mit der Projektion innerlich versöhnt und nehme deutlicher als früher die Grenzen meiner Person wahr.

Wenn es schlecht läuft, zieht es mich mit Haut und Haar in den Abgrund der Angst und Verzweiflung und ich brauche etwas länger, um mich wieder zu sortieren.

Als Projektions-Warner macht sich auch mein Mann ganz gut, wenn er nicht grade den Auftritt der königlichen Garde und den Aufstieg der Royale AirForce zelebriert … ;-P

031 // Gute Menschen schlechte Menschen – Schmerzklinik Kiel Teil III

Leider gibt es in der Schmerzklinik wenig Neues für mich zu lernen. Aber ich will nicht undankbar sein. Allein dafür, dass ich ein paar wirklich tolle Menschen kennen lernen durfte, und die Lage der Klinik mir die Möglichkeit gibt, einmal ganz andere Perspektiven einzunehmen, hat sich der Aufwand gelohnt.

Bei aller Liebe für die Daheimgebliebenen ist es natürlich auch eine ungeheure Entlastung, sich als kranker Mensch und Mama nicht den täglichen Herausforderungen des Familienalltags stellen zu müssen. Eigentlich logisch, dass es einem allein dadurch schon etwas besser geht. Du legst Dich hin, wenn Du es brauchst, isst das Essen, das man Dir gemacht hat, oder isst nichts, wenn Du keinen Hunger hast, gehst duschen und auf’s Klo, ohne dass jemand nach Dir ruft, schläfst oder guckst nachts Fernsehen, gammelst den ganzen Tag im Schlafanzug rum, weil Du nirgendwo hin musst.

Das sind die Fakten. Als Mutter stellst Du Dich automatisch hinten an. Das scheint so eine Art Naturschutzprogramm im Glucken-Gen zu sein. Die Brutpflege geht vor. Die Art muss erhalten bleiben. Als Mutter mit Versagensängsten ziehst Du das Programm sogar durch bis zur Selbstaufgabe. Das ist nicht immer schön. Manchmal sogar richtig Scheiße.

Für Mütter (und Väter), die ihrer Erschöpfung in irgendeiner Art und Weise dann doch mal Ausdruck verleihen, haben Kinderneider sofort den passenden Spruch parat: „DU wolltest doch Kinder haben! Dann brauchste jetzt auch nich’ zu jammern.“

Ja, da haben sie natürlich Recht und sprechen im Grunde weise.

Schon Epiktet sagte ja:

Beginnst du irgendein Werk, so bedenke genau, von welcher Art es sei. Willst du baden gehen, so erwäge zuvor bei dir selbst, was sich alles im Bade zu ereignen pflegt: daß einige sich vordrängen, andere ungestüm hineinstürzen, einige schimpfen, andere stehlen. Daher wirst du mit größerer Sicherheit die Sache unternehmen, wenn du dir von vorneherein sagst: “Ich will baden und dabei meine durch die Vernunft gefaßten Entschlüsse behaupten.” So verfahre bei jedem Werke. Dann hast du, wenn sich während des Badens irgend etwas Hinderndes ereignet, sogleich den Gedanken bei der Hand: “Nicht bloß dieses (baden zum Beispiel) wollte ich, sondern auch meinen freien Willen und Charakter bewahren. Ich würde ihn aber nicht behaupten, wenn ich über das, was hier vorgeht, ungehalten sein wollte.”

Ich bin ehrlich: Soviel prägnant-philosophischen Intellekt hätte ich dem verwöhnten Rotzblach, von dem ich die vergleichsweise folkloristisch-simplifiziert anmutende Version des o.g. Satzes zuletzt serviert bekommen habe, wirklich nicht zugetraut. Die Aussage an sich kann ich übrigens unaufgeregt in den unzähligen Stunden der Selbstreflexion durch meine mentalen Instanzen kreisen lassen, ohne dass sich großer innerer Widerstand regt.

Mit der verächtlich, abwertenden Attitüde, mit der dieser Satz seiner Zeit ausgesprochen ward, habe ich allerdings immer noch Schwierigkeiten, so dass ich die intellektuelle Leistungsfähigkeit, die ein solcher in der Tradition der Stoiker gefasste Gedanke impliziert, auch weiterhin stark anzweifle. 😉

Da fällt mir grad noch ein passendes, etwas volkstümlicheres Zitat von Epiktet ein:

Wer niemanden liebt, mache sich darauf gefasst, von niemandem geliebt zu werden.

Ich freue mich so sehr über ein Riesenpaket von meiner Freundin, das mir zeigt, wie wertvoll ich für die Menschen bin, die ich liebe.

