Erwerbsminderungsrente bekommt, wer „wegen Krankheit oder Behinderung auf nicht absehbare Zeit außerstande [ist], unter den üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes mindestens drei Stunden täglich erwerbstätig zu sein.“

Also nur die wirklich ganz Kaputten. Die, die für nichts mehr taugen. Die, die noch nicht mal läppische 3 Stunden am Tag irgendeiner stumpfsinnigen Arbeit aus dem Niedriglohnsektor nachgehen können.

Ja, ok, kann ich schon lange nicht mehr. Das Blöde ist: Das muss man 1. sich selber eingestehen und 2. anderen, fremden Menschen beweisen.

Plan B

Bis zu dieser Ansammlung von Pathologien hatte ich immer einen Plan B in der Hinterhand. Der lautete: Wenn ich irgendwann nicht mehr klarkomme in meinem Büro-Job, werd’ ich einfach SOS-Kinderdorf-Mutter. Mit meinem Soziologie und Pädagogik Studium und meiner „ich kann alles“-Attitüde wird man wohl nur auf mich warten, rede ich mir ein.

Dieser “letzte Ausweg” hat mich oft vor totaler Verzweiflung in meiner Eigenschaft als zweckentfremdeter Lohnarbeiter geschützt. Ich konnte mir damit vormachen, dass ich alles irgendwie freiwillig tue. Ich könnte ja notfalls jederzeit auf Plan B umspringen.

Notfall ist da. Nur Plan B hat sich damit auch erledigt.

Neuer Plan nicht in Sicht.

Scheiß-Plan

Dass mein Plan B ein echter Scheiß-Plan war, wird mir direkt am Anfang meiner kleinen innerlichen Evaluationsrunde klar. Er scheitert schon ganz am Anfang: Definiere „Notfall“, höre ich den Klugscheißer in mir mit arroganter Miene sagen.

Ich dachte an etwas wie „bored out“, chronische Unterforderung, Sinnkrisen oder Ähnliches, versuche ich mich zu verteidigen. Wer soll denn bitte auf Krankheiten kommen? Ich?! Unfall oder Krebs, ok, aber Migräne, Angst und Aua? Also, bitte … !

Weicheier und Verpisser reichen die Rente ein. Die Jungs in Fallschirmseide mit „Rücken“, die sich kaputtschreiben lassen, um unter der Woche bei Karl-Heinz den Kleingarten umzugraben. Die, die braungebrannt den ganzen Vormittag mit Lederschlappen und Bierflasche auffe frisch (selbst) gepflasterte Terrasse sitzen und zugucken, wie’s Gras wächst und nebenbei schwarz mehr Geld verdienen als vorher in ihrem Hanseljob – das sind die, die Rente einreichen.

Das bin ich nicht. Ich bin Supertanja! Kann alles, macht alles, weiß alles – vor allem besser. Rente, pah!

Wenn man – wie ich – seine Grenzen nicht kennt und davon ausgeht, unkaputtbar und so was wie ein Superheld zu sein, der niemals schwächelt und von einer ewig sprudelnden Energiequelle angetrieben wird, dann kommt so etwas wie „nicht mehr für meinen Lebensunterhalt und den meines Kindes sorgen können“ nicht vor. Das gibt es einfach nicht.

Wieder ist es mein Hausarzt, der mich auf der rationalen Ebene zu packen kriegt:

„Schreiben Sie doch mal auf, was realistisch leistbar ist für Sie. Was Sie wirklich können. Dann entscheiden Sie und wir gucken mal, wie wir weiter verfahren.“

Zuhause mache ich eine Tabelle.

Es gibt grob drei Befindlichkeitsstufen: Stufe 1 (ca. 15 Tage im Monat), Stufe 2 (ca. 10 Tage im Monat), Stufe 3 (ca. 5 Tage im Monat).

In den Stufen beschreibe ich mein jeweiliges Leistungsvermögen in verschiedenen Dimensionen:

  • Mentales (Wahrnehmung, Konzentrationsfähigkeit usw.),
  • Körperfunktionen (Mobilität, Fertigkeiten, Schmerzintensität usw.),
  • Soziales (Kommunikation, Familiäres usw.).

So entsteht auf 2 DIN A 4-Seiten ein plastisches Bild von dem, was ich in der Lage bin zu leisten. Das alles so schwarz auf weiß, sachlich beschrieben zu sehen, hilft mir dabei, meine Situation realistisch einzuschätzen. Es sieht nicht gut aus.
Mit meinen Tabellen gehe ich wieder zum Arzt.

Sage: “Mir bleibt nichts anderes übrig. Ich muss das machen mit der Rente.“
Er: „Machen Sie das. Aber rechnen Sie damit, dass das nicht schön wird.“
„Denke ich mir“, sage ich, „aber sehen Sie eine Alternative?“
„Nö“, lautet die simple Antwort.

Auch die Neurologin sagt: „Machen Sie das unbedingt!“
Zusammen mit dem Oberarzt in der Schmerzklinik sind das jetzt drei Ärzte, die unabhängig voneinander zum gleichen Ergebnis kommen. In Verbindung mit meinem selbsterstellten Leistungsbewertungsschema und der Ansage meiner Rechtsanwältin, dass genau für Menschen wie mich unser System diese  – zunächst ja mal befristete – Erwerbsminderungsrente vorgesehen hat, steht der Entschluss dann fest, diesen dämlichen Antrag zu stellen – mit allen (vor allen Dingen finanziellen) Konsequenzen.

Der alljährliche Schrieb über die zu erwartende Rente im Ernstfall zeigt: Alle Träume, Wünsche, Zukunftsvisionen für mich und meine Familie kann ich damit erst mal abhaken. Ich schaffe es im Erwerbsminderungsfall demnach nicht mal in die Nähe der Armutsgrenze. Kein Wunder, ich geh zwar jobben seit ich 15 bin, aber ich bin erst spät ins volle Erwerbsleben eingetreten und seit mein Sohn auf der Welt ist, konnte ich immer nur in Teilzeit arbeiten.

Die zig Seiten Antragsformulare, Zusatzbögen und Nachweise bearbeite ich in den nächsten Wochen wie in Trance. Gewissenhaft fülle ich alles aus, was abgefragt wird. Schulische Ausbildungen, Studium, Zeiten der Kindererziehung und sämtliche berufliche Tätigkeiten der letzten 25 Jahre. Gut, dass ich so pedantisch bin und sogar meine Praktikumsbescheinigungen und Vorlesungsnachweise von vor 20 Jahren aufbewahrt hatte. Wer hätte gedacht, dass ich die noch mal brauche?

Ende Oktober fährt mich mein Mann mit dem dicken Umschlag für das Rentenamt zur Post. Den gebe ich als Maxibrief per Einschreiben mit Rückschein auf. Als ich mit meinem Klappkrückstock durch die Schiebetür des Postgebäudes wieder nach draußen gehe, komme ich mir 50 Kilo leichter vor.

Im Auto kullern mir Tränen aus den Augen und ich lerne:

Auch Kapitulation bringt Frieden.