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083 // Über Migräne, Narkose, Schlaganfall und positive Arztkontakte

Nach langer Schreibblockaden-Pause melde ich mich heute mit guten und schlechten Nachrichten zurück:

Die Schlechten zuerst:

1. Schlaganfall-Risiko bei Migräne mit Aura erhöht

Patienten mit Aura-Migräne haben ein höheres Schlaganfall-Risiko als Menschen ohne Migräne und als Menschen mit „normaler“ Migräne. Das ist mittlerweile bekannt. Wer das nochmal genauer wissen will, liest hier eine schöne Zusammenfassung: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/38697/Migraene-mit-Aura-erhoeht-Schlaganfallrisiko

2. Migräne erhöht Schlaganfall-Risiko bei Operationen

Vor allem in Verbindung mit Narkosen ist das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, für Migräne-Patienten signifikant erhöht, wie ein Forscherteam aus Boston im letzten Jahr herausgefunden hat:

Bei einer Migräne mit Aura steigt die Wahrscheinlichkeit sogar auf 6,3 Schlaganfälle pro 1.000 Patienten (im Vergleich zu 2,4 Fällen auf 1.000, wenn keine Migräne vorliegt). Auch das Risiko, nach einer OP nochmal zurück ins Krankenhaus zu müssen, obwohl man eigentlich schon „fertig“ war, stieg um 31 Prozent.

Besonders hoch war das Risiko bei ambulanten Operationen und unter der Gabe hoher Dosen von Vasopressoren zur Blutdruckstabilisierung.

Hier der entsprechende Fachartikel in der Ärztezeitung:

https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/herzkreislauf/schlaganfall/article/929564/migraene-apoplex-risiko-nach-op-erhoeht.html

Und die Referenz:

https://www.bmj.com/content/356/bmj.i6635

Jetzt die Guten:

1. Punkt 1 (s.o.) is’ nich’ so schlimm!

Denn: Erleiden Migränepatienten tatsächlich einen Schlaganfall, verläuft dieser meist milder! Juchuuuu! 😉

Nachzulesen hier: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/43760/Schlaganfall-verlaeuft-bei-Migraene-Patientinnen-mit-Aura-haeufig-milde

2. Es gibt noch echt tolle Ärzte!

Nachdem ich den Anästhesisten, der bei mir eine ambulante Schulter-OP begleiten sollte, mit den oben genannten Informationen versorgt hatte, reagierte er nicht wie ich es von anderen kenne, mit abfälligen Bemerkungen über meine fragwürdige Fachkompetenz, sondern er war hochgradig interessiert. Er gab zu, dass er das trotz seiner 28 Berufsjahre noch nicht gewusst hat und erzählte mir hernach von seinem unguten Bauchgefühl, was das ambulante Operieren unter diesen Umständen angeht.

Er lobte mich sogar für meine präzisen Schilderungen und Maßnahmen-Vorschläge für die OP-Vor- und Nachbereitung, die ich als Erfahrungswissen aus zurückliegenden Operationen für ihn herausdestilliert hatte. Ich würde mich gut auskennen, hat er gesagt! *geschmeicheltguck*

Sicherheit gehe aber vor, und gerade die Basilarismigräne (die er nur vom Hörensagen kannte) könnte ja für besonders schlechte Stimmung am OP-Tag sorgen. Bei ihm und mir. Denn mit „Lalülala“ aus der chirurgischen Praxis in die nächste Klinik mit Neurologie und StrokeUnit zu fahren, die sich zwar, nebenbei erwähnt, nur ein paar Straßen weiter befindet, und in der man mich bereits kennt, weil ich dort schon ein paar schöne Tage verbracht hatte, fänd’ er nicht so prickelnd. Ich auch nicht.

Die stationären Möglichkeiten seien da im Fall der Fälle doch ganz andere. So ein- zwei Tage solle man das schon unter Beobachtung behalten, was sich da ggf. abspielt in meinem Kopf. Die Kiste sei ihm ehrlich gesagt zu heiß und das wäre ja dann quasi mit Ansage. Nee, nee, das machen wir nicht.
Nee, garantiert nicht.

Nach kurzer Rücksprache mit dem Chirurgen überwies man mich in ein schönes Krankenhaus mit toller Architektur und einem Anästhesie-Chefarzt, der seines Gleichen sucht. Dem (bzw. seiner Abteilung) schrieb ich nämlich sogleich eine E-Mail mit der Schilderung meines spezialgelagerten Sonderfalles. Nicht, dass denen da auch kurzfristig was zu heiß wird, dachte ich.

Wurde aber nicht. Geduldig und fachlich detailliert schrieb mir der Chef-Narkotiseur persönlich noch am gleichen Tag eine lange Mail, die mich rundherum beruhigte und mich mit sämtlichen Anästhesisten dieses Landes versöhnte.

Jetzt muss ich nur noch die OP überstehen.

Die Arzt-Angst hab’ ich grade fast im Griff … 😉

080 // Karma-Bankrott

Mein lieber Scholli, so schlecht ging‘s mir lange nicht mehr. Es geht mir sogar so schlecht, dass ich das öffentliche Jammern um des Jammerns Willen genau jetzt anfange:

Die Fibro raubt mir die letzte Energie und mein rechter Flügel (= Schulter und Arm) tut nur noch weh und ist irgendwie lahm. Wie ein angeschossenes Perlhuhn taumele ich im Wohnzimmer im Kreis herum, um das Gefühl zu haben, wenigstens etwas gegen die totale Bewegungslosigkeit unternommen zu haben.
Es ist auch noch der rechte Arm. Der, der mich sonst notdürftig am Leben hält, weil Links wegen der Spinalkanalstenose in der HWS sowieso Dauer-Mätzchen macht.Vermutlich ist es was Strukturelles – meint auch der Doc. Nix Fibro oder Psyche. Daran wär’ ich ja gewöhnt. Aber das? Och, nööööö …
Jetzt warte ich erstmal auf‘s MRT.

Als wär’s noch nicht genug, spinnt am gleichen Arm der Ulnaris-Nerv ab Ellenbogen. Mit Hilfe einer Tischplatte hatte ich es irgendwie geschafft, ihn so zu quetschen, dass auch die Finger und der Unterarm seit Tagen nerven.

„Was kotzt mich dieser scheiß Arm an!“ (Frei nach TV-Original Detlef Steves).

Hinzu kommt eine akute „Trennungsdepression“ …
Mein Sohn ist auf Klassenfahrt. Seine erste.
Die Glucke in mir läuft Amok.
Das Perlhuhn freut sich, weil ohne Kind ist vor allem mit Flügellahmheit Vieles leichter.

Nicht nur wegen dieser Gedanken mache ich mir ernsthaft Sorgen um mein Karma. Bisher baute ich darauf, aufgrund meines Helfersyndroms und der Jahrzehnte andauernden, unendlichen Geduld mit den Arschlöchern dieser Welt, ein dickes Plus-Polster auf dem Karma-Konto zu haben.

Je länger es mir aber schlecht geht, desto fieser, gemeiner, ungerechter und schadenfroher werde ich. Zumindest gedanklich. Das ist besorgniserregend … auch wenn ich weiß, dass das bei chronischen Schmerzen normal ist.

Es gipfelte gestern in einigen wirklich bösen Gedanken, die ich hilflos aufblitzen lassen musste, als ich las, dass in einer der Nachbarstädte ein Arzt offenbar von einem Patienten angeschossen wurde, der sich im Anschluss an die Tat das Leben nahm. Gruselig und schrecklich sowas – die Tat an sich natürlich auch.

Das hat mich wohl den letzten Rest meines Karma-Guthabens gekostet.

Ja, ich bin böse. Ein ganz böser Mensch bin ich.
Das bekenne ich hiermit öffentlich und tue Buße. Zumindest irgendwann. Später, wenn ich wieder lieb und krank in meiner Ecke liege.

Jetzt geh‘ ich mit dem lahmen Arm in der Schlinge erstmal wieder im Kreis rum und bin weiter böse!
Seeeeehr böse!

Scheiß Arm, verdammter …

Gaensebluemchen

079// Über Kommunikation in der Schmerzambulanz und Rampensäue

So, ich habe es geschafft. Nach 16 Monaten bin ich in der Schmerzambulanz bei einem fremden Arzt gewesen – alleine!

Ich bin sehr stolz auf mich, wenngleich einige meiner inneren Anteile das Motzen auch diesmal nicht sein lassen können. Aber um die kümmere ich mich später.

Knapp drei Monate hatte ich auf den Termin gewartet und ich versprach mir ein paar neue Impulse und vielleicht sogar Hilfe. Vor allem, nachdem ich den Flyer der Schmerzambulanz studiert hatte: Psychoedukative Sitzungen in Kleingruppen, Feldenkrais, Akupunktur, Physikalische Therapien wie Bewegungsbad, Manuelle Therapie, Psychologengespräche, Aroma-Therapie, Diagnostik durch einen Neurologen, Behandlung chronischer Schmerzen nach einem multimodalen interdisziplinären Konzept über mehrere Monate wurden dort angepriesen. Eine Chance, vielleicht an irgendeiner Stelle noch Verbesserungen zu erreichen, … dachte ich.

Phase 1: Panik

Die letzten drei Tage vor dem Termin, in denen ich mal wieder einen zig Seiten langen Fragebogen ausfüllen und Befundkopien, Medikamentenpläne und Arztlisten zusammensuchen musste, waren die Hölle: Kapitaler Basilarisanfall, Panikattacke, schwerster Magen- / Darmstress, eine Art „Akut-Depression“ und Schmerzen bis zum Abwinken – zusätzlich zu dem Lipödem-Scheiß bei der momentanen Witterung. Mein Körper hat’s mir richtig gegeben – die gesamte psychosomatische Klaviatur rauf und runter. Und da soll man eins bleiben mit sich … ?

Zumindest hab’ ich’s versucht und konnte in vielen imaginären sowie laut hörbaren Selbstgesprächen meinen Standpunkt deutlich machen, aber auch Mitgefühl mit der armen Kreatur heucheln.

[Gut, dass niemand (außer dem Hund) mitkriegt, was ich tagsüber und nachts so mache … ;-)]

Ich stehe also nach einer miserablen Nacht morgens auf und schaffe es, dass ich etwa 45 Minuten vor dem Termin bereits im Parkhaus vor der Klinik bin. Den Rollator hatte ich mitgenommen. Momentan bin ich richtig schlecht zu Fuß und nicht mal kurze Strecken sind drin. Damit sollte es aber funktionieren! Auch wenn ich mir immer noch erniedrigt und doof damit vorkomme. Wie richtig die Entscheidung für die Gehhilfe aber ist, sehe ich, als ich zum Parkhaus-Aufzug roll-humple: „Ausser Betrieb“ steht dran. Toll! Warum erfährt das der gehandicapte Parkhauskunde erst, wenn er sich auf Etage 6 eingefunden hat?