 

024 // Endzeitromantik

Dank meiner fortgesetzten Friedensverhandlungen mit Fury habe ich zwar nicht weniger Migräneanfälle, aber ich leide psychisch nicht mehr so lange und intensiv darunter. Das einfache Prinzip „annehmen – aushalten – abhaken“ funktioniert immer besser. Dennoch geht es seit meiner Reha und der Venen-OP stetig bergab. Meine Erkenntnisse bezüglich Histamin kann ich alle nicht vernünftig umsetzen, weil ich weder mit Töpfen und Pfannen hantieren, noch einkaufen gehen kann. Ich bin physisch am Ende und ein psychischer Wackelkandidat.

Jeder Tag ist Kampf.

Mein ganzer Körper besteht nur noch aus Schmerzen, die ich mit allen Mitteln loswerden will. Jede Berührung, jedes Streicheln, jedes bisschen Zuneigung – alles verursacht Schmerz. Ich weiß immer noch nicht, warum genau und das macht alles noch viel schlimmer. Kopf, Gesicht, Rücken, Hüfte, Arme, Beine, Hände – ein einziges Desaster.

Resignative Analgesie

Ein einziger Bereich schmerzt nicht: die Knie. Ein vollkommenes Rätsel. Waren es doch sonst die Knie, die mir in schweren Lebensphasen zuallererst angezeigt hatten, dass die Last gerade zu schwer ist. Nicht, dass ich darauf gehört hätte, aber das Signal war rückblickend sehr deutlich wahrnehmbar.

Die Knie tun mir also nicht weh. Vielleicht haben sie einfach aufgegeben. Resignative Analgesie – gibt es sowas?

Dafür schmerzen alle Narben vergangener Blessuren an meinem Körper (außer denen am Knie) als prokelte jemand mit einer Stricknadel darin herum. Da es ziemlich viele sind, bin ich gut beschäftigt mit dem Versuch, sie zu ignorieren: 20 Mini-Einstiche an meinen Beinen, je eine 5 cm-Narbe in den Leisten, 9 „Einstiegslöcher“ für die minimalinvasiven OPs am Bauch, der vor Jahren gebrochene Zeh, die Geburtsverletzungen, die 2 „Löcher im Kopf“, die Mandel-Krater im Hals, die Oberarm- und Unterarm-Narben, die ich mir bei diversen Stürzen in der Kindheit zugezogen hatte, die Stelle, an der die Gürtelrose wucherte und nicht zu vergessen die Narbe von der weggeschnittenen Anal-Thrombose – die finde ich besonders gemein.

Auch innen ist nur Schmerz. Muskeln, Gelenke, Sehnen – alle machen mit. Ich habe Angst vor jeder Bewegung. Kann nicht sitzen und nicht stehen. Bekomme die schwere Haustür kaum auf. Butterbrote für’s Kind schmiere ich mit Tränen in den Augen – manchmal gibt’s nur Tüten-Croissants. Die 600 Meter zur Schule fahre ich mit Tempo 25 im Auto. Wenn ich nichts tun muss, liege ich im dunklen Zimmer. Große Teile des Tages erLEBE ich nicht – ich vegetiere.

Bis zu meinem Termin in der Schmerzklinik muss ich durchhalten. Egal wie.

Liebe ist alles

Ich schaffe das nur, weil mich die Liebe von Mann und Kind durch die tiefen Täler der Schmerztage tragen. Dass sie bei mir sind und in mir nicht nur das hilflose Krüppelchen sehen, hilft mir mehr als alles andere. Die Prinzessin auf der Erbse gebe ich hier nämlich nicht, falls das jemand glaubt. Mir wird auch nicht alles abgenommen, nur weil ich krank bin. Und das ist gut so.

Mein Mann ist 12 Stunden aus dem Haus und hat genug mit sich zu tun. Ein Kind muss ein Kind sein und darf nicht zum Krankenpfleger oder Haushälter seiner Mutter werden.

Das daraus entstehende Dauer-Chaos und den herrschenden Minimal-Hygiene-Standard in der Wohnung halten wir gemeinsam aus. Hilfe haben wir kaum. Die wenigen verbliebenen Freunde und Familienangehörigen haben selbst genug um die Ohren.  Um Hilfe fragen, war ohnehin noch nie meine Stärke. Ich gebe mein Unvermögen ungern zu und jammern können andere besser – dazu brauchen die nicht mal trifftige Gründe.

