Schlagwort: Krankheitsbewältigung

050 // annehmen – aushalten – abhaken

Auf dem Weg in den Kurzurlaub nach Ostfriesland ist es mal wieder soweit. 5 Minuten vor’m Ziel:
Basilarismigräne.

Jetzt heißt es, sich an die eigenen Ratschläge zu halten. Annehmen – aushalten … läuft.

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Wie genau ich aus dem Auto auf die Couch kam, weiß ich nicht mehr. Aber ein Extra-Beutelchen Magnesium, eine Runde “nicht drüber ärgern” und zwei Stunden später klappt das auch mit dem Abhaken heute ganz gut: Abends liege ich mit Sonnenbrille und Schlapphut noch ein bisschen im Schatten auf der Terrasse …  😎

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Fury ist stolz auf mich … ich auch 😉

022 // Migräne ist kein Arschloch. Unerwartete Wendung mit Pferd.

Während ich auf meine Aufnahme in der Klinik in Kiel warte, verfluche ich die Migräne und beschimpfe sie regelmäßig als Arschloch. Mein Therapeut und ich mühen uns in mehreren Hypnosesitzungen mit ihr ab. Bis eine unerwartete Wendung die Krankheitsbewältigung erdrutschartig forciert.

Mein Unterbewusstsein (das arrogante kleine Miststück) teilt mir mit, dass es meine Migräne gar nicht als Defekt sieht. (Das hätte es auch mal eher sagen können). Sie war immer schon da und gehört zu mir – seit meiner Entstehung. “Die Migräne ist einfach das Strickmuster deines Gehirns”, sagt mir mein Unterbewusstes. “Es funktioniert einfach so. Zum Arschloch wird es nur, wenn das Drumherum, also die Lebensumstände, Reize oder Eindrücke einen Störfall triggern”.

Ach …

So hab’ ich das noch gar nicht gesehen.

Ist das vielleicht der Grund, warum es nie eine ursächliche Therapie dagegen geben kann, die die Persönlichkeit unangetastet lässt? Eine Frage, die erst mal unbeantwortet bleibt.

Es vergehen ein paar Tage, bis ich dieses lebensversauende Monster ganz neutral als Funktionsmuster meines Gehirns anerkennen kann. Ich stelle mir meine Migräne nicht mehr wie ein böses Etwas in meinem Kopf vor, das es zu eliminieren gilt, sondern ich sehe mein Gehirn als Ganzes mit bestimmten Eigenschaften, wie die eines englischen oder arabischen Vollblut-Pferdes: Wunderschön, hochleistungsfähig, aber auch anfällig für jeden kleinen Mist.

Schnell rennen und toll aussehen, aber bei der kleinsten Störung durchdrehen – das ha’m wa gerne. Wo jeder dösige Ackergaul ruhig grasend auf der Koppel steht, zittert und vibriert mein Fury* schon unruhig beim kleinsten Geräusch oder Windhauch. Jetzt noch ein Motorenstart in der Ferne und das Vieh dreht am Rad. Da is’ der Name echt Programm: Fury (= Furie) rennt wie von der Tarantel gestochen los bis er schweißgebadet mit Schaum vor’m Mund, vollkommen erschöpft in der letzten Ecke der Koppel stehen bleibt.

Jede Annäherung unmöglich.

Bis er wieder friedlich ist, vergehen ein bis zwei Tage in denen er fix und fertig unter irgendeinem Apfelbaum lungert.

Ja, so isser, mein Fury.

Keine Überraschung

Wer mir ein bisschen in meinem Blog gefolgt ist, hat vielleicht langsam eine Ahnung davon, wie es in meinem Kopf den ganzen Tag zugeht: Ich kann sieben Sachen gleichzeitig denken, mein IQ wurde mehrfach mit weit überdurchschnittlichen Werten gemessen und aufgrund meiner kindlichen Erfahrung mit den Befindlichkeiten meiner Bezugspersonen wurde Sensibilität besonders trainiert, um Gefahrenpotenziale frühzeitig erkennen zu können. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass dieser Dauer-Denk-Apparat extrem anfällig für Überlastung, Störfälle und Fehlfunktionen ist. Was kann man anderes erwarten?

Der Hass auf meinen kaputten Kopf verwandelt sich langsam in Mitgefühl.

Fury kann nix dafür – ich kann nix dafür. Fury kann sich nicht zum lethargischen Hängebauchschwein umoperieren lassen – ich kann ihm nur helfen, in dem ich die Reize von außen und innen im grünen Bereich halte.

Wir sitzen in einem Boot. Wissen um des anderen Nöte und können ihm doch nicht helfen. Mehr als eine wohlwollende, friedliche Koexistenz ist nicht drin.

Dummer Esel und blöde Ziege

Manchmal sind wir beide zickig. Ich werfe ihm dann Egozentrik und Arroganz vor, er mir Rücksichtslosigkeit, Unbelehrbarkeit und eine vollblutunwürdige Unterbringung. Manchmal reibe ich ihm vorsichtig mit Stroh den schweißnassen Hals ab und versuche, ihn mit meiner Aufmerksamkeit zu besänftigen. Manchmal drückt er seine Nase an meine Schulter oder macht mich mit einem Anfall auf totale Überlastung aufmerksam.

Wir kommen schon irgendwie klar.

Erst jetzt merke ich, wie passend die Analogie von Monty Roberts, dem Pferdeflüsterer und meinem Therapeuten ist. Wenn ich bei ihm in der Praxis bin, kann die Welt untergehen, da is’ alles safe. Ein Schnipp, ein „Schlaf!“ und ich mach’ mich auf den Weg in die Ruhezone meiner Seele. Selbst wenn Fury rumzickt, kann ich das Tierchen als Teil meiner Existenz akzeptieren und dem Rest Ruhe verordnen lassen. Davon haben alle was.

Das hat zwar wenig Einfluss auf die Häufigkeit und die Intensität der Migräneanfälle, aber mir gelingt es immer besser, mich innerlich von ihnen zu distanzieren – auf eine gesunde Art und Weise.

Aus Dankbarkeit und einer gehörigen Portion Eigennutz, schenke ich meinem Therapeuten ein kleines steinernes Pferdchen, mit der Bitte, es irgendwo in der Praxis aufzubewahren. Die Vorstellung, dass ein kleiner Teil von mir auf diese Art und Weise immer in Sicherheit ist, tut einfach gut.

Tausend Dank!

 

 

*Fury (englisch für Wut, Furie) ist der Name eines Pferdes aus dem Roman Fury von Albert G. Miller und einer gleichnamigen Fernsehserie aus US-amerikanischer Produktion. (Quelle: Wikipedia) – Hier das Intro:

Fury – Intro – Bobby Diamond, Peter Graves, Ann Robinson

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