Aber, sehen wir das positiv: Mit dem Rollator kann ich flugs die sechs Parkhausrampen runtersausen. Huuuuiiii!

Na ja, ganz so lustig ist das nicht, so schnell bin ich nunmal nicht. Sechs Etagen bergab bremsen gehen tierisch auf die Handgelenke und Arme … Aua. Und wie man sich vorkommt, als Rollatöse auf der Parkhausrampe, wenn das gesamte angrenzende Ärztehaus zuschaut, dazu möchte ich nichts sagen … :-/

Phase 2: Euphorie

In der Klinik angekommen, werde ich von der wabernden Masse einer unbestimmten Anzahl anderer Rollator-Nutzer verschluckt. Fühlt sich schon mal besser an.

In der Schmerzambulanz begrüßt man mich sehr freundlich und es gibt kaum Wartezeiten.

Ein netter, junger Arzt kümmert sich um meine Akte, die ich diesmal vergleichsweise dünn gehalten und nur die wichtigsten Befunde mitkopiert hatte – nicht dass es wieder heißt: Die macht mutwillig Ärztehopping. Das Gespräch dauert sehr lang, mir werden viele Fragen gestellt und ich muss auch nur 3 Mal heulen.

Der Arzt erklärt mir viel. Das Meiste weiß ich natürlich schon, aber ich finde es gut, wie er sich dem Fall nähert.

Er nimmt Rücksicht auf meine Ängste, die ich immerhin artikulieren kann. So benutzt er beispielsweise nicht dieses Reflex-Hämmerchen, das mir beim letzten Mal eine Dissoziation erster Kajüte bescherte und fragt bei jedem Untersuchungsschritt nach, ob das so in Ordnung für mich sei.

Das ist es. Geht doch! 🙂

Phase 3: Ernüchterung

Nicht, dass wir uns falsch verstehen, der Arzt ist wirklich nett und zugewandt, aber wenn wir das lange Gespräch einmal runterdestillieren auf die konkreten Ergebnisse für mich, haben wir

  • eine Ansammlung von Merkmalen gestörter Arzt-/Patienten-Kommunikation,
  • keine Neuigkeiten und
  • ein konkretes Behandlungsangebot, dass man vielerorts hätte bekommen können mit deutlich kürzeren Wartezeiten.

Hier ein paar Gesprächsmeilensteine:

Situation A:

Ich: Ich möchte versuchen, kein Antidepressivum (Opipramol) mehr zu nehmen, weil ich 10 von meinen 25 abgenommenen Kilos seit der Einnahme wieder drauf habe, ohne mein Essverhalten geändert zu haben. Ich würde gerne wissen, ob es im Bereich Schlafverbesserungen noch andere Möglichkeiten gibt als medikamentöse.

Er: Nehmen Sie vielleicht ein anderes Antidepressivum, dass evtl. die gleichen und andere Nebenwirkungen hat [Mirtazapin].

Situation B:

Ich: Ich möchte Ihr gesamtes Flyer-Angebot für meine Heilung nutzen.

Er: Das, was im Flyer steht, gibt’s hier nicht (mehr). Für Sie können wir nur Akupunktur anbieten.

Ich: Das ist aber blöd, weil deswegen war ich ja eigentlich hierher gekommen.

Er: Der Flyer ist nicht aktuell. [Anmerkung: Der Flyer ist von April 2018] Wir wissen, dass wir das nicht mehr anbieten, schreiben es aber trotzdem rein, auch wenn die Patienten dann enttäuscht sind.

Situation C:

Ich: Ich habe keinen auf die Migräne spezialisierten Neurologen in erreichbarer Nähe und bräuchte einen Ansprechpartner für diesen Themenkomplex.

Er: Sie brauchen einen auf Kopfschmerzen spezialisierten Neurologen als Ansprechpartner für die Kopfschmerzen und evtl. einen Psychiater für die anderen Fragestellungen.

Situation D:

Ich: Ich kann nicht mehr laufen, ich kann nicht mehr gut raus. Ich fühle mich damit (zeige auf den Rollator) auch nicht wohl, aber es ist momentan die einzige Möglichkeit, solche Termine hier alleine zu bewältigen.

Er: Am besten wäre, Sie gehen raus und laufen. Nordic Walking oder Joggen – vielleicht auch Fahrradfahren.

Ich: Das ist nicht machbar für mich momentan.

Er: Machen Sie das täglich 10 Minuten.

Ich: Äh, wiegesagt, das ist nicht machbar für mich momentan – allein schon wegen der Hälfte komplett ausgefallener Tage im Monat wegen der Migräne.

Er: Es ist wichtig, dass das regelmäßig gemacht wird.

Ich: Nochmal: Das ist nicht machbar. Ich würde ja gerne, aber ich kann das nicht, deshalb bin ich hierher gekommen, damit es wieder möglich wird.

Er: –  (tippt was in den PC)

Ich: Was ist denn mit der Physikalischen Therapie, die Sie im Flyer … ?

Er: Nicht für Sie / nicht für Fibro. Sport ist besser.

Ich: – (resignatives Schweigen)

Situation E:

Zum Thema Lipödem.
Er: “Seit wann haben sie das?”
Ich: “Äh, [ist das eine Fangfrage?] … seit der Geburt … is’ ja genetisch …”

Die Schmerzen, die hierdurch vor allem beim Laufen verursacht und verstärkt werden, werden nicht weiter thematisiert.

Dass der Schmerzarzt beim Lipödem nicht in der Tiefe Bescheid weiß, kann ich nachvollziehen. Andererseits ist die Kombination Lipödem / Fibro auch gar nicht so selten, wie man überall nachlesen kann … und dass sich ein (selbst in Kompressionsbestrumpfung deutlich sichtbarer) ödemischer Fettkragen über den Muskel-/Sehnenansätzen nicht gerade positiv auf Schmerzen in diesem Bereich auswirkt, könnte man auch durch logisches Kombinieren drauf kommen, oder?

Aber, was weiß ich schon? Ich bin eben einfach zu naiv, … oder zu arrogant (?), dass ich das von einem Arzt in der Schmerzambulanz und chronischen Schmerztherapie erwartet oder zumindest erhofft hatte.

Während ich leicht desillusioniert zuschaue, wie er wieder etwas in den Rechner tippt, bricht etwas Wildes, Ungestümes und unfassbar Mutiges aus mir heraus – ich sage:

„Also, nochmal zum Thema Sport: Ich weiß, wie wichtig Bewegung ist. Ich bewege mich, wann immer ich kann, mache Übungen, gehe einmal täglich um den Block. Das sind maximal 500 Meter. Mehr schaffe ich nicht. Es ist einfach unrealistisch, mir Nordic Walking o.ä. zu empfehlen. Verstehen Sie? Ich würde ja gerne, aber das ist ja genau das Problem, dass ich es nicht kann.“

Antwort: Keine.

Hm.

Nach einer kurzen Pause, in der er weiter in den PC hämmert und ich darüber nachdenke, in welche Sprache ich das Gesagte nochmal übersetzen könnte, um verstanden zu werden, setze ich nach und werde (auch weil ich keine nennenswerten Fremdsprachenkenntnisse habe) auf Deutsch deutlicher:

„Ok, nochmal: Ich weiß nicht, wie das bei anderen ist, aber ich bin keine dicke Fibro-Tante, die keinen Bock hat, sich zu bewegen. Was Sie empfehlen, ist nur einfach unrealistisch.“

Ich kann fast nicht glauben, dass ich das gesagt habe, aber ich hab’s gesagt!!! 😀

Innerlich erwartend, dass mich gleich von irgendwo her der Schlag trifft, ob dieser Unverschämtheit, gucke ich ihn an – vielleicht sogar böse … wer weiß …

Seine Antwort: „Äh … nee, nee“ … und tippt weiter in den PC.

Weil ich nun einen gewissen pädagogischen Ehrgeiz entwickele und weil ich offenbar noch Herrin der Lage und weder dissoziiert noch kurz vor’m Flashback bin, ergänze ich ruhig:

„Wissen Sie, wo das bei Leuten wie mir hinführt, wenn Sie so was sagen? Das bedeutet: Wenn du keinen Sport machst, bist du selber Schuld an deiner Krankheit. Da hängen wir soooo tief in Schuldgefühlen. Das ist nichts, was hilft.“

Er: „Äh, nein, so isses ja nich’ … äh…“ und weiter: „So, vorne bekommen Sie ihre Termine für die Akupunktur. Wir sehen uns dann Ende Juli nochmal.“

Ich: „Ja, alles klar. Vielen Dank für Ihre Rücksichtnahme vorhin.“

Ohne ein Danke geht es bei mir nicht. 😉 War auch ehrlich gemeint.

Mehr fällt mir auch nicht mehr ein und ich bin ja sehr, sehr glücklich, dass ich nicht wieder völlig abgeschmiert bin.

Phase 4: Willkommen zurück

Nach einem kurzen Austausch über Organisatorisches mit der wirklich super-netten Dame an der Anmelde-Theke trete ich den vorläufigen Rückzug an.

Am Parkautomat fällt mir ein, dass man ja immer nur eine gewisse Zeit zur Verfügung hat, um vom Bezahlen zur Ausfahrt zu gelangen. Ich schätze, es werden bestimmt nicht mehr als 10 Minuten sein. Sportlich! Sechs Rampen, plus Rollator einpacken, plus runter fahren. Ja, dann aber: “Zack, zack!”, denke ich.

Was hatte ich gesagt?  Der Abstieg sei schwer gewesen? Dann holt uns jetzt gemeinsam die Rampen-Realität ein: Die ersten drei Etagen nehm’ ich noch volley. Etage 4 erklimme ich in deutlich reduziertem Tempo, aber ich erklimme sie.

Nächstes Ziel: Etage 5. Jetzt wird’s krass. Mit den Unterarmen auf die Handgriffe des rollenden Helfers gestützt, krieche ich wie eine schwer vom Morbus Bechterew gezeichnete 102-Jährige die Rampe rauf. Ein Auto kommt. Bleibt kurz auf meiner Höhe stehen und macht ein „wohl-meschugge-Handzeichen“… – die dumme (Rampen-)Sau!!! Am liebsten hätt’ ich ihm mit dem Rollator die Windschutzscheibe zertrümmert und ihm „Fahrstuhl außer Betrieb, du Penner“ auf die Stirn tätowiert – nein: gebrannt oder gepeitscht.

