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084 // Ich kapitulöööre …

Ich bin nicht zäh wie Lähda; nicht hart wie Kroppstahl und erst recht nicht schnöll wie ein Wändhond – kurz: Ich habe versagt.

Ich habe meine Klage beim Sozialgericht bzgl. einer Höherstufung des GdB und Erteilung des Merkzeichens G zurückgezogen. Grund: Ich kann nicht mehr. In diesem Verfahren sind einige Dinge passiert, die mich vorläufig kuriert haben, mir einzubilden, meine Belange würden irgendjemanden von den verantwortlichen Instanzen interessieren, wenn ich sie nur sachlich und umfassend genug informieren würde.

Mein dämlich-naives Rechtsempfinden, meinen Gerechtigkeitssinn und meine Bemühungen, meine Krankheiten fachmedizinisch korrekt einordnen zu lassen, kann ich mir schön zum Zopf geflochten in den Allerwertesten schieben. Das bringt alles nix. Nur Stress, Ärger und neue Verletzungen.

Damit kann ich grade nicht umgehen. Zu wenig Energie und (oh Wunder) zu viel Selbstachtung. Ja, hört, hört! Madame nimmt sich selbst mal wichtig! Das ist ja mal was ganz Neues.

Wie konnte das nur passieren?

Nun, es begab sich zu einer Zeit als noch Hoffnung ward unter den Menschen.

Die angerufene Richterin, eine stolze, hoch gewachsene Frau im roten Rock mit weißen Streublümchen und keckem Pferdeschwanz lud zu einem Erörterungstermin.

Es war vorher über Jahre viel geschrieben worden. Allein auf zuletzt nocheinmal 24 (!) Seiten trug meine Rechtsanwältin Punkt für Punkt zusammen, warum das, was das Versorgungsamt bzw. deren Gutachter da zuletzt zusammensermoniert hatten, überwiegend Blödsinn ist. Man bezog sich dort nämlich auf Tippfehler der Ärzte, leugnete das nachweisliche Vorhandensein von Unterlagen oder ignorierte einfach die beiden Hauptdiagnosen.

Wenn es nicht so amtlich und gleichsam tragisch wäre, müsste man sich im Grunde totlachen.

Nun hatte ich gehofft, dass auch eine Richterin sich ungern von Amtsvertretern verarschen lässt, aber weit gefehlt! Die beiden Damen (Richterin und Amtsvertreterin) verstanden sich quasi blind – ohne Sachargumente, ohne irgendwelche Akten wirklich gelesen zu haben und ohne überhaupt den Anschein zu erwecken, man sei an sachlicher Aufklärung eines zugegeben komplexen Falles (des meinigen) interessiert, bügelte die schillernde Judikateuse in Windeseile und mit entzücktem Lächeln alles ab, was fraglich war und scherzte und gibbelte lieber über die unmenschlichen 24 Grad Temperatur in ihren Büroräumen. Eure Probleme möcht‘ icg haben …

Weil die rechtlichen Details alle nur langweilen würden, möchte ich hier nur von Gefühlen berichten, die in diesem Termin in mir ausgelöst wurden. Das  mache ich eh immer noch viel zu selten. Einer der Gründe, warum ich heute in dieser gesundheitlichen Misere stecke. :-/

Also los:

1. Bewunderung und Traurigkeit

Man sieht es heute selten, deshalb bewundere ich, dass die freundliche Frau Vorsitzende offenbar zu den Menschen gehört, die sich den absolut richtigen Beruf ausgesucht haben und darin aufgehen:

Sie verurteilt Menschen.

Und dies augenscheinlich gerne und schnell.

Im meinem Fall offenbar auch ohne jegliche Kenntnis der seit 2015 in diesem Verfahren mehrfach geschilderten Symptomatik der verhandelten Krankheiten.

Sie hat nur „Migräne“ gelesen und da stand für sie fest: „Ach, die hysterische Alte hat Kopfweh und muss sich mal kurz hinlegen“.

Ganz von sich und ihrem medizinischen Urteilsvermögen überzeugt, hatte sie nicht mal eine vage Idee von dem, was die bei mir vorliegende Erkrankung tatsächlich bedeutet, obwohl ich das mehrfach geschildert, mit einschlägiger Fachliteratur belegt habe und aus den Unterlagen klar hervorgeht, wie „extrem“ die Auswirkungen sind. (Zur Erinnerung: Auch erfahrene Mediziner können eine Basilarismigräne nicht mal eben so von einem Hirninfarkt unterscheiden).

Das zeigt mir, dass sie ihr Urteil bereits gefällt hatte und es vollkommen egal ist, was ich sage oder tue.

Das macht mich traurig.

2. Fremdscham und Mitleid

Um mir zu zeigen, wie abstrus mein Begehr auf ein Merkzeichen sei, wies sie triumphierend darauf hin, dass ja selbst der Mann im Rollstuhl, der zu einem Termin vor mir geladen worden war, bisher kein Merkzeichen G bekommen hat.

Darauf war sie offenbar auch noch stolz. Für mich wäre das ein Grund, mich in Grund und Boden zu schämen, wenn ich dafür (mit-)verantwortlich wäre. Selbst, wenn ich nur ausführendes Organ in einem Staat wäre, der das so vorsieht.

Was muss da passiert sein, dass man solch einen Zustand feiert? Viel Schlimmes auf jeden Fall. Das tut mir sehr leid. Für uns alle.

3. Unverständnis und Verletztheit

Die Dame mit dem stylischen Rock und zum Pferdeschwanz gebundenen dichten Haupthaar, erklärte mir bzgl. der Diagnose meiner Dermatologin unter Inaugenscheinnahme meiner „Haarpracht“ lapidar und geradezu belustigt, aber vollkommen von ihrer Sach- und Fachkunde überzeugt: „Sie haben keinen Haarausfall.“

Ach, so.

Ich entgegnete etwas konsterniert, dass ich mich sehr freue, wenn das für sie noch nicht so offensichtlich erkennbar sei, aber das wäre ja nun mal leider so.

Nein. Von Glatzenbildung könne keine Rede sein. Nun, ja, sie muss es wissen.
Sie ist Richterin am Sozialgericht.

Dass mir in den letzten drei Jahren nachweislich etwa 50% meiner Haare ausgefallen sind und jeden Tag weit mehr als die üblichen 100-150 Stück durchs Waschbecken fließen ignorieren wir also mal und finden’s wunderbar!

Ihren besonderen Beautytipp für mich („Das können Sie doch einfach blondieren, dann sieht man da gar nichts mehr!“) werde ich natürlich nicht umsetzen – ich bin ja nicht bescheuert. Durch den chemischen Bleichprozess wären auch die letzten Haare innerhalb von Minuten komplett weg. Das möchte ich so lange wie irgend möglich hinauszögern.

Zu den Gefühlen: Ich habe diesen fachmedizinischen Blödsinn als anmaßend und persönlich sehr verletzend empfunden. Darüber hinaus war das vollkommen unnötig. Es hätte gereicht, einfach zu sagen, das Ausmaß sei für den GdB nicht ausreichend – es geht auch ohne diese selbstherrliche Arroganz der Nichtbetroffenheit!

4. Wut und Hilflosigkeit

Auch die Tatsache, dass die Frau offenbar auch ohne jede Kenntniss der konkreten Auswirkungen der bei mir vorliegenden Schmerzerkrankungen und der Fibromyalgie als vollkommen irrelevant für das Merkzeichen G bezeichneten, zeigt mir, wie aussichtslos mein Wunsch auf eine gerechte Beurteilung meines Falles durch dieses Gericht war.

„Ach, für Fibromyalgie und Lipödem gibt’s gaaarnichts“, sprach’s und wischte lachend die Wehwehchen der Klägerin (also mir) mit einer Handbewegung, die ich persönlich mache, wenn ich eine dicke Scheißhausfliege vertreiben will, vom Tisch.

