“Warum machst Du das?”

Neulich bin ich mal wieder gefragt worden, warum ich diesen ganzen Aufwand mit dem Blog und dem anderen “SocialMedia-Kram” mache, wenn mir doch alles so schwer fällt und ich kaum Energie für die einfachsten Dinge im Leben habe. Für ein paar Cent Affiliate-Provisionen oder 1,77 € pro verkauftem Buch? Wohl kaum.

Zugegeben: Diese Frage habe ich mir auch schon manchmal gestellt. Aber dann denke ich darüber nach, was denn die Alternative wäre. Was bliebe übrig, wenn ich das nicht mehr machen würde? Nicht viel. Nichts Sichtbares zumindest.

Es ist ja auch so: Ich bin ein Mensch, bei dem sehr viel (eigentlich das meiste) unartikuliert und nur in Gedanken stattfindet. Zwangsläufig und krankheitsbedingt, aber auch zum großen Teil freiwillig und gerne. Ich denke halt gerne, und trotz Brainfog immernoch recht zuverlässig und gut. Zwar mag ich es nicht, das wie bei einer Blaskapelle auf der Lyra vor mir herzutragen, aber meine Hochbegabung ermöglicht mir eben auch in Krankheitstagen immer noch einen vergleichsweise ordentlichen Output. Wo soll ich sonst damit hin?

Dank verschiedener Hilfsmittel und räumlicher Umstrukturierungsmaßnahmen in unserer Wohnung, kann ich mittlerweile relativ ermüdungsarm und kopf-/nackenschonend meine Texte (und mittlerweile auch Videos) zu Bildschirm bringen. Es kostet mich zwar immer noch viel Überwindung, mir Dinge anzuschaffen, die man aus dem häuslichen Pflegebereich kennt, aber auch ich muss langsam mal begreifen, dass ich an vielen Tagen des Monats nichts anderes bin als ein Pflegefall. Ein Mensch, der die einfachsten Dinge nicht mehr selbst erledigen kann. Einer, der Hilfsmittel braucht, um so selbständig wie möglich zu bleiben. Das ist mein Ziel. An jedem dieser Tage.

Das Merkwürdige und für Nicht-Betroffene schwer zu verstehen, ist, dass mein Zustand zwar ein dauerhafter, aber kein kontinuierlich gleichbleibender ist. So sieht man mich (glücklicherweise) fast jeden Tag mit den Hunden draußen – den Schwindel, die Schmerzen, den Kraftaufwand (und manchmal die Tränen) sieht man nicht – zumindest nicht aus der Entfernung und wenn ich die Mütze tief ins Gesicht ziehe. Man sieht nicht, wie ich nach manch einer morgendlichen Hunderunde praktisch den ganzen Tag im Bett liegen muss, damit ich wieder Energie für die Abendrunde habe. Auch da kann man fragen: Warum machst Du das dann? Warum die Hunde?

Man sieht auch nicht, wie anstrengend das Sprechen für mich ist, wenn ich seit Tagen oder Wochen keine Nacht mehr als 3 Stunden am Stück geschlafen habe – und das nicht mal gut. Will man dann weiterfragen? Wenn alles so anstrengend ist: Warum das Kind? Warum der Mann? Warum das Schreiben? Warum das Lesen? Warum das Aufstehen? Warum das Sprechen? Warum das Essen? Warum die Nägel? Warum der Frisör? Ja: Warum überhaupt noch irgendwas?

Ganz ehrlich: Auch DAS frage mich manchmal selbst.

Glücklicherweise gibt es eine einfache Antwort auf diese Frage:

Die einfache Antwort

Die Dinge, die ich jetzt noch tun kann, obwohl sie anstrengend sind und mich die Verantwortung für sie manchmal fertig macht, die sind MEIN Leben. Es ist nunmal nicht mehr viel mehr als “anstrengende Dinge tun”. Aber: Wenn es nicht mehr anstrengend sein soll, müsste ich mich konsequenter Weise auf der Stelle umbringen. Und das ist keine Option. Wer mein Buch gelesen hat, weiß, wie dramatisch und nachhaltig ich zu dieser Erkenntnis gelangte.

Mein Lebenswille ist enorm und dafür bin ich sehr dankbar. Es ist etwas sehr tief in mir Verwurzeltes – etwas Großartiges. Es kommt mir manchmal größer vor, als ich mir selbst. Es ist etwas, das mich trägt – manchmal nur schubst und manchmal das einzige, das mir bleibt (zum Beispiel, wenn ich einen sehr schlimmen Migräneanfall mit Hirnstammaura habe). Gläubige Menschen würden es vielleicht sogar “das Göttliche” nennen, was mich da trägt, aber ich bin nicht religiös. Ich habe keinen Gott, an den ich glaube. Ich brauche auch keinen. Mir reicht das Sein in mir selbst (und ein bisschen Physik ;-)) vollkommen aus, um mir alle Mysterien dieser Welt zu erklären und keine Angst vor dem zu haben, was danach kommt (oder eben nicht). Das versöhnt und führt letztlich dazu, dass ich mich bemühe, mein Selbst und mein Sein, so wie es gerade ist, zu schätzen und zu bewahren. Das ist mein Sinn des Lebens. Das Leben selbst in seiner individuellsten Form: im Ich. Im bewusst Sein.

Da sind wir also in kürzester Zeit vom Bloggen in eine sehr spirituellen Ecke abgetaucht. Aber genau das ist der Punkt. Jede Kleinigkeit, jeder “move” wie man heutzutage so schön sagt, kann eine tiefe existentielle Bedeutung haben, wenn wir ihn sehr bewusst ausführen. Die neuen Fingernägel oder ein neuer Blogtext sind dann nur ein “weltlicher” Ausdruck für eine irgendwo tiefer liegende Freude an etwas, das wir schön oder interessant finden. Ein dinglich gewordenes Symbol für das “Freude-Empfinden”,”Schönheit wahrnehmen” und “Interesse haben” an sich.

Das ist mein Leben.

Und das ist jede Mühe wert.


PS: Ganz lebenspraktisch und auf mein Blog bezogen, ist es auch besonders wichtig, dass ich solche Gedankengänge wie diese aufschreibe, damit ich sie mir zu gegebener Zeit selber noch mal durchlesen kann. Zum Beispiel, wenn einer der Hunde morgens um vier mit Durchfall raus muss, oder nachts des Kindes Beine massiert werden wollen, weil sie wachsen … 😉

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