Aber, in Ermangelung der entsprechenden Energiereserven und Werkzeuge, kroch ich einfach weiter. Fing stattdessen an zu summen:

Ich bin ein Gänseblümchen im Sonnenschein, und durch meine Blüte fließt die Sonne in mich rein, ich bin ein Gänseblümchen, ohne Aggression. Wut, Ärger, was bringt das schon? … ich bin ein Gänseblümchen … la la la …*

Mit Wut-Tränen in den Augen und vollkommen erschöpft komme ich auf Etage 6 an. Packe mit tauben Armen den Rollator ein und schaffe es, offenbar just in time durch die Schranke zu kommen.

Alter Verwalter, was für eine Aktion!

Nassgeschwitzt, leicht verheult, aber sehr stolz lande ich wieder zu Hause – willkommen zurück!

 

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* aus Ganz Schön Feist: Gänseblümchen: https://youtu.be/KK2x2VzW5_k?t=22

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Bild: pixabay/MabelAmber

072 // Nur für Ärzte: 13 Tipps, wie Sie es schaffen, dass auch chronisch Kranke nicht mehr zum Arzt gehen

Zynismus ist manchmal der einzige Weg, den ich noch gehen kann, um mir mein Leben schön zu denken. Dann schleppe ich mich durch ein Seelental nach dem anderen, um mich irgendwann auf einem halbschattigen Hügelchen wiederzufinden, an dem es schöner ist und ich versöhnlich lächelnd auf die Täler zurückblicken kann. Hier kann ich meine Wunden lecken und das Lehrreiche an der Seelental-Lektion resümieren.

In meinen Tälern gibt es aber nicht nur für mich selbst viel Lehrreiches zu entdecken. Ich gebe gerne – das war schon immer so. Vor allem gebe ich mein Wissen und meine Erfahrungen gerne an Bedürftige weiter …

… diesmal: Ärzte. 🙂

13 Tipps, wie Sie es schaffen, dass auch ein chronisch kranker Mensch nicht mehr zum Arzt geht:

  1. Zwingen Sie einem Säugling mit Gewalt Ihre Behandlung auf. Fügen Sie ihm Schmerzen zu, bis er sich existenziell bedroht fühlt. Loben Sie hernach seinen willensstarken Kampf gegen die Behandlung (= Bedrohung). Bestärken Sie die Mutter darin, das Kind schreien zu lassen – egal, was ist.
  2. Reißen Sie einer verängstigten, schwangeren Patientin die Brille von der Nase, weil diese aus Angst und Verunsicherung nicht schnell genug auf ihre Chiro-Pritsche hüpfen kann (die fette Kuh). Vergessen Sie nicht, ihr dabei ein paar Haare auszureißen. Ignorieren Sie die Tatsache, dass die Patientin in der Nacht nach dieser Behandlung eine Fehlgeburt erleidet.
  3. Behandeln Sie einen Patienten, der Sie wegen eines Mandelabszesses aufgesucht hat, in jedem Falle auch mit Blutdrucksenkern. Lassen Sie ihre Sprechstundenhilfe das Rezept an der Anmeldetheke für ihn bereithalten, ohne mit dem Patienten persönlich darüber gesprochen zu haben.
  4. Verordnen Sie einem Patienten, den Sie mit Blutdrucksenkern behandeln und der Sie wegen mehrfach gemessenen sehr niedrigen Blutdruckwerte und damit verbundenem Schwindel und Unwohlsein aufsucht, noch mehr Blutdrucksenker, weil er während einer Panikattacke in Ihrer Praxis 160/95 abliefert. Weisen Sie beharrlich darauf hin, dass er zu dick ist und rechnen Sie für diesen Termin noch ein Hautscreening ab, bei dem Sie ein Hämangiom diagnostizieren (natürlich, ohne diese Leistung erbracht zu haben und ohne irgendeine Hautveränderung beobachtet zu haben.)
  5. Diagnostizieren Sie in jedem Fall psychosomatische oder Wechseljahresbeschwerden ohne irgendetwas untersucht zu haben. Weisen Sie jedoch stets und ausschließlich auf das Übergewicht des Patienten als Lösung aller gesundheitlichen Probleme hin. Ignorieren Sie, dass trotz erheblicher Gewichtsabnahme alle Probleme weiterhin bestehen. Ignorieren Sie auch ödemische Veränderungen.
  6. Schnauzen Sie einen Patienten, der mit dem Rettungswagen mit krisenhaft erhöhtem Blutdruck, Sprachstörungen, Lähmungen, Sichtfeldausfällen, Schwindel und Ohrgeräuschen in Ihrer Notaufnahme ankommt an, er solle gefälligst mal normal mit Ihnen sprechen. Empfehlen Sie im Entlassungsbericht die Weiterbehandlung durch den Psychiater (nicht Neurologen), ohne die neurologischen Ausfälle zu erwähnen oder abgeklärt zu haben.
  7. Sagen Sie einem Patienten, der sein Leben lang sämtliche Krankheiten ignoriert hat und mit Bronchitis, Gallenkoliken, Gürtelrose und chronischer Mandelentzündung, Migräne und Fieber immer zur Arbeit gegangen ist bis zum Umfallen und nach 2 Bandscheibenvorfällen in der HWS in einer von ihm selbst initiierten Wiedereingliederung mit fieberhafter Bronchitis, Gastritis und Migräne für 2-3 Tage aussetzen möchte: „Sie müssen mal in die Gänge kommen mit Ihrer Arbeit. Sie sind doch noch so jung.“
  8. Verordnen Sie einem Angst-Patienten mit diversen Medikamentenunverträglichkeiten neuerlich ein Antidepressivum ohne ihn vorher über mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt zu haben. Schreiben Sie in die Patientenakte, die Verordnung sei nach umfassender Aufklärung erfolgt. Schleichen Sie das Medikament nicht ein. Lassen Sie den Patienten am Freitag direkt 20 mg Zieldosis beim ersten Versuch einnehmen.
  9. Wenn der Patient nach der Einnahme des o.g. Medikamentes mit extremen, teils paradoxen Nebenwirkungen reagiert, am Wochenende mit einem Anfall mit diversen neurologischen Ausfällen bis dato unklarer Ursache in der Notaufnahme landet, und seitdem schwerste Durchfälle hat, ignorieren Sie ihn und seinen erbärmlichen Zustand am darauffolgenden Montag und schicken Sie ihn zum Hausarzt, weil Sie sonst den Krankenkassen-Gesundschreib-Bonus des Programms „Schmerzfrei leben“ nicht bekommen.
  10. Wenn ein Patient mit einem Rollator zu ihnen in die Praxis kommt und stolz ist, weil er es damit geschafft hat, alleine Ihre Praxis zu erreichen (anstatt weiter bettlägrig zu hause zu bleiben oder sich von jemandem fahren zu lassen). Lachen Sie ihn deswegen aus und machen Sie ein paar abfällige Bemerkungen über sein Engagement und seine Beschwerden.
  11. Wenn ein Patient mit chronischer Migräne an 17-18 Tagen im Monat Migräne (in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen) hat und sich darüber freut, weil es schon mal mehr waren, sagen Sie süffisant: „Na, dann haben wir ja Glück, dass Sie heute mal keine Migräne haben“ und: „Wenn Sie gestern Migräne hatten, wären Sie doch heute nicht hier.“ Ignorieren Sie im weiteren Verlauf des Gesprächs eine Dissoziation des Patienten. Machen Sie sich keine Gedanken, darüber, warum er Sie in dieser Situation sogar duzt (Intrusion wird generell überbewertet).
  12. Ignorieren Sie Briefe und verweigern Sie die Annahme von Einschreiben des Patienten, der Ihnen darin über seine Betroffenheit und die Konsequenzen durch die Situation in der Behandlung berichtet.
  13. Das Wichtigste: Fühlen Sie sich niemals verantwortlich für die physische oder gar psychische Gesundheit Ihrer Patienten.

Dies sind nur einige Beispiele, wie Sie es schaffen, die lästigen Kranken loszuwerden. Seien Sie kreativ. Finden Sie Ihren eigenen Weg zu zeigen, wie wenig Ihnen wirklich an den Menschen liegt, die tagtäglich Ihre Hilfe suchen und damit Ihre Existenz sichern.

070 // Schützt der Placeboeffekt vor unerwünschten Nebenwirkungen?

Und wieder fühle ich mich an meinen Besuch in der Facharztpraxis von Frau Dr. Jekyll-Hyde erinnert. Dort bekam ich zu hören, dass es nicht möglich sei, erst so spät (Wochen nach Ersteinnahme) Nebenwirkungen von dem Epilepsiemittel Gabapentin zu entwickeln. Sie meinte, das sei, weil es geholfen hat.

Dies sei nicht nur bei mir der Fall, sondern auch bei einer Patientin, von der ich ihr berichtet hatte (die sie nicht kennt), bei der sich die Situation ähnlich abspielte. Das sei das gleiche Konstrukt, weil man ja nicht wüsste, was man ohne die Krankheit machen solle, die ja von der ganzen Familie zu hause als einziger Lebensinhalt „gepflegt“ würde – so ihre (Fach-?)Meinung.

Dass da irgendwas nicht stimmt, hatte ich ja schon erörtert. Dennoch komme ich als extrem (vor allem selbst-)kritischer Mensch nicht umhin, über solche möglichen Zusammenhänge zu reflektieren, was sich in meinen Blogeinträgen zum Krankheitsgewinn niedergeschlagen hat.

Mithin entwickelte ich eine ganz andere Theorie, in der ich mich durch einen aktuellen Artikel im „Spektrum der Wissenschaft“ zum Thema Placebos, bestätigt sehe:

Ich vermute, dass die immense Hoffnung auf Heilung, die ich bei der ersten Einnahme des Medikaments hatte, dazu geführt hat, dass ich alle Nebenwirkungen ausblendete – bzw. auf diese Weise tatsächlich zunächst gar keine entstanden sind.

Ich wünschte mir so sehr, dass mir dieses Zeug hilft, dass ich dafür sogar meine Angst vor Medikamenten dieser Art (kurz) überwunden hatte.

Nach und nach ließ dann dieser Placebo-“Schutz“-Effekt (wie ich das mal nennen will) nach und es kam zu den geschilderten Nebenwirkungen wie Weggetreten- und Verwirrtsein, plötzlichem Hinfallen, zusätzlichen unnötigen Bewegungen und Stimmen hören.

In dem Artikel wird nun genau diese Annahme wissenschaftlich fundiert gestützt:

Wissenschaftler fanden heraus, dass der Placeboeffekt nicht nur ein eingebildeter ist, sondern messbar in der Hirnaktivität stattfindet. Er ist umso größer, je mehr Hoffnung der Patient in die Behandlung setzt und je positiver das Medikament seitens des als kompetent empfundenen Behandlers angepriesen wird. Dies ist besonders gut für Schmerzen erforscht.

