Schlagwort: Krankenkasse

021 // Elefantenbeine, Speckarme und Schmerzen: Lipödem plus X

Die Diagnose Lipödem trifft mich in der Praxis des Gefäßspezialisten nicht ganz unvorbereitet. Internet-Recherchen sind nicht immer böse. Wenn man die Quellen sehr genau prüft, sein eigenes Hirn eingeschaltet lässt und sich nicht blind auf alles verlässt, was geschrieben steht, kann es eine große Hilfe sein. So wurde mein Verdacht, dass es sich bei meinen deformierten Beinen und wahrscheinlich auch bei den Beschwerden an den Armen nicht um angefressenes Fett handelt, vom Phlebologen bestätigt.

Auch die Venen-Operation als letzte Hoffnung auf Besserung brachte keine Entwarnung. „Therapiert“ wird heutzutage mit lebenslanger Kompression in Strumpfform und apparativer Lymphdrainage – für die wirkungsvollere, manuelle Lymphdrainage gibt es bei den meisten Ärzten keine Rezepte mehr.

Einzige dauerhaft helfende Möglichkeit ist die Liposuktion – das Absaugen der entarteten Fettzellen. Kosten für Arme und Beine: Um die 15.000 Euro. Hab’ ich natürlich nicht. Krankenkasse? Ha, ha – Die zahlen lieber lebenslang Kompressionsstrümpfe, apparative Lymphdrainage und die Kosten für Folgeerkrankungen wie vorzeitigen Gelenkverschleiß, Hautschäden, Lymph-Erkrankungen und psychische Probleme. Ach, ja, für garantiert wirkstofffreie Zuckerkügelchen (Homöopathie) muss ja auch noch Geld übrig bleiben.

ZUM KOTZEN IST DAS!

Presspellen und Gummihandschuh

Nach anfänglichen Schwierigkeiten und allergischen Reaktionen auf das Material der halterlosen Gummistrümpfe, zwänge ich mich fortan jeden Tag mit Hilfe von Gummihandschuhen in meine mit einem Bauchgurt zu verschließenden, hautfarbenden Presspellen. Das heißt, wenn ich es alleine schaffe. Wöchentlich werden die Schmerzen in meinem Körper mehr. Rücken, Arme, Beine, Hüfte, Hände … alles schreit um Hilfe.

Dazu kommt ein sich ständig aufblähender, druckempfindlicher Bauch nach der Zwerchfell-OP, was mir oft bis zu 12 Zentimeter mehr Bauchumfang im Laufe eines Tages beschert.

Dehnbund und Klettschuh sind meine besten Freunde.

Krankengymnastik wird aufgrund der Budgetierung vom Hausarzt nun auch nicht mehr verschrieben. Facharzttermine in erreichbaren Praxen gibt es mit Wartezeiten von drei Monaten für bereits dort behandelte Patienten bis sieben Monaten für neue Patienten (wenn diese überhaupt angenommen werden).

Die Neurologin, bei der ich nach Bitten und Betteln als „Neuer“ schon nach vier Monaten einen Termin bekommen habe, möchte mich sofort in die Schmerzklinik nach Kiel schicken. Immerhin gibt es eine Perspektive, nachdem mich zwei ihrer Kollegen komplett abgelehnt haben und einer sich mit meinem Krankheitsbild überfordert sah, muss ich zufrieden sein.

Um das 30-seitige Aufnahme-Formular der Klinik auszufüllen, brauche ich zwei Wochen. Früher wär’ ich in ‘ner Stunde fertig gewesen damit. Ich warte auf den Aufnahme-Termin …

Insgesamt fünf Monate soll ich warten. Beeindruckend, zumal ich als dringlich eingestuft bin. Wie vielen Menschen geht es dann wohl genau so scheiße wie mir? Jeder einzelne tut mir leid. Ich mir auch.

In den kommenden Wochen habe ich viele Termine für den Lymphomat: Zwei um die Beine liegende Schläuche blasen sich rhythmisch auf und sollen so die Schwellungen in Schach halten. Wenn’s hilft …

Es tut jedenfalls ganz gut und manchmal schaffe ich es sogar, mal keinen Termin wegen der Migräne abzusagen.