Keine weitere Nachforschung, keine Beachtung der ärztlichen Berichte hierzu, kein garnix. Ok.

Ich weiß nicht, ob sie es wusste, aber das Bundessozialgericht (9. Senat) stellte in seinen Urteil vom 11.08.2015 (Aktenzeichen:B 9 SB 1/14 R) fest, dass sogar psychische Erkrankungen, die zusammen mit der Fibromyalgie auftreten, zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr führen können, auch wenn sie Anfallsleiden oder Orientierungsstörungen nicht gleichzusetzen sind. Damit erfüllen auch Menschen wie ich unter Umständen (die einfach nur mal näher geprüft hätten werden müssen) die Voraussetzung für ein Merkzeichen G.

Dass sie nicht mal in Erwägung zog, dem obersten Gericht in Sozialrechtsfragen zu folgen, hat mir letztlich gezeigt, wie chancenlos ich hier war. Es war klar, dass ich auf jeden Fall noch weitere Instanzen hätte anrufen müssen. Das pack’ ich einfach nicht.

Aber, wie der gute Max Planck ja sagte: „Auch eine Enttäuschung, wenn sie nur gründlich und endgültig ist, bedeutet einen Schritt vorwärts.“

Das muss ich hier jetzt auch einfach so sehen.

Die Dame vom Versorgungsamt wird sich ebenfalls gefreut haben, als sie die frohe Kunde meiner Kapitulation erhielt. Hat ihre Behörde es doch geschafft, ohne auch nur eine einzige fundierte inhaltliche Reaktion auf die umfangreichen Ausführungen meiner Rechtsanwältin, den Fall wie gewünscht abzubügeln.

(Mit tatkräftiger Unterstützung durch nachweislich fachlich überforderte „Gutachter“ und „Amtsärzte“, die es besser fanden, sich auf offensichtliche Tippfehler in Attesten (für die ich nichts kann) und Spitzfindigkeiten bzgl. einzelner Formulierungen in deren Ausführungen zu beziehen, anstatt auf die mehrfach bestätigten Hauptdiagnosen, die sie und alle anderen geflissentlich in ihren Ausführungen ignorierten.)

Ich Dummerle hatte erwartet, dass an die Argumentation der Ämter die gleichen Anforderungen gestellt werden, wie an meine. Ha ha, ich bin aber auch doof.

Gut, dass ich jetzt dazugelernt habe und mir und der Staatskasse nun ein weiteres neurologisches Gutachten, das eventuell noch die Basilarismigräne als merkzeichenrelevantes Anfallsleiden ausgewiesen hätte, erspare. Das halte ich nicht aus. Ich bin psychisch zu fertig, um mir weitere Erniedrigungen und fachmedizinische Diarrhö anzutun.

Denn, dass der bisherige „fachkundige Gutachter“ das klinische Bild der chronischen und der Basilarismigräne nicht erkannt hat, kann ja offenbar immer wieder passieren. Auch wenn er gleichzeitig auf der Seite der Pharmafirma Allergan (Botoxhersteller) dem (zahlungskräftigen) Kunden suggeriert, er sei Spezialist auf diesem Gebiet.
Köstlich sowas …

Und das sind Menschen, die für die Existenz von anderen (kranken) Menschen verantwortlich sind! Wie krank ist das eigentlich? Wie krank ist ein System, das sowas zulässt und kultiviert?

Wen wundert es eigentlich noch, dass die, die noch irgendwas merken, reihenweise als Psychowracks von der Stange kippen?

Diesen ganzen Irrsinn kannst du doch nur noch als komplett degeneriertes, humanistisches Nullum unterstützen.

Ich schaff das nicht. Bin wohl einfach noch zu gesund. Oder, um es mit Manfred Lütz zu sagen: „Irre – wir behandeln die Falschen.“

So, zum Schluss und zur allgemeinen Erheiterung und einfach, weil es zum Thema Kapitulation und wie man zu ihr stehen kann, so schön passt, eines meiner vielen Lieblingswerke von Walter Moers:

“Ich hock’ in meinem Bonker:”
https://youtu.be/np2ymo0iMfk

 

 

083 // Über Migräne, Narkose, Schlaganfall und positive Arztkontakte

Nach langer Schreibblockaden-Pause melde ich mich heute mit guten und schlechten Nachrichten zurück:

Die Schlechten zuerst:

1. Schlaganfall-Risiko bei Migräne mit Aura erhöht

Patienten mit Aura-Migräne haben ein höheres Schlaganfall-Risiko als Menschen ohne Migräne und als Menschen mit „normaler“ Migräne. Das ist mittlerweile bekannt. Wer das nochmal genauer wissen will, liest hier eine schöne Zusammenfassung: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/38697/Migraene-mit-Aura-erhoeht-Schlaganfallrisiko

2. Migräne erhöht Schlaganfall-Risiko bei Operationen

Vor allem in Verbindung mit Narkosen ist das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, für Migräne-Patienten signifikant erhöht, wie ein Forscherteam aus Boston im letzten Jahr herausgefunden hat:

Bei einer Migräne mit Aura steigt die Wahrscheinlichkeit sogar auf 6,3 Schlaganfälle pro 1.000 Patienten (im Vergleich zu 2,4 Fällen auf 1.000, wenn keine Migräne vorliegt). Auch das Risiko, nach einer OP nochmal zurück ins Krankenhaus zu müssen, obwohl man eigentlich schon „fertig“ war, stieg um 31 Prozent.

Besonders hoch war das Risiko bei ambulanten Operationen und unter der Gabe hoher Dosen von Vasopressoren zur Blutdruckstabilisierung.

Hier der entsprechende Fachartikel in der Ärztezeitung:

https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/herzkreislauf/schlaganfall/article/929564/migraene-apoplex-risiko-nach-op-erhoeht.html

Und die Referenz:

https://www.bmj.com/content/356/bmj.i6635

Jetzt die Guten:

1. Punkt 1 (s.o.) is’ nich’ so schlimm!

Denn: Erleiden Migränepatienten tatsächlich einen Schlaganfall, verläuft dieser meist milder! Juchuuuu! 😉

Nachzulesen hier: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/43760/Schlaganfall-verlaeuft-bei-Migraene-Patientinnen-mit-Aura-haeufig-milde

2. Es gibt noch echt tolle Ärzte!

Nachdem ich den Anästhesisten, der bei mir eine ambulante Schulter-OP begleiten sollte, mit den oben genannten Informationen versorgt hatte, reagierte er nicht wie ich es von anderen kenne, mit abfälligen Bemerkungen über meine fragwürdige Fachkompetenz, sondern er war hochgradig interessiert. Er gab zu, dass er das trotz seiner 28 Berufsjahre noch nicht gewusst hat und erzählte mir hernach von seinem unguten Bauchgefühl, was das ambulante Operieren unter diesen Umständen angeht.

Er lobte mich sogar für meine präzisen Schilderungen und Maßnahmen-Vorschläge für die OP-Vor- und Nachbereitung, die ich als Erfahrungswissen aus zurückliegenden Operationen für ihn herausdestilliert hatte. Ich würde mich gut auskennen, hat er gesagt! *geschmeicheltguck*

Sicherheit gehe aber vor, und gerade die Basilarismigräne (die er nur vom Hörensagen kannte) könnte ja für besonders schlechte Stimmung am OP-Tag sorgen. Bei ihm und mir. Denn mit „Lalülala“ aus der chirurgischen Praxis in die nächste Klinik mit Neurologie und StrokeUnit zu fahren, die sich zwar, nebenbei erwähnt, nur ein paar Straßen weiter befindet, und in der man mich bereits kennt, weil ich dort schon ein paar schöne Tage verbracht hatte, fänd’ er nicht so prickelnd. Ich auch nicht.

