Schlagwort: Citalopram

011 // Tortenarsch mit Rechtschreibschwäche – Neulich in der Notaufnahme (II)

Bei einem Anfall nach der Einnahme von Citalopram bringt man mich mit dem Rettungswagen noch mal in die Klinik, in der ich die Geschichte mit dem erstickenden Herrn S. erlebt hatte.

Ich hab’s mir nicht ausgesucht und kann mich nicht wehren. Irgendwann kommt eine Ärztin zu mir. Sie telefoniert. Der Pfleger, der mich schon etwas beruhigen konnte, beginnt ihr zu erklären, was los ist. Sie unterbricht ihn und schnauzt im Oberfeldwebel-Ton in meine Richtung, was denn los sei. Hm.
„Ni amen, nischt sehn“, nuschel ich mir was zusammen, das ihr klarmachen soll, dass ich nicht richtig atmen und bis eben nicht sehen konnte. Sprechen auch nicht. Das hört sie ja, denke ich.

Ich fühle meinen Oberkiefer nicht, sehe Dinge und den Raum nur teilweise oder seltsam verschoben, höre Klingelgeräusche und habe einen komischen Widerhall im Kopf. Zu meinem ständig fiepsenden Geräusch im linken Ohr gesellt sich jetzt noch ein Klingeln auf anderer Frequenz auf beiden Ohren – etwa zehn Mal so laut. Auch meine Augen gehorchen mir nicht. Ich hab’ das Gefühl, als ob sie pausenlos hin und herzucken.

„Sprechen Sie mal vernünftig mit mir!“, ranzt die Frau mit dem Tortenarsch im weißen Kittel mich an.

Oh, pardon: Tortenarsch ist nicht ok. Ich formuliere es noch mal anders:

… ranzt die mopsgesichtige, unförmige Frau mit den aufgequollenen Lippen und dem riesigen Tortenarsch, den ihr weißer Kittel nur zur Hälfte bedeckt, mich an.

So, jetzt passt es besser! 🙂

„Kannischadas.” – Ich versuche ihr mitzuteilen, dass ich nicht anders kann; dass genau DAS Teil meines Problems ist … Der Pfleger erklärt, dass ich wohl das neu verordnete Citalopram (ein Antidepressivum) nicht vertragen habe. „Ach, soooo.” – sie verdreht wissend die Augen. Wieder so’n Psychopharmaka-Junkie, denkt sie garantiert. “Was nehmen sie sonst noch?“
Ich schüttel’ den Kopf. Sie versteht das alles vollkommen falsch. „Nis … nu eine Tamnette.“ ‘Du dummes Stück Scheiße’, ergänze ich in astreinem Hochdeutsch, allerdings nur in Gedanken.

Für sie ist das Thema damit erledigt. Die kriegt noch ein Glas Magnesiumbrause und dann ab nach Hause mit der hysterischen Psycho-Else (also ich), denkt die sich. Wetten?!

Ja, ich höre die Stimmen des omnipotenten, jungfrischdynamischen oder bodenständig-eloquenten Lesers, der sich sofort irgendwo beschwert hätte und/oder ihr direkt ins Gesicht gesagt hätte, das das so nicht geht. Es sei euch versichert: So einfach ist das nicht. Nicht für jemanden wie mich. Wenn ich nicht durch die Migräne ausgeknockt bin, falle  ich in diesen Konflikt-Situationen vor allem bei Ärzten in eine Art Kaninchenstarre. Schalte ab. Bin wer weiß wo. Dissoziiere, wie ich später lerne. Das kann ich nicht kontrollieren. Es ist eine innere Überlebensstrategie der traumatisierten Seele, die alles tut, um nicht nochmal das Unaushaltbare eines Traumas mitzuerleben. Da wird dann einfach weggeschaltet. Zack und weg.