Doch auch bei den motorischen Fähigkeiten von Parkinsonpatienten zeigte sich:

„Ihre motorischen Fertigkeiten erholten sich teils deutlich. [Die Wissenschaftler] registrierten zudem per Positronenemissionstomografie (PET) einen Dopaminschub in den Basalganglien, die für die Bewegungssteuerung unerlässlich sind.“

Weiter fand man heraus,

„dass die Dopaminaktivität am ehesten steigt, wenn die Parkinsonpatienten auf eine Verbesserung der Symptome hoffen statt davon ausgehen.“

Beides traf auch auf mich und meine Situation in der Schmerzklinik in Kiel zu:

Eine riesige Hoffnung und absolut qualifiziertes, souveränes, zuversichtliches ärztliches Personal trafen aufeinander.

Dass das Medikament unter diesen Umständen zunächst wirkt, war somit extrem wahrscheinlich: 1. aufgrund seiner medizinisch wirksamen Bestandteile und 2. aufgrund eines zusätzlich auftretenden Placeboeffektes.

Denn – so meine Annahme – wenn aufgrund von placebobedingten Effekten Hirnaktivität zu Gunsten des Wohlbefindens ausgelöst werden kann, ist in diesem Zusammenhang die Unterdrückung unerwünschter Effekte genau so wahrscheinlich wie das Auftreten erwünschter Effekte.

So sind die verspätet einsetzenden Nebenwirkungen selbstverständlich plausibel zu erklären.

Wenn ich Forscher wäre, würde mich diese Idee zu weiteren Experimenten motivieren … 😉

Das bin ich aber nicht, deshalb tauchen bei mir auf diese durchaus versöhnliche Antwort hin (wie immer) nur neue Fragen auf:

Warum weiß eine Fachärztin nicht um solche Effekte, wenn sie doch jeder Depp einfach im Internet nachlesen kann? Was ist da los, dass einem Patienten mit so viel Argwohn, Desinteresse und menschlichem Ungeschick entgegengetreten wird? Was hat die Frau erlebt, dass sie ihre Patienten nicht mehr als Individuum sondern nur noch als wabernde Masse von Diagnosen und daraus zwangsläufig resultierenden „Lebensstilen und -einstellungen“ sehen mag? Was hat sie davon, so vorzugehen?

Antworten wird es wohl nicht geben.

Hier gibt’s aber den ganzen Artikel für euch zum Nachlesen 🙂 http://www.spektrum.de/news/wie-placebos-wirken/1537269

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PS: Ich habe kurz überlegt, der Ärztin diesen Artikel auch zu kopieren und per Post zuzusenden, da sie Post von mir aber offenbar ignoriert, wie ein Blick in die Patientenakte und in meinen eigenen Briefkasten zeigt, lasse ich das mal. „Perlen vor die Säue“ und so 😉 … und irgendwann muss ich auch mal aufhören, mich immer und immer wieder mit diesem Scheißerlebnis zu belasten.

Ich hoffe, es ist jetzt endlich mal gut …

069 // In der Höhle der Echse – myyzilla auf doccheck

Mit meiner Arztangst bin ich im letzten Jahr keinen Millimeter weiter gekommen. Im Gegenteil. Das Erlebnis mit Frau Dr. Jekyll-Hyde steckt mir noch so tief in allen Ebenen des Daseins, dass ich mich noch weiter zurückgezogen habe aus den schönen Arztpraxen dieses Landes.

Das ist aber nicht richtig und bringt mir nur noch mehr Scherereien und Druck. Ohne Ende Druck. Verdammt nochmal. 🙁

Mein Psychotherapeut therapiert sich langsam ‘nen Wolf und ich habe ihm gegenüber schon ein schlechtes Gewissen. Andere (kassenfinanzierte) Traumatherapieplätze sind nicht in Sicht.

Es muss etwas passieren.

Den Januar, den ich überwiegend im Bett liegend verbringen musste, habe ich also genutzt, um neue, professionellere Herangehensweisen auszutüfteln. Ich besann mich auf meine Ressourcen, Stärken und den nicht versiegenden Quell toller Ideen, die Fury und den anderen den Tag vertreiben.

Phobie

Irgendwann stieß ich beim Durchsehen meiner Erinnerungen an ein besseres Leben, auf ein Ereignis, das mir nun als Vorbild dienen soll:

So hatte ich seiner Zeit eine fast 20 Jahre bestehende, wirklich heftige Frosch- und Echsen-Phobie selbst therapiert, indem ich mir detaillierte Informationen über die  Methoden der Phobie-Therapie der Christoph-Dornier-Klinik (an die ich eher zufällig über die Uni gelangt war) reinzog und mit Unterstützung eines netten Arbeitskollegen (Reptilienfan), schrittweise die Bewältigung dieses Angst-Themas angehen konnte.

Die Frosch-/Echsen-Sache hört sich lustig an, war sie aber nicht. Es steigerte sich über die Jahre so weit, dass ich in jedem sich bewegenden Grasbüschel – selbst an Straßenlaternen – mich mit Haut und Haaren fressende Frösche befürchtete. Krass – ich weiß. Aber es gibt echt ‘ne Menge schräger Phobien (z.B. die Angst vor der Zahl 4 = Tetraphobie), insofern befinde ich mich in bester Gesellschaft mit vielen anderen armen Kreaturen und gehe damit heute selbstbewusst um.
Achtung Spoiler: Ich kann’s mir heute ja auch leisten – hab’s geschafft! Und zwar besser als ich mir das erhofft hatte, wie ihr später im Text sehen werdet.

Bevor ich mich heilen konnte, waren bereits Bilder von Fröschen und Eidechsen schon schlimm für mich. Videos gingen gar nicht. Die Biologie-Stunde, in dem dieser unsägliche „Froschschenkelversuch nach Galvani“ gezeigt wurde, den viele sicher noch aus der Schulzeit kennen, ist mir noch heute als mein persönliches Armageddon in Erinnerung.

Die Lösung

Wie hab’ ich es also geschafft?

Antwort: Durch meinen Willen, den Verstand siegen zu lassen und dem Körper schrittweise einen chilligeren Umgang mit dem gemeinen Lurch anzutrainieren.

Initialzündung für meine Heilung war dabei ein logischer Zusammenhang, den mein Reptilien-Kollege damals äußerte:

In einem Gespräch wollte er wissen, was genau an den Tieren mir denn so eine Angst macht. “Was denkst Du denn, machen die mit Dir?”, fragte er.
Da ich den Kollegen auch menschlich mochte, traute ich mich, ihm zu sagen, dass ich schlicht Angst hätte, dass die Scheißviecher mich anfallen und auffressen (ja, ich weiß – vollkommen irrational und wirsch. War aber so.).

Mein Kollege lachte mich nicht aus wie die meisten anderen, die davon hörten, sondern sagte ganz trocken: „Da brauchst Du keine Angst zu haben, Du entsprichst doch gar nicht deren Beuteschema.“

Ich so: „?!“
Er so: „Na, du hüpfst ja noch nicht mal.“
Ich wieder:“?“
Er:“Solange Du nicht aussiehst und dich bewegst, wie ein Insekt oder anderes Beutetier passiert Dir doch nichts.“

Eine bestechende Logik.

Ja, ihr lacht, aber das war die Grundlage dafür, dass ich mich ganz langsam über diese mentale Krücke („nicht hüpfen, dann passiert dir nichts“) mit den Tieren befassen konnte, ohne vor Angst fast in Ohnmacht zu fallen.

Es folgten Monate, in denen ich mich erst theoretisch mit den Fröschen und Echsen befasste (interessante Tiere sind das nämlich!). In einer nächsten Stufe schaute ich mir gemeinsam mit dem Kollegen Bilder seines (in einem frei im Wohnzimmer stehenden Fikus-Benjamini lebenden) Chamäleons (Name vergessen) und später seines Tokeh-Geckos „Lukas“ an.

Lukas war nicht ohne. Tokehs können beißen. Fies beißen. Sie schnappen zu und wollen dir das Fleisch rausreißen, indem sie ihren Kopf und schlimmstenfalls sich selbst um ihre eigene Achse drehen wie ein Krokodil (na, auch Angst? he he he ;-)). Aber selbst den konnte ich mir kurze Zeit später schon im Video angucken.

Therapieurlaub

Den erfolgreichen Abschluss meiner Selbsttherapie feierte ich dann auf der griechischen Insel Kos. Mein damaliger Lebensgefährte und ich wohnten zu ebener Erde in einem Appartmenthotel. Die etwa 1000 Quadratmeter Schotter und Sand hinter dem Hotel, auf denen mittig eine alte große hölzerne Kabeltrommel lag, dienten mir als meine Therapiearena.

Der Hohlraum unter der Kabeltrommel war das Zuhause vieler kleiner Echsen. Mit dem Fernglas konnte ich das Treiben von der Terrasse aus beobachten. Urgs. Der Weg zum Strand führte in etwa 10 Meter Entfernung an der Trommel vorbei. Also musste ich all meinen Mut zusammennehmen, um zum Strand zu gelangen.

Ich war tatsächlich mutig genug. Mehr noch: Der Forscherdrang obsiegte!

So beobachtete ich die Tiere erst von weiter weg, dann ging ich langsam näher, bis die Angst auf Stufe 9/10 (am höchsten) war. Dort blieb ich stehen und wartete zitternd und weinend, bis sie runter ging (so macht man das in der Konfrontationstherapie). Dabei redete ich auf mich ein: „Jetzt nur nicht hüpfen, dann passiert dir nichts.“

Und was soll ich sagen: Ich bin nicht gehüpft – es ist mir nichts passiert.

Irgendwann war ich so nah dran, dass ich den kleinen grauen Echsen in die Augen schauen konnte und wenn sie nicht grade allzu plötzliche Bewegungen machten, konnte ich sogar mit einem Puls leicht unter 180 in ihrer Nähe sein. Am Ende des Urlaubs saß (!) ich unter meinem großen Hut stundenlang auf dem Schotterplatz und redete mit der Kabeltrommel – so sah das zumindest für die anderen Hotelgäste aus, vermute ich – aber das fiel mir erst später auf. 🙂

Viel wichtiger ist: Ich habe meine Angst dort besiegt und konnte am letzten Tag des Urlaubs sogar einen Ausflug zum Asklepieion, der antiken Heilstätte des Hippokrates, der auf der Insel geboren war, genießen. Auf den alten aufgeheizten Gemäuern wimmelt es natürlich nur so von Echsen. Aber auch die größeren konnte ich aushalten.

Ein neues Leben begann.

Mein Wissen und mein Interesse an den Tieren führte nun dazu, dass ich kurze Zeit später selber Gecko-Mutti wurde und eine etwas pummelige Phelsume namens „Dicke“ und einen Marmorgecko namens „Charlie“ (weil er aus Vietnam stammte :-)) im selbst gebauten Regenwald-Terrarium beherbergte.

