086// Howgh, ich habe geschrieben.

Das aktuelle Jahr hat fast genauso Scheiße angefangen, wie das alte aufgehört hat: Schmerzen, Viren, Erschöpfung und der Tod meines kleinen Hundes Ernie hauen ganz schön ins Kontor.

Die Welt drumherum interessiert das nicht – sie dreht sich einfach weiter und zaubert allerorts Abstrusitäten hervor, durch deren Kenntnisnahme ich mich zusätzlich stark beeinträchtigt fühle. Und doch muss ich dankbar sein. Ich habe mich so provoziert gefühlt, dass ich endlich wieder schreiben konnte … oder musste.

Für ein besonders denkwürdiges Stück Weltgeschehen, zu dem ich mich äußern möchte, sorgte kürzlich eine Hamburger Kita. Die sprach sich gegen die Kostümierung der Kinder als Indianer oder Scheich aus. Man achte „im Kitaalltag sehr auf eine kultursensible, diskriminierungsfreie und vorurteilsbewusste Erziehung und das solle sich auch an Faschingstagen nicht ändern“, berichtet die Hamburger Morgenpost. Eltern sollen darauf achten, dass mit der Kostümierung keine Stereotype bedient werden. Insbesondere mit den Faktoren „Geschlecht, Hautfarbe und Kultur“ solle sensibel umgegangen werden. (https://www.mopo.de/hamburg/politisch-korrekter-fasching-hamburger-kita-verbietet-indianer-kostueme–32163248)

Es folgte eine mehr oder weniger fröhliche „Diskussion“ und ein aufgeregtes SocialMedia-Getöse. Unter anderem stieß ich auf einen Twitter-Erguss der Osnabrückschen Jusos. Dort stand:

Kurze Zeit später verwies man auf den Artikel eines Indigenen American Natives namens Ty, der uns und der Welt erklärte, warum er die Indianerkostüme nicht lustig findet. (https://www.vice.com/de/article/zma8ze/liebe-deutsche-indianer-kostume-an-karneval-sind-nicht-lustig)

Ich war einigermaßen erstaunt und berührt.

Ty erklärt unter anderem, dass es ihn traurig und wütend macht, wenn sich jemand einfach ohne den entsprechenden spirituell-kulturellen Background Federn in ungeheurer Anzahl an die Kleidung steckt. Federn verdiene man sich in seiner Kultur – die steckt man sich nicht einfach an.

Ah, das ist ja interessant, dachte ich.

Das wusste ich nicht.  – So wie die vielen Kinder und Besoffenen, die am Rosenmontag einfach mal ihren Spaß haben wollen und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht darauf aus sind, jemanden damit  zu beleidigen oder zu diskriminieren.

Trigger-Gedöns

Trotzdem kann ich Tys Traurigkeit und Wut verstehen. Klar fühlt er sich mit dem, was er an und um den Rosenmontag sieht, an seine schlimmen Erfahrungen und die seiner Familie erinnert. Das ist nichts anderes als eine Triggerung. Sehr unschön für Ty und alle anderen Betroffenen, aber in erster Linie sein persönliches Problem. – So wie meines das Verhalten einiger Mitmenschen – insbesondere Ärzte.

Ich möchte mein eigenes Leid nicht über das von Ty stellen. Ganz im Gegenteil. Ich möchte nur die Mechanismen und Zusammenhänge zeigen. Im Grunde möchte ich Ty und allen anderen durch Diskriminierung traumatisierten Menschen nur sagen, ihr seid leider, leider, leider nicht alleine mit eurem Schmerz.

Trotzdem können wir nicht alle Trigger verbieten.

Ich kann Ärzten nicht ihre Kittel verbieten, weil sie mich triggern. Ich kann nicht fordern, dass alle Blutdruckmessgeräte aus den Praxen verschwinden. Ich kann den Ärzten, die sich scheiße benehmen, nicht per Dekret mehr Hirn oder Herz einpflanzen. Eine solche Forderung hilft mir nicht … und auch sonst niemandem.

Wenn ich Tys Argumentation und dem elaborierten Gequatsche der Osnabrücker Jusos folge, müsste ich mich konsequenterweise gegen alle möglichen Kostümierungen aussprechen, die meine Randgruppeneigenschaften in stereotyper Weise darstellen und so durch diskriminierende Projektion Gewalt gegen mich ausüben (allein diese Formulierung … puuh).

Analogien

Als selbst Betroffene müssten meine Statements dann so aussehen:

1. Gegen Masken mit Brillen, die darauf abzielen, den Brillenträger als ästhetisch unattraktiv zu deklassieren! – Ich als Sehbehinderte fühle mich damit echt schlecht.

2. Gegen Clownsmasken, die eine Glatze und eine rote Nase simulieren, die auf diese Art und Weise, ästhetische Minderwertigkeit in die Welt projizieren! – Das tut mir als Alopezie- und Rosazea-Opfer ja auch weh.

