Schlagwort: Ärzte

Rabe

077 // Ärzteblog auf doccheck: Von Raben und anderen Tieren

Es ist mal wieder so weit: Ein Artikel, in dem sich „Lieschen Müller“, in ihrem Ärzteblog auf doccheck über Patienten-Kategorien auslässt, hat es geschafft, meine noch immer anhaltende Schreibblockade kurzfristig zu durchbrechen.

Zitat:

„Kategorie 1: Der Rabe
Der unglückliche Rabe mit dem gebrochenen Flügel. Die Kranken, die krank sein wollen. Stichwort „chronischer Schmerzpatient“. Nimmst du ihnen die Krankheit, ist nichts mehr von ihnen übrig.“
Quelle: http://news.doccheck.com/de/blog/post/8821-ein-chamaeleon-das-krank-sein-wollte

Es folgen noch Strauß, Löwe, Biene und Chamäleon …

Natürlich weiß ich, dass ein Ärzteblog auf doccheck besonders für Ärzte und medizinisches Fachpersonal gedacht ist und der Artikel lustig sein soll. Ist er aber nur bedingt. Dennoch (oder grade deshalb) wollte ich etwas Unlustiges als direkten Kommentar dazu schreiben. Hab‘ ich auch – allein die Begrenzung auf lächerliche 1000 Zeichen 😉 hat verhindert, dass ich das Folgende direkt darunter setze (stattdessen gibt es als Kommentar nur eine verstümmelte Kurzversion meiner Gedanken (*s.u.)).

Deshalb hole ich das hier nach und verkünde:

Chronische Schmerzen sind ein komplexes Geschehen, dem man mit Schubladendenken nicht beikommen kann. Auch nicht, wenn Sie lustige Tiere vorne auf die Laden kleben!

Ich bitte alle Ärzte, die hier mitlesen, GERADE bei chronischen Schmerzen NICHT standardmäßig die Rabenschublade aufzumachen, und Sprüche wie „die wollen ihre Schmerzen garnicht loswerden“ zu klopfen, sondern sich bewusst zu machen, dass es vielschichtige Gründe für chronische Schmerzen gibt (sogar physische, die Sie nur noch nicht erkannt haben) und dass so manches, von Ihnen als Rabentier oder Chamäleon „erkanntes“ Patiententierchen (nicht alle) in Wirklichkeit jeden Tag mehr Löwe ist, als Sie es sich vorstellen können – gerade bei denen die schweigen! Bedenken Sie bitte auch: Viele chronische Schmerzpatienten sind sogar aufgrund ihrer allzu löwenhaften Attitüde über Jahre und Jahrzehnte hin erst zum chronischen Schmerzpatienten geworden. Für diese Exemplare ist nichts schlimmer, als auf Einstellungen wie diese hier zu treffen.

Es sind Aussagen wie diese, die es so vielen chronischen Schmerzpatienten noch schwerer machen als es so schon ist mit unsichtbaren Krankheiten. Wegen solcher Erlebnisse, rennen die Menschen dann massenhaft zu jeder Art von Quacksalbern und selbsternannten Krankheits-Checkern, weil sie dort vielfach zumindest eins vorfinden: Wertschätzung und Respekt.

Damit meine Kritik noch ein wenig konstruktiver wird:

Wenn ich als Orthopäde und Unfallchirurg mit einem so komplexen Krankheitsbild wie chronischen Schmerzen, bei dem nicht selten schwere Traumatisierungen u.ä. im Schlepptau sind, überfordert bin, sage ich dem Patienten,

  1. dass ich seine Beschwerden ernst nehme, (!!!)
  2. dass ich als Orthopäde/Chirurg da momentan nichts findem kann (was gut ist),
  3. dass man weiterforschen muss, um den Schmerzen auf den Grund zu gehen,
  4. dass ich einen fachlich kompetenten Kollegen oder eine gute Schmerzklinik kenne, zu dem/der ich überweisen kann.

… und zwar alles OHNE (auch unbewusste) Vorverurteilungen.

Übrigens:

Selbstverständlich werden von fachlich und menschlich versierten Kollegen mit dem Patienten auch dessen individuelle, krankheitserhaltenden Faktoren besprochen. Auf eine wertschätzende und respektvolle Art. Das müssen Sie als Orthopäde nicht tun, wenn Sie nicht grade ein Naturtalent mit besonderem psychologischen Geschick sind (wovon ich nach dem o.g. Artikel nicht ausgehen kann).

Auch an alle Ärzte, die sich hier mitamüsieren: Bitte, bitte, bitte reflektieren Sie.

Über Ihren Beruf, über Ihre Einstellung, über Ihr Menschenbild und darüber, wie Sie selbst von anderen gesehen und behandelt werden möchten, wenn Sie in einer Notlage um Hilfe bitten.

