Schlagwort: Familie

060// Omma, Schalke und eine merkwürdige Art der Fortbewegung …

Obwohl sie schon so lange tot ist, hab’ ich meine Omma stets im Ohr: “Heul’ ruhig, dann muss du nich’ mehr soviel pinkeln”, riet sie des öfteren in Krisensituationen. Diesen Rat befolge ich heute sehr gewissenhaft und bilde mir ein, dass der Harndrang nach Heulkrämpfen tatsächlich deutlich weniger ausgeprägt ist 😉

Ich habe viel von und durch meine Omma (und ihre Fehler!) gelernt.

Omma wusste Bescheid – zumindest hat sie das alle glauben lassen.
Sie schimpfte, wenn ihr danach war. Sie sortierte Menschen aus, die ihr nicht gut taten. So schmiss sie den ersten Verehrer nach Oppas Tod achtkantig aus der Wohnung, nachdem dieser eine – in ihren Augen – anzügliche Bemerkung machte. “Der Saurühr!”, schimpfte sie,
“Dem werd’ ich helfen!”

Sie war ungebildet, aber clever, dominant, aber liebevoll, pragmatisch, aber idealistisch.
Vor allem aber war sie stur, dickköpfig und furchtlos.
Sie trank gerne Bier und Schnaps, kochte hervorragend frische Eintöpfe und kaufte sich von Schuhen, die ihr gut passten, immer gleich 2-3 Paar. Laufen war wichtig, denn Omma und Oppa hatten kein Auto. Es wurde alles zu Fuß mit der Einkaufskarre erledigt.
Etliche Kilometer kamen so zusammen, wenn wir in die Innenstadt marschierten, um unserer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: “Leute gucken”. Das kostete nichts und machte Spaß!

Über ihre Krankheiten schwieg Omma, oder machte sich darüber lustig.
Die blau-weißen Kniegelenks-Stützen, die man ihr nach mehreren Stürzen für ihre Arthrose-Knie verpasst hatte, kommentierte sie mit: “Ich hab’ Schalke” und lachte sich schlapp dabei.
Tabletten, die der Arzt ihr verschrieb, landeten direkt im Müll.
“Kann er alleine fressen!”, spottete sie.

Für so viel Ignoranz gab’ es später die Quittung in Form eines kapitalen Schlaganfalls, von dem sie sich nicht mehr erholen sollte.

Lerneffekt für mich: Medikamentenverweigerung nur nach eingehender Informationsbeschaffung über die vorliegende Erkrankung und Rücksprache mit vertrauenswürdigem Fachpersonal!

Bei Schutzbefohlenen (wie Kindern und Ehemännern ;-)) gilt es, doppelt und dreifach aufzupassen und nicht blind auf jeden inneren Impuls zu hören. Wenigstens darauf hatte auch Omma geachtet:
Bei meinem Oppa, der – wie ich erst als Erwachsene erfuhr – an Epilepsie litt, sorgte sie penibel dafür, dass er pünktlich seine Pillen nahm. Ok, ein langes Leben haben die ihm nicht beschert – er starb mit 63 an mehreren Herzinfarkten. Lerneffekt: Rauchen kann tödlich sein.

Omma warf sich lediglich einen Löffel brauner Kügelchen aus einer Art Kakaodose ein. Agiolax – Ein Abführmittel. Sehr beliebt bei älteren Damen und Essgestörten, wie ich später von einem Apotheker erfahre.
“Omma kann’ nich’ auf Klo”, erklärte sie immer, bevor die Kügelchen in einem Happs in ihrem Mund verschwanden. (In diesem fehlten ein paar Zähne, weil sie keinen Zahnarzt an sich ranließ. Ihr Vater hatte schließlich auch mit dem blanken Kiefer Nüsse geknackt, wie sie oft erzählte. Er war ein nicht besonders attraktiver, armer, kleingewachsener, aber immer fröhlicher, äußerst potenter Mann mit Segelohren, der keine Zähne brauchte, um 17 Kinder zu zeugen. 😀 )

Bis ins hohe Jugendalter stellte ich mir vor, wie Omma nich’ auf Klo kann. Wie sie es immer wieder versuchte, sich auf die Klobrille zu setzen, um im letzten Moment von einer unsichtbaren Macht gedrängt seitlich oder nach vorn abzurutschen. Oder, wie sie sich nicht weit genug in Richtung Keramik runterlassen konnte, um sich gemütlich sitzend zu erleichtern.

Wegen “Schalke”, vermutete ich lange. 😀

Man hatte es in meiner Familie nicht so mit bedarfsorientiertem Lernen und pädagogisch wertvollen Erklärungen. So nahm ich (dem autistischen Spektrum verdächtig nahe) stets alle beim Wort und zog meine ganz eigenen Schlüsse.

Erst 13-jährig auf der HNO-Station eines städtischen Krankenhauses, in dem ich wegen eines Rhinolithen (eine Art Nasenstein) am Tag zuvor operiert worden war, lernte ich, was wirklich mit “Stuhlgang” gemeint war. Es handelte sich doch nicht um eine merkwürdige Art der Fortbewegung … 😉

Nach dem Einlauf wusste ich jedenfalls, dass meine Antwort auf die Frage “Stuhlgang?” in Zukunft immer “Ja.” lauten würde … 😀

 

 

 

055 // Auf die Perspektive kommt es an

Es ist Sommer. Ich habe seit 3 Tagen Migräne und es wird nicht weniger. Der nächste status migraenosus? Bitte nicht.

Meine Mutter ist da, um mit ihrem Enkel ein paar schöne Ferientage zu verbringen.

Sie wollen in den Zoo.

Mit dem ÖPNV kennt sie sich nicht aus, also will ich die beiden hinfahren – is’ ja nicht weit. Keine 5 Kilometer. „Das schaff’ ich schon“, lautet mein Mantra für das waghalsige Unterfangen. Es winken ein paar Stunden ohne irgendwen um mich herum als Belohnung. Die Aufwand-Nutzen-Bilanz stimmt … noch.

Im Auto herrscht brütende Hitze. Für die braungebrannte Sonnenanbeterin mit unempfindlicher Haut und robuster Gesundheit (Oma) und den kleinen Springinsfeld (Sohnemann) ist das kein Thema.