3. No Fatsuits!!! Weg mit Kostümen, die Kissen oder sonstiges Füllmaterial verwenden, um dicke Bäuche oder sonstige Fettansammlungen vorzutäuschen! – Wir Dicken und lipödemischen Fettbeiner haben es überall so schwer.

4. Nicht zu vergessen: Männer, die sich als Frau womöglich noch in überzogener, klischeehafter Weise verkleiden, gehören verboten! – Wir Frauen werden auf dem gesamten Planeten aufgrund unseres Geschlechts tagtäglich diskriminiert, da verbiete ich mir diese Form der projizierten Gewalt doppelt und dreifach! Die Deutungshoheit über meine Gene gehört mir!!!

(Zur Sicherheit weise ich jetzt kurz aber explizit darauf hin, dass es sich bei den Punkten 1-4 um satirisch-ironische Übertreibungen zur Verdeutlichung handelt.)

Jetzt schreien trotzdem sicher einige: Aber das ist doch was ganz anderes! Das kann man doch garnicht vergleichen. Der arme Indigene American Native! Der wird doch nur aufgrund seiner Kultur  diskriminiert!

Jo, sag’ ich dann, das ist schlimm und sollte so nicht sein.

Und: Natürlich kann ich das vergleichen, weil es die gleichen Mechanismen sind, die einem das geamte Weltbild und Selbstwertgefühl verauen. Dicke, kranke, weibliche Behinderte leiden nicht weniger unter Diskriminierung. Diskriminierung ist immer Scheiße!

Da gibt’s kein schlimmer oder weniger schlimm, denn die Person, die darunter leidet, leidet immer gleich. Es ist einfach ein Scheißgefühl – egal in welchem Land, in welcher Kultur und mit welcher „Begründung“.

Die Frage ist doch, wie können wir Diskriminierung generell entgegenwirken?
WIR alle. Auch wir Opfer.

Und da sage ich: Nee, nee, liebe Unterstützer und Solidarisierer Indigener American Natives und alle anderen, die ihre karnevalistische Verhohnepiepelung zum Anlass nehmen, um sich wie die kleinen Gockels aufzuplustern, und mit ihrer völlig pervertierten sogenannten „political correctness“ um die Ecke kommen. So wird das nicht funktionieren.

Nehmt doch ein Kostüm einfach mal als Impuls, um über eure Erfahrungen und Erlebnisse als Mitglied einer diskriminierten Gruppe zu reden. Erzählt den Kindern im Indianerkostüm etwas über eure Kultur, euer Leben und eure Gefühle. Das machen die nämlich, weil sie eure Kultur so toll und spannend finden. Kommt ins Gespräch mit denen, die für Triggerung sorgen, ohne es zu wissen und zu wollen.

Die allermeisten wird es interessieren. Die allermeisten werden das als Bereicherung empfinden und manche von ihnen werden ihre Denk- und Verhaltensmuster überdenken. Und euch wird es gut tun, wenn ihr Gehör und vielleicht sogar Mitgefühl findet.

Und den anderen sage ich: Hört gefälligst zu! Entwickelt ein Bewusstsein dafür, dass euer Handeln – egal aus welcher Motivation heraus – bei anderen Menschen immer eine Resonanz erzeugt. Wenn ihr dem Menschen konkret helfen könnt, dann tut es. Achtet das Individuum, aber bleibt euch auch selber treu.

Wenn Ty sich zum Beispiel wünscht, dass auf der nächsten Karnevalsparty im Familienkreis keine Indianerkostüme getragen werden, weil er sich damit unwohl fühlt, dann ist das eine menschlich nachvollziehbare Sache. Das werden sicher alle Freunde und Familienmitglieder gerne berücksichtigen, weil sie wissen, warum es für ihn schwierig ist, das auszuhalten. Aber Ty sollte so reflektiert sein, dass er einsieht, dass nicht die ganze Welt seine Trigger eliminieren kann.

Verbote und der erhobene Zeigefinger machen doch alles nur noch schlimmer!

Und dann sage ich noch: Wenn Ty das Gefühl hätte, dass er und seine Familie von allen respektiert und geschätzt wird, würde er safe auf die Kostüm-Sache ‘nen feuchten Furz geben.