Ein ganz einfacher Satz, den sich jeder (nicht nur) Arzt merken sollte: „Empathie schadet nie!“

Bleiben Sie gesund!

 

* Hier die Kurzversion, die ich als Kommentar unter den Artikel gesetzt hatte:

Der Artikel soll lustig sein, ist er aber nicht. Chronische Schmerzen sind ein komplexes Geschehen, dem man mit Schubladendenken nicht beikommt. Auch nicht, wenn lustige Tiere auf den Laden kleben! Ich bitte alle Ärzte, GERADE bei chronischen Schmerzen NICHT standardmäßig die Rabenschublade aufzumachen. Es gibt vielschichtige Gründe für chronische Schmerzen (sogar physische, die Sie nur noch nicht erkannt haben). So manches, von Ihnen als Rabe oder Chamäleon „erkanntes“ Patiententierchen ist jeden Tag mehr Löwe, als Sie es sich vorstellen können – gerade die Schweigenden! Nicht selten sind schwere psychische Traumatisierungen u.ä. im Schlepptau. An alle Ärzte, die sich hier amüsieren: Bitte, bitte, bitte reflektieren Sie darüber, wie Sie selbst von anderen gesehen und behandelt werden möchten, wenn Sie um Hilfe bitten. Danach lacht es sich über Randgruppenwitze auch viel entspannter, weil zu irgendeiner gehört garantiert jeder … auch Sie 😉


Kleines Beispiel noch für die andere Perspektive, falls sich doch mal ein Mediziner hierher verirrt:

Blogbeitrag: Von Schubladen und falschen Filmen

003 // Roboter mit Senf – Neulich in der Notaufnahme (I)

Wie oft denke ich, wenn diese scheiß-arroganten, selbstherrlichen Medizinaffen ihren Job richtig gemacht hätten, wäre mir einiges erspart geblieben …

Dann hätte ich nicht nur früher gewusst, dass es sich bei meinen Anfällen „nur“ um eine Mischung aus Basilarismigräne und Panik handelt. Ich hätte sie weder in irgendwelchen Notaufnahmen belästigt, noch hätten sich meine Selbstzweifel und Schuldgefühle immer mehr in meine eh schon kranke Seele eingebrannt. Diese besonderen Exemplare medizinischer und menschlicher Nullnummern tragen eine gewaltige Mitverantwortung dafür, wie es mir und vielen anderen Menschen mit ihren Krankheiten geht. Mit einer Mischung aus Dummheit, Ignoranz, Selbstherrlichkeit, Vorurteilen und Verantwortungslosigkeit nehmen sie zumindest billigend in Kauf, dass es Menschen, die ihre Hilfe brauchen, nach der Begegnung mit ihnen noch schlechter geht als vorher.

Dafür können wir sie in aller Regel nicht offiziell zur Rechenschaft ziehen, aber wir können es anprangern. Wir können machen, dass andere Menschen davon erfahren, was sie anrichten. Das mache ich jetzt.

Leben müssen wir sowieso alleine damit. Jeden Tag, meistens unser Leben lang.
Ja, ich weiß, es gibt eine unzählbare Menge von Arschloch-Patienten und andere haben viel schlimmere Probleme als ich, aber DAS ist eines von meinen und um die geht es hier.

is‘ mir egaaaaal, egaaaal

Als noch niemand meine Basilarismigräne erkannt hatte, lande ich mit einem Anfall ungeklärter Ursache in der modernsten Notaufnahme unserer Stadt. Mit dabei ein Sammelsurium aus beängstigenden Sinneswahrnehmungen und – ausfällen, extremem Schwindel, Ohrgeräuschen, Bein-Lahmheit, Koordinierungsstörungen und Todesangst.

Ich erinnere mich schemenhaft daran, wie ich auf ein schmales Bett, eher eine Liege, verfrachtet werden. Das erste, was ich wieder relativ klar und deutlich höre und sehe, ist eine dunkelhaarige Schwester: „Blutdruck is‘ Scheiße!“, sagt sie und sprüht mir etwas in den Mund. Nitro-Spray. Bei 190/130 eine gute Idee.

Ich bekomme einen ekelhaften Druck im Hinterkopf. Als ob das Gehirn sich plötzlich aufbläst. Ich will was sagen. Kommt aber nichts raus. Zwischen Oberlippe und Augen spüre ich nichts. Ich rechne fest damit, jetzt gleich zu sterben. Die Schwester geht raus. Ich rufe um Hilfe. ‚Lasst mich nicht alleine!‘ Dabei gebe ich keinen Ton von mir.
Die Tür geht auf. Die Feuerwehr kommt rein. ‚Krass‘, denke ich, ‚Telepathie!‘
War aber wegen Herrn S. auf einer Roll-Pritsche. Er atmet schwer und pfeifend. ‚Helft ihm doch!‘,  schreie ich – wieder ohne, dass etwas zu hören ist. Immer wieder drehen sich meine Augen von selber irgendwohin. Ich kann nicht fokussieren, was mit Herrn S. passiert. Ich höre, wie er röchelt. „Ganz ruhig, Herr S. – kommt gleich jemand“, sagt eine männliche Stimme. Herr S. wird lauter. Kämpft um jeden Atemzug. ‚Der hält nicht mehr lange durch, Mann!‘ , denke ich. Jetzt hab‘ ich Angst um Herrn S. und davor, dass ich gleich mitkriege, wie jemand stirbt noch bevor ich selbst sterbe.