Ich mit meiner Matschbirne und dem wahrscheinlich eh schon grenzwertigen Histaminspiegel pfeife auf dem allerletzten Loch – reiße mich aber zusammen und will das nur schnell hinter mich bringen. Ohne mich irgendwie äußerlich straßentauglich zu machen, setze ich mich mit Schlabberbuchse und T-Shirt ohne BH hinter’s Steuer – is’ ja nicht weit. Fehlen nur noch ein paar Gummistiefel und ein wenig Rauchwerk auf’m Zahn und Mama Flodder* wäre ein Scheißdreck gegen mich. Pah!

Leicht „übermotiviert“ husche ich so über die nächste Ampel. Mein Auto ist klein, aber beschleunigt relativ zügig. Ich halte mir mit einer Hand die Sonne vom Kopf als plötzlich ein grimmig schauender Mann mit kurzem Hemd und langer roter Kelle von links auf die zweispurige Straße des Industriegebietes springt und mich energisch nach rechts winkt.

Ich bremse auch für Männer 😉 , also drossele ich die Geschwindigkeit und verkneife mir ein „BIST DU LEBENSMÜDE, DU AFFE?!“

Im letzten Moment bemerke ich die anderen beiden Männer mit Mütze und Laser-Gerät auf der anderen Straßenseite. Na, Bravo! Freund und Helfer sorgen für Recht und Ordnung. Das ist ja auch richtig so. Nur heute wünsche ich mir ehrlich, sie würden sich um die wirklichen Probleme dieser Stadt kümmern. Aber ok. Ich war zu schnell. Das war falsch. Ganz einfach. Jetzt kommen die Konsequenzen.

Oma kriegt rote Ohren. Mein Sohn lacht sich kaputt.

„Mama is’ geblitzt worden! Mama is’ geblitzt worden!“, feixt er von der Rückbank.

Ich öffne die Fenster. Der Kassier-Polizist guckt durch’s Beifahrerfenster. Meine Mutter begrüßt ihn mit einem fröhlichen „Moin!“ – wie der Ostfriese das halt so macht. Mein Sohn lacht sich halb tot. Ich könnte sie beide erwürgen.

Leicht vornübergebeugt entschuldige ich mich ernsthaft einsichtig und höre mir den Kurzvortrag über meine Missetat an. 67 abzüglich 3 Toleranz – macht 14 km/h zu schnell. Der Polizist ist sehr freundlich und gibt mir noch den Tipp, hier auf die Kollegen zu achten, die stünden hier öfter’s.

Ja, das sollen sie auch. Gute Leute! Alles super.

Ich will einfach nur nach Hause. Einfach nur in Ruhe irgendwo liegen.

Auf der Rückfahrt denke ich darüber nach, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, mich zurzeit überhaupt in einem Auto sitzen zu sehen, geschweige denn auf einer zweispurigen Straße außerhalb unseres Wohngebietes mit seinen 30-Zonen. Und dann noch mit überhöhter Geschwindigkeit.

Respekt. Da waren die echt zur richtigen Zeit am richtigen Ort. 🙂

Da ich mir angewöhnt habe, in wirklich allem das Positive zu sehen, fühle ich mich kurz vor’m Abbiegen in meine Straße schon wieder richtig gut.

Ich habe grade etwas ganz Normales erlebt! Ich war zu schnell auf einer Straße unterwegs! Das muss man sich mal vorstellen! Soooo krank kann ich doch gar nicht sein.

Das Glück, dann auch noch geblitzt zu werden, wie jeder andere auch, muss man erst mal haben!
DAS nenn’ ich Teilhabe am sozialen Leben!
DAS nenn’ ich Lebensqualität!

Danke, Polizei! 🙂

 

 

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*Die Flodders sind die Protagonisten einer holländischen Film-Trilogie aus den ’90ern. Besonders “Ma Flodder” hab’ ich ins Herz geschlossen:

Ma Flodder – Kampf mit dem Hund 1 + Interview 1 (Deutsch)

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053 // Schuld

Die Frage nach den Gründen für meinen Zustand konfrontiert mich unweigerlich mit dem Thema Schuld. „Mich“ haben nicht nur meine Eltern auf dem Gewissen. Auch Ärzte, Lehrer, Arbeitgeber, Ämter und andere Systeme und Menschen haben ihren Teil zu meinem Zustand beigetragen. Und nicht zu vergessen: Ich selbst.

Die Verantwortlichkeiten sind relativ klar zu fassen, aber die Schuldfrage?

Schwierig.

Allein die verschiedenen Definitionen von “Schuld” machen mich kirre und führen zu nichts Greifbarem für mich.

Ist ein Verursacher immer Täter? Tragen alle Täter Schuld? Ist ein Verantwortlicher immer Schuldiger?

Unser Rechtssystem stellt im Verbrechensfall ja immer die Frage nach der Schuldfähigkeit. Ziel: “Die gerechte Strafe”.

In einem Prozess wird gefragt, ob jemand nach objektiven Kriterien eine Wahl hatte, anders (sozial verträglicher) zu handeln. Das finde ich plausibel, aber wenn man ganz an die Wurzeln geht, für mich nur schwer zu beantworten.

Um irgendwie zum Prozessziel, dem Urteil, zu kommen, braucht man als allererstes einen „Angeklagten“ – im besten Fall den richtigen. Da fängt der Murks schon an.

Jahrzehnte lang bin ich davon ausgegangen, alle Schuld läge bei mir. Für alles und jeden Scheiß, der in meiner Umgebung passierte, habe ich die Schuld bei mir gesucht und meistens auch irgendein Konstrukt gefunden, dass mich schuld sein ließ. Das liegt einerseits daran, dass die Seele sich so Selbstwirksamkeit vorgaukeln kann und andererseits an der für traumatisierte Menschen typischen „Grenzenlosigkeit“. Dass wir Grenzen nicht wahrnehmen können, ist ein echtes Problem. Wir sind gefangen in den Strudeln, die andere durch ihr Handeln verursachen – ob wir wollen oder nicht.

Die reinste Katastrophe für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung.