Die stationären Möglichkeiten seien da im Fall der Fälle doch ganz andere. So ein- zwei Tage solle man das schon unter Beobachtung behalten, was sich da ggf. abspielt in meinem Kopf. Die Kiste sei ihm ehrlich gesagt zu heiß und das wäre ja dann quasi mit Ansage. Nee, nee, das machen wir nicht.
Nee, garantiert nicht.

Nach kurzer Rücksprache mit dem Chirurgen überwies man mich in ein schönes Krankenhaus mit toller Architektur und einem Anästhesie-Chefarzt, der seines Gleichen sucht. Dem (bzw. seiner Abteilung) schrieb ich nämlich sogleich eine E-Mail mit der Schilderung meines spezialgelagerten Sonderfalles. Nicht, dass denen da auch kurzfristig was zu heiß wird, dachte ich.

Wurde aber nicht. Geduldig und fachlich detailliert schrieb mir der Chef-Narkotiseur persönlich noch am gleichen Tag eine lange Mail, die mich rundherum beruhigte und mich mit sämtlichen Anästhesisten dieses Landes versöhnte.

Jetzt muss ich nur noch die OP überstehen.

Die Arzt-Angst hab’ ich grade fast im Griff … 😉

081 // Klassentreffen

Am Wochenende war Klassentreffen. – Leider ohne mich.

Der Abijahrgang 1993 wurde sogar von der Schule eingeladen, um sein 25-jähriges Jubiläum mit in der Aula zu begehen, in der die nächste Generation schon angetreten war, um in 25 Jahren an unserer Stelle zu sein.

Lange hatte ich überlegt, ob ich hingehen sollte. Als ich mich gerade fast dafür entschieden hatte, es wenigstens zu versuchen, schlugen die Viren zu, die mein Sohn von der Klassenfahrt mitgebracht hatte. So ist das. Hätte ich mir ja denken können. Wenn ich schon mal vorsichtig was „plane“, geht das meistens schief. Vielleicht war es aber auch gut so.

Ich weiß nicht, ob ich wirklich etwas verpasst habe. Zumindest habe ich jetzt Fotos gesehen. Das tat mir gut. Offensichtlich bin ich nicht die einzige, an der der Zahn der Zeit sich schon ordentlich einen abgenagt hat.

Beim Betrachten der Bilder kamen dann ein paar Erinnerungen hoch, an die ich teils mit einem breiten Grinsen, teils mit Genugtuung und teils etwas traurig zurückdenke.

An sich war meine Schulzeit nichts Besonderes. Schule war zum Absitzen da. Musste ja sein, wenn man irgendwas Vernünftiges werden wollte. Dank meiner ausgeprägten Fähigkeiten, das Mini-Max-Prinzip zu leben, kam ich immer ohne großes Theater durch – zumindest was die Leistungen anging.

Hausaufgaben (außer in Mathe) hatte ich seit der 7. Klasse nicht mehr gemacht. Ich war in der Lage, aus den vorgelesenen Beiträgen der anderen, mit Hilfe von Stichwörtern in Sekundenschnelle einen eigenen kleinen Vortrag zu basteln. Ich bin damit nie schlecht gefahren und aufgefallen ist es auch nicht.

Wegen der Migräne fehlte ich damals schon oft und brachte trotzdem gute (schriftliche) Noten mit nach hause. Sehr zur Überraschung meiner Lehrer, die ja von ihrem bildungspolitischen Auftrag sehr überzeugt waren und es seltsam fanden, dass ich ohne eine einzige Stunde der selbstverständlich wichtigen Unterrichtsreihe mitbekommen zu haben, trotzdem eine Zwei Plus hinlegte. Außer in Chemie – da lief es andersrum: Da habe ich es geschafft, trotz tagelangem, von einem engagierten Klassenkameraden unterstützen Lernen und emsig bemühten Bearbeiten sämtlicher Aufgaben, eine Sechs zu schreiben. Ja. Eine Sechs. Null Punkte. Die einzige in meiner schulischen Laufbahn. Aber auch das war eine wertvolle, wenngleich schmerzhafte Erfahrung, die auch ein von seinen kognitiven Leistungen verwöhnter Mensch einmal machen sollte. Niemand weiß alles – auch Frau Grundsätzlich nicht. Wasserstoffbrücken sind mir sowieso scheißegal, gestern wie heute.Pöh! 😉

In allen anderen Fächern wurde meine partielle Ahnungslosigkeit meistens von meinem generell zurückhaltenden unterrichtlichen Gebaren kaschiert. Das Am-Unterricht-Beteiligen hatte ich spätestens in der Oberstufe zugunsten diverser Tagträumereien und aus Trotz fast überall komplett eingestellt. Das war mir alles zu viel Aufwand und Kommunikation mit Wesen, die offensichtlich aus einem Paralleluniversum – jedenfalls nicht aus meinem – stammten. Bis auf wenige Ausnahmen gehörten fast sämtliche Lehrer und Mitschüler offenbar zu dieser Spezies.

Noten waren mir weitgehend egal. So hatten meine Freundin und ich mit unserem Pädagogik-LK-Lehrer, der mich zumindest in Grundzügen „abholen“ konnte, ein sehr faires Agreement ausgehandelt: Wir schreiben brav unsere Einsen und Zweien und stören nicht den Unterricht. Dafür lässt er uns in Ruhe und gibt uns unsere Drei.

War das schön.  So regelt man das unter Erwachsenen.

Meine SoWi-Lehrerin hielt es hingegen für schlauer, mir eine Fünf Plus für meine zunächst noch deutlich bessere Beteiligung reinzuwürgen, um mich zu motivieren. Aus Trotz schwieg ich ab dieser Stunde vollumfänglich und beharrlich. Wenn schon, dann wollte ich verdient verkacken.

Meinen Sitznachbarn sagte ich gerne vor und amüsierte mich, wie die Didaktik-Koriphäe mit den dunklen Locken und den Glubschaugen unsere Entschuldigungen abzeichnete, auf der wir alle „Menstruationsbeschwerden“ eingetragen hatten – auch die Jungs.

Meinen Abi-Schnitt zogen die beiden Fünfen, die ich so kassierte natürlich etwas runter, aber es reichte trotzdem gut, um durchzukommen.

Mein Soziologie-Studium schloss ich später wesentlich erfolgreicher ab. Ein großes formales Highlight in meinem Leben. Vielleicht hatte ich das auch aus Trotz gemacht? Man weiß es nicht.

Eine dümmere Le(e)hrkraft als die Dame mit dem albernsten aller mir bekannten Doppelnamen, (den ich hier nicht nennen möchte, weil ich Glubschi diesen Ruhm nicht gönne ;-)), habe ich nie wieder getroffen. Von hier aus jedenfalls ein: Chapeau, Madame! Nicht viele Lehrkräfte schaffen es in mein Blog. Hier würdige ich wirklich nur die Creme de la Creme der fragwürdigen Persönlichkeiten …

Einen, wie Herrn W. zum Beispiel: Ein bejeanster, bärtiger Mathe-Typ und Möchte-Gern-Sadist. Seine Passion: Schüler-Erniedrigung bis hin zu leichter Körperverletzung mittels Schlüsselbund und Dart-Pfeilen. Wir waren alle hart im Nehmen und erduldeten so Einiges in unserem Mathe-Grundkurs.

Seinen Ruf: „Blondie, an die Tafel!“, höre ich heute noch manchmal. Meistens kurz bevor ich im Traum mit der Kettensäge loslege und ihm damit den Unterkörper filetiere.

