Schlagwort: Krankheit

076 // Kranke Kommunikation

Krankheit ist ein guter Lehrer, ja, aber sie kann auch Störer und Weltverdreher sein, denn Krankheit wirkt sich auf alle Lebensbereiche und alle menschlichen Interaktionsfelder aus.

Wie meine Krankheit beispielsweise auf die Kommunikationsfähigkeit einwirkt, zeigt eine kleine Situation, bei der ich mich neulich fragte, wie schlimm es mit mir noch werden wird …

Auf der Seite einer Physiotherapie-Praxis lese ich (auf dem Handybildschirm) „Physiotherapie –
Offene Stellen“

Als jung dynamischer zweckentfremdeter Lohnarbeiter, der ich einst war, hätte ich hierbei natürlich sofort an die nächste Stufe der Karriereleiter gedacht.

Aber als (dazu noch leicht autistisch veranlagte) Kranke assoziiere ich spontan stattdessen: …

Na? Was?

Richtig: Wunden, Geschwüre und grausliche Dekubitus-Fälle.

Dazu fällt mir dann nur noch eins ein:

Picard Facepalm

Dieses Video ansehen auf YouTube.

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(Quelle Titelbild: movida-physiotherapie.de)

071 // Insta-Challenge #ichundmeinepsyche

Seit gestern gibt es auf Instagram eine tolle Aktion, die von der Userin freudmich ins Leben gerufen wurde. Eine Insta-Challenge, die an fünf aufeinander folgenden Montagen auf das Leben mit psychischen Erkrankungen aufmerksam machen und Stigmatisierung entgegen wirken soll.

Sie schreibt:

„ 17,8 Millionen Deutsche erkranken jährlich an einer psychischen Störung. Ob selbst betroffen, Freunde, Arbeitskollegen oder Familie: Wir sind alle entweder direkt oder indirekt damit konfrontiert.
Am Tag eins wollen wir darauf aufmerksam machen, dass psychische Störungen keine Seltenheit sind. Machste mit? ☺️ Poste dazu ein Bild mit der Zahl (17,8 Mio) und verwende den Hashtag #ichundmeinepsyche “
Quelle: instagram.com/freudmich

Ich habe natürlich mitgemacht – Ehrensache 😉

Gerade, weil ich weiß, wie schwer es fällt, die Fassade fallenzulassen. Es gibt noch so viele Vorurteile und Stigmatisierungen, die mit einer F-Diagnose gratis frei Haus geliefert werden, dass sich einem der Magen umdreht. (Das nennt man dann „psychosomatische Beschwerden“ ;-))

Vor ein paar Tagen noch, sprach ich mit einem Mann, der offensichtlich seit Jahren an Depressionen und allerlei somatisiertem Unbill leidet, sich dies aber niemals eingestehen würde, weil er unter anderem Angst hat, mit einer solchen Diagnose im Alter schneller entmündigt werden zu können.

Muss man mal kurz einwirken lassen …

Mich machen solche Aussagen sprachlos. Sie zeigen aber, das wir was tun MÜSSEN.

WIR, die wir uns äußern und zu Wort melden können, müssen aus’m Quark kommen und ins Licht der Öffentlichkeit treten, um zu zeigen, dass wir keine Aliens mit sieben Nasen und acht Ohren sind (dies schrieb ich auch so ähnlich einer Instagrammerin, die sich nach langem Überlegen doch dazu durchgerungen hat, ihr – wirklich hübsches – Gesicht zu zeigen).

Natürlich gibt es unter den psychisch Kranken auch Extremfälle oder Menschen, die mit Hirnanomalien auf die Welt gekommen sind, die sie daran hindern, sich „normal“ zu entwickeln. Auch gefährliche “Verrückte” sind unterwegs – keine Frage.

In den allermeisten Fällen (das ist meine feste Überzeugung und Zahlen suche ich später noch) sind es aber nicht die Hirnkranken (zu denen ich mich aufgrund der Migräne genau genommen auch zählen müsste) oder die Psychopathen, die wir in den Statistiken der psychischen Krankheiten sehen, sondern es sind die ehemals „normalen“, liebenswerten kleinen Menschen, die man in die Welt gesetzt hat, ohne sie zu fragen, ob sie das unter den ihnen gegebenen Umständen überhaupt wollen.

Die sogenannte „Umwelt“, Menschen, denen wir unser Leben anvertrauen mussten, Menschen, die wir geliebt haben, Menschen, die uns enttäuscht, gequält und missbraucht haben, Menschen, die unsere Hilferufe ignoriert haben, Menschen, die uns als zu schwach aussortieren, haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind: psychisch krank.

Auslöffeln können wir die Suppe in der Regel alleine.

Die meisten von uns schaffen das auch. Aber viele eben nicht. Psychische Erkrankungen enden oft tödlich, das sollte jedem klar sein. Nicht nur die Selbstmörder gehören zu den Opfern, auch ein großer Teil der Herz- / Kreislauf- und Krebstoten könnte noch leben, wenn ihre Psyche sie nicht noch zusätzlich geschwächt hätte – davon bin ich überzeugt (ohne belastbares Zahlenmaterial parat zu haben).