Was für ein Happy End, hm? 🙂

Arztangst

So soll es jetzt auch mit den Ärzten klappen.

Eine Phobie muss nicht unbedingt durch ein Trauma entstanden sein, aber die Mechanismen sind doch recht ähnlich (rede ich mir ein). Ersetze also „Echse und Frosch“ durch „Arzt“ und schon sollte es doch gelingen, die Angst vor ihnen irgendwie in den Griff zu kriegen.

Ich muss mich nur gründlich über Ärzte informieren, ihren Lebensraum studieren, ihre Bedürfnisse und ihr Verhalten kennenlernen, Kontakt aufnehmen, halten und irgendwann müsste ich ja dann auch mit den gefährlichen unter ihnen klarkommen – so mein Plan.

Was noch fehlt ist die mentale Krücke („nicht hüpfen, damit ich nicht ins Beuteschema passe“). Hier bin ich dankbar für alle Vorschläge. 😉

Bisher habe ich einige Informationen gesammelt, mir Studieninhalte, Gehaltsstatistiken und Juristisches angesehen. Nun will ich also einen Schritt weiter gehen: Ich nähere mich an. Setze mich sozusagen neben die Kabeltrommel des medizinischen Fachpersonals und nehme Sichtkontakt auf.

Da ich mit meinem Studium durchaus einschlägig qualifiziert bin und mittlerweile einige Gesundheitsthemen und medizinische Sachverhalte als freier Autor vertextet habe, gewährte man mir Zugriff auf das wirklich interessante Portal doccheck.de.

Dort habe ich mir ein Profil eingerichtet, das von den Mitgliedern der Plattform angesehen werden kann – einen Hinweis auf meine Seite habe ich natürlich auch eingestellt.

Jetzt sitze ich da und warte bis die Angst nachlässt …

… in der Zwischenzeit: bloß nicht hüpfen … :-/

 


Bild: pixabay

068 // Chronische Migräne für Dummies

Dass Migräne einfach nicht lustig ist, merkt man schon allein daran, dass es auf Witzeseiten kaum Witze über sie gibt – schon gar keine guten.

Uralt-Weisheiten wie:
„Wenn die Frau Migräne plagt, hüpft der Bauer gern zur Magd“, hilft dem Zwerchfell auch nicht nachhaltig auf die Sprünge.

Deshalb jetzt der ultimative Migräne-Witz:
——

Wie nennt man einen Neurologen, der das klinische Bild einer chronischen Migräne nicht kennt?

Gutachter!!! 😂
——

Der Brüller, oder? 😉🤣 huuuuuu …

… wenn‘s nicht so traurig wäre.

Der Chefarzt der Neurologie einer nicht ganz kleinen Klinik im Ruhrgebiet (seines Zeichens Gutachter in meiner Schwerbehindertenangelegenheit) führt in seinem Gutachten über mich aus:

„Sie führt einen Kopfschmerzkalender, wobei dieser wertlos ist, da sie jeden Tag angekreuzt hat. Sie hat dabei unterschieden zwischen den Basilaris-Migräne-Anfällen, die sehr selten sind und der normalen Migräne, die schon im Abstand von wenigen Tagen auftritt, zusätzlich füllt sie die restlichen Kreuzchen mit der Angabe eines ständigen Spannungskopfschmerzes, sodass dieser mit Plausibilität immer, auch bei der jetzigen Untersuchung, vorliegen müsste, wobei sie aber nicht beeinträchtigt erscheint.“

Was soll man dazu sagen?

Ich versuch‘s mal hiermit:

Ein Schmerztagebuch, das jeden Tag Eintragungen enthält, ist weder wertlos noch unplausibel. Es dokumentiert schlicht und ergreifend den Alltag von bis zu 1,2 Millionen Menschen in Deutschland, die an und unter chronischer Migräne leiden, …

„DU VOLLHONK!!!“, möchte Etwas in mir ergänzen, aber ich bleibe natürlich (vordergründig) sachlich und verweise jetzt auf die fachmedizinischen Fakten:

(Das Folgende eignet sich übrigens gut zum Ausdrucken, mit in die nächste Arztpraxis schleppen, dem Gutachter zusenden, Weiterleiten, Teilen, speichern … feel free …)

Chronische Migräne

In einer Expertenempfehlung der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft/ Deutsche Gesellschaft für Neurologie sowie der Österreichischen Kopfschmerzgesellschaft/Schweizerischen Kopfwehgesellschaft zur “Therapie und Versorgung bei chronischer Migräne” findet man folgende Informationen:

“Der Übergang einer episodischen Migräne in eine chronische Verlaufsform wurde erstmals Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, damals noch unter dem Namen ‘transformed migraine’ (transformierte Migräne) von amerikanischen [Ärzten] beschrieben. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass einige Patienten mit einer eindeutigen zu Beginn episodischen Migräne über Jahre eine zunehmende Attackenfrequenz erleben, die schließlich in einen täglichen Kopfschmerz übergehen kann. Dabei kommt es auch zu einem Wandel der Kopfschmerzsymptome. Im Vordergrund steht dann ein täglicher holozephaler, drückender Kopfschmerz ohne oder mit nur gering ausgeprägter begleitender vegetativer Symptomatik. Dieser Kopfschmerz wird zusätzlich unregelmäßig von Attacken überlagert, die die Kriterien für Schmerzen und Begleitsymptome einer Migräne ohne Aura erfüllen. […] Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) nahm mit der 2. Auflage der Internationalen Kopfschmerzklassifikation ICHD-II (2004) den Begriff der chronischen Migräne erstmals auf. Die ICHD-II führte im Jahr 2004 die Diagnose der chronischen Migräne erstmals im Kapitel „Migränekomplikationen“ auf. […]

Klinisch berichten Patienten mit einer chronischen Migräne über eine längere mittlere Attackendauer, eine höhere Schmerzintensität und sie sind im Durchschnitt durch den Kopfschmerz auch mehr belastet als Patienten mit einer episodischen Migräne.
[…]
Patienten mit einer chronischen Migräne haben einen signifikant höheren Grad der Einschränkung, häufiger psychiatrische Erkrankungen und daraus resultierend häufiger Kontakte mit Ärzten, Notaufnahmen und diagnostischen Maßnahmen […]

(Quelle: Fachartikel aus “Der Nervenarzt – 12/2012 http://www.dmkg.de/files/dmkg.de/Empfehlungen/Empfehlung_Therapie_und_Versorgung_bei_chronischer_Migraene.pdf)

0,2% -1,5% d. Gesamtbevölkerung
(das sind 160.000 – 1,2 Millionen Menschen in Deutschland) sind an chronischer Migräne erkrankt. (Quelle: Deutsche Migräne und Kopfschmerzgesellschaft – DMKG)

Kopfschmerz vs. Migräne

Zum Thema: „Sie scheint unbeeinträchtigt“ zeige ich im folgenden Bild einmal den Unterschied zwischen „Kopfschmerzen“ und „Migräne“:

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Wenn „normale“ Menschen das nicht wissen und ihnen der Spruch „Du siehst ja garnicht krank aus“ rausrutscht: geschenkt.

Wenn aber nicht mal Fachärzte in ihrer Eigenschaft als Gutachter (also mit großer Verantwortung für rechtlich korrekte Behandlung von kranken Menschen) aktuelles Grundlagenwissen in ihrem Fachgebiet haben, dann gute Nacht Marie!

Sowas macht mich einfach stinksauer, weil es entweder dumm oder dreist oder beides ist.

In jedem Fall macht es mir die Aktion „Arztbesuch“ noch schwerer und das ist ungefähr das Letzte, was ich brauche ..

 

 

 

 

 

063// Arzt mit Eiern

Ja, ich weiß, man könnte meinen, an Ärzten lasse ich generell kein gutes Haar. Das stimmt aber so nicht. Mittlerweile habe ich es ja geschafft, in einzelnen Fachgebieten Problem-Bär-kompatible Exemplare ihrer Zunft zu finden.

War aber nicht so einfach und selbst bei ihnen fällt es mir manchmal schwer, mich „normal“ zu verhalten und nicht in Starre oder Panik zu verfallen, weil ich nur schnell wieder weg will.

Ein Arzt ist mir aber in besonderer Erinnerung geblieben. Er fiel nicht durch fachliche Kompetenz auf, aber durch Menschlichkeit und etwas, das es nicht nur bei Frauen selten gibt: Eier.

Vor etwa zwei Jahren traf ich ihn:

Nach meinem Ausflug auf die Stroke Unit und der Diagnose „Basilarismigräne“ bin ich auf der Suche nach einem Neurologen, der mich (wie vom Krankenhausarzt dringend angeraten) weiterbehandelt. Die Krankenkasse schlägt als Migräne-Spezialisten in meiner Nähe den Neurologen/Psychiater Dr. B. vor – er arbeite mit der Schmerzklinik in Kiel zusammen, sagt die Tabelle, die man mir ausgedruckt und zugesandt hatte. Ich rufe an, vereinbare einen Termin und warte nur drei Monate – das ging also vergleichsweise schnell für einen Neurologen.

Kurz vor Weihnachten fährt mich mein Schwiegervater die 30 Kilometer in die Nachbarstadt. Den Stadtteil kenne ich – habe selbst dort einige Jahre gewohnt. Hatte mich deshalb schon gewundert, dass in dieser eher mäßig mondänen Gegend eine spezialisierte Migränepraxis sein sollte.

Vor Ort geht die Verwunderung nahtlos in Erstaunen über. Eine neurologische Praxis habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Nach dem, was ich an Designer-Mobiliar und Kunstsachverstand in der Krankenkassen-Programm-Praxis in E. erlebt hatte, dachte ich ja, Migräne-Spezialist müsste man sein. Passiv natürlich 😉

Die Praxis von Dr. B. folgt einer anderen Stilrichtung: Vintage, würd’ ich sagen.

Sie befindet sich in einer Altbauwohnung im ersten Stock. Der Eingang für die Nervenpatienten liegt neben einem Billig-Bäcker, was den ansonsten etwas muffigen Geruch des Treppenhauses durch den wohlig, versöhnlichen Duft frischen Backwerks, der uns nun kurz anhaftet, notdürftig zu überdecken vermag.

Auch mein Schwiegervater schaut zweifelnd, aber schweigt, als wir durch die Wohnungstür in die Praxis gehen. Die Inneneinrichtung hat schon bessere Zeiten gesehen, aber alle Anwesenden scheinen entspannt und freundlich. Ja, dann … Vorurteilsfrei und nervös wie immer nehme ich im Wartezimmer Platz.