Hier gilt es wie immer, dass sich zwei Seiten bewegen müssen, um miteinander in Verbindung zu treten. Und was verbindet mehr, als ein Lachen? In diesem Fall vielleicht ein Lachen über das Unwissen der “Bleichgesichter” – so nennen “die Indianer” uns doch … wenn ich mich nicht irre … *kopfkratz*

 

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085// Jahresabsch(l)uss

  1. Hilger M. Barbara

    Hi myzilla, schön mal wieder was von Dir zu lesen…….. zu Ty’ s Geschichte fällt mir grad was ein: Meine Tochter (ihr Vater stammt aus Mali/Westafrika) hat braune Hautfarbe und als sie in den Kindergarten ging (der Hof davon, wo die Kinder spielten, lag genau unter meinem Schlafzimmerfenster) schaute ich natürlich neugierig hinunter und beobachtete die Spiele. Eines Tages (und das geschah noch öfter) hörte ich doch glatt die Erzieherin das Lied: “Zehn kleine Negerlein” singen. Die Kinder sangen kräftig mit und hielten sich während des Singens an den Schultern des Vorderkindes und so bewegte sich die ‘Schlange’ durch den Hof. Wer das Lied kennt weiß, dass der Reihe nach immer ein Kind verloren geht (da warens nur noch 9,8,7….). Jedesmal an dieser Stelle des Liedes, wo ein Kind verloren ging, fiel ein Kind zu Boden – in teilweisen theatralischen Gesten des erschossen werdens (sicher aus dem Fernsehen entlehnt). Mir stockte der Atem und ich überlegte was ich da tun konnte. Also ging ich rüber um mit der Erzieherin zu sprechen. Die verstand überhaupt nichts. “Wieso, das wäre doch nur ein Kinderlied….” Also ich meinte, dass mein Kind doch ein ‘Negerlein’ in ihrer Gruppe war…. – verstand sie auch noch nicht. Nun, wir verschwanden dann auch…. ich gab sie in einen anderen Kindergarten.

    • Hi Melina,
      schön, dass Du noch mitliest 🙂

      Bei dem von Dir angesprochenen Lied kann man ja ganz grundsätzlich was gegen die „Message“ sagen. Je nachdem welche Version da gesungen wurde, ist das ja ohnehin ein sehr blutrünstiges Lied – ganz unabhängig davon, wer da so nach und nach weg ist … :-/ (Ich kenn das aber auch noch irgendwie so, dass alle am Ende wieder da sind und heiraten – also jedes vorher verschwundene „Negerlein“ in der letzten Strophe wieder da ist und sich einen Partner unter den übriggebliebenen suchen darf. Hilft euch jetzt auch nicht mehr, aber wenigstens finde ich die Message nicht so krass wie „alle sind tot“.)

      Dass die Erzieherin kein Verständnis für Dich und Eure Sicht der Dinge hatte, finde ich schade, aber zu dieser Zeit (80er?) war das auch noch nicht so im Bewusstsein der Leute angekommen. Ähnlich dem Rauchen im Auto, wenn Kinder mitfahren. Für sie wäre es ja einfach gewesen, mit den Kindern über die Problematik zu sprechen und ab da „Kinderlein“ zu singen – einfach, damit Ihr Euch besser fühlt.

      Und trotzdem bin ich der Meinung, dass man z.B. Literatur und Liedgut nicht einfach flächendeckend „umschreiben“ darf, weil einzelne sich gestört fühlen.

      Ty ist für mich der erste, von dem ich gehört habe, dass er mit den Kostümen ein echtes Problem hat. Ich persönlich kenne 2 Menschen mit ähnlichem kulturellen Hintergrund, die sich bis jetzt noch nie ähnlich geäußert haben. Habe ich so auch noch nicht in den Medien mitbekommen.

      Wiegesagt: Ich habe Verständnis für Ty, aber es muss klar sein, was passiert, wenn alles, was bei einigen blöd ankommt, praktisch weltweit verboten werden soll. Wenn wir alle nur noch verkrampft darauf schauen, welche Gruppe sich nun wieder gedisst fühlt und deswegen alles schwammig oder „politisch korrekt“ ausdrücken, oder schlimmer noch: schweigen, ist das eine Sache, die noch weiter spaltet als uns zusammenbringt.

      Darüber kännte ich abendfüllend diskutieren 😉 Würde ich auch gerne, aber die Diskussionsrunde müsste sich zurzeit um mein Bett od. die Couch drapieren und zufrieden sein, wenn ich nach ner halben Stunde erschöpft abbrechen muss … 😉

      Liebe Grüße jedenfalls
      myyzilla

      • Brigitte

        Liebe myzilla,
        die sprichst mir aus dem Herzen. Diese ständige ängstlich darauf schauen nur ja niemanden zu vergraulen, finde ich sehr merkwürdig. Denn was ist wenn diese Minderheit, der man gerecht werden will, eine andere Minderheit beleidigt, die dann wiederum ebenfalls beleidigend wird und so weiter. Warum versucht man nicht einfach zuerst mal allen Kindern beizubringen gut miteinander umzugehen…das wäre doch mal ne Maßnahme. Dann dürfen auch alle Indianer sein oder 10 kleinen Negerlein singen. Sind schließlich heutzutage Kindern aus allen möglichen Kulturen dabei, deren Eltern sich in deren Ländern leider hassen und die Köpfe einschlagen
        LG und vor allem gute Besserung
        Brigitte

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