Schrittweise “Erlösung”

Eine Art ersten Schritt zur„Erlösung“ aus diesem Spektakel habe ich dementsprechend gemacht, als ich einige „meiner“ Täter zunächst mal laut als solche benennen konnte.  Das hat gedauert und war kein Spaziergang. Für Nicht-Betroffene schwer nachzuvollziehen, was das für ein Riesenschritt und Kraftakt ist, diesen abgrundtiefen Hass, die Verachtung und die Aggression jemand anderem gegenüber zuzulassen, den man „eigentlich“ liebt bzw. lieben sollte, und ihn einer „Tat“ zu bezichtigen und anzuklagen – selbst wenn es nur vor mir selbst als richterliche Instanz ist.

Das Gefühl, diese Emotionen wie schleimige, geschwürige Steine auszukotzen, habe ich auf meinem Weg bereits mehrmals gehabt. Der reinste Horror – existenzielle Grenzerfahrungen, aber immer auf irgendeine Art heilend. Dank Mike Hellwig habe ich langsam Vertrauen in diese Art der Körper- und Seelen-Erfahrung und kann sie als heilsame Notwendigkeit sehen, ja, lerne sogar, sie zu schätzen.

Im Grunde ist das sehr einfach: Nach dem Schmerz kommt die Entspannung. Eine Art Geburt. Ich finde die Analogie des „Durch-das-Nadelöhr-Gehens“ mit dem Geburtsvorgang eine interessante Vorstellung. Mir fällt es so leichter, diese extremen Situationen anzunehmen und sie (mithin sogar freundlich) begrüßen zu können. So wie die Hebamme mir damals sagte: “Begrüße jede Wehe mit Aaahh oder Ohhh!” 😀 (Ok, nach fünzehn Stunden Wehen alle 1-2 Minuten hatte ich nur noch den Wunsch, die Wehen mögen sich ihr Aaahh und Oohhh in den eigenen Aaahhh und von mir aus auch Oohhh stecken.  Da wollte ich nur noch, dass endlich Feierabend is’ – aber das ist eine andere Geschichte.)

In Bezug auf’s Nadelöhr bleibt festzustellen, dass ich (im Unterschied zu einer Geburt eines echten Kindes) für schleimige Steine, die auch nicht unten, sondern oben wieder rauskommen, nicht weiter sorgen möchte und auch keine Liebe für sie empfinden mag.

Liebe kommt zwar nach dem Steinespucken auch, aber es ist eher das Gefühl, das sich dann an Stelle der Steine ausbreitet, die Wunden verschließt und langsam abheilen lässt.

Die Täter benennen

Einige meiner „Täter“ habe ich nach bzw. während einer „Panik-Depressions-Wutanfallattacke“ ausgemacht und ihre Namen mit letzter Kraft unter Todesangst regelrecht hochgewürgt. Ein gruseliges Schauspiel, das mir aber den Weg für neue Sichtweisen, Empfindungen und Reflexionen ebnete.

Erst danach konnte ich mich mit der Frage der Schuldfähigkeit befassen.

Schuldfähigkeit

Eine der ersten Personen auf meiner persönlichen Anklagebank ist (welch Überraschung): meine Mutter.

Ich habe von ihr wenig von dem erfahren, was ich (heute) unter Mutterliebe verstehe. Sie selbst sähe das bestimmt ganz anders, wo sie sich doch so sehr nach genau dieser Anerkennung sehnt. Nach außen war das Bild der Familie auch meistens perfekt: Mutter, Vater, Kind plus Haustiere. Geordnete Verhältnisse, traditionelles Arbeitermileu mit hohen moralischen Ansprüchen und festem Wertekanon. Tiefe Verwurzelung im sozialen Gefüge (Familie, Vereine, Nachbarschaft, trallala).

Alle fanden meine Mutter super: Klassenkameraden, Freunde, Nachbarn. Ich kam mir immer verraten vor. Denn so unkompliziert, witzig und fürsorglich sie für alle auftrat, so unnahbar, kalt und brutal hat sie sich mir manchmal (nicht immer) gegenüber gezeigt. Diese Ambivalenz ist (rückblickend gesehen) der größte Brocken, an dem ich zu knabbern hatte.

Ihre Ausbrüche und Übergriffe folgten für mich als Kind keiner Regelmäßigkeit, wirkten nie konsequent oder logisch in irgendeiner Hinsicht. Dieses „Nicht verstehen warum“, das “Vernichtetwerden” ohne erkennbaren Grund hat mir am meisten zugesetzt. Ich erkläre mir damit einen großen Teil meiner Unsicherheiten, Über-Empfindsamkeit und Kontrollverlust-Ängste.

U2K

Ein Beispiel:

Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre (ich war im Grundschulalter) machte ich mir viele Gedanken über die Zeit und die Zukunft. Das Jahr 2000 geisterte hier und da schon durch die Medien. Zeitspannen waren für mich damals noch nicht begreifbar, also frug ich eines Tages meine Mutter:
“Lebst Du eigentlich noch im Jahr 2000?“
Eine Frage – nichts weiter.
Ihre Antwort: “Was soll DAS DENN?!“
„Ich möchte wissen, ob Du noch lebst im Jahr 2000?“
Und: Zack! Da hatte ich schon die erste hängen. Sie ist auf mich losgegangen wie eine Furie. Ich schrie auch: “Ich will doch nur wissen, ob du dann noch lebst!” – Sie beschimpfte und schlug mich „windelweich“, wie sie es immer so schön kommentierte.

Mal mit den Händen, mal mit dem grünen oder orangenen Kochlöffel aus Melamin, wie man sie in den 70ern/80ern millionenfach in den Küchenschubladen hatte. (Das Geräusch einer schnell aufgezogenen Besteckschublade lässt mich heute noch manchmal zusammenzucken.) Und dann: Immer drauf. Egal, ob Hände, Ohren, Knie oder sonstwas dazwischen gerieten. Schlimm. So unnötig und so unverständlich.

Wenn es ihr reichte, hat sie mich alleine im Zimmer auf dem Boden liegen lassen bis ich wieder zu ihr geschlichen kam und sie anflehte, sich wieder mit mir zu vertragen – dann gab sie die gönnerhafte, großmütig verzeihende Mutter.