Deshalb weiß ich auch nicht mehr genau, wie es danach weitergeht. Mein Mann kommt irgendwann rein und zwei Stunden später verlassen wir die Notaufnahme mit einem Entlassungsbrief, der rekordverdächtige 14 Rechtschreibfehler in sieben Zeilen aufweist. “Vorgeschischte der Pat. Wurde als bekannt vorausgesetzt […] Rückatmung in der Tütte erfolgt… ” Und DIE sagt MIR, ich soll vernünftig sprechen … Ich glaub’ das nicht …

Als Empfehlung schreibt das weißbekittelte Rechtschreib-Ass:
„Weiterbehandlung durch den Psychiater.“
Das ist ein guter Rat. Im Grunde bin ich reif für die Klapse.

—-

Nochmal Klartext:

Wenn ich als Arzt zu einem Menschen, der aufgrund eines noch nicht näher geklärten Anfalls Sprachstörungen hat, sage, er solle ‘mal vernünftig sprechen’, dann ist das in etwa so, als würde ich zu einem Menschen mit dunkelpigmentierter Haut sagen: Wasch’ Dir mal Dein Gesicht, Alter!

Das KANN der Mensch dann lustig finden – MUSS er aber nicht.

Bei entsprechend vorbelasteten Menschen kann ein solches Verhalten sowohl Trauma-Trigger sein als auch dazu führen, dass er im Notfall keine ärztliche Hilfe mehr in Anspruch nimmt. Das KANN dann gut ausgehen – MUSS aber nicht.

010 // Von Blumen und Goldfiguren – TK-Programm “Schmerzfrei leben” (Teil III)

In der dritten und letzten Woche des Rückenschmerz-Programms der Techniker Krankenkasse rät man mir dringend, mit einem Antidepressivum gegen Schmerz, Angst und Migräne anzugehen. Bisher hatte ich mich erfolgreich dagegen gewehrt. Medikamente haben bei mir selten nur den angestrebten Effekt. Die meisten vertrage ich nicht. Und zwar RICHTIG NICHT.

Der Algorithmus

Die Chefin höchst persönlich gibt mir am vorletzten Tag des Programms – ein Donnerstag – das Rezept. Ich frage, wie es denn jetzt weitergehen soll. Sie sagt: „Krankschreiben können wir Sie wegen der Rückenschmerzen nicht weiter. Das lässt der Algorithmus nicht zu. Aber kommen Sie einfach am Dienstag wieder dann schreiben wir Sie auf Stimmung krank. Sie haben da so viele andere Baustellen.“

So richtig verstehe ich das nicht, aber wer gibt sich schon die Blöße und fragt, was es mit diesem Algorithmus der (Halb-)Götter in weiß auf sich hat?  Kein schlechter Kommunikationstrick, Frau Doktor. Wenn ich ich wäre in einer Arztpraxis, hätte ich das vielleicht durchschaut und anders reagiert. Aber so … volle Lotte reingefallen.
„Jeder bekommt die Patienten, die er verdient“, erörtert die intelligente Frau weiter.
Den Punkt „persönliche Beziehung zum Patienten aufbauen“, beherrscht sie aus dem Effeff. Soll wohl sein. Immerhin ist sie unter anderem Ärztin für Psychotherapie. Da muss man den Patienten loben, seine Stärken hervorheben, um Vertrauen zu schaffen. Ein Krönchen der Intimität setzt sie unserem kleinen Gespräch auf durch den Hinweis im halb gemurmelten Nebensatz, dass ihr Vater ihr die Pubertät quasi untersagt hätte. Armes Ding, denke ich. Ich vertraue dir.

Am Freitag soll’s  dann mit dem Antidepressivum losgehen. Einmal am Tag eine. Ob mit Nebenwirkungen zu rechnen sei, weil ich so vieles nicht vertrage, frage ich noch zwischen Tür und Angel. Die Ärztin mit der Udo Walz-Frisur kneift motivierend beide Augen zusammen. „Sie werden das gut vertragen“, ruft sie über den Flur und klackert festen Schrittes auf ihren Pumps davon.