Aber auch von Herrn W. habe ich – neben der Polynomdivision, die ich lange Zeit sehr gerne als eine Art meditative Entspannung durchführte – viel gelernt. Zum Beispiel, was mit „Karma strikes back“ gemeint sein könnte:

Eines Tages fehlte Herr W.. Er sei mit dem Fallschirm (oder war es ein Paraglider?) irgendwie blöd gelandet und sehr unmittelbar und unsanft von einem Weidezaun gebremst worden. Dabei brach er sich sämtliche Knochen. Er fiel lange aus. Als er wiederkam, lief er an Krücken und trieb sein Unwesen ab sofort weniger mobil, aber gewohnt unempathisch in der Schule. Seine Behinderung hielt ihn nicht davon ab, weiterhin gemein zu einigen von uns zu sein. Im Gegenteil.

Eines Tages – kurz vor dem Abi – stand ich mal wieder mit der Kreide in der Hand wie paralysiert vor dem grünen, karierten Brett an der Wand und hypnotisierte die Zahlen und Buchstaben, die ich offenbar gerade selbst da dran geschrieben hatte.

Er fragte irgendwas. Ich schwieg. Er fragte lauter. Ich schwieg beharrlich und starrte weiter die Tafel an.”Kommt da noch was?!”, motzte er. Ich zuckte mit den Schultern. Schwieg aber immer noch.

Dann tat er etwas, das er bisher noch nicht getan hatte: Er fasste mich an. Er stach mir mit dem Zeigefinger in die Seite, um Leistung zu provozieren.

Shit! Code red! Dissoziationsschilde hoch!

Ich eskalierte sofort und schlug seinen Arm offenbar sehr kraftvoll und zielorientiert weg. An die Tat selbst kann ich mich nicht genau erinnern, aber an sein dummes Gesicht, das meiner Mitschüler und mein eiskaltes, zu allem entschlossenes „Nicht anfassen!“ danach schon.

Ein paar Sekunden herrschte Stille.

Kämpfen oder Fliehen?

Er entschied sich für Letzteres und wich hinter sein Pult zurück.

Ich stand da und war felsenfest davon überzeugt, mein Abi jetzt abhaken zu können. Mit dem Herz im Hals und dem Magen in den Knien, wartete ich auf meine Hinrichtung. Trotzdem zu allem bereit, was nötig war, um ihn kalt zu stellen.

Im Kopf ging ich das Schreiben durch, das der Schuldirektor jetzt gleich bestimmt für mich aufsetzen würde. Wie sollte ich meinen Eltern erklären, dass ich das Abi nicht machen durfte? Wie meinen noch ungeborenen Kindern? Wie lange könnte ich mich mit meinem Job als Schraubenverpackerin über Wasser halten? Hätte ich eine Chance an einer anderen Schule? Vielleicht unter anderem Namen?

Die Fragen wurden immer mehr. Bis der bärtige Blödmann wieder was sagte: „Oh, Blondie wird böse. Dann setz’ dich wieder hin, bevor du komplett ausrastest.“

Ich setzte mich und versuchte, durch konzentriertes Starren, eins zu werden mit der Tischplatte. An den Rest dieses und die folgenden Tage kann ich mich nicht erinnern.

Woran ich mich aber erinnere ist, dass er mich seit diesem Tag in Ruhe ließ. Keine Tafel, keine Erniedrigungen, keine dummen Sprüche mehr.

Hätt’ ich das mal früher gemacht …

080 // Karma-Bankrott

Mein lieber Scholli, so schlecht ging‘s mir lange nicht mehr. Es geht mir sogar so schlecht, dass ich das öffentliche Jammern um des Jammerns Willen genau jetzt anfange:

Die Fibro raubt mir die letzte Energie und mein rechter Flügel (= Schulter und Arm) tut nur noch weh und ist irgendwie lahm. Wie ein angeschossenes Perlhuhn taumele ich im Wohnzimmer im Kreis herum, um das Gefühl zu haben, wenigstens etwas gegen die totale Bewegungslosigkeit unternommen zu haben.
Es ist auch noch der rechte Arm. Der, der mich sonst notdürftig am Leben hält, weil Links wegen der Spinalkanalstenose in der HWS sowieso Dauer-Mätzchen macht.Vermutlich ist es was Strukturelles – meint auch der Doc. Nix Fibro oder Psyche. Daran wär’ ich ja gewöhnt. Aber das? Och, nööööö …
Jetzt warte ich erstmal auf‘s MRT.

Als wär’s noch nicht genug, spinnt am gleichen Arm der Ulnaris-Nerv ab Ellenbogen. Mit Hilfe einer Tischplatte hatte ich es irgendwie geschafft, ihn so zu quetschen, dass auch die Finger und der Unterarm seit Tagen nerven.

„Was kotzt mich dieser scheiß Arm an!“ (Frei nach TV-Original Detlef Steves).

Hinzu kommt eine akute „Trennungsdepression“ …
Mein Sohn ist auf Klassenfahrt. Seine erste.
Die Glucke in mir läuft Amok.
Das Perlhuhn freut sich, weil ohne Kind ist vor allem mit Flügellahmheit Vieles leichter.

Nicht nur wegen dieser Gedanken mache ich mir ernsthaft Sorgen um mein Karma. Bisher baute ich darauf, aufgrund meines Helfersyndroms und der Jahrzehnte andauernden, unendlichen Geduld mit den Arschlöchern dieser Welt, ein dickes Plus-Polster auf dem Karma-Konto zu haben.

Je länger es mir aber schlecht geht, desto fieser, gemeiner, ungerechter und schadenfroher werde ich. Zumindest gedanklich. Das ist besorgniserregend … auch wenn ich weiß, dass das bei chronischen Schmerzen normal ist.

Es gipfelte gestern in einigen wirklich bösen Gedanken, die ich hilflos aufblitzen lassen musste, als ich las, dass in einer der Nachbarstädte ein Arzt offenbar von einem Patienten angeschossen wurde, der sich im Anschluss an die Tat das Leben nahm. Gruselig und schrecklich sowas – die Tat an sich natürlich auch.

Das hat mich wohl den letzten Rest meines Karma-Guthabens gekostet.

Ja, ich bin böse. Ein ganz böser Mensch bin ich.
Das bekenne ich hiermit öffentlich und tue Buße. Zumindest irgendwann. Später, wenn ich wieder lieb und krank in meiner Ecke liege.

Jetzt geh‘ ich mit dem lahmen Arm in der Schlinge erstmal wieder im Kreis rum und bin weiter böse!
Seeeeehr böse!

Scheiß Arm, verdammter …

Gaensebluemchen

079// Über Kommunikation in der Schmerzambulanz und Rampensäue

So, ich habe es geschafft. Nach 16 Monaten bin ich in der Schmerzambulanz bei einem fremden Arzt gewesen – alleine!

Ich bin sehr stolz auf mich, wenngleich einige meiner inneren Anteile das Motzen auch diesmal nicht sein lassen können. Aber um die kümmere ich mich später.

Knapp drei Monate hatte ich auf den Termin gewartet und ich versprach mir ein paar neue Impulse und vielleicht sogar Hilfe. Vor allem, nachdem ich den Flyer der Schmerzambulanz studiert hatte: Psychoedukative Sitzungen in Kleingruppen, Feldenkrais, Akupunktur, Physikalische Therapien wie Bewegungsbad, Manuelle Therapie, Psychologengespräche, Aroma-Therapie, Diagnostik durch einen Neurologen, Behandlung chronischer Schmerzen nach einem multimodalen interdisziplinären Konzept über mehrere Monate wurden dort angepriesen. Eine Chance, vielleicht an irgendeiner Stelle noch Verbesserungen zu erreichen, … dachte ich.

Phase 1: Panik

Die letzten drei Tage vor dem Termin, in denen ich mal wieder einen zig Seiten langen Fragebogen ausfüllen und Befundkopien, Medikamentenpläne und Arztlisten zusammensuchen musste, waren die Hölle: Kapitaler Basilarisanfall, Panikattacke, schwerster Magen- / Darmstress, eine Art „Akut-Depression“ und Schmerzen bis zum Abwinken – zusätzlich zu dem Lipödem-Scheiß bei der momentanen Witterung. Mein Körper hat’s mir richtig gegeben – die gesamte psychosomatische Klaviatur rauf und runter. Und da soll man eins bleiben mit sich … ?