Meistens waren wir alleine bei diesen Exzessen. Deshalb fiel es auch leicht, mich immer wieder als „schnell beleidigt“, „überempfindlich“ und “hysterisch” darzustellen, weil ich oft so sehr weinte, dass ich kaum noch Luft bekam und mich gar nicht mehr beruhigen konnte – wie auch, so ganz alleine? Ich habe selbst Jahrzehntelang an meine grundlose Überempfindlichkeit geglaubt. Selber schuld eben.

Und hat’s Dir geschadet?

In einigen wenigen dieser Situationen gab es Zeugen – noch seltener Zeugen, die Partei für mich ergriffen. Ich kann mich an einen Winterurlaub in Österreich erinnern, in dem wir mit Tanten, Onkels, Cousins, und Cousinen hintereinander her eine kurvige Bergstraße hinaufgingen. Aus irgendeinem Grund gab es wieder Ärger. Meine Mutter schlug mir von rechts gegen den Kopf und ich fiel auf die Straße. Mit dem Gesicht auf den Asphalt mit unzähligen Kieselsteinen, die der Streudienst hier tonnenweise hinterlassen hatte. Dieses eine Mal sagte meine Tante: „Jetzt reicht’s aber!“

Diese Tante war die einzige in der Familie, die keine Kinder hatte. Tragischerweise empfand ich sie immer als die liebevollste unter den vielen Tanten und Onkeln, denn meine Cousins und Cousinen hatten ihre eigenen Erfahrungen mit ihren ebenfalls schlagenden Eltern gemacht, wie ich wusste. Meine Eltern zogen die anderen “Schläger” gern als Referenz heran, wenn ich mich mal über die spezielle Behandlung beschwerte – “Guck Dir mal xy an, die fackelt auch nich’ lange!” oder: “Wir haben auch alle Schläge gekriegt!”

Zu dieser Zeit war das Kinderschlagen auch gesellschaftlich noch mehr oder weniger akzeptiert und Eltern hatten per se weniger Unrechtsbewusstsein diesbezüglich – ähnlich dem Rauchen im Auto – das muss man vielleicht in die Schuldfähigkeitsrechnung mit einbeziehen.

Mein Vater spottet heute noch (sowohl zum Thema Schlagen als auch zum Rauchen): „Und, hat’s Dir geschadet?“ – Bisher habe ich immer geschwiegen nach diesem dummen Spruch, aber jetzt nicht mehr. Jetzt sage ich:

Ja, es hat mir geschadet. Sehr sogar.

Ich musste Menschen lieben, die mich geschlagen, gedemütigt und im Stich gelassen haben, wann immer ich sie gebraucht hätte, weil man seine Eltern nunmal liebt. Ich war dazu gezwungen, sie zu lieben und um ihre Liebe zu kämpfen.
Mit Liebsein, mit Leistung, mit Gehorsam, mit dem Ignorieren und Verleugnen eigener Bedürfnisse, mit Abspaltung aller negativen Gefühle, mit allem, was eine kindliche (und später erwachsene) Seele so machen kann. Ich habe versucht, von ihnen so geliebt zu werden, wie ein Kind es braucht – ohne Erfolg.

Ja, UND OB mir das geschadet hat!

Ich habe mit meiner eigenen Persönlichkeit – meiner Seele – bezahlt für die Defizite meiner Eltern.

Die Schuldfrage

ABER: Kann ich ihnen die Schuld dafür geben?

Ist meine Mutter schuld an ihrer Persönlichkeitsstruktur? Ist sie schuld an allem, was sie tat? Welche Schuld trägt meine Mutter? Welche mein Vater? War nicht die Mutter meiner Mutter (meine geliebte Omma) schon Schuld daran, dass das kleine Mädchen, das auch meine Mutter mal war, kein entsprechend großes Selbstwertgefühl aufbauen konnte, so dass sie weniger narzisstische Züge hätte annehmen können? Wer ist für die Persönlichkeit meiner Omma verantwortlich? Ihre Eltern? Die 16 Geschwisterkinder, die sie durch Kriegszeiten als älteste Tochter schlörren musste?

Dass Omma während und nach dem Krieg zwei ihrer Kinder beerdigen musste und meine Mutter als einzige übrig blieb, trug garantiert dazu bei, dass sie sie so kurz hielt und überbeschützte, dass sich nichts Freies, Starkes, sondern ein narzisstisches, verkümmertes Ich entwickelte, das immer auf der Suche nach Anerkennung und innerer Stärke und vor allem Selbstliebe war.

Daran ist doch eindeutig der Krieg Schuld. Also die Nazzis (wie Omma sagte), weil die ja den Krieg gemacht haben …

Die kämen mir als Feindbild grad zupass. 😉

Einstweilen bleibe ich mal dabei, einfach nur, weil es mir hilft und Nazzis doof sind! (Das dahinter auch wieder Menschen mit Geschichten stehen, verdränge ich jetzt mal bewusst, das ist ein Problem der Nazzis, um das sie sich selber kümmern müssen.)

Ist mein Vater Schuld, dass John Wayne in den Kinofilmen als Vorbild herhalten musste, weil sein eigener Vater im 2. Weltkrieg in russischer Gefangenschaft verreckt ist? Da stecken doch auch die Nazzis dahinter!

Aber, wer hat die Nazzis gemacht? Der „liebe“ Gott? Also ist der Schuld! Aber dann is’ der ja garnicht lieb … Und wenn’s den lieben Gott gar nicht gibt? Dann is’ am Ende niemand Schuld!
Dann SIND wir einfach alle. Punkt.

Au backe. Was, wenn das die Lösung ist?

Hat Epiktet recht, wenn er sagt:

„Anderen an seinem Unglück die Schuld geben, ist ein Zeichen von Dummheit, sich selbst die Schuld geben, ist der erste Schritt zur Einsicht; weder anderen noch sich selbst die Schuld geben, ist ein Zeichen von Weisheit.“ ?

Ich denke, es ist wie Alexander Solschenizyn sagt: “Die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft durch das Herz eines jeden Menschen.”