So positiv verstärkt nehme ich Freitag die erste (und vorerst letzte) Tablette dieser Art: Citalopram. 20 mg. Den Beipackzettel hatte ich vorsorglich meinem Mann gegeben, um mich nicht bekloppt zu machen. Was dann passiert, weiß ich nicht mehr genau. Ich erinnere mich an Comic-Figuren, Karussell-Fahrten mit ägyptisch aussehden Goldfiguren, Blumenarrangements und Nebel. Samstag Vormittag  lässt der Nebel nach. Zitternd und nassgeschwitzt liege ich im Bett. Ich übergebe mich mehrmals und habe Durchfall. Ich erreiche die Ärztin via E-Mail. Sage, dass ich Angst habe, von diesen Tabletten noch eine zu nehmen. Sie meldet sich kurze Zeit später mit der Order, keine mehr zu nehmen. Wir sprächen Montag beim Abschlussgespräch.

Sonntag Mittag kommt der Notarzt. Luftnot, Krämpfe, super hoher Blutdruck, Todesangst, Hyperventilation, Tetanie. Ich kann nichts mehr sehen und ich kann nicht mehr sprechen.

Das Absch(l)ussgespräch

Am Montag fährt mein Mann mich, bzw. das was von mir übrig ist, zum Abschlussgespräch in die „Integrationspraxis“. Ich sitze am ganzen Körper zitternd, leichenblass mit schwarzen Ringen unter den Augen auf meinem Stuhl. Eine mir bis dahin völlig unbekannte Ärztin nimmt mich und meinen Krankenhausbericht vom Vortag in Empfang. Sie stellt sofort eine neue AU aus, sortiert die Unterlagen und ist sichtlich betroffen von meinem erbärmlichen Zustand. Ich stammele was von „andere Diagnose“ und „Algorithmus“. Was bin ich nur für ein hundsfottdämlicher Vollidiot? Sie geht zur Chefin.
Als sie wieder reinkommt, ist sie plötzlich kurz ab. Guckt uns nicht mehr ins Gesicht. Sagt, eine AU könne sie mir nicht geben. Das sei nun Sache des Hausarztes. Ich wäre aus schmerztherapeutischer Sicht arbeitsfähig. Für den Durchfall und alles andere sei der Hausarzt zuständig.
„Wie bitte? Ist das ihr Ernst?”, höre ich mich aus der Ferne sagen.
Sie schaut mich nicht an, kramt kurz in ihren Akten. „Sie bekommen noch ein Rezept für Krankengymnastik und ein TENS-Gerät, das kriegen sie vorne“, sagt sie und verlässt das Behandlungszimmer, ohne uns nochmal anzugucken. Ich bin völlig perplex. Mein Mann kann auch nichts mehr sagen. Wir sind beide wie paralysiert. Gehen wie die getadelten Dummschüler zur Anmelde-Theke. Mir laufen die Tränen aus den verquollenen Augen. Mein Mann versucht der Sprechstundenhilfe zu erklären, dass das doch so nicht geht. “Das sieht man ja wohl, dass man so nicht arbeiten gehen kann”, zischt er um Diskretion bemüht. Die Chefin kommt. Kramt hinter der Theke rum. Sie würdigt uns keines Blickes. Die Sprechstundenhilfe nimmt sie zur Seite. Sie flüstern kurz. Madame geht schnellen Schrittes in ihr Büro und wart nicht mehr gesehen.
Ich verstehe die Welt nicht mehr. Fühle mich ohnmächtig, verletzt, entwertet und gedemütigt.
Mittlerweile weine ich ungebremst. Meine Beine zittern. Ich kann nicht mehr. Ich knicke weg. Von unten rechts schiebt sich eine schwarze Wand in mein Blickfeld. Mein Mann hakt mich unter und wird laut: „So geht man doch nicht mit Menschen um!“, wird er laut.
Ich rappel mich wieder hoch.
Alle gucken.
Ich will im Erdboden versinken. Mich unsichtbar machen. Ein Teil von mir will sterben. Jetzt.
„Ich will nach Hause“, schluchze ich.
Mein Mann ist hin und hergerissen: Durchdrehen oder Frau rausbringen. Ich spüre seinen inneren Konflikt. Habe Angst, dass das kampfsporterfahrene Schwergewicht hier gleich die Bude auf links dreht – und das alles wegen mir. Weil ICH es wieder nicht gebacken kriege. Weil ICH mal wieder gescheitert bin. Weil ICH zu schwach bin.
„Bitte!“, sage ich und ziehe ihn in Richtung Tür – irgendein Notprogramm schaltet sich in mir ein. Raus. Raus. Nur raus hier.
Er gibt nach und schiebt sich mit mir durch die Glastür. Mit einem Rummms zieht er sie hart hinter uns ins Schloss.