Hier hängen etwa 20 DIN A4-Zettel mit diversen interessanten und weniger interessanten, aber ablauforganisatorisch und verhaltenstechnisch wichtigen Informationen für Patienten an Türen und Wänden. Stabile Stühle sind in ausreichender Menge und komplett montiert vorhanden. Fußleisten nicht.
Der alte braune Filzteppich nutzt die Lücke und lukt frech hinter den Stuhlbeinen empor.

Ich rechne kurz aus, wie viel die fehlenden und kaputten Meter Leiste und die paar Nägel wohl kosten, und überlege, ob wir nicht schnell in den nahegelegenen Baumarkt fahren sollen, das wär’ kein Thema, so als Zeichen meiner Dankbarkeit, dass sich jemand meiner annimmt.

Ich verwerfe den Gedanken. Das wäre unangemessenes Verhalten. NOCH hab’ ich ja nix zu danken. Stattdessen ziehe ich also vorerst nur die Augenbrauen in Richtung Schwiegervater hoch. Er erwidert die Augenbrauen-Sache.

Es sind nur drei Patienten vor mir. Ich bin die letzte heute. Um ca. 17:30 Uhr darf ich zum Doc rein. Ziemlich fertig, aber heilfroh, dass ich nun endlich Hilfe bekommen soll, wundere ich mich noch kurz, dass es weder Gardinen noch Vorhänge gibt und frage mich, ob die türkische Familie gegenüber uns Verrückten wohl oft zuschaut, wie wir dem Doktor unser Leid klagen. Ich an ihrer Stelle würd’s machen. Aus lauter Neugier würde ich ein Richtmikrofon installieren oder vom Mund ablesen lernen. Bestimmt besser als Fernsehen.

Der Doktor kommt rein. Er hat keinen Kittel an. Schon mal gut für mich.

Er ist groß, sportlich, etwa in meinem Alter und sieht freundlich aus. Als er grade etwas sagen will, klingelt sein Handy. Seine Frau möchte Familienorganisatorisches besprechen, weil sie heute Abend in ein Konzert gehen. Er macht es kurz und entschuldigt sich das erste Mal bei mir.

Mir macht das nichts, bin sowieso total fertig mit den Nerven.

Ich solle mal erzählen, was mich zu ihm führt.

Ich erzähle so flüssig wie es geht, dass ich diese Basilarissache habe, vor drei Monaten damit im Krankenhaus war, mich das ziemlich fertig macht alles und ich jemanden suche, der sich damit auskennt und mir hilft.

„Und da kommen Sie zu mir?!“, fragt der Arzt mich völlig entgeistert.
„Äh, ja, die Krankenkasse hat Sie mir als Ansprechpartner genannt.“
„Wie kommen die denn darauf?!“ – er wirkt verwirrt.

Ich auch.

„Ja, Sie stehen doch auch in der Online-Suche der Schmerzklinik Kiel als Kooperationspartner und Schmerzspezialist.“
„WAS?!“

Ich zeige ihm den Ausdruck und werde zeitgleich noch blasser, als ich so schon bin.

„Ich war in einem Rückenschmerzprogramm bei Frau Dr. X., aber da kann ich nicht mehr hin. Zu weit und schlimme Erfahrungen.“
„Aber das ist doch DIE Koryphäe!“
„Mir gegenüber war sie anders und das mit der Basilarisdiagnose kommt auch nicht von ihr. Außerdem ist die Praxis für mich zu weit entfernt. Wie gesagt, die Krankenkasse hat mir Sie als nächstgelegenen genannt“, plappere ich los, auf dass mein Dasein möglichst gerechtfertigt klinge.

„Aber, das gibt’s doch nicht. Ich bin doch nur ein Wald- und Wiesen-Arzt … Und da schicken die mir solche Hardcore-Fälle?!”

Ich gucke ihn mit großen Augen an. Er hat tatsächlich Hardcore-Fall zu mir gesagt. Hardcore-Fall ist nicht das, was ich erwartet hätte, aber es passt zu dem, wie ich mich selbst oft empfinde. Also bin ich nicht beleidigt.

Er entschuldigt sich zum zweiten Mal.

„Ähm, ja ich weiß, das ist recht selten, aber ich weiß einfach gar nicht, was ich machen soll mit der Diagnose und dem ganzen Rest. Können Sie mir nicht irgendwie helfen?“, frage ich.

Dann kullern die ersten Tränen – also bei mir :-D.

„Oh, Mann“, sagt er, „es ist kurz vor Weihnachten, alles total stressig hier, ich bin auch ziemlich am Ende und ehrlich gesagt: Sie überfordern mich grade.“

Wow. Das wollte ich nicht. Nicht, dass der jetzt auch noch anfängt zu heulen … Jetzt hab’ ich Mitleid mit ihm und verspüre den Impuls, ihn mütterlich fürsorglich in den Arm zu nehmen und zu sagen: ‘Wird schon wieder. Gehen Sie mal mit Ihrer Frau schön ins Konzert und schlafen Sie sich mal ordentlich aus, dann sieht die Welt schon wieder anders aus.’

Aber Moment, ICH bin doch der Patient!

Ich weine doller. Dafür entschuldige ich mich jetzt.

„Nein, nein. Ich verstehe Sie ja, Sie haben sich was ganz anderes von diesem Termin versprochen.“
„Ja, schon, aber ich hab’ doch jetzt sonst niemanden, der helfen kann, ich weiß doch garnicht, was ich machen soll.“
„Ja, wenn Sie meinen, ich kann Ihnen helfen, dann muss ich mich erst mal schlau machen.“

Ich nicke wieder. Er tippt im PC rum.
„Welche Triptane nehmen Sie denn?“
Triptane sind kontraindiziert bei Basilarismigräne. Äh, hat man mir gesagt.“ (Ich wollte nicht so klugscheißerisch rüberkommen.)
„Oh.“
Er tippt nochmal was.
„Haben Sie es schon mit Prophylaxe versucht?“
„Ja, Betablocker – vertrage ich nicht und bringt nix.“

Er tippt.
„Amitryptillin könnten Sie nehmen.“

Der hat doch jetzt nicht gegoogelt?!?
„Nein. Nicht bei Basilarismigräne”, wende ich leise ein.

Ich bin am Ende.

„Oh, ja, also dann kann ich Ihnen nur anbieten, dass ich mich mit Ihren Unterlagen beschäftige und Ihnen dann ggf. ein Rezept zuschicke. Dann müssen Sie nicht wieder so weit fahren“, versucht er die Situation zu retten.

„Ich fahre nicht selber. Mein Schwiegervater hat mich gebracht“, sage ich.
„Oh“, sagt er. „Und wir machen einen neuen Termin. Im Februar habe ich was.“
„Ok, dann Danke.“
Ich stehe auf und gehe zur Tür. Ich bedanke mich ja IMMER. Egal für was. Notfalls auch für nichts – dabei weine ich immer noch.

Wie ferngesteuert gehe ich ins Wartezimmer zurück, hake mich bei meinem Schwiegervater unter und gehe mit ihm raus. Versuche, mich zusammenzureißen. Als wir in die Seitenstraße abbiegen, in der unser Auto steht, heul’ ich richtig los.

Wir gehen ein paar Schritte. Ganz langsam wird es besser. Irgendwann sitzen wir im Auto und ich sage: „Ich hab’ meinen Psychiater geschafft. Muss mir erst mal einer nachmachen.“
Fast schon lustig. Aber eben nur fast.
Zuhause angekommen rufe ich meinen Mann im Büro an und erzähle ihm von meinem Erlebnis. Er lacht. Und entschuldigt sich sofort dafür. Aber, so what? Is’ ja auch zum Piepen eigentlich.

Kurz nachdem unser Gespräch beendet ist, klingelt das Telefon: Dr. B.!

Er möchte sich noch mal entschuldigen dafür, wie das Gespräch grade gelaufen sei. Das sei nicht sehr professionell gewesen, wie er sich verhalten hätte. Täte ihm leid, er könne verstehen, wenn ich jetzt sauer wäre. Ich sage ihm, dass ich nicht sauer bin, nur traurig. Kann er ja nichts für. Wird schon wieder.

Krass. Damit hätte ich nicht gerechnet.

Ein Arzt mit Eiern …

039 // Von Schubladen und falschen Filmen

Mann, hab’ ich den Kaffee auf. Obwohl ich (außer einem Espresso in Hafermilch gerührt über den ganzen Tag verteilt), keinen mehr trinke.

Soviel wie ich kotzen wollte (können kann ich aufgrund meiner Zwerchfell-OP nicht mehr), kann ich in zwei Wochen nicht essen.

Was ist passiert?
Was wohl? – Ich war mal wieder beim Arzt – diesmal bei der Neurologin: Ich berichte ihr, dass das Epilepsie-Medikament Gabapentin eine Zeit lang einen positiven Effekt auf meine Körperschmerzen hatte und sich dann nach und nach schlimmere Nebenwirkungen entwickelten, die ich nicht mehr tolerieren konnte und wollte.  Ich hörte Stimmen, bewegte mich wie ein Chamäleon (vor und zurück mit unnützen Extra-Bewegungen), knickte auf dem Bürgersteig unvermittelt auf grader Strecke zur Seite weg, stand mental total neben mir. Die Neurologin sagt: „Das kann nicht sein, dass so spät erst Nebenwirkungen kommen.“
„Woher kommt das dann?“, frage ich.
„Das ist, weil es geholfen hat.“
Pardon? Ich gucke blöd.
„Ja, sehen Sie mal, Sie und Ihre Familie beschäftigen sich den ganzen Tag mit Ihrer Krankheit.“
„Äh, nein, die Familie nicht.“
„Sie haben viel mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung.“
„Äh, nein, nicht mehr als sonst.“ – Sie hat nicht den Hauch einer Ahnung, wie die Situation bei uns zu Hause aussieht, denke ich.
„Und stellen Sie sich mal vor, die Krankheit wäre von jetzt auf gleich weg, was würden sie tun?“
„Beim Basketball-Training von meinem Sohn zugucken, Autofahren, schwimmen gehen, in den Urlaub fahren, arbeiten gehen …“, zähle ich spontan auf.
Sie guckt etwas verwirrt und unterbricht mich:
„Haben Sie schon mal was von Parkinson gehört?“
„Ja.“
„Da gibt es sehr gute Medikamente, die helfen von heute auf morgen. Da weiß die ganze Familie dann gar nicht mehr, was sie plötzlich machen soll, weil sich der ganze Tagesablauf ja nur um die Krankheit gedreht hat.“
„Der Vater meiner besten Freundin hatte Parkinson. Das war da nicht so“, sage ich.