Mit dem Schuldbegriff kann ich deshalb schon lange nicht mehr arbeiten. Es ist mir schlicht egal wer Schuld hat, ohne das Ursache-Wirkungsprinzip zu vernachlässigen.

Mir tun auch irgendwie alle leid: Ommas, Oppas, Väter, Mütter, Kinder. Mir, der erwachsenen Frau, die erst jetzt vieles verstehen und erklären kann, was ihr widerfahren ist, tun alle leid, die nicht glücklich aufwachsen konnten. Schon allein, weil ich selbst deshalb nicht glücklich aufwachsen konnte.

Ich möchte damit niemanden entschuldigen oder gar von seiner Verantwortung reinwaschen. Aber das Gefühl,  dass meine Vorfahren meine jetzigen Probleme lösen müssen, nur, weil sie dafür mitverantwortlich sind, habe ich nicht mehr. Und das ist gut so.
So funktioniert das nämlich nicht. Erst seit dem ich das erkannt habe, gibt es eine Art “Erlösung”, bzw. Neustrukturierung und Rollenumschreibung.

Der Begriff „Vergebung“, den andere hier vielleicht benutzen würden, ist mir zu christlich religiös und damit (subjektiv) negativ gefärbt. Ich habe meine Mutter als “Unglücksverursacher” aus meinem Erwartungsdruck entlassen, die Lösung meiner Probleme zu liefern. Ich erwarte oder erhoffe nichts mehr und sehe einen Verursacher meiner Leiden (wieder) als Mensch, nicht nur als Täter. Das hilft mir. Das entspannt mich. Das fühlt sich (zumindest in Bezug auf meine Mutter) richtig an. Ich habe genau diesen Punkt erreicht und mir damit selbst am meisten geholfen.

Manchmal kann ich es selbst kaum glauben, aber unser Verhältnis ist heute entspannt und sogar friedlich. Vielleicht auch, weil wir uns so selten sehen und weit auseinander leben. Mit ihren Taten von damals muss sie selber klarkommen. Das scheint mir schwer genug. Aber das ist nicht „unser“ Thema. Dabei kann und werde ich ihr nicht helfen. Das ist ihre Sache. Ich fühle mich nicht mehr verantwortlich. Ich fühle mich nicht mehr schuldig. Das tut gut.

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie seelisch verkümmert man sein muss, um einem kleinen Kind das anzutun, was sie mir immer wieder angetan hat. Das Ausmaß an Feigheit, Unvermögen und mangelndem Einfühlungsvermögen, ja offenbar Lieblosigkeit lässt mich heute noch oft erschaudern. Was muss solchen Menschen passiert sein, dass sie sich überhaupt so verhalten können? Das muss auch etwas Schlimmes gewesen sein, denke ich – ohne das Verhalten zu entschuldigen oder zu bagatellisieren!

Ich kann sie nicht zur besten Mutter der Welt küren. Ich werde ihre Taten nicht weiter leugnen und sie auch nicht schützen. Ich kann sie nur als Mensch sehen. Als Mensch mit Defiziten, unter denen mein jüngeres Ich sehr gelitten hat.

Diese Trennung von früher und heute. Die ABGRENZUNG ist der entscheidende Punkt. Dass ich da heute bin, das ist ein Riesenglück für uns alle. Vor allem für meinen Sohn, der deshalb seine Oma, die so ganz anders mit ihm umgeht als mit ihrem eigenen Kind damals, lieb haben darf, ohne in Loyalitätskonflikte zu geraten. Ich kann mir durch die Abgrenzung erlauben, sogar Zuneigung zu der Frau, die sie heute ist, zu empfinden. Ich kann mich freuen, wenn ich sie sehe, oder sie mir hilft und sich um meinen Sohn kümmert, wenn ich es nicht kann. Ich kann mit ihr lachen und ihr in gewissem Maße von meinen Problemen erzählen – und heute hört sie auch zu. Damit macht sie natürlich einiges gut, aber nichts vergessen.

Mit ihrer Schuld muss SIE alleine leben. Die kann und will ich ihr nicht abnehmen. Vielleicht kann sie das auch gut, weil sie einfach anders gestrickt ist. Das ist alles nicht (mehr) meine Baustelle.

Für mich ist diese Schuld so unfassbar gruselig, dass ich mit der Gewissheit, soetwas auf mich geladen zu haben, garnicht umgehen könnte. Und das ist wiederum das, was mich in extremen Situationen aufrecht hält. Das, was mir die Kraft gibt, weiterzuleben. Die Angst die ich habe, wenn mein Herz stolpert, wenn die Migräne mich paralysiert, wenn Schmerzen mich handlungsunfähig machen. Das ist die Angst davor, meinen Sohn und meinen Mann – die Menschen, die ich von Herzen liebe und die mich ihrerseits von Herzen lieben, im Stich zu lassen. Die Angst so zu werden wie die Mutter, die mein kleines Ich damals hatte.

Diese Angst quält mich fast jeden Tag und schützt mich gleichzeitig vor’m Aufgeben.

Ein Paradox.

Ziemlich krasse Scheisse.

Und wer is’ schuld? – Die Nazzis! 😛 😀

<3 Lo que necesitas es amor!

Aus ganz aktuellem Anlass mal was richtig Gesundes hier! 🙂

Als Geschenk zum “Legitimationstag” für ALLE Heiratswilligen: Eines meiner Lieblingsvideos von Hape Kerkeling mit DER Botschaft überhaupt!

Lo que necesitas es amor! 😀

Nur die Liebe zählt auf spanisch | Darüber lacht die Welt mit Hape Kerkeling

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052 // Der Sonnendiss

Als Kranker kriegst du eine Sache im Übermaß: Gut gemeinte Ratschläge.

Die Liste dieser Ratschläge führt nach wie vor der Tipp mit dem Rausgehen an die „frische“ Luft und in die „schöne“ Sonne an.