Zumindest hab’ ich’s versucht und konnte in vielen imaginären sowie laut hörbaren Selbstgesprächen meinen Standpunkt deutlich machen, aber auch Mitgefühl mit der armen Kreatur heucheln.

[Gut, dass niemand (außer dem Hund) mitkriegt, was ich tagsüber und nachts so mache … ;-)]

Ich stehe also nach einer miserablen Nacht morgens auf und schaffe es, dass ich etwa 45 Minuten vor dem Termin bereits im Parkhaus vor der Klinik bin. Den Rollator hatte ich mitgenommen. Momentan bin ich richtig schlecht zu Fuß und nicht mal kurze Strecken sind drin. Damit sollte es aber funktionieren! Auch wenn ich mir immer noch erniedrigt und doof damit vorkomme. Wie richtig die Entscheidung für die Gehhilfe aber ist, sehe ich, als ich zum Parkhaus-Aufzug roll-humple: „Ausser Betrieb“ steht dran. Toll! Warum erfährt das der gehandicapte Parkhauskunde erst, wenn er sich auf Etage 6 eingefunden hat?

Aber, sehen wir das positiv: Mit dem Rollator kann ich flugs die sechs Parkhausrampen runtersausen. Huuuuiiii!

Na ja, ganz so lustig ist das nicht, so schnell bin ich nunmal nicht. Sechs Etagen bergab bremsen gehen tierisch auf die Handgelenke und Arme … Aua. Und wie man sich vorkommt, als Rollatöse auf der Parkhausrampe, wenn das gesamte angrenzende Ärztehaus zuschaut, dazu möchte ich nichts sagen … :-/

Phase 2: Euphorie

In der Klinik angekommen, werde ich von der wabernden Masse einer unbestimmten Anzahl anderer Rollator-Nutzer verschluckt. Fühlt sich schon mal besser an.

In der Schmerzambulanz begrüßt man mich sehr freundlich und es gibt kaum Wartezeiten.

Ein netter, junger Arzt kümmert sich um meine Akte, die ich diesmal vergleichsweise dünn gehalten und nur die wichtigsten Befunde mitkopiert hatte – nicht dass es wieder heißt: Die macht mutwillig Ärztehopping. Das Gespräch dauert sehr lang, mir werden viele Fragen gestellt und ich muss auch nur 3 Mal heulen.

Der Arzt erklärt mir viel. Das Meiste weiß ich natürlich schon, aber ich finde es gut, wie er sich dem Fall nähert.

Er nimmt Rücksicht auf meine Ängste, die ich immerhin artikulieren kann. So benutzt er beispielsweise nicht dieses Reflex-Hämmerchen, das mir beim letzten Mal eine Dissoziation erster Kajüte bescherte und fragt bei jedem Untersuchungsschritt nach, ob das so in Ordnung für mich sei.

Das ist es. Geht doch! 🙂

Phase 3: Ernüchterung

Nicht, dass wir uns falsch verstehen, der Arzt ist wirklich nett und zugewandt, aber wenn wir das lange Gespräch einmal runterdestillieren auf die konkreten Ergebnisse für mich, haben wir

  • eine Ansammlung von Merkmalen gestörter Arzt-/Patienten-Kommunikation,
  • keine Neuigkeiten und
  • ein konkretes Behandlungsangebot, dass man vielerorts hätte bekommen können mit deutlich kürzeren Wartezeiten.

Hier ein paar Gesprächsmeilensteine:

Situation A:

Ich: Ich möchte versuchen, kein Antidepressivum (Opipramol) mehr zu nehmen, weil ich 10 von meinen 25 abgenommenen Kilos seit der Einnahme wieder drauf habe, ohne mein Essverhalten geändert zu haben. Ich würde gerne wissen, ob es im Bereich Schlafverbesserungen noch andere Möglichkeiten gibt als medikamentöse.

Er: Nehmen Sie vielleicht ein anderes Antidepressivum, dass evtl. die gleichen und andere Nebenwirkungen hat [Mirtazapin].

Situation B:

Ich: Ich möchte Ihr gesamtes Flyer-Angebot für meine Heilung nutzen.

Er: Das, was im Flyer steht, gibt’s hier nicht (mehr). Für Sie können wir nur Akupunktur anbieten.

Ich: Das ist aber blöd, weil deswegen war ich ja eigentlich hierher gekommen.

Er: Der Flyer ist nicht aktuell. [Anmerkung: Der Flyer ist von April 2018] Wir wissen, dass wir das nicht mehr anbieten, schreiben es aber trotzdem rein, auch wenn die Patienten dann enttäuscht sind.

Situation C:

Ich: Ich habe keinen auf die Migräne spezialisierten Neurologen in erreichbarer Nähe und bräuchte einen Ansprechpartner für diesen Themenkomplex.

Er: Sie brauchen einen auf Kopfschmerzen spezialisierten Neurologen als Ansprechpartner für die Kopfschmerzen und evtl. einen Psychiater für die anderen Fragestellungen.

Situation D:

Ich: Ich kann nicht mehr laufen, ich kann nicht mehr gut raus. Ich fühle mich damit (zeige auf den Rollator) auch nicht wohl, aber es ist momentan die einzige Möglichkeit, solche Termine hier alleine zu bewältigen.

Er: Am besten wäre, Sie gehen raus und laufen. Nordic Walking oder Joggen – vielleicht auch Fahrradfahren.

Ich: Das ist nicht machbar für mich momentan.

Er: Machen Sie das täglich 10 Minuten.

Ich: Äh, wiegesagt, das ist nicht machbar für mich momentan – allein schon wegen der Hälfte komplett ausgefallener Tage im Monat wegen der Migräne.

Er: Es ist wichtig, dass das regelmäßig gemacht wird.

Ich: Nochmal: Das ist nicht machbar. Ich würde ja gerne, aber ich kann das nicht, deshalb bin ich hierher gekommen, damit es wieder möglich wird.

Er: –  (tippt was in den PC)

Ich: Was ist denn mit der Physikalischen Therapie, die Sie im Flyer … ?

Er: Nicht für Sie / nicht für Fibro. Sport ist besser.

Ich: – (resignatives Schweigen)

Situation E:

Zum Thema Lipödem.
Er: “Seit wann haben sie das?”
Ich: “Äh, [ist das eine Fangfrage?] … seit der Geburt … is’ ja genetisch …”

Die Schmerzen, die hierdurch vor allem beim Laufen verursacht und verstärkt werden, werden nicht weiter thematisiert.

Dass der Schmerzarzt beim Lipödem nicht in der Tiefe Bescheid weiß, kann ich nachvollziehen. Andererseits ist die Kombination Lipödem / Fibro auch gar nicht so selten, wie man überall nachlesen kann … und dass sich ein (selbst in Kompressionsbestrumpfung deutlich sichtbarer) ödemischer Fettkragen über den Muskel-/Sehnenansätzen nicht gerade positiv auf Schmerzen in diesem Bereich auswirkt, könnte man auch durch logisches Kombinieren drauf kommen, oder?

Aber, was weiß ich schon? Ich bin eben einfach zu naiv, … oder zu arrogant (?), dass ich das von einem Arzt in der Schmerzambulanz und chronischen Schmerztherapie erwartet oder zumindest erhofft hatte.

Während ich leicht desillusioniert zuschaue, wie er wieder etwas in den Rechner tippt, bricht etwas Wildes, Ungestümes und unfassbar Mutiges aus mir heraus – ich sage:

„Also, nochmal zum Thema Sport: Ich weiß, wie wichtig Bewegung ist. Ich bewege mich, wann immer ich kann, mache Übungen, gehe einmal täglich um den Block. Das sind maximal 500 Meter. Mehr schaffe ich nicht. Es ist einfach unrealistisch, mir Nordic Walking o.ä. zu empfehlen. Verstehen Sie? Ich würde ja gerne, aber das ist ja genau das Problem, dass ich es nicht kann.“

Antwort: Keine.

Hm.

Nach einer kurzen Pause, in der er weiter in den PC hämmert und ich darüber nachdenke, in welche Sprache ich das Gesagte nochmal übersetzen könnte, um verstanden zu werden, setze ich nach und werde (auch weil ich keine nennenswerten Fremdsprachenkenntnisse habe) auf Deutsch deutlicher:

„Ok, nochmal: Ich weiß nicht, wie das bei anderen ist, aber ich bin keine dicke Fibro-Tante, die keinen Bock hat, sich zu bewegen. Was Sie empfehlen, ist nur einfach unrealistisch.“

Ich kann fast nicht glauben, dass ich das gesagt habe, aber ich hab’s gesagt!!! 😀

Innerlich erwartend, dass mich gleich von irgendwo her der Schlag trifft, ob dieser Unverschämtheit, gucke ich ihn an – vielleicht sogar böse … wer weiß …

Seine Antwort: „Äh … nee, nee“ … und tippt weiter in den PC.

Weil ich nun einen gewissen pädagogischen Ehrgeiz entwickele und weil ich offenbar noch Herrin der Lage und weder dissoziiert noch kurz vor’m Flashback bin, ergänze ich ruhig:

„Wissen Sie, wo das bei Leuten wie mir hinführt, wenn Sie so was sagen? Das bedeutet: Wenn du keinen Sport machst, bist du selber Schuld an deiner Krankheit. Da hängen wir soooo tief in Schuldgefühlen. Das ist nichts, was hilft.“

Er: „Äh, nein, so isses ja nich’ … äh…“ und weiter: „So, vorne bekommen Sie ihre Termine für die Akupunktur. Wir sehen uns dann Ende Juli nochmal.“

Ich: „Ja, alles klar. Vielen Dank für Ihre Rücksichtnahme vorhin.“

Ohne ein Danke geht es bei mir nicht. 😉 War auch ehrlich gemeint.

Mehr fällt mir auch nicht mehr ein und ich bin ja sehr, sehr glücklich, dass ich nicht wieder völlig abgeschmiert bin.

Phase 4: Willkommen zurück

Nach einem kurzen Austausch über Organisatorisches mit der wirklich super-netten Dame an der Anmelde-Theke trete ich den vorläufigen Rückzug an.

Am Parkautomat fällt mir ein, dass man ja immer nur eine gewisse Zeit zur Verfügung hat, um vom Bezahlen zur Ausfahrt zu gelangen. Ich schätze, es werden bestimmt nicht mehr als 10 Minuten sein. Sportlich! Sechs Rampen, plus Rollator einpacken, plus runter fahren. Ja, dann aber: “Zack, zack!”, denke ich.

Was hatte ich gesagt?  Der Abstieg sei schwer gewesen? Dann holt uns jetzt gemeinsam die Rampen-Realität ein: Die ersten drei Etagen nehm’ ich noch volley. Etage 4 erklimme ich in deutlich reduziertem Tempo, aber ich erklimme sie.

Nächstes Ziel: Etage 5. Jetzt wird’s krass. Mit den Unterarmen auf die Handgriffe des rollenden Helfers gestützt, krieche ich wie eine schwer vom Morbus Bechterew gezeichnete 102-Jährige die Rampe rauf. Ein Auto kommt. Bleibt kurz auf meiner Höhe stehen und macht ein „wohl-meschugge-Handzeichen“… – die dumme (Rampen-)Sau!!! Am liebsten hätt’ ich ihm mit dem Rollator die Windschutzscheibe zertrümmert und ihm „Fahrstuhl außer Betrieb, du Penner“ auf die Stirn tätowiert – nein: gebrannt oder gepeitscht.

Aber, in Ermangelung der entsprechenden Energiereserven und Werkzeuge, kroch ich einfach weiter. Fing stattdessen an zu summen:

Ich bin ein Gänseblümchen im Sonnenschein, und durch meine Blüte fließt die Sonne in mich rein, ich bin ein Gänseblümchen, ohne Aggression. Wut, Ärger, was bringt das schon? … ich bin ein Gänseblümchen … la la la …*

Mit Wut-Tränen in den Augen und vollkommen erschöpft komme ich auf Etage 6 an. Packe mit tauben Armen den Rollator ein und schaffe es, offenbar just in time durch die Schranke zu kommen.

Alter Verwalter, was für eine Aktion!

Nassgeschwitzt, leicht verheult, aber sehr stolz lande ich wieder zu Hause – willkommen zurück!

 

————–

* aus Ganz Schön Feist: Gänseblümchen: https://youtu.be/KK2x2VzW5_k?t=22

—-

Bild: pixabay/MabelAmber

078 // Instagram-Challenge “Fibro-Awareness”

Vom 1. bis 12. Mai gibt es wieder eine tolle Challenge auf Instagram! Initiatorin ist die weltbeste FibroFee. Heute, an Tag 4 der Challenge, geht es um das Thema “Wie fühlt sich Fibro für mich an …” – angekündigt war es mit “FibroFeeling”.

Da ich momentan mit Fieber und Halsschmerzen noch weniger schlafe als sonst, hatte ich diese Nacht um 3 Uhr so eine Art “Audio-Vision” … 😉

Jetzt ist der Ohrwurm da 😀  [Bitte die Melodie von “Bacardi Feeling/Summer Dreaming” ins Gedächtnis rufen und los … :]

Rabe

077 // Ärzteblog auf doccheck: Von Raben und anderen Tieren

Es ist mal wieder so weit: Ein Artikel, in dem sich “Lieschen Müller”, in ihrem Ärzteblog auf doccheck über Patienten-Kategorien auslässt, hat es geschafft, meine noch immer anhaltende Schreibblockade kurzfristig zu durchbrechen.

Zitat:

“Kategorie 1: Der Rabe
Der unglückliche Rabe mit dem gebrochenen Flügel. Die Kranken, die krank sein wollen. Stichwort „chronischer Schmerzpatient“. Nimmst du ihnen die Krankheit, ist nichts mehr von ihnen übrig.”
Quelle: http://news.doccheck.com/de/blog/post/8821-ein-chamaeleon-das-krank-sein-wollte

Es folgen noch Strauß, Löwe, Biene und Chamäleon …

Natürlich weiß ich, dass ein Ärzteblog auf doccheck besonders für Ärzte und medizinisches Fachpersonal gedacht ist und der Artikel lustig sein soll. Ist er aber nur bedingt. Dennoch (oder grade deshalb) wollte ich etwas Unlustiges als direkten Kommentar dazu schreiben. Hab’ ich auch – allein die Begrenzung auf lächerliche 1000 Zeichen 😉 hat verhindert, dass ich das Folgende direkt darunter setze (stattdessen gibt es als Kommentar nur eine verstümmelte Kurzversion meiner Gedanken (*s.u.)).

Deshalb hole ich das hier nach und verkünde:

Chronische Schmerzen sind ein komplexes Geschehen, dem man mit Schubladendenken nicht beikommen kann. Auch nicht, wenn Sie lustige Tiere vorne auf die Laden kleben!

Ich bitte alle Ärzte, die hier mitlesen, GERADE bei chronischen Schmerzen NICHT standardmäßig die Rabenschublade aufzumachen, und Sprüche wie „die wollen ihre Schmerzen garnicht loswerden“ zu klopfen, sondern sich bewusst zu machen, dass es vielschichtige Gründe für chronische Schmerzen gibt (sogar physische, die Sie nur noch nicht erkannt haben) und dass so manches, von Ihnen als Rabentier oder Chamäleon „erkanntes“ Patiententierchen (nicht alle) in Wirklichkeit jeden Tag mehr Löwe ist, als Sie es sich vorstellen können – gerade bei denen die schweigen! Bedenken Sie bitte auch: Viele chronische Schmerzpatienten sind sogar aufgrund ihrer allzu löwenhaften Attitüde über Jahre und Jahrzehnte hin erst zum chronischen Schmerzpatienten geworden. Für diese Exemplare ist nichts schlimmer, als auf Einstellungen wie diese hier zu treffen.

Es sind Aussagen wie diese, die es so vielen chronischen Schmerzpatienten noch schwerer machen als es so schon ist mit unsichtbaren Krankheiten. Wegen solcher Erlebnisse, rennen die Menschen dann massenhaft zu jeder Art von Quacksalbern und selbsternannten Krankheits-Checkern, weil sie dort vielfach zumindest eins vorfinden: Wertschätzung und Respekt.

Damit meine Kritik noch ein wenig konstruktiver wird:

Wenn ich als Orthopäde und Unfallchirurg mit einem so komplexen Krankheitsbild wie chronischen Schmerzen, bei dem nicht selten schwere Traumatisierungen u.ä. im Schlepptau sind, überfordert bin, sage ich dem Patienten,

  1. dass ich seine Beschwerden ernst nehme, (!!!)
  2. dass ich als Orthopäde/Chirurg da momentan nichts findem kann (was gut ist),
  3. dass man weiterforschen muss, um den Schmerzen auf den Grund zu gehen,
  4. dass ich einen fachlich kompetenten Kollegen oder eine gute Schmerzklinik kenne, zu dem/der ich überweisen kann.

… und zwar alles OHNE (auch unbewusste) Vorverurteilungen.

Übrigens:

Selbstverständlich werden von fachlich und menschlich versierten Kollegen mit dem Patienten auch dessen individuelle, krankheitserhaltenden Faktoren besprochen. Auf eine wertschätzende und respektvolle Art. Das müssen Sie als Orthopäde nicht tun, wenn Sie nicht grade ein Naturtalent mit besonderem psychologischen Geschick sind (wovon ich nach dem o.g. Artikel nicht ausgehen kann).

Auch an alle Ärzte, die sich hier mitamüsieren: Bitte, bitte, bitte reflektieren Sie.

Über Ihren Beruf, über Ihre Einstellung, über Ihr Menschenbild und darüber, wie Sie selbst von anderen gesehen und behandelt werden möchten, wenn Sie in einer Notlage um Hilfe bitten.

Ein ganz einfacher Satz, den sich jeder (nicht nur) Arzt merken sollte: „Empathie schadet nie!“

Bleiben Sie gesund!

 

* Hier die Kurzversion, die ich als Kommentar unter den Artikel gesetzt hatte:

Der Artikel soll lustig sein, ist er aber nicht. Chronische Schmerzen sind ein komplexes Geschehen, dem man mit Schubladendenken nicht beikommt. Auch nicht, wenn lustige Tiere auf den Laden kleben! Ich bitte alle Ärzte, GERADE bei chronischen Schmerzen NICHT standardmäßig die Rabenschublade aufzumachen. Es gibt vielschichtige Gründe für chronische Schmerzen (sogar physische, die Sie nur noch nicht erkannt haben). So manches, von Ihnen als Rabe oder Chamäleon „erkanntes“ Patiententierchen ist jeden Tag mehr Löwe, als Sie es sich vorstellen können – gerade die Schweigenden! Nicht selten sind schwere psychische Traumatisierungen u.ä. im Schlepptau. An alle Ärzte, die sich hier amüsieren: Bitte, bitte, bitte reflektieren Sie darüber, wie Sie selbst von anderen gesehen und behandelt werden möchten, wenn Sie um Hilfe bitten. Danach lacht es sich über Randgruppenwitze auch viel entspannter, weil zu irgendeiner gehört garantiert jeder … auch Sie 😉


Kleines Beispiel noch für die andere Perspektive, falls sich doch mal ein Mediziner hierher verirrt:

Blogbeitrag: Von Schubladen und falschen Filmen

076 // Kranke Kommunikation

Krankheit ist ein guter Lehrer, ja, aber sie kann auch Störer und Weltverdreher sein, denn Krankheit wirkt sich auf alle Lebensbereiche und alle menschlichen Interaktionsfelder aus.

Wie meine Krankheit beispielsweise auf die Kommunikationsfähigkeit einwirkt, zeigt eine kleine Situation, bei der ich mich neulich fragte, wie schlimm es mit mir noch werden wird …

Auf der Seite einer Physiotherapie-Praxis lese ich (auf dem Handybildschirm) „Physiotherapie –
Offene Stellen“

Als jung dynamischer zweckentfremdeter Lohnarbeiter, der ich einst war, hätte ich hierbei natürlich sofort an die nächste Stufe der Karriereleiter gedacht.

Aber als (dazu noch leicht autistisch veranlagte) Kranke assoziiere ich spontan stattdessen: …

Na? Was?

Richtig: Wunden, Geschwüre und grausliche Dekubitus-Fälle.

Dazu fällt mir dann nur noch eins ein:

Picard Facepalm

Dieses Video ansehen auf YouTube.

———————–

(Quelle Titelbild: movida-physiotherapie.de)

075 // Konfliktangst-Bewältigungstraining: check

Der ein oder andere mag meine Aktion für sarah (und Viola) albern und übertrieben finden. Dabei sollte man nicht vergessen, warum ich unter anderem so vorgehe: Stichwort “Konfliktangst-Bewältigungstraining” …

Ich wollte Ärger, Konflikt und Stress, damit ich mich daran gewöhnen kann und durch Gewöhnung und Konfrontation ein bisschen lockerer werde. Ich habe Ärger, Konflikt und Stress bekommen, also musste ich diese Gelegenheit einfach nutzen.

Zumal ich bei meinem letzten sehr großen, unvorhersehbaren Konflikt, von dem ich noch gar nicht erzählt habe, wieder sehr schwer angeschlagen war.

Und, hat’s was gebracht?
Ja, absolut.
Im Vergleich zum Bootcamp nach meinem Auftritt im Kopfschmerzforum war das gestern schon ein Spaziergang.

Wir erinnern uns:
Damals: 3 Tage Panikattacken, Herzangst, Migräne und Heulerei ohne Ende. Selbstzweifel, Fluchttendenz und Verzweiflung. Das ganze Blog wollte ich zwischendurch löschen! Ich Weichei.

Diesmal lief es schon bedeutend besser: Nur einmal ordentlich Blutdruck, Schwindel und Ohrenfiepsen. Ein paar Stunden Nervenzucken und Gesichtsschmerzen. Pillepalle! Und Migräne krieg’ ich sowieso alle paar Tage, da sind die Kausalitäten wurscht.

Das wird also! 🙂

Was hab’ ich diesmal anders gemacht?
Diesmal habe ich mich mit meinen Körperreaktionen als solche beschäftigt, sie nicht sofort als „Angst“ wahrgenommen und ich habe mal wieder alle Stimmen in mir labern lassen – nichts unterdrückt oder ignoriert. Es war dadurch mehr ein hysterisches inneres Zeter und Mordio, aber es gab von Anfang an auch die amüsierten Teile, denn spätestens als Viola „Spast“ zu mir gesagt hat, hab’ ich mich gefreut, wie ein Schneekönig. Ich fühl’ mich richtig geehrt irgendwie. Einerseits, weil ich das Wort phonetisch so mag und immer an das Buch „Chill’ mal, Frau Freitag“ * denken muss und andererseits, weil ICH sie dazu gebracht hab’, ausfallend zu werden. Das ist nicht nur selbstwirksam sondern sogar fremdwirksam! Das ist ein Riesenerfolg für mich.
Aber nicht nur für mich!
Auch mein Mann ist glücklich, weil er sein Betitelungs-Repertoire erweitern konnte. So nennt er mich jetzt liebevoll „mein Spast“ (statt Affenmädchen) 😀

Ebenfalls nicht zu vergessen:

Ich bin immer noch ein schwerbehinderter Erwerbsminderungsrentner (GdB 70), der keine 500 Meter zügig alleine laufen kann und fast nur in der Bude oder im Bett hängt, weil er sich zwischen den Migräneattacken mit chronischen Schmerzen im ganzen Körper, Depris, Ängsten und Erschöpfung rumärgern muss.