Lipödem
Den aktuellen Stand und gute Sachinformationen über die Erkrankung Lipödem gibt es auf der Seite der Lipödem-Hilfe e.V. unter http://www.lipoedem-hilfe-ev.de

Homöopathie
Eine gute Adresse für Informationen zum Thema Homöopathie, auf das ich sicher später noch mal zurückkommen werde gibt es hier: http://www.netzwerk-homoeopathie.eu/

009 // „Das Schlimmste“ – TK-Programm “Schmerzfrei leben” (Teil II)

Am Anfang der dritten und letzten Programmwoche meines Rückschmerz-Programms geht es bei 37 Grad Außentemperatur und gefühlten 47 im Wartebereich der Arztpraxis zur Sache:

“Die Hitze – das ist das Schlimmste!”, höre ich eine pummelige Dame, mit braunen Locken, weißer Popelinehose und sich langsam auflösenden Bast-Schühchen zu einem Herrn sagen. Der schleppt sich grade mühsam auf seine Krücken gestützt zwei Meter über den Flur zu der dort platzierten Sitzgruppe.

Die Frau steht auf, setzt sich auf einen anderen Platz, neben einen anderen Herrn – den kennt sie wohl bereits. “Das Warten – das ist das Schlimmste!”, schnaubt sie und wischt sich mit einem kleinen Handtuch durchs Gesicht. Eine Tür geht auf. Das Startsignal für mich und fünf weitere Schmerzpatienten zur psychotherapeutischen Gruppensitzung. Frau Pummel ist auch mit von der Partie. Die Therapeutin bittet uns, ein kleines Piktogramm an das aufgestellte Flipchart zu zeichnen. Es soll unseren momentanen Gemütszustand beschreiben.
Herr Bärtig malt einen gelben Smiley, lächelnd – läuft. Bei Herrn Vokuhila läuft’s gar nicht: Er malt eine orangefarbene Mundwinkel-Nach-Unten-Version. Herr Ringelpulli: Grüner Haken – alles tutti. Herr Handballer: Blauer Smiley, wellenförmiger Mund und Kugelaugen – geht so. Ich male einen schwarzen Smiley mit Fragezeichen als Nase – mal gucken. Frau Pummel springt auf und kritzelt unter alles ein großes, schwarzes Fragezeichen.
“Die vielen Fragen – das ist das Schlimmste!”, zetert sie und drückt sich das kleine Handtuch ins Gesicht.