Dazu mal Folgendes:

  1. Wirklich „frische“ Luft sucht man hier im Ruhrgebiet meistens vergeblich. Da, wo ich wohne, kannst du dich mit Kraftwerken aller Art, Chemiefabriken und sonstiger Industrie vergnügen. Dass es manchmal penetrant nach Schwefel und/oder anderem Zeugs riecht, interessiert offenbar niemanden. Alle „Grenzwerte“ würden jederzeit eingehalten … nee, is’ klar. Wenn ich an manchen Tagen raus gehe, komme ich mit Kopfschmerzen, Halskratzen und Augenbrennen wieder rein. Können natürlich auch „liebe“ Pollen sein, die mich (zumindest im Frühjahr und Sommer) triezen, aber im Endeffekt heißt das: Ich bleib’ lieber drin.
    Wenn wir es schaffen, mal nach Ostfriesland zu fahren, sitze ich hingegen gerne draußen. Auch wenn’s kalt ist. Es gibt schließlich Wolldecken.Am besten geht’s mir immernoch im Wald. Allein mir fehlt das Kapital, um eine Wohnstätte für mich und die meinen in einem schönen Forst zu errichten …
  1. Die Sonne ist nicht per se und für alle Menschen toll. Es gibt nunmal Leute (wie mich), für die Sonne nicht schön ist. Punkt.Sonne tut mir weh. Im Kopf, in den Augen, auf der Haut und wenn es ganz blöd läuft, auch in den Muskeln und Gelenken. Mit der Wärme an sich habe ich weniger Probleme – die tut meistens ganz gut in den Knochen und der Muskulatur. Aber Sonne pur geht nun mal nicht. Ging noch nie, wird wahrscheinlich auch nicht mehr gehen. Natürlich habe ich einen (nachgewiesenen) Vitamin D-Mangel, den ich jetzt mit entsprechenden Mittelchen bekämpfe. Mit ein bisschen Glück, soll auch die Lichtempfindlichkeit dadurch etwas verringert werden. Hoffen wir das Beste.

Nicht, dass man mich falsch versteht: Ich nehme gerne fundierte, vernünftige Ratschläge an und freue mich über neue Ansätze, von denen ich sagen kann: Könnte klappten – probier’ ich mal.

Aber, bitte, lasst mich in Ruhe mit eurer Sonne! Steckt euch eure Jahrhundert-Sommer und Sonnenstunden-Hypes an den (Sonnen-)Hut!

@Sonne: Geh’ unter, bitch! 😛

MEIN Lieblingswetter: „10 Grad und Nebel“

Mein Lieblingswetter ist nicht besonders populär, das ist mir klar, aber wo steht, dass “10 Grad und Nebel” nicht irgendjemandes Lieblingswetter sein darf? Ich finde Nebel schön. Im Nebel blühe ich auf. Wenn alles durch den Nebel gedämpft ist, geht es mir gut. Weniger Geräusche, weniger Licht und „weiche“ Luft – herrlich! 😀

Dass das Universum, Gott, das große Spaghettimonster whatever … mich eventuell doch ganz gut leiden kann, habe ich dementsprechend am Tag meiner (2.) Hochzeit erkannt: Was für die meisten Bräute eher Nervenzusammenbrüche apokalyptischen Ausmaßes bedeutet hätte, führte dazu, dass ich kurz bevor wir uns auf den Weg zum Wasserschloss Lüttinghof machten (dort sollte die Zeremonie stattfinden), davon überzeugt war, dass es  so etwas wie einen Gott geben könnte. Einen, der es gut mit mir meint …

Das Thermometer zeigt 4 Grad. Draußen: dichter Nebel. Um 9:30 Uhr soll die Trauung stattfinden. Meinem Mann und mir war bei der Terminierung nicht klar, WIE passend dieser Termin für uns (na, gut: für mich ;-)) sein würde. Denn, auf die Minute genau brach sie herein: Die SONNENFINSTERNIS! Muhaaahaaahaaa!

Tja, SO:

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… sieht MEIN perfekter Tag aus! 🙂

1000 Dank nochmal an Patrick Temme für die Wahnsinns-Bilder!

 

051 // “MAMA Lebens-Boxer”

Das Wetter macht mir echt zu schaffen. Ich krieg’ nix mehr auf die Reihe. Da kommt mir das folgende Bildchen vom letzten Playstation-Exzess meines Sohnes grad zupass: 😀

lebensboxer

… und da sag noch mal einer, Playstation spielen wär’ schädlich … 😉

An die mit den Sorgen:
NEIN, mein Sohn sitzt nicht den ganzen Tag vor der Konsole.
JA, er geht genug raus.
NEIN, das ist kein Erziehungsersatz.
JA, er wird natürlich aus Krankheitsgründen manchmal vor der Kiste “geparkt” –  das ist auch kein Problem, wenn es kein Dauerzustand ist.
NEIN, ich bin nicht zu faul, mich um ihn zu kümmern.
JA, er bewegt sich ansonsten ausreichend und hat Sozialkontakte ohne Ende.
NEIN, Medien sind nicht böse (wenn sie auf “intakte” Familien- und Persönlichkeitsstrukturen treffen).
JA, ich kann das beurteilen.

Noch was vergessen? 😉

 

044 // Der Mann, der mich Affenmädchen nennt

Je mehr ich der Radikalen Erlaubnis folgend, alle inneren Anteile erlaube, desto mehr negative Gefühle und Ideen ploppen bei mir ungebremst hoch. Das erschreckt mich manchmal. Mit „Ideen“ meine ich nicht solche Sachen, wie unvermittelt Hotelzimmer-Schlüssel ins Meer werfen oder so, wie wir alle sie kennen. (Kennen wir doch, oder? ;-))

Nein, ich habe richtig wilde, aggressive, zerstörerische – schlicht sadistische Gedanken. Und damit meine ich nicht die nett gemeinten Streichel-Hiebe eines verantwortungsvoll zur Tat schreitenden, einvernehmlichen Sadomasochisten – nein. Ich denke so richtig fiese Sachen. Ohne Codewörter und komplett non consensual. Einfach gruselig. Erschwerend kommt hinzu, dass ich als alter Splatter-Fan auch auf einen enormen Pool von bereits fertigen Szenen zurückgreifen kann, die von mir nur noch abgewandelt und perfektioniert werden müssen. Ich mache mir ein bisschen Sorgen.

Mein Psychotherapeut versichert mir, dass Zwangsgedanken statistisch gesehen nur in den allerseltensten Fällen tatsächlich umgesetzt werden und nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen, die bei mir nicht gegeben seien. Das beruhigt mich ein bisschen. Auf Zahlen kann ich mich verlassen. Die bleiben was sie sind.

Ich denke darüber nach, diese fiesen Ideen aufzuschreiben. So wie Bret Easton Ellis. Mit American Psycho hat er alles rausgelassen und verdient damit noch Geld – noch lebt er auch. Ganz gut, glaube ich. Oder Jörg Buttgereit. Der Splatter-Regisseur erzählte in einem Interview, dass er mit seinen Filmen, wie Nekromantik, lediglich einen Weg sieht, mit seinen größten Ängsten klarzukommen. Er hat offenbar auch ein paar wirsche Ideen und ist ansonsten ein netter ausgeglichener Typ … glaube ich … äh … kennt ihn jemand persönlich? 😉

Mein Mann

Meine Mann ist auch so einer. Wenn ihn etwas oder jemand ärgert, lässt er seinen kruden Phantasien (verbal) freien Lauf, zumindest wenn wir unter uns sind. Wenn er es aufschriebe, schwämme er im Geld oder säße im Knast – da bin ich ziemlich sicher. Er kann aus einer unergründlichen Quelle von erdachten Grausamkeiten schöpfen und tut dies, mit dem Effekt einer inneren Zufriedenheit, die ihres Gleichen sucht. Ich habe viel gelernt von ihm.

Das Geheimnis unserer Beziehung

Ein Geheimnis unserer wirklich guten Beziehung ist vor allem unsere radikale Offenheit. Inklusive Schimpftiraden, Geringschätzigkeitsäußerungen und Unmutsbekundungen dem anderen gegenüber, und zwar sofort und unmittelbar, wann sie in uns wach werden. Streit gibt es bei uns dagegen fast nie. Es staut sich einfach nicht genug an, aus dem man etwas Handfestes vom Zaun brechen könnte. Wenn ich ihn doof finde, sag’ ich: „Du bist doof.“ Wenn er mich nervig findet, sagte er: „Du nervst.“ Ich sage: „Blödmann.“ Er sagt: „Affenmädchen.“ Ich sage: „Hau ab, ich kann dich grad’ nich’ leiden.“ – Er sagt. „Geh weg, Frau!“

Das klingt für manche vielleicht befremdlich, spricht man doch immer davon, wie wichtig der Respekt voreinander sei. Ja, das sehe ich auch so. Aber ich habe nicht eine einzige Sekunde in meiner Beziehung das Gefühl, dass uns der Respekt flöten geht …  Außer, wenn Herr Unflat mal wieder jeden seiner unerträglich stinkenden Fürze feiert wie den Geburtstag der Queen. 😉

Zurück zum Thema: Wer aus falsch verstandenem Respekt schweigt, generiert damit nur Probleme, Missverständnisse, Misstrauen und Unsicherheit, weil er dem anderen die Möglichkeit nimmt, sich in ihm zu finden. Deshalb reden wir lieber.

Pudding on demand

So sind wir uns aber auch nicht zu schade, unsere positiven Gefühle füreinander zum Ausdruck zu bringen. In Wort und Tat. Wobei er mir da in Ermangelung der notwendigen Energiereserven zurzeit eindeutig die Show stiehlt. Das macht mir manchmal ein schlechtes Gewissen, was aber nicht nötig sei, mir aber dennoch das Leben erschwert, was aber wirklich nicht nötig sei, und mir trotzdem auf der Seele liegt – unnötigerweise – sagt er.

Zu Mandelentzündungszeiten konnte ich beispielsweise auf einen besonderen Service zurückgreifen: Puddingsuppe on demand – in allen erdenklichen Varianten und mit liebevollen Garnierungen, kochend heiß, lauwarm oder erkaltet je nach Wunsch ans Bett geliefert.

So geht Liebe. 🙂

Oh, ich höre grade eine Stimme in mir, die sagt: „Typischer Fall von sekundärem Krankheitsgewinn.“ 😀

Na, und?

In unserer Familie soll jeder so sein dürfen, wie er ist und fühlen dürfen, was er fühlt – ohne Einschränkung.

Etwa einmal im Monat oder nach Bedarf setzen wir uns deshalb auch zusammen und jeder sagt dem anderen, was er an ihm nicht mag. Ohne Kommentar, Rechtfertigung oder Beleidigtsein. Wir halten das zusammen aus. Auch mein Sohn ist da mit von der Partie. In der zweiten Runde sagen wir uns dann, was wir besonders gern mögen. Das ist immer viel mehr.

Ein Grundsatz, den ich auch in meiner Erziehung vertrete, ist kurz gesagt das sozialverträgliche die Sau-raus-lassen.

Gut funktioniert das auch mit unserer Auto-Regel: Wenn niemand anderer dabei ist, sind bei uns im Auto auch Schimpfwörter erlaubt. Da lassen wir verbal alles raus. Wenn es nötig ist, dürfen wir die uns auch untereinander an den Kopf knallen. Wenn wir aus dem Auto steigen, gilt dann wieder das normale Regelwerk für draußen – lieb haben wir uns trotzdem.

Das klappt hervorragend und ich garantiere, dass mein Sohn niemals das Gefühl haben wird, dass negative Gefühle bei mir nicht erlaubt sind und zu Liebesentzug führen. Er wird genug andere Hürden in seinem Leben überwinden müssen und mich für andere Dinge hassen – das ist schwer auszuhalten für mich, aber nicht zu ändern.

Projektionsgefahr

Als Mutter mit traumatischen Erfahrungen darf ich nicht den Fehler machen, mein verkorkstes Kinderleben auf mein Kind zu projizieren. Das wäre weder ihm noch mir selbst gegenüber fair. Er ist eine eigenständige Person mit vollkommen anderen Rahmenbedingungen. Das nicht nur zu wissen, sondern auch zu fühlen, ist ein großer, schmerzhafter, sehr heilsamer Schritt, den ich dankenswerterweise schon geschafft habe.