In der Praxis meines Hausarztes habe ich einen Blutdruck von 180 zu 120 und Kopfschmerzen. Kann mich kaum noch artikulieren. Er schreibt mich krank.

Später erfahre ich, dass die an dem Programm teilnehmenden Ärzte eine Bonuszahlung pro „gesundgeschriebenem Patient“ erhalten. Auch andere Patienten wurden mal eben so gesundgeschrieben und einen Tag später mit einer neuen Diagnose wieder krankgeschrieben. So läuft das also …

Ich beschwere mich schriftlich bei der Krankenkasse. Vier Tage brauche ich für den zweiseitigen Brief. Mein wirklich netter Sachbearbeiter ruft mich kurze Zeit später an. Er hätte den Brief an seinen Teamleiter weitergegeben. Ihm täte das sehr leid alles, so sollte es ja nicht laufen, blablabla. Was soll er auch machen?
Immerhin forderte er die Ärztin zu einer Stellungnahme auf. Es folgt erwartungsgemäß aalglattes Gewäsch. Dumm ist sie nicht. Hätt’ ich selbst nicht besser schreiben können. Sie erläutert, die Gabe von Citalopram sei nach gründlicher Aufklärung erfolgt. Blablabla. DAS nenn’ ich wirklich “schmerzfrei leben”. Jetzt versteh’ ich auch, wie die auf den Namen des Programms kommen. Ich Einfaltspinsel.

Bin nur froh, dass sie das, was sie morgens im Spiegel sieht, alleine angucken muss. In Grund und Boden würde ich mich schämen.

Auf jameda und anderen Arzt-Bewertungsportalen studiere ich nun ihre Bewertungen. Mit der Zeit fällt mir auf, dass sämtliche negativen Einträge, die ebenfalls dieses merkwürdige mindestens ambivalente Verhalten der Ärztin kritisieren, nach kurzer Zeit wieder gelöscht waren.
Ich lass das mal so für sich stehen …

Es brennt

Seit diesem Erlebnis brennt es in meinem Körper. Am Rücken, in den Armen, in den Oberschenkeln, am Kopf. Ich schlafe kaum noch, schrecke zitternd und schweißgebadet hoch, habe das Gefühl, dass ich in einen Lift einsteige und abstürze, wenn ich ganz normal irgendwo stehe. Mehrmals sitze ich weinend auf dem Fußboden vor meinem Kleiderschrank, als mein Mann von der Arbeit nach hause kommt. Ich schaffe es nicht mal, mir alleine einen Pullover anzuziehen. Ich habe Angst vor allem, was in meinem Körper und um mich herum geschieht und ich habe Angst, jetzt vollkommen den Verstand zu verlieren.

Eine ganze Woche benötige ich, um mich soweit zu erholen, dass ich zu meinem Psychotherapeuten in die Praxis fahren kann. Hier geht es langsam wieder aufwärts …

—-
[Zwischenzeitlich (Stand Februar 2017) ist die Werbung für das Programm auf der Internetseite der Krankenkasse verschwunden. Ein Merkblatt taucht nur noch in den Tiefen der Seitenstruktur auf. Auf Nachfrage teilt man mir telefonisch mit, dass es das Programm nicht mehr gibt.
Warum bloß?
Vielleicht, weil sie was Besseres haben:
Die „digitale Rückentherapie zum Mitnehmen“ lese ich.
Kein Scherz.
Soll ich DAS mal probieren? :-D]

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