Balla Balla

Die Therapeutin hatte für diesen Termin ursprünglich eine Einführung in die „Progressive Muskelentspannung“ nach Jacobson plus Wärmeübung vorgesehen. Die gruppenspezifische Begeisterung dafür hält sich in Anbetracht der Wetterlage in Grenzen. Stattdessen soll die “Übung mit dem Ball” folgen. Keiner wehrt sich. Nur Herr Vokuhila wirft ein:
“Was?! Bälle fangen?! Wir ham doch alle Rücken!”, regt er sich auf.
Herr Vokuhila ist neu in der Gruppe. Er weiß noch nicht um die universalenergetisch positive Wirkungsweise des Lederballwerfens mit mehreren Bällen in der immer gleichen Abfolge: Herr Ringelpulli zu mir, ich zu Herrn Bärtig, Herr Bärtig zu Herrn Vokuhila, Herr Vokuhila zu Herrn Handballer, Herr Handballer zu Frau Pummel, Frau Pummel zur Therapeutin, die Therapeutin zu Herrn Ringelpulli, der wieder zu mir und so weiter …
Wir legen los. Bällchen fangen macht Spaß und alle sind total gut drauf. Von Wurf zu Wurf werden die kleinen Bälle klebriger. ‘Jetzt haben ALLE ALLES’, denke ich und stelle mir die Heerscharen von Bazillen vor, die jeder von uns an seinen schweißnassen Händen kleben hat. Jetzt bloß nicht ins Gesicht fassen!
In der dritten Runde gibt Frau Pummel auf und setzt sich hin. “Das Stehen – das ist das Schlimmste!”, seufzt sie. Die Therapeutin stellt freundlich fest, dass man Bälle auch im Sitzen fangen kann und wirft der leidenden Lockenträgerin den Ball in den Schoß. Frau Pummel nimmt ihn widerwillig.
“Geht’s so?”, fragt die Therapeutin.
Frau Pummel stiert auf den Ball. Dann kocht sie langsam über: Sie springt auf und fängt an zu schimpfen. Es würde ihr nicht geholfen, ihr Leben sei furchtbar. Die Therapeutin versucht, ihr Mut zu machen. Ermuntert sie, die ihr gestellten Aufgaben im Leben anzunehmen und ihren Weg zu finden.
Das ist zu viel für Frau Pummel.
“Die nette Ärztin ist weg – das ist das Schlimmste!”
Sie steht auf und geht zur Tür. „Ja, da hat sie aber auch wirklich Recht“, sagt Herr Bärtig und schaut die Therapeutin vorwurfsvoll und auffordernd an. Die sagt: „Ja, das ist wirklich Schade, dass Frau Dr. B. weg ist.“
„Ich hab’ meinen Job verloren, wegen der Scheiße hier. DAS ist schlimm!“, sagt Herr Handballer und zeigt dabei auf seinen Nacken. „Mir bringt das hier alles GAR nichts“, wettert Herr Vokuhila.
“Also mir hat man geholfen“, brummt Herr Ringelpulli. Plötzlich schauen sie alle zu mir.
Ich will nichts Falsches sagen. Denke darüber nach, was für mich hier das Schlimmste ist, ohne offen Kritik an jemandem üben zu müssen. Was das sein wird, kann ich zu diesem Zeitpunkt auch noch gar nicht wissen, denn das erlebe ich erst drei Tage später …
Jetzt sage ich: „Also mir macht die Hitze echt zu schaffen.“
Allgemeine Zustimmung. Erleichterung. Die Therapeutin entscheidet, die Sitzung aufgrund der Wetterlage zu beenden.

Es gibt Schlimmeres … 😉

008 // “I feel pretty …” – TK-Programm “Schmerzfrei leben” (Teil I)

Nach fünf Wochen AU und der Diagnose „HWS-Prolaps in C5-C6 und C6-C7“ muss es endlich vorwärts gehen. Meine Geduld ist am Ende. Ich melde mich für das integrierte Versorgungskonzept bei Rückenschmerzen “Schmerzfrei leben” meiner Krankenkasse, der Techniker, an. In einem schönen bunten Flyer wird erklärt, dass „ausgewählte Fachärzte, Verhaltens- und Physiotherapeuten dabei eng und effektiv zusammen [arbeiten] und so die Heilungschancen [erhöhen].“

Das will ich. So geht’s voran.

Mit dem Orthopäden, seinem Kortison und seinen Theken-Schlampen war ich fertig.
Darf man Schlampen sagen? Es ist angemessen, also bleibt es stehen. Außerdem bin ich nicht ganz dicht, übersensibel und in einem emotional labilen Zustand. Da muss man mit sowas rechnen.

Der Weg in die Hölle führt auch durch schöne Gärten…

Bei einem diagnostischen Screening, das sich anfühlt wie ein Bewerbungsgespräch, wird entschieden, wer bei dem Programm mitmachen darf. Die mir zugeteilte Praxis ist nicht nur auf Rückenschmerzen spezialisiert, sondern auf Migräne und Schmerztherapie im Allgemeinen. So pflückt Frau Dr. B. mein gesamtes Schmerzerleben in nullkommanix auseinander und erklärt mir die kausalen Zusammenhänge der unterschiedlichen Baustellen in meinem Körper.