Die paar Stunden, in denen mein Sohn nachmittags und abends zu Hause ist, versuche ich so unbeschwert wie möglich mit ihm zu verbringen. Dass seine Mama nicht viel mit ihm unternehmen kann, nimmt er locker. Dafür weiß er über Migräne und Bandscheiben genauso viel wie über Dinosaurier und Spiderman. An seinen Papa-Wochenenden hat er Halligalli genug – da geht er schwimmen, auf den Spielplatz, besucht alle möglichen Veranstaltungen und die Verwandtschaft väterlicherseits. Er ist gut beschäftigt.

Zu hause geht mein Mann mit ihm einkaufen, bringt ihm das Kochen bei und daddelt mit ihm Playsi, wenn er früh genug zu hause ist. Mein Job ist das Knuddeln, Liebhaben, Philosophieren, Hausaufgaben Kontrollieren, gemeinschaftliches Hörspiel hören und verrückte Sachen machen: So schlafen wir beide manchmal im Zelt – mitten im Zimmer, machen Picknick auf der Dachterrasse, bemalen uns gegenseitig die Füße, verkleiden uns oder schreiben SMS von einem Bett zum anderen.

Wenn ich komplett ausfalle, zelebriert man(n) im Mama-freien Wohnzimmer zünftige Männerabende mit Pupswettbewerb, DMAX und Selbstverteidigungstricks. Was da sonst noch abläuft, will ich gar nicht wissen …

Wenn es irgendwie geht, trainieren wir zusammen Gruppenkuscheln.

Jeder tut, was er kann.

Trotz allem erleben wir so gemeinsam viele glückliche Momente.

Der Tod steht ihr gut

Eine Woche vor meinem Termin in der Schmerzklinik stirbt meine Tante nach jahrelangem Kampf gegen den Krebs. Obwohl der Kontakt zu ihr zuletzt nicht mehr sehr eng war, haut mich ihr Tod regelrecht vom Schlitten.

Zur Beerdigung gehe ich halb ohnmächtig vor Schmerzen und Traurigkeit mit allem, was ich an Medikamenten zur Verfügung habe. Ich fühle mich schuldig und schäme mich für meine Kraftlosigkeit. Wenigstens JETZT müsste man sich doch zusammenreißen können – für Tante Rosi.

Ich gebe alles. Mache mich schick für sie. Dehnbund und Klettschuh bleiben im Schrank. Wenigstens für zwei Stunden will ich vernünftig aussehen. Vor dem Kleiderschrank stehe ich und rede laut mit der immer modisch gekleideten, attraktiven, lebenslustigen Frau, die jetzt nicht mehr lebt. Sprühe etwas von dem Parfüm auf, das sie mir zuletzt geschenkt hat. Vor drei Wochen hab’ ich sie noch gesehen. Ihr Smartphone hat rumgezickt. Wenigstens  dieses Problem konnte ich für sie beseitigen.

Mein fleckiges, blasses Gesicht und die dunklen Augenringe verstecke ich jetzt hinter einer dicken Schicht Schminke. Meine Kompressionsstrümpfe verschwinden unter einer schwarzen Nylonstrumpfhose. Ein schmaler Rock, ein langer schwarzer Baumwollmantel und die teuren Barrock-Pumps lassen mich fast elegant wirken. Ich seh’ beinahe aus wie ein Mensch.

Erstaunlich.

In der Kapelle will ich singen. – In Kirchen und Kapellen singe ich immer. Auch wenn ich mit dem religiösen Geschwurbel nichts anfangen kann. Aus Respekt denjenigen gegenüber, die hier ihre Zeremonien abhalten, singe ich gerne. Das kann ich machen – das tut mir nicht weh.

Heute ist das anders: Ich fange beim ersten Lied an zu heulen und kann bis zur Beisetzung der Urne nicht mehr aufhören. Unpassend, unkontrolliert und schäbig komme ich mir dabei vor, schließlich haben die nächsten Angehörigen, ihr Mann, ihre Kinder und Enkelkinder viel mehr verloren und zu leiden als ich.

Wie ich diese Schwäche hasse.

Das Kranksein macht mich schwach und die Schwäche macht mich noch kränker.

Ich kann nicht mehr.

Das anschließende Kaffeetrinken muss ich ausfallen lassen. Mit meinen Verwandten von Außerhalb, den Bekannten und Freunde der Familie, die ich Jahre nicht gesehen habe, kann ich nicht mehr sprechen. Die kleinsten sozialen Verpflichtungen und Erwartungen kann ich nicht erfüllen.

Was soll ich eigentlich noch hier?

Ich frage mich, wie lange ich noch so leben muss.

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén

Diese Seite verwendet Cookies, um die bestmögliche Funktionalität zu gewährleisten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst Du dem zu. Weitere Informationen dazu findest Du in meiner. Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen