072 // Nur für Ärzte: 13 Tipps, wie Sie es schaffen, dass auch chronisch Kranke nicht mehr zum Arzt gehen

Zynismus ist manchmal der einzige Weg, den ich noch gehen kann, um mir mein Leben schön zu denken. Dann schleppe ich mich durch ein Seelental nach dem anderen, um mich irgendwann auf einem halbschattigen Hügelchen wiederzufinden, an dem es schöner ist und ich versöhnlich lächelnd auf die Täler zurückblicken kann. Hier kann ich meine Wunden lecken und das Lehrreiche an der Seelental-Lektion resümieren.

In meinen Tälern gibt es aber nicht nur für mich selbst viel Lehrreiches zu entdecken. Ich gebe gerne – das war schon immer so. Vor allem gebe ich mein Wissen und meine Erfahrungen gerne an Bedürftige weiter …

… diesmal: Ärzte. 🙂

13 Tipps, wie Sie es schaffen, dass auch ein chronisch kranker Mensch nicht mehr zum Arzt geht:

  1. Zwingen Sie einem Säugling mit Gewalt Ihre Behandlung auf. Fügen Sie ihm Schmerzen zu, bis er sich existenziell bedroht fühlt. Loben Sie hernach seinen willensstarken Kampf gegen die Behandlung (= Bedrohung). Bestärken Sie die Mutter darin, das Kind schreien zu lassen – egal, was ist.
  2. Reißen Sie einer verängstigten, schwangeren Patientin die Brille von der Nase, weil diese aus Angst und Verunsicherung nicht schnell genug auf ihre Chiro-Pritsche hüpfen kann (die fette Kuh). Vergessen Sie nicht, ihr dabei ein paar Haare auszureißen. Ignorieren Sie die Tatsache, dass die Patientin in der Nacht nach dieser Behandlung eine Fehlgeburt erleidet.
  3. Behandeln Sie einen Patienten, der Sie wegen eines Mandelabszesses aufgesucht hat, in jedem Falle auch mit Blutdrucksenkern. Lassen Sie ihre Sprechstundenhilfe das Rezept an der Anmeldetheke für ihn bereithalten, ohne mit dem Patienten persönlich darüber gesprochen zu haben.
  4. Verordnen Sie einem Patienten, den Sie mit Blutdrucksenkern behandeln und der Sie wegen mehrfach gemessenen sehr niedrigen Blutdruckwerte und damit verbundenem Schwindel und Unwohlsein aufsucht, noch mehr Blutdrucksenker, weil er während einer Panikattacke in Ihrer Praxis 160/95 abliefert. Weisen Sie beharrlich darauf hin, dass er zu dick ist und rechnen Sie für diesen Termin noch ein Hautscreening ab, bei dem Sie ein Hämangiom diagnostizieren (natürlich, ohne diese Leistung erbracht zu haben und ohne irgendeine Hautveränderung beobachtet zu haben.)
  5. Diagnostizieren Sie in jedem Fall psychosomatische oder Wechseljahresbeschwerden ohne irgendetwas untersucht zu haben. Weisen Sie jedoch stets und ausschließlich auf das Übergewicht des Patienten als Lösung aller gesundheitlichen Probleme hin. Ignorieren Sie, dass trotz erheblicher Gewichtsabnahme alle Probleme weiterhin bestehen. Ignorieren Sie auch ödemische Veränderungen.
  6. Schnauzen Sie einen Patienten, der mit dem Rettungswagen mit krisenhaft erhöhtem Blutdruck, Sprachstörungen, Lähmungen, Sichtfeldausfällen, Schwindel und Ohrgeräuschen in Ihrer Notaufnahme ankommt an, er solle gefälligst mal normal mit Ihnen sprechen. Empfehlen Sie im Entlassungsbericht die Weiterbehandlung durch den Psychiater (nicht Neurologen), ohne die neurologischen Ausfälle zu erwähnen oder abgeklärt zu haben.
  7. Sagen Sie einem Patienten, der sein Leben lang sämtliche Krankheiten ignoriert hat und mit Bronchitis, Gallenkoliken, Gürtelrose und chronischer Mandelentzündung, Migräne und Fieber immer zur Arbeit gegangen ist bis zum Umfallen und nach 2 Bandscheibenvorfällen in der HWS in einer von ihm selbst initiierten Wiedereingliederung mit fieberhafter Bronchitis, Gastritis und Migräne für 2-3 Tage aussetzen möchte: „Sie müssen mal in die Gänge kommen mit Ihrer Arbeit. Sie sind doch noch so jung.“
  8. Verordnen Sie einem Angst-Patienten mit diversen Medikamentenunverträglichkeiten neuerlich ein Antidepressivum ohne ihn vorher über mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt zu haben. Schreiben Sie in die Patientenakte, die Verordnung sei nach umfassender Aufklärung erfolgt. Schleichen Sie das Medikament nicht ein. Lassen Sie den Patienten am Freitag direkt 20 mg Zieldosis beim ersten Versuch einnehmen.
  9. Wenn der Patient nach der Einnahme des o.g. Medikamentes mit extremen, teils paradoxen Nebenwirkungen reagiert, am Wochenende mit einem Anfall mit diversen neurologischen Ausfällen bis dato unklarer Ursache in der Notaufnahme landet, und seitdem schwerste Durchfälle hat, ignorieren Sie ihn und seinen erbärmlichen Zustand am darauffolgenden Montag und schicken Sie ihn zum Hausarzt, weil Sie sonst den Krankenkassen-Gesundschreib-Bonus des Programms „Schmerzfrei leben“ nicht bekommen.
  10. Wenn ein Patient mit einem Rollator zu ihnen in die Praxis kommt und stolz ist, weil er es damit geschafft hat, alleine Ihre Praxis zu erreichen (anstatt weiter bettlägrig zu hause zu bleiben oder sich von jemandem fahren zu lassen). Lachen Sie ihn deswegen aus und machen Sie ein paar abfällige Bemerkungen über sein Engagement und seine Beschwerden.
  11. Wenn ein Patient mit chronischer Migräne an 17-18 Tagen im Monat Migräne (in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen) hat und sich darüber freut, weil es schon mal mehr waren, sagen Sie süffisant: „Na, dann haben wir ja Glück, dass Sie heute mal keine Migräne haben“ und: „Wenn Sie gestern Migräne hatten, wären Sie doch heute nicht hier.“ Ignorieren Sie im weiteren Verlauf des Gesprächs eine Dissoziation des Patienten. Machen Sie sich keine Gedanken, darüber, warum er Sie in dieser Situation sogar duzt (Intrusion wird generell überbewertet).
  12. Ignorieren Sie Briefe und verweigern Sie die Annahme von Einschreiben des Patienten, der Ihnen darin über seine Betroffenheit und die Konsequenzen durch die Situation in der Behandlung berichtet.
  13. Das Wichtigste: Fühlen Sie sich niemals verantwortlich für die physische oder gar psychische Gesundheit Ihrer Patienten.