Wenn einer sich nicht hängen lassen hat, dann war das dieser Mann. Er half bei Umzügen, so gut er konnte, ging länger arbeiten als er musste, beschäftigte sich mit seinen Hobbys, so gut es ging, fuhr mit uns in den Urlaub, lebte Normalität und wollte eben gerade NICHT als Kranker gesehen und irgendwie anders behandelt werden. Auch, wenn seine Erkrankung deutlich sichtbar war und es leichter für ihn gewesen wäre, sich alles abnehmen zu lassen.

Sie guckt wieder verwirrt.
„Ja, aber so generell, verstehen Sie?“
„Sorry, ich hatte einen vollkommen anderen Eindruck“, entgegne ich ebenfalls verwirrt und erkläre weiter: „Eine Mitpatientin aus der Schmerzklinik hat exakt die gleichen Erfahrungen mit Gabapentin gemacht wie ich.“
„Das ist dann da genauso. Gleiches Konstrukt.“
„Aha.“ – Langsam wird es grotesk.
Sie lächelt, ohne dass ihre Augen mitlächeln.
Sie ist vollkommen anders als bei meinen letzten Besuchen. Da hatte sie mir noch aufwändig erklärt, wie bestimmte Medikamente an den Rezeptoren im Gehirn wirken und dass es wichtig sei, mit Kleinigkeiten das Genießen wieder zu erlernen. Dass viele Baustellen bei mir zu bearbeiten wären, dass Akzeptanz jetzt erst mal das Wichtigste sei, dass ich nicht dagegen ankämpfen soll und dass man danach ja noch weitere Schritte in Bezug auf die Migräne angehen könne.

Was denn der Rollator soll, fragt sie jetzt abwertend.
„Damit habe ich es geschafft, alleine zu Ihnen zu kommen“, erkläre ich noch etwas stolz. Ich Idiot.

Schubladendenken

Viel zu spät bemerke ich, dass ich wieder im Strudel des Missverstehens, der Ignoranz, der Vorverurteilung und des Schubladendenkens gefangen bin.
„Ich sollte doch die Gegebenheiten akzeptieren und damit umgehen lernen, habe Sie mir gesagt“, setze ich vorsichtig an.
„Ja, aber doch nicht so.“
„Äh, ich war eigentlich sehr stolz darauf, dass ich anstatt zu liegen und gar nichts zu machen, oder wieder jemanden zu bitten, mich zu begleiten, wieder selbständiger geworden bin“, flüstere ich kleinlaut.
Sie verdreht die Augen und redet weiter:
„Es gibt sogar Kollegen, die lehnen die Behandlung von Schmerzpatienten ab, die in einem laufenden Rentenverfahren sind.“

Und, was soll DAS jetzt? Sie selbst hat mir doch gesagt, ich soll diese verkackte Rente beantragen, weil ich in erster Linie viel Zeit und Geduld brauche. Sie hat mich doch als dringend in die Schmerzklinik eingewiesen. Ich versteh’ die Welt nicht mehr. Weiß nicht, wann ich mir das letzte Mal so verloren und verraten vorgekommen bin.
Doch ich weiß es: Bei ihrer Kollegin im TK-Programm „Schmerzfrei leben!“ – Passt hier mittlerweile auch gut.

Krankheitsgewinn

Ich kann mir denken, worauf sie hinaus will: Den sekundären Krankheitsgewinn. Aber, warum sagt sie das dann nicht einfach? Warum fragt sie nicht einfach, wo ich persönlich einen solchen vielleicht haben könnte? Wie mein Psychotherapeut. Der fragt mich dauernd: „Und, was ist das Gute daran?“, oder: „Was wäre, wenn das Problem plötzlich nicht mehr da wäre …“ oder: „Kann es sein, dass Sie sich so aufregen, weil er/sie Recht hat?“ – Frag’ mich doch mal sowas, denke ich, dann kommen wir auch mal über dieses dämliche Pauschalisieren und dieses überhebliche, allwissende Getue hinweg zum Punkt. Und dann würdest Du mal sehen, wer oder was hier wirklich vor dir sitzt.

Aber sie fragt mich nichts dergleichen. Stattdessen stammele ich:
„Eigentlich war ich gekommen, um Sie zu fragen, welche Möglichkeit es denn wegen der Migräne jetzt noch gibt. Der Neurologe vom Versorgungsamt und Patienten in der Schmerzklinik hatten mit Botox gute Erfahrungen gemacht, obwohl ich hab’ da ein bisschen Angst …“
„Das gibt es nur bei ganz bestimmten Formen der Migräne“, antwortet sie etwas patzig.
„Äh, ja. Die habe ich ja“, sage ich zögernd.
„Da müssen Sie vorher dann aber mal einen Kopfschmerzkalender führen.“
„Äh, das mache ich doch, seit 1 ½ Jahren.“

Ich glaub’ langsam, die verwechselt mich mit jemandem. Wer is’ hier eigentlich der Gestörte? Die weiß gar nicht, was hier Ambach ist, denke ich. Ich bin seit einem Jahr bei ihr in Behandlung, das ist der dritte Termin bei ihr. Das kann doch nicht sein, denke ich. Sie schiebt ein paar Zettel in meiner Patientenkartei hin und her.

„Wie oft jetzt so?“, fragt sie.
„Momentan 17-18 Tage im Monat.“
„Ja, da haben wir ja Glück, dass sie heute mal keine Migräne haben.“
„Ja, das stimmt. Gestern war der letzte Anfall soweit durch“, sage ich erleichtert und vertrauensselig.
„Wenn Sie gestern Migräne gehabt hätten, wären Sie doch heute gar nicht hier.“
„Wie bitte?“
Ich verstehe nicht. Was soll das denn jetzt heißen?
“Äh, Moment,” setze ich noch an, “ich hab’ seit ich denken kann Migräne, natürlich nehme ich auch Termine danach wahr, wenn ich irgendwie kann.”
Plötzlich bohrt sich die aufkommende Wut von innen in meinen Hals. Ich kann gar nichts mehr sagen, verfalle in den bekannten Zustand aus wütender Verzweiflung und innerem Abspalten. Sie redet offenbar weiter. Ich höre sie nur noch wie durch Watte. Nur Geräusch. In mir schreit etwas laut „Nein!“
Ich glaube, ich sage noch, dass ich das dann noch mal versuchen will mit dem Gabapentin.  Bin ich jetzt total verrückt geworden!? Zum Schluss bedanke ich mich – duze sie versehentlich dabei! Jetzt wird es richtig bizarr. Ich kann nicht fassen, was hier grade passiert – ich bin durch. Habe das Gefühl rückwärts in einen dunklen Tümpel gezogen zu werden und im kalten Wasser bewegungsunfähig immer tiefer abzusinken.

Falscher Film

Immer wieder dieser verdammte, falsche Scheiß-Film. Und wieder bin ich alleine da. Der erste Versuch nach über einem Jahr, alleine zu einem anderen Arzt als meinem Hausarzt zu gehen, endet mal wieder im Fiasko. Großartig!

Als ich den Raum verlasse, dreht sich alles. Ich komme mir vor, wie der letzte Versager und Simulant. Aber ich halte eine Überweisung für die hiesige Schmerzambulanz in der Hand. Ich raff’ nix mehr. Hab’ ich jetzt was, oder nicht?! Ich schlurfe wie ferngesteuert zu meinem Auto. Gut, dass ich den Rollator habe. Erst als die Autotür ins Schloss fällt, bemerke ich, dass ich angefangen habe zu weinen. Das Parkticket in meiner Hand ist bezahlt. Kann mich nicht erinnern am Kassenautomat gewesen zu sein. Hab’ ich was kaputtgemacht? Hab’ ich ihr eine reingehauen? Sonst jemand verletzt – außer mir?  Ich weiß es nicht. Totaler Filmriss. Maaaaannnn! Wie sehr ich diese Situationen hasse. Nein, wie sehr ich diese Ärzte hasse. Diese Menschen, die es immer wieder schaffen, mich in diese Zustände zu bringen.

Aber noch mehr als diese Menschen hasse ich mich mal wieder selbst in solchen Momenten. Wenn ich es wiedermal nicht geschafft habe, zu intervenieren, wiedermal nicht für mich selbst eingetreten bin, wiedermal versagt und wie ein dicker, dummer Dodo vertraut habe.

Nein, ICH sage auch noch „Danke Dir!“ – Boah, wie krank ist das? Ich ekel mich vor mir selbst – zittere am ganzen Körper. Aber zittern ist ok. Es tut mir gut. Hilft, die Anspannung zu lösen.  Wenigstens etwas funktioniert.

Vollkommen demoralisiert komme ich irgendwie zu hause an. Ich beschließe, der Ärztin einen Brief zu schreiben. Mitzuteilen, dass ich mich verletzt fühle. Das ist alles, was ich noch tun kann: Es aufschreiben. Ich tue es und schicke den Brief einen Tag später ab.

Gerne hätte ich sie noch gefragt, ob der Vater meiner Freundin sich seine Krebserkrankung, an der er dann gestorben ist, auch nur zugelegt hat, weil ihm die ganze Aufmerksamkeit und Zuwendung durch seine Parkinsonerkrankung noch nicht reichte. Aber ich schrieb nur über meine Verletzung. Ich-Botschaften, Sachebene … bla bla bla.

Eine Antwort habe ich nicht bekommen. Vielleicht hat sie den Brief nie gelesen.

Ich weiß nicht, ob und wann ich soweit bin, dass ich da noch mal hin kann, um nachzufragen. In mir sperrt sich alles dagegen. Das Problem: Neurologen mit entsprechender Qualifikation sind rar. In meiner Umgebung hatte ich alle abtelefoniert. Wartezeiten von sieben Monaten für neue Patienten oder man wird komplett abgelehnt.

Wenn es nach mir geht, würd’ mich eh kein Arzt mehr sehen, aber ich muss meine Behandlungsbemühungen ja überall nachweisen, sonst bekomme ich kein Geld. Geld brauche ich aber, damit meine Familie klar kommt. Wenn ich die nicht hätte, würde ich sowieso zu keinem Arzt mehr gehen. Dann würde ich in irgendeinem Loch sitzen und auf meine Erleuchtung oder den Tod warten – was nach meinem Verständnis in etwa das Selbe ist (vollkommen wertfrei gemeint).

Es ist zum Auswachsen.

Egal, wie nebensächlich das tatsächlich Geschehene auf andere wirkt, mich werfen solche Erlebnisse um Lichtjahre zurück. Wenn ich nur vor solchen Terminen klarmachen könnte, wie schwer solche Situationen für mich sind. Ich habe solche Angst vor genau diesen Vorverurteilungen, vor den anschließenden Selbstzweifeln und vor meinen eigenen Körperreaktionen. Ich rege mich nicht nur ein bisschen auf. Ich falle in tiefe Abgründe. Habe Todesangst vor dem, was in meinem Körper passiert. Noch Monate später hallen die Worte in meinem Kopf und Körper nach.