Die Projektionsimpulse gibt es immer wieder, aber ich kann sie wahrnehmen und so sein lassen. Wenn es gut läuft, beschäftige ich mich mit ihnen neutral bis neugierig interessiert. Meist bin ich nach einer Begegnung mit der Projektion innerlich versöhnt und nehme deutlicher als früher die Grenzen meiner Person wahr.

Wenn es schlecht läuft, zieht es mich mit Haut und Haar in den Abgrund der Angst und Verzweiflung und ich brauche etwas länger, um mich wieder zu sortieren.

Als Projektions-Warner macht sich auch mein Mann ganz gut, wenn er nicht grade den Auftritt der königlichen Garde und den Aufstieg der Royale AirForce zelebriert … ;-P

041 // Krankheitsgewinn II – Sekundär oder doch eher trivial?

Laut Wikipedia steht der sekundäre Krankheitsgewinn (äußerer Krankheitsgewinn) für die objektiven und/oder subjektiven Vorteile, die ein (tatsächlich oder vermeintlich) Kranker aus seiner Krankheit bzw. die ein Patient aus seiner Diagnose zieht.

Wann immer ich von diesem ominösen Krankheitsgewinn lese oder höre, krampfen sich diverse Teile in mir zusammen.

Die einen sagen: „Ja, weil die Recht haben!“
Die anderen sagen: „Nein, das stimmt nicht!“
Dann gibt es meinen Verstand, der sagt: „Das kann man doch so alles gar nicht sagen! Das ist zu pauschal, das ist zu undifferenziert. Die Begriffe, die verwendet werden, sind zu ungenau. Das ist doch individuell vollkommen anders zu betrachten!“

Ja, das ist es, was mich umtreibt.

Das unreflektierte Gesabbel vom sekundären Krankheitsgewinn aus dem Elfenbeinturm der Nichtbetroffenheit und des Desinteresses, bei dem anhand von Diagnoseschlüsseln über Motivation und Verhalten von Menschen geurteilt wird. Es macht mich wütend, wenn in diesem Pauschalisierungswahn so getan wird, als wisse man Bescheid, was bei einer Familie und in den Betroffenen abläuft, sobald eine Diagnose in der Krankenakte steht, zumal ja noch nicht mal immer geklärt ist, ob das denn alles so stimmt mit diesen Diagnoseschlüsseln.

Ganz wichtig: Ich bestreite nicht, dass es krankheitserhaltende Faktoren auf mehreren Ebenen gibt. Ich erwarte von Ärzten und Mitmenschen nur eine unvoreingenommene, individuelle Draufsicht, die im Austausch mit dem Kranken diese eventuell bestehenden krankheitserhaltenden Faktoren aufzuzeigen hilft, um dann zu schauen, welche man vielleicht auflösen kann und welche vielleicht (noch) nicht aufzulösen sind.

Mein Eindruck: Das Argument des sekundären Krankheitsgewinns wird heute oft als Erklärung für erfolglose Therapien von wenig erfolgreich behandelnden Ärzten und sonstigen Heilern und Therapeuten herangezogen, wenn sie nicht weiter wissen.

Frei nach dem Motto: Waaas?! Meine tolle Therapie oder das tolle Medikament hilft nicht? Das kann nur am Patienten liegen.

Nicht die Tatsache, dass jemand Recht haben könnte, lässt mich so wütend werden, sondern der Nimbus der Unfehlbarkeit und diese menschenverachtende Arroganz, die bei dieser Einstellung mitschwingt.

In der “Heiler-Szene” gibt es da die Gipfel der Unglaublichkeiten, die ich an anderer Stelle nochmal aufgreifen werde. Leute wie Dahlke oder Hamer, die es mit ihren “Schicksalsgesetzen” (Dahlke) und der “Neuen Germanischen Medizin” (Hamer) und ihren kruden Ideen so weit treiben, dass ich mich frage, wie die morgens noch in den Spiegel gucken können.

Aber jetzt noch mal GANZ GRUNDSÄTZLICH:

Ein Gewinn liegt vor, wenn man NACH Bilanzierung (also unter’m Strich) ein Plus erwirtschaftet. Sonst nicht. Sonst handelt es sich lediglich um einen Posten, den ich entweder als Bonus oder Malus auf meine Rechnung setzen kann.

Es gibt Krankheitseffekte, aber die muss man wertfrei und ohne unterschwellige Schuldzuweisungen beschreiben können. Dann führt das sogar manchmal zu einem besseren Krankheitsverständnis beim Betroffenen und hilft damit, mit der Situation besser umgehen zu können. Heilung nicht ausgeschlossen!

VORSICHT IRONIE!

Effekte, die zum Beispiel Geld einsparen:

Manchmal dusche ich zwei Wochen nicht – vor Erschöpfung, vor Schmerzen oder aus Verzweiflung. Das ist ein Gewinn: Es spart Duschgel und Wasser.

Meine Haare fallen dauernd aus. Da spare ich doch das Geld für Shampoo und Friseurbesuche! Wieder was gewonnen!

Ich kann nicht mehr laufen. Das ist doch günstiger, weil ich mir dann nicht so oft schöne Schuhe kaufen muss. Meine Lieblingspumps und meine Hochzeitsschuhe hab’ ich letztens verkauft, weil ich nicht mehr drin laufen kann. Ergebnis: 105,- Euro Plus in der Kasse! Das ist doch Gewinn!

Ich gehe nicht mehr raus, nicht mehr ins Kino, nicht mehr auf Partys, nicht mehr auf Konzerte, nicht mehr Essen. Das spart soooo viel Geld.

Gewinne, Gewinne, Gewinne … herrlich! 🙂

Und neulich: Schenkt mein Mann mir doch tatsächlich eine wunderschöne Marimekko-Tasche, weil ich keine passende für meinen Physiotherapie-Kram hatte. NIEMALS hätte ich diese schöne Tasche bekommen, ohne meine Krankheit! NIEMALS hätte ich das weißgetupfte finnische Designerstück locker über der Schulter liegend über den Physiotherapieparkplatz hinter der Tankstelle tragen können. NIEMALS hätte mein Mann mir Geschenke gemacht, das tut er nur, weil ich so schön krank bin!

Merkse selber, nä?! 😉

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