Dies sind nur einige Beispiele, wie Sie es schaffen, die lästigen Kranken loszuwerden. Seien Sie kreativ. Finden Sie Ihren eigenen Weg zu zeigen, wie wenig Ihnen wirklich an den Menschen liegt, die tagtäglich Ihre Hilfe suchen und damit Ihre Existenz sichern.

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  1. Em

    Hi Myyzilla, schreib um Gottes willen weiter und sch… was auf eine offizielle Erwerbsminderung!
    Was Du hier mit Deinem Blog machst, machst Du so klasse – das ist mit Geld nicht zu bezahlen!
    Deine bissigen “Arztberichte” sind Balsam auf mein praxisgeschundenes kleines Patientenherz.
    Herzlichen Dank!
    Em

    • Hallo Em,
      Danke für Dein tolles Feedback! 🙂 Freut mich wirklich, wenn ich vielen aus der Seele schreiben kann.
      Ich wäre beim draufsch… auch an voderster Front aktiv ;-), wenn ich nicht von dieser Rente abhängig wäre und mit mir meine Familie …
      Aber so, muss ich eben so gut es geht “mitwirken”.
      LG myyzilla

  2. alia

    hallo myyzilla,

    danke für Deine Wahrheiten. Ich habe, aufgrund eben solcher Erfahrungen, seit Monaten super Angst zum Arzt zu gehen…. ganze Romane könnte/müsste man, leider, über diejenigen schreiben die sich, im Gegensatz zu ihrem Beruf -kommt das nicht von Berufung…- mit nach Hilfe suchenden Menschen überhaupt nicht beschäftigen wollen/können !?

  3. Liebe Myyzilla, ich kann sehr gut verstehen, was Dich zu diesem “Entlastungs-Beitrag” veranlasst hat…ich könnte da noch einiges beifügen 😉

    • Das kann ich mir (leider) gut vorstellen, dass Du auch einige Beispiele ergänzen könntest, liebe Melina …
      Und das ist ja das Schlimme: Es sind eben keine bedauerlichen Einzelfälle, wie die vielen, vielen Erfahrungsberichte zeigen. Und es gibt bisher keine wirksame Qualitätssicherung. Beschwerden bei der Krankenkasse oder Kassenärztlichen Vereinigung bringen nichts außer neuen Stress für die Betroffenen. 🙁

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