DAFÜR hab’ ich nicht schlecht reagiert, finde ich. FibroFog hin oder her. Da muss ich mich mal selber loben. 😉

Aber die wichtigste Erkenntnis, die sich auch diesmal wieder bestätigt: Egal, was ist: so lange man nicht alleine dasteht, ist alles zu schaffen.
Ob die vielen tollen Nachrichten, die Lacher im „Publikum“ oder die Tatsache, dass ich um mich herum Menschen habe, die auch wirklich jeden Scheiß mittragen, den ich mir ausdenke, für alles und jeden einzelnen bin ich dankbar. Dankbar, dass es auch diese Menschen gibt und, dass sie da sind, wenn ich sie brauche.

DAS ist der Unterschied zu früher und DAS ist der Unterschied zwischen Trauma und Glück. <3

 

*

Eine der Lieblingsbeschimpfungen aller Schüler ist ja Spast. Jedes Mal, wenn ich das Wort höre, frage ich die Schüler: „Weißt du denn, was ein Spast ist?“ Und ich bekomme immer die gleiche Antwort: „Ja, klar. Ein Spast ist ein kleiner Vogel.“ Da steht also ein riesiger arabischer Schüler vor mir, wahrscheinlich mit Totschläger und Messer in der Tasche und einer kiloschweren Schüler- und Polizeiakte, und denkt, ein Spast sei ein kleiner Vogel.
(Quelle: Frau Freitag – Chill’ mal, Frau Freitag: Aus dem Alltag einer unerschrockenen Lehrerin. Ullstein 2011)

Kleinanzeige Teddybär

074 // I love sarah – Kleinanzeige die 2. …

Irgendwie hatte mich sarahs Schicksal von neulich nicht losgelassen und nach einer fast schlaflosen Nacht (nicht wegen ihr, aber wegen einer ähnlich willkommenen „Freundin“ namens Fibromyalgie) stellte ich eine weitere Kleinanzeige in dem Portal mit dem entsprechenden Bild* ein:

„Liebe Kleinanzeigen-Leser.
Auf meine letzte Anzeige in der Rubrik „zu verschenken“, in der ich nach alten / defekten Woks suche (gerne geschenkt), erhielt ich eine Antwort von einem Nutzer namens sarah.
sarah schrieb: „Schmarotzer“

Ich habe sarah daraufhin einen ganzen Blogeintrag auf meiner Seite myyzilla . de gewidmet (Titel: „073 // Leute gibts …“)

Jetzt suche ich noch mehr Liebe und Aufmerksamkeit für sarah. Es scheint ein großer Mangel hieran bei ihr (oder ihm?) zu bestehen.

Natürlich zahle ich als Schmarotzer nichts dafür, aber vielleicht können wir alle zusammen mit unseren liebevollen (kostenlosen) Gedanken sarahs Herz irgendwie erwärmen und dafür sorgen, dass sarah sich wieder besser fühlt.
Da sie leider ansonsten anonym blieb, müsste es irgendwie „feinstofflich“ gelingen, aber der Glaube an die gute Sache versetzt ja bekanntlich Berge. 😉

Wer auch Liebe und Aufmerksamkeit braucht, kann sich gerne ebenfalls melden. Vielleicht gibt es auch noch originellere und zeitgemäßere Beschimpfungen, die euch einfallen? Die besten veröffentliche ich natürlich ebenfalls auf meinem Blog. ;-)“

Nach ein paar Stunden konnte ich bereits über 200 Aufrufe verzeichnen und bekam viele Nachrichten und Likes.

Nur sarah schwieg bisher. Mag vielleicht daran liegen, dass ich sie direkt nach ihrem kleinen „Fauxpass“ beim Anbieter als Spam gemeldet habe. Natürlich ohne vorher auf sie direkt zu reagieren. 🙂 Das macht man ja nicht. Das wäre dann doch zu viel Futter für einen Troll.

Viel lieber berichte ich von dem wirklich tollen, positiven Feedback, das ich erhalten habe:

Zum Beispiel von Kati: Sie wurde kürzlich offenbar auch von einer sarah dämlich angeschrieben, nachdem sie einige gut erhaltene Kuscheltiere anbot und lediglich einen kleinen Obolus in Form einer Tüte Kaffepads o.ä. dafür erbat. (Was fällt ihr auch ein?! ;-))

Oder Andreas: Er schrieb von Denise, die ihn als Katzenvermehrer beschimpfte, weil er Katzenbabys nicht zum Spottpreis abgeben wollte, um sie vor fragwürdiger „Weiterverwendung“ zu schützen.

Und Ronny, der zusicherte, ein bis zwei Minuten seiner Zeit zu investieren, um an sahra zu denken. Er mutmaßte:

„da steckt ein armer Mensch hinter, der leider noch nicht kennengelernt hat, was es heißt, was für andere Menschen zu tun“.

Wie schon persönlich geschehen, danke ich ihm auch hier nochmal für seine Unterstützung, denn ich finde, in diesem speziellen Fall zählt jede Minute! 🙂

CH. schrieb:

„Diese Person “Sarah ” hat wirklich nichts besseres zu tun als Leute wegen ihrer Suchanzeigen zu beschimpfen, Bedauerlich !!!!“

Ramazan zeigte sich ebenfalls empathisch:

„Scheiß einfach auf solche Menschen, die den Sinn deiner Anzeige nicht verstanden haben!!!!!LG“,

schrieb er.

Ich antwortete ihm:

„[…] Du hast einerseits Recht, wenn du sagst „scheiß drauf“. An ihr als Person bin ich auch überhaupt nicht interessiert und sie selbst wird von mir auch keinerlei persönliche Reaktion erhalten.
Aber ich meine das schon ernst, dass bei solchen Menschen einfach viel Liebe und Aufmerksamkeit fehlte, so dass sie weder Mitgefühl noch Empathie entwickeln konnten.
Dafür ist nicht nur sie selbst, sondern auch andere mitverantwortlich.
Dazu noch ein bisschen Neid und eigener sozialer Misserfolg und schon haben wir den Salat (wie man leider an jeder Ecke in dieser Welt sehen kann).
Dieser Gesinnung und hasserfüllten Trollerei möchte ich etwas entgegensetzen.

Irgendwas – und wenn es „nur“ Liebe ist ;-)“

Ich hoffe sehr, es hilft … 😉

—— update 14.4.: ——

Aaaah, endlich mal eine zünftige Beleidigung! 🙂

Viola schreibt:

„Du bist die jenige die hier aufmerksamkeit sucht, spast“

Wow!

Also „spast“ finde ich auf jeden Fall schonmal zeitgemäßer als „Schmarotzer“ – dafür Daumen hoch … und neun Wörter sind ja schon eine richtig persönliche Nachricht … Toll! 🙂 Die fünf Fehler will ich mal nicht überbewerten, der gute Wille zählt. Weiter so! 🙂

Beeindruckend, dass sar… äh Viola auch schon erkannt hat, warum man mit seinen Geschichten und Erlebnissen in die Öffentlichkeit geht. Also dumm ist sie nicht … Respekt! 😉

 

 

 

 

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* (Bild: Pixabay)

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