Hier jedenfalls mein Beitrag an Challenge-Tag 1:

„ Tolle Idee von @freudmich -
Ich mache mit! Für Aufklärung und Entstigmatisierung halte ich meine Rübe gerne ins Licht ... 😉 🙂 Das muss sein, denn WIR müssen uns nicht verstecken. WIR sind nicht Schuld an dem, wie es uns geht. WIR haben uns unsere Situation nicht ausgesucht, aber WIR müssen damit leben. Leider werden WIR immer mehr. Mal sehen, wie viele WIR noch werden müssen, bis auch der letzte verstanden hat, dass eine psychische Krankheit kein Zeichen von Schwäche ist. Ein Leben mit psychischer Erkrankung ist nichts für Weicheier: Es ist Kraftsport, Drahtseilakt, Marathon laufen, Jonglieren, Jagen, Angeln, Balancieren und: mit den Monstern kämpfen.
Jeden Tag. Jede Nacht.“

035 // Die unsichtbaren Krankheiten

„Du siehst doch gar nicht so krank aus.“

Wie ich diesen Satz liebe …

Schmerzen und Migräne können Außenstehende nicht sehen. Da liegt die Vermutung nahe: „Die hat doch gar nichts. Die kann uns viel erzählen.“
Im Grunde stimmt das natürlich. Wer nicht grade seine speziellen aktuellen Blutwerte oder ein mobiles MRT-Gerät dabei hat, dem fällt es schwer, die messbaren Vorgänge im Gehirn zu visualisieren. Der sieht eben fit aus. Vor allem, wenn er noch nicht so alt ist. Da Mitmenschen zunehmend geizig werden mit Verständnis, Rücksicht oder Anteilnahme hier mein Tipp:

Um im Alltag Aufmerksamkeit zu bekommen, mach’ Dir lieber ‘nen Verband um den kleinen Finger oder renn’ mit hochgekrempelter Hose durch’s Büro, um allen Deine neuesten blauen Flecke zu präsentieren. DAS macht Eindruck.

Deine Schmerzen interessieren keinen. Man muss schon was sehen können.

Pneumatische Plastologie

Aber einige Migräniker haben’s gut: Manchmal sieht ihr Gesicht aus wie eine Hüpfburg. Die können dann zwar nicht durch’s Büro laufen, aber sie können mal ein Foto ins Internet stellen. Endlich sieht man denen die Krankheit mal an. Dann sehen selbst kritische John Wayne-sozialisierte ältere Herren, dass „die wirklich was hat und sich nicht nur anstellt, oder bei unangenehmen Aufgaben in die Krankheit flüchtet“.

Ich staune bei diesen Gelegenheiten immer, wie schön glatt auch meine Stirn noch sein kann, wenn die ansonsten canyonartigen Furchen mal gut ödemisch unterpolstert sind.

Migräne tut nicht nur weh, die sieht manchmal auch Scheiße aus.

Simulant und Verpisser

Immer wieder wurde ich in der Vergangenheit als Simulant und berechnender Verpisser dargestellt. Natürlich kann man sagen: „Da musst Du doch drüber stehen.“ Da sag ich: „Tu’ ich aber nicht.“
Von Kollegen erfahre ich zum Beispiel nach meiner Mandeloperation, dass sie der Meinung sind, ich würde immer krank mit Ansage. Klar, wenn ich morgens mal wieder solche Mandeln

mandeln

und Fieber habe, äußerte ich schon mal ein vorsichtiges: „Ich glaub’ ich werd’ krank.“ (Originalfoto)

By the way: Man kann wirklich nicht zu einem Pläuschchen ins Büro kommen, wenn der Magen und seine Nachbarn vor ein paar Tagen auf diese:

magen-op

Art und Weise operativ verwurschtelt wurden. (Originalfoto)

Und: Nein, ich verpisse mich nicht. Die Angst davor ist viel zu groß. Wie groß, können sich die meisten gar nicht vorstellen. Darüber sollten sie froh sein.

Die unzähligen Male, die ich mit Migräne, Rückenschmerzen oder eitrigen Mandeln und Gallenkoliken meine Arbeit gemacht habe, hat niemand auf dem Schirm, weil ich es gut versteckt habe. Mit der Gürtelrose bin ich auch ins Büro gegangen. Zwar wusste ich nicht, dass es eine Gürtelrose war, aber wegen Schmerzen schon wieder fehlen? Nein, nein, dann lieber Schmerzmittel rein und los. Oh, keine Angst, alles war steril verpackt und zum Heulen bin ich auf’s Klo gegangen. Nicht, dass meine Krankheiten noch jemanden belästigen.

Ich war richtig gut im Gesund-Tun und Auf-Stark-Machen.

Alles nich’ so schlimm

Sprüche wie: „Stell Dich nicht so an!“ und „Guck mal, was andere alles aushalten müssen!“, habe ich sozusagen mit der Muttermilch eingesogen. Wobei in diesem Punkt nicht meine Mutter die treibende destruktive Kraft war.