Einige meiner Beschwerden seien ganz klar auf meine, seit der Kindheit bestehende Migräne zurückzuführen. Nervus trigeminus heißt der Schlingel, der da vorwiegend in meiner linken Gesichtshälfte seinem Namen alle Ehre macht und rumnervt. Ein großer Teil der Nackenschmerzen, Schwindel und Gefühlsstörungen seien dadurch erklärbar. Das ist mir neu. Hat mir noch keiner gesagt. Zum ersten Mal seit langer Zeit, habe ich das Gefühl, dass da ein Arzt seinen Job gut macht.

Arm und Schulter-Schmerzen hingen eher mit den Bandscheibenschäden zusammen. Die kriege man bestimmt in den Griff. Hinzu kämen allerdings die psychosozialen Faktoren, die das gesamte Schmerzerleben und die Migräne triggern und beeinflussen können. „Ganz wichtiger Punkt“, sagt sie. Klingt plausibel.

Eine Stunde Später hab’ ich den Therapieplatz und ‘nen Sack voll Hoffnung.

Ich freue mich, obwohl sich mir allein bei dem Gedanken an die Fahrten zu den Therapeuten der eh schon rebellische Magen umdreht. An manche Fahrten kann ich mich nicht erinnern. Zu den ersten Terminen fährt mich mein Mann, der gerade Urlaub hat. Geplant war eigentlich, diese Zeit gemeinsam am Meer zu verbringen. Jetzt stehen wir drei Tage lang gemeinsam auf der B224. Danach zwinge ich mich, alleine zu fahren. Ich will nicht dauernd um Hilfe fragen.

I feel pretty…

Unzählige Male bleibe ich auf der Strecke stehen, um meine Panik- und/oder Schwindelattacken zu bewältigen. Mein Mann coacht mich bei diesen Fahrten telefonisch über die Freisprecheintrichtung. So ganz ohne Hilfe geht es nicht. In meinem Auto riecht es penetrant nach Lavendel (Tipp von Herrn E. zur Beruhigung). An jeder Hand habe ich einen Akupunktur-Ring (zur Fokusumlenkung). Ich hasse mich für meine Unselbständigkeit, hasse die anderen, weil sie mich im Auto weinen sehen, hasse die ganze Welt, weil sie mir das antut. Aber: Ich kapituliere nicht!
Ich singe: “I feel pretty … oh so pretty …” Ich bin Jack Nicholson und Adam Sandler in Personalunion.

Die Physiotherapie tut mir gut. Vor allem die Fango-Matten und die manuelle Therapie bringen ein bisschen Erlösung. Mein programm-immanenter Physiotherapeut ist ein kräftig gebauter, nicht sehr großer Mann mit lustigen Augen und einem Bauchansatz. Das macht ihn neben den drahtig, sportlichen Surfer-Typen, die sich sonst als Physiotherapeuten verdingen und anderen gerne die Welt erklären, für mich besonders sympathisch.

Er warnt mich: „Machen Sie nicht zu schnell wieder zu viel.“ Ich verstehe nicht, was er meint. Ich tue doch alles, was ich tue nur, damit ich schnell wieder einsatzbereit bin. Damit ich wieder funktioniere und alles wieder ist wie früher …

In der zweiten Woche geht gar nichts mehr: Migräne. Die üblichen drei bis vier Tage “Kopfschmerz mit Rahmenprogramm” legen mich lahm. In der Schmerzpraxis bekomme ich das erste Mal Aspisol i.V.* – schon nach fünf Minuten geht es besser. Ein Wunder!

Ich kann mich nicht daran erinnern, wie ich an diesem Tag wieder nach Hause komme. Außerdem ist mir schlecht und mir tut der Bauch weh, sehr weh …

—–

* Aspisol (= Aspirin = Acetylsalicylsäure) in ausreichender Dosierung von 1000mg intravenös (i.V.) verabreicht kann als Migräne-Akutmediaktion eine tolle Sache sein. Die Kehrseite der Medaille sind die Nebenwirkungen, die sich bei entsprechend empfindlichen Personen vor allem im Magen bemerkbar machen. Sodbrennen, Magenschleimhautentzündung, Magengeschwüre bis hin zu Magenbluten sind die möglichen unerwünschten Nebeneffekte dieser medikamentösen Schmerz-Therapie.

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