Drei Weißbekittelte kommen rein. Hantieren an Herrn S. rum. „So, jetzt wird’s gleich besser, Herr S.“, sagt ein dunkelhaariger Arzt.
Ich sehe nicht, was sie mit ihm machen. Ganz langsam wird Herr S. ruhiger. Atmet wieder rhythmischer, wenn auch immer noch pfeifend. Dann sind wieder alle verschwunden. Bis auf einen Feuerwehrmann, der irgendwelche Zettel ausfüllt.
Ich singe in Gedanken, um mich zu beruhigen: ‚… is‘ mir egaaal‘, egaaal‘, is‘ mir egaaal, egaal‘, rezitiere ich nach innen. ‚Roboter mit‘ „Seeeeenf“‚, is‘ mir egaaal’* – Ups! Hatte ich Senf jetzt laut gesagt?! Der Feuerwehrmann guckt mich an. „Ham‘ Sie was gesagt?“
„ANST“, nuschel‘ ich. Wie peinlich. „Sie brauchen keine Angst zu haben, wird schon alles gut. Der Doktor kommt auch gleich zu Ihnen“, beruhigt mich der Lebensretter und geht raus. Ich versuche ein Lächeln. Wird nix.

‚Die sollen sich auch mal lieber um Herrn S. kümmern, dem geht’s echt nich‘ gut‘, denke ich als eine blonde langsam welkende Schönheit mit Arschgeweih und String-Tanga, Kaugummi  kauend ins Zimmer schlendert.
„Pinkeln“, röchelt Herr S. – Er muss mal.
„Jetzt nicht“, patzt die Blonde ihn an und geht wieder raus. „Pinkeln, bitte.“ Herr S. kann von seinem Bett aus nicht sehen, dass die Else wieder verschwunden ist. Ich will was sagen, klappt aber nicht. Meine Augen machen immer noch, was sie wollen. Die Zeit vergeht. Zwei Mal geht der automatische Blutdruckmesser an meinem Arm los, also schätzungsweise 30 Minuten später kommt mein Mann ins Zimmer. Gottseidank!
„Pippppi!“, sag‘ ich zur Begrüßung und will auf Herrn S. zeigen. Klappt nicht.
„Muss du Pipi?“ fragt mein Mann ruhig und lächelt mich glücklich an. Mit seltsamen Äußerungen seiner Gattin zu unmöglichen Zeitpunkten kennt er sich aus. Das schockt ihn nicht. Außerdem freut er sich offenbar, dass ich überhaupt noch was sage.
„Neinn. Daaaa“, stammel ich und zucke mit dem Arm in Richtung Nachbarpritsche zu Herrn S. Das sprechen wird langsam besser. „Er muss. Schwesserolen.“ Mein Mann versteht und verspricht jemanden zu holen. Er geht raus. Eine Minute später kommt die Blonde wieder rein. Hantiert an Herrn S. rum. „Pinkeln. Schnell. BITTE!“, röchelt Herr S..
Jetzt aber, denke ich.
„Jetzt nich‘, hab‘ ich gesagt“, motzt sie genervt und geht wieder raus. Nach weiteren Minuten höre ich ein Plätschern. Dann ein Schluchzen. Herr S. weint. Die Tür geht auf. Ich sehe meinen Mann, eine Schwester und eine Pinkelflasche.

Zu spät.

Die Blonde kommt dazu. Stöhnt laut auf: „Och, nööööh.“

Ich bin so wütend, dass meine Lebensgeister der Angst jetzt zeigen, wo Bartel den Most holt. In diesem Moment entscheide ich, dass diese blonde Ziege garantiert nicht das Letzte ist, was ich auf dieser Erde sehe. So nicht, Frollein, jetzt wird nicht gestorben, stutze ich mich zurecht!

Nach und nach komm‘ ich wieder bei. Nachdem sich auch mein Blutdruck beruhigt hat und weder EKG noch Blutwerte Grund zur Besorgnis geben, bin ich nach ein paar Stunden wieder zu Hause. An Herrn S. denke ich manchmal heute noch. Ich frage mich, ob er noch lebt.

Leider bleibt es nicht bei einem Besuch in dieser Notaufnahme…

*Danke Kazim Akboga (✝)

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