Heute mal wieder was ganz Grundsätzliches – ich muss ja meinem Spitznamen, der mir vor Jahren von einem Textseminar-Leiter verpasst wurde (“Frau Grundsätzlich”), gerecht werden. Nicht, dass er sich am Ende noch in “Frau Scheißdrauf” ändern muss. 😉

Zum Thema Schul- versus Alternativmedizin haben sich unzählige Menschen bereits geäußert – meistens als Vertreter der einen oder der anderen Front. Ich frage mich wie so oft, ob ich die Einzige bin, der das tierisch auf den Geist geht. Es ist doch vollkommen offensichtlich, dass es in dieser Sache kein “Entweder … Oder” geben kann!

Die Feinde des Systems

Komplexität, Diversität und Individualität sind sehr offensichtlich die größten Feinde unseres hoch entwickelten Gesundheitssystems. Um jeder individuellen Konstellation von Körper, Seele und Umfeld gerecht werden zu können, bräuchte man in erster Linie Zeit. Die hat kaum ein Arzt in ausreichendem Maße oder bekommt sie zumindest nicht von den Krankenkassen bezahlt. Ein weiteres Problem: Jeder guckt nur auf seinen Teilbereich und doktert da rum. Wenn noch Schubladendenken und/ oder dieser Unfehlbarkeitswahn, den ich bei vielen Ärzten und Therapeuten erlebe, dazu kommen, dann “Gute Nacht, Marie!”

Wen wundert es denn noch, dass die Leute massenweise zu irgendwelchen Heilern aller Art rennen? Die haben ihnen offenbar mehr zu bieten: Zeit und Aufmerksamkeit. Viele von ihnen haben wahrscheinlich sogar echtes Interesse an ihren Kunden und glauben an ihre Methoden. Ebenso viele haben ein enormes Wissen, dass oftmals über das der akademisch ausgebildeten Schulmediziner hinausgeht. Das hören die wenigsten studierten Mediziner gerne, aber ein Medizinstudium ist nicht der einzige Weg für halbwegs intelligente Menschen, sich Informationen zu beschaffen. Liebe Ärzte, ihr müsst jetzt stark sein, denn jetzt kommt für viele von euch eine vollkommen neue Information: Selbst Patienten können intelligenter sein als ihre Ärzte – nicht nur theoretisch.

Den Blick über den Tellerrand oder das Verständnis von physiologischen Zusammenhängen über Fachgrenzen hinaus habe ich eher bei nicht-schulmedizinisch geprägten Therapeuten gesehen. Ein Medizinstudium vermittelt zwar wichtige Grundlagen und Fertigkeiten, aber es macht niemanden automatisch zum besseren Heiler.

Diejenigen Heilpraktiker und anderen Heiler, die gerade applaudieren, sollten kurz innehalten. Alles, was ich soeben geschrieben habe, gilt für euch genau so. Nur, weil ihr an eine Methode glaubt, sie gut beherrscht, oder diese euch besser ins (anthroposophische) Weltbild passt, bedeutet das nicht, dass sie wirksam oder ungefährlich ist. Manchmal muss man einfach ein bisschen mehr bio-chemisch-physikalisches oder psychologisches Hintergrundwissen und klinische Erfahrung haben, um halbwegs sicher an Körpern oder Seelen von Menschen rumzufuhrwerken. Euer “Heilen” beruht häufig nicht auf der Wirksamkeit eurer Methoden, sondern auf psychologischen Effekten und zwischenmenschlichen Phänomenen. Da solltet ihr ehrlich sein – auch zu euch selbst.

Von Vertretern beider Seiten habe ich als “unfreiwilliger Poweruser des Gesundheitssystems” viel Positives und mindestens genau so viel Negatives erlebt.

Verhärtete Fronten

Was mich immer wieder nervt, ist diese Frontenbildung, bei der jeder sofort einen Stempel von der „Gegenseite“ aufgedrückt bekommt, der ein bestimmtes Wort benutzt. Das macht einen sachlichen Austausch von vorn herein unmöglich. Immer häufiger sehe ich dabei die gleichen kommunikationspsychologischen NoGos wie bei den “militanten Alternativen”, sogar bei denen, die sich sachliche Aufklärung auf die Fahne schreiben.

Wer jeden Heilpraktiker per se als „Schwurbler“ bezeichnet, noch bevor der Piep sagt, hat damit jeder Diskussion ihre Grundlage entzogen und alle Türen zum Diskurs zugeknallt. Genau wie der, der jeden wissenschaftsorientierten Menschen als pharmahörig oder Verschwörer bezeichnet. So funktioniert das nicht, Leute. Wen will man denn so überzeugen?

Verantwortung

Als politisch Verantwortlichem wäre mir wichtig, dass Leute nicht blind in ihr Unglück rennen. Es ist nicht jeder so reflektiert und gut informiert, dass er Risiken aller ihm angebotenen Heilmethoden abschätzen kann. Ich habe oft gelesen: Jeder soll sich selbst informieren über die Methoden, die er wählt. Ja, das sehe ich auch so, aber ist ein (vorzeitiger) tödlicher Ausgang einer „alternativen Krebstherapie”, wie er mehrfach dokumentiert ist, das persönliche Pech eines Patienten? Hätte er sich einfach besser informieren müssen? Sicher nicht. Es geht einfach nicht, dass man einerseits mit dem Finger auf die (häufig ebenso tödlichen) Ärztefehler zeigt und bei sich selber die “Mündigkeit des Patienten” vorschiebt.

Patienten vertrauen ihrem “Heiler” immer – der eine mehr, der andere weniger. Die Hoffnung auf Heilung lässt sie vieles blind vertrauend ausprobieren – egal, ob von Arzt oder Heilpraktiker verordnet.

Deshalb sehe ich die Verantwortlichkeiten hier schwerpunktmäßig woanders: Auch ein Heilpraktiker (oder sonstiger Heiler) sollte so souverän sein, dass er die Grenzen und potenziellen Gefahren seiner Methoden anerkennt und aufzeigt. Genau so, wie ein Arzt anerkennen sollte, dass Heilung oftmals nicht mit Schema F und ein paar Pillen mehr funktioniert und seine Methoden dem Patienten ebenfalls schaden können.

Methodenkritik statt Berufsbashing

Im Übrigen sehe ich es nach wie vor so, dass bestimmte “Heilmethoden” für alle verboten gehören oder zumindest aus dem Kassenleistungskatalog gestrichen werden müssen – unabhängig von der Berufsbezeichnung desjenigen, der sie anbietet. In letzter Zeit gibt es Bestrebungen, die Heilpraktiker per se zu verbieten. Das ist nicht zielführend.
Homöopathie vom Heilpraktiker verordnet, wirkt nicht anders, als wenn ein Arzt sie “verschreibt”. Nur müsste der Arzt besser wissen, was er tut. Er ist schließlich jemand mit langjähriger universitären Ausbildung, und in meiner Vorstellung damit jemand, der verstanden haben sollte, was wissenschaftliche Grundprinzipien sind. Denen sollte er sich verpflichtet sehen. Wenn das nicht mehr so ist: weg mit der Approbation und fröhlich drauflosgeheilt. Aber bitte nicht auf Kassenkosten!

An beide Seiten geht mein Appell, wissenschaftliche Erkenntnisse, physiologische Diversität, Individualität, aber auch Fehlbarkeit anzuerkennen und verantwortungsvoll mit uns kranken, hilfesuchenden Menschen umzugehen.