Was wollen die denn alle von mir? Einmal sagen sie, ich solle nicht dagegen ankämpfen und wenn ich genau dies tue, heißt es “Krankheitsgewinn”. Ich kann es einfach nicht nachvollziehen. Natürlich sehe ich, dass Frau Dr. eben auch nur (Fach-)Mensch mit wenig Zeit ist. Da muss man die Leute in Schubladen packen …
… und zack, da isses wieder: Muss man das wirklich? Jemand verletzt mich und ich entschuldige dieses Verhalten erst mal und sage nachher auch noch brav Danke dafür. Das ist doch echt gestört.

Aber ich habe zumindest nicht gleich ganz dicht gemacht und ein bisschen Gegenwehr gezeigt, versuche ich mich zu trösten. Trotzdem alles falsch, sagt einer meiner inneren Kritiker. Zu viel Gestammel, zu viel Angst, zu viel “Ich will alles richtig machen.”

Ich muss mich einfach besser schützen – aber wie, wenn nicht durch Vermeidung?

—- —- —

Von den o.g. Parkinson-Medikamenten, die von heute auf morgen alles toll machen, hat die Familie meiner Freundin übrigens nichts gehört. Das muss wohl was ganz Neues sein, oder die Ärztin bezieht sich auf die relativ guten symptomatischen Behandlungsmöglichkeiten in den ersten Jahren der Erkrankung. Dennoch ist Parkinson nach meinen Recherchen nach wie vor nicht heilbar. Bei fortgeschrittener Erkrankung ist eine Behandlung offenbar immer noch schwierig. Als ich meiner Freundin von der Einschätzung meiner (ehemaligen!) Neurologin berichte, muss sie lachen. Die Pauschalisierungen von Ärzten kann sie genauso gut leiden wie ich. Sie schlägt vor, eine neue Kategorie im Blog zu eröffnen: “Mumpitz” … ich überleg’s mir … 😉


Update:
Wie die oben beschriebenen Effekte wissenschaftlich fundiert zu erklären sind, beschreibe ich in diesem Blogbeitrag:

070 // Schützt der Placeboeffekt vor unerwünschten Nebenwirkungen?

029 // In der Schmerzklinik Kiel – Teil I

Wer die erste Hürde, das Ausfüllen des 30-seitigen Fragebogens der Schmerzklinik geschafft hat, ist schon ein gutes Stück weiter und hat das Gefühl: Endlich kümmert sich mal jemand ganzheitlich und vollumfänglich. Bis es tatsächlich losgeht, gibt es Wartezeiten. In meinem Fall fünf Monate. Migräne habe ich laut Migräne-Tagebuch, das ich führen soll, an ca. 20 Tagen im Monat. Andere Kopf- und Körper-Schmerzen jeden Tag. Von den Ärzten höre ich nur „Besprechen Sie das alles in Kiel.“ Kein Wunder, dass die Erwartungen an die Schmerzklinik so groß sind. Zwei Koffer und eine große Tüte Hoffnung habe ich dabei, als ich in der modern eingerichteten Empfangshalle stehe – besser: hänge.

Ich bin einfach am Ende.

Ankommen

Nach einem sehr langen Anamnese-Gespräch mit der für mich zuständigen Ärztin, bei dem ich trotzdem das Gefühl habe, nur knapp die Hälfte aller meiner Probleme erwähnt zu haben, komme ich in meinem Zimmer langsam zur Ruhe. Dank meiner Zusatzversicherung für die Einzelunterbringung treibt mich der Aufpreis für das Zimmer noch nicht in den endgültigen finanziellen Ruin. Dass man in einem „Privatzimmer“ allerdings den Fernseher extra bezahlen muss (für 19 Tage immerhin 16,- Eur), finde ich etwas befremdlich.

Die Einrichtung des Zimmers ist schon ein bisschen in die Jahre gekommen, aber durch die Anordnung der Möbel und die „gemütliche“ Bett-Ecke, kommt keine richtige Krankenhausatmosphäre auf – gut! Ein gemütlicher Ledersessel, der sicher mal schön war, steht vorm Fenster. Leider ist er am Kopfteil und an der Sitzfläche ziemlich durchgescheuert und dadurch sehr unansehnlich. Mein Zimmer liegt zur Straße hin. Das ist tagsüber etwas laut, aber es wird nicht zu warm, weil die Sonne nur morgens kurz reinschaut.

Das Bad ist relativ groß und hat eine frei zugängliche Dusch-Nische (like! :-))

Die Bodenfliesen und Fugen sind nicht so schön … nein, die sind einfach um. Etwa zwei Drittel des ehemals hellgrauen Fugenkitts haben eine schlammschwarze Patina angesetzt. Bin ich zu pingelig, wenn ich meine, dass so was ab und an mal (notfalls mit ‘ner Kanne Chlorreiniger) weggerubbelt gehört? Selbst ICH schaffe das einmal im Jahr.

Aber ein Krankenhaus ist kein Luxushotel! Auch einen 3, 2, 1 – Sterne-Standard hat niemand versprochen. Also genieße ich die Ruhe und Dunkelheit hinter den genügend großen lichtundurchlässigen Vorhängen.

Therapie

Bei der Anmeldung drückt man mir einen „Stundenplan“ in die Hand, in dem die Termine für Patientenseminare, Gruppensitzungen, physio- und psychotherapeutische Behandlungen, Entspannungs-Kurse und Sport-Einheiten stehen.

Der Plan enthält wenig passende bewegungstherapeutische Bausteine, die für mich machbar sind. Das demotiviert mich erst mal. Änderungen im Plan sind auch auf Nachfrage nicht möglich. Ich solle mir aussuchen, was für mich passt – bis auf Physio- und Psychotherapie seien alle Angebote nur Vorschläge. OK. Da bleibt leider nicht viel. Zur Erinnerung: Ich kann weder sitzen noch stehen, nach 50 Metern langsam laufen bin ich am Ende, meine Hände und Finger tun so weh, dass ich meine Zimmertür kaum aufschließen kann und Angst habe, den Aufzugknopf zu drücken.

Immerhin bin ich in der zweiten der drei geplanten Wochen soweit, dass ich zumindest versuche, an einer Qi-Gong-Einheit teilzunehmen. Es bleibt beim Versuch.

Hausmeisterwitze

Den Einstieg in einen neuen Prophylaxe-Versuch soll ich mit Gabapentin (ein älteres Antiepileptikum) und Opipramol (ein Antidepressivum, dass auch angstlösend wirken soll) unternehmen. Meiner nicht unbegründeten Angst vor den Medikamenten begegnet man mit Verständnis und professionellem Geschick. Es gelingt mir sogar, eine vom Oberarzt vorgeschlagene Therapie mit Venlafaxin und Topiramat abzulehnen. Natürlich heulend und unter Todesangst. Der Oberarzt ist ein locker flockiger Typ, der sein Handwerk gelernt hat, aber so richtig nachvollziehen kann er mein mühsam beschriebenes Problem in Kontakt mit Ärzten nicht. Er lacht, als ich ihm erkläre, dass der locker beschwingte Umgang mit ihm als Mensch kein Thema wäre, aber in seiner Funktion als Arzt ticken die Uhren bei mir anders. Alles wäre super, wenn er der Hausmeister wäre, sage ich. Er lacht. Das war gar nicht lustig gemeint, aber ich kann eben in den unmöglichsten Momenten eine echte Stimmungskanone sein. Er aber auch. Er kontert: „Haben Sie schon die Erwerbsminderungsrente beantragt?“

Nein – ha ha … guter Witz. Wenn ich hier raus komme, bin ich doch wieder fit, denke ich – wollte ich sagen. Aber ich bin so schockiert, dass ich gar nichts mehr sagen kann und nur den Kopf schüttel. „Das müssen Sie unbedingt als erstes machen, wenn Sie zu hause sind!“
„Äh …“, stammel ich.
„Ja, wenn Sie nach ein zwei Jahren vielleicht doch wieder besser aufgestellt sind, können Sie ja nochmal richtig loslegen.“
Ein, zwei Jahre? Vielleicht? Loslegen?
An den Rest des Gesprächs kann ich mich nicht mehr erinnern.

Als ich alleine im Zimmer bin, rufe ich meinen Mann an und heule wie ein Kindergartenkind, dem man grade verboten hat, mit in den Zoo zu kommen – dieses und nächstes Jahr. Auch Zoo-Videos seien in dieser Zeit verboten. Später vielleicht mal ein Giraffenposter oder ‘ne Lemurenpostkarte. Aber Zoo? Für Dich? Nö.

Nach dem ersten Schock reagiere ich trotzig: Das woll’n wir doch mal sehen, wer hier nich’ mehr in den Zoo geht …

Euphoria Maxima

Zuerst nehme ich das Gabapentin. Damit soll die Alarmbereitschaft im Nervensystem und das Schmerzgedächtnis runterreguliert werden. Glücklicherweise gibt es keine negativen Akutreaktionen – im Gegenteil. In den ersten Tagen mit dem Medikament ist mein Kopf plötzlich freier, der Druck und der Nebel verschwinden langsam. Ich fühle mich nach und nach so fit, dass ich mich ein paar Minuten in einen Sessel im Flur setzen kann. Auch eine andere Basilarispatientin mit ganz ähnlichen Schwierigkeiten wie ich bekommt Gabapentin und reagiert zunächst genauso positiv auf die Dropse.pokemon

Die Euphorie hält einige Zeit an. Ich bin wieder an Bord. Sehe andere Menschen, rede mit ihnen, höre zu, was sie erlebt haben. Das fühlt sich gut an. Ich beginne weiter zu hoffen und werde langsam mutiger. Am Ende meines Aufenthalts schaffe ich 600 Meter in die kleine Einkaufstraße auf der anderen Seite der Schwentine, um mir Gemüsechips und Kokosriegel zu kaufen – alleine!

Manchmal fange ich ein paar Pokemons am Uferweg oder gucke mir die Segelboote an. Ich bin mächtig stolz auf mich!

Von zwei Anfällen und den neuen Schwindel-Symptomen lass’ ich mir meine Rückkehr in die Zivilisation nicht madig machen.

Abends nehme ich das Opipramol. Kurz bevor ich einschlafe, sehe ich Fury vor meinem inneren Auge. Er steht mit runterhängender Unterlippe, leicht verstrubbelt und ziemlich stoned am Zaun. Ich rolle ein Stück Pappe zusammen, knüpfe ein Gummiband dran und lasse das improvisierte Hütchen vor die Stirn des großen, grauen Tieres schnacken – Swopp macht es. Er kann sich nicht wehren – er guckt nicht mal hoch. Hahaha! „Du bist ein Einhorn!“, gluckse ich und schlafe lachend ein.

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