Mein Vater, das jüngste von vier pommerschen Flüchtlingskindern einer alleinerziehenden Mutter, deren Mann auf dem Weg nach Sibirien irgendwo verschollen, und Augenzeugen zufolge unterwegs an Typhus gestorben war, wurde in Ermangelung des Vaters von Kino-Cowboy John Wayne erzogen.

Der Mann in Zitaten (also mein Vater – nicht John Wayne ;-)):

„Rumflennen bringt da jetzt auch nix.“ – „Reden, wieso reden? Worüber denn?“ – „Science fiction? So’n Blödsinn – alles ausgedachter Mist.“ – „Büro? Das ist doch keine Arbeit!“ – „Ein Mann der weint, is’ doch kein Mann, das is’ ne Memme.“ – „Wegen Kopfschmerzen geht man doch nicht zum Arzt.“ – „Schwul? Das ist doch abnorm.“ – Danke, Papa, dass du mir geholfen hast. – „Ja, muss ich ja. Gehört sich ja so.“ – Mir tun die Knochen im Bein so weh, Papa. „Du bist doch noch ein Kind, du hast doch noch gar keine Knochen.“ – „Das macht die doch mit Absicht!“ (Zu meiner Omma nach ihrem Schlaganfall, als sie halbseitig gelähmt, im Rollstuhl sitzend und schwer sprachgestört die Wörter Steckdose und Flugzeug verwechselt.) – „Ja, guck’ Dir mal xy an, was andere alles aushalten müssen!“ (auf die Nachricht, dass ich mich scheiden lassen will.) – „Du hast Dir doch noch nie ‘nen Vernünftigen gesucht!“ (im Gespräch über die Scheidung) – „Natürlich ist das DEINE Schuld!“ (als ihm eine Taube auf den Benz geschissen hat, an dem Tag, an dem ICH gefahren bin.) – „Der wird NIE den Wert der Dinge kennen lernen!“ (zu meinem 2-jährigen Sohn, als er sein Eis in den Sand fallen lässt.) – später dazu: „Natürlich bist DU da dran Schuld!“- „Was studierst Du noch mal?” (im 6. Semester kurz vor der Prüfung).

Das Blöde ist: Ich habe nicht nur ein Gehirn wie ein Pferd, sondern auch ein Gedächtnis wie ein Elefant. Jeder Spruch hat sich eingebrannt. Wie in diese kleinen Holztäfelchen, die man früher auf den grün- oder bahamabeige-gefliesten Gästetoiletten unserer Elternhäuser hängen sah. Ich hab’ alle Sprüche im Kopf. Jeden Tag.

Trotz allem fühle ich so was wie Liebe, Zuneigung und Verbundenheit zu diesem Menschen, aber ich weiß genau, dass die emotionale Verstümmelung, die er da in sich trägt, die Verbindung an vielen Stellen sehr fragil macht. Am besten nur an der Oberfläche kommunizieren und nichts hinterfragen, dann kann er echt witzig sein. Und hilfsbereit. Muss er ja. 😉

Zu Tieren hat er ein besseres Verhältnis. Ich hab’ ihn außer nach dem Tod seiner Mutter nur weinen sehen, als unsere Hunde gestorben sind. OK, weinen ist vielleicht übertrieben, aber er hat sich mit seinem Baumwolltaschentuch, dass er immer in der Hosentasche trägt, die feuchten Augenwinkel abgewischt.

Das Apfel / Stamm-Problem

Schlimm für mich: Ich habe irgendwann seine Maßstäbe in meine Persönlichkeitsstruktur übernommen. Habe alle körperlichen und erst recht die seelischen Verwundungen und Schwächen ignoriert, geleugnet oder versteckt. So wie ich es gelernt habe. Systematisch hat man mir das Bauchgefühl abtrainiert. Als ich älter wurde, hab’ ich die Kontrolle selbst übernommen und bin mit mir selbst mindestens so schlecht umgegangen, wie ich es anderen heute vorwerfe. Verrückt.

Das ist nicht gesund und macht es anderen schwer, dich als verwundbares Wesen zu sehen. Das wiederum führt dazu, dass sie dich auch nicht wie ein solches behandeln. Du steckst alles ein und wehrst dich nicht. Was innen ist, sieht keiner. Die meisten interessiert es auch nicht, aber das ist ok, die meisten Menschen interessieren mich ja auch nicht.

Ich weiß nicht genau, welcher Zusammenhang zu meiner Angst vor dem Falsch-Verurteilt-Werden besteht, aber irgendeinen gibt es – ganz bestimmt. In mir schreit alles und raus kommt nichts. So habe ich das gut 40 Jahre lang gehandhabt.

Irgendwann kamen die ersten Quittungen: In Form einer Gallen-Not-OP, chronischer Mandelentzündung, (unbehandelter) Gürtelrose, eines gerissenen Zwerchfells, zweier Bandscheibenvorfälle und Vorwölbungen, kaputter Venen, Tinnitus und einem hübschen Konglomerat an psychischen Folgeschäden: Angst, Panik, Depression und Schmerzen im ganzen Körper.

Ich bin fertig. Mit 43.

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