Chronische Migräne für Dummies

Wenn selbst neurologische Gutachter das klinische Bild einer chronischen Migräne nicht kennen, und Schmerztagebücher als nicht plausibel und damit wertlos bezeichnen*, weil praktisch jeder Tag einen Schmerzeintrag enthält, und dann auch noch bemängeln, dass man der Patientin den Kopfschmerz ja im Gutachtertermin nicht ansieht, dann wissen wir,

  1. mit der Kompetenz des “Fachmenschen” stimmt was nicht und
  2. es ist Zeit für Aufklärung.

Schmerztagebuch bei chronischer Migräne

Ein Schmerztagebuch, das jeden Tag Eintragungen enthält, ist weder wertlos noch unplausibel. Es dokumentiert schlicht und ergreifend den Alltag von bis zu 1,2 Millionen Menschen in Deutschland, die an und unter chronischer Migräne leiden, … „DU VOLLHONK!!!“, möchte Etwas in mir in Richtung Gutachter ergänzen, aber ich bleibe natürlich (vordergründig) sachlich und verweise jetzt auf die fachmedizinischen Fakten:

(Das Folgende eignet sich übrigens gut zum Ausdrucken, mit in die nächste Arztpraxis schleppen, dem Gutachter zusenden, Weiterleiten, Teilen, Speichern … feel free …)

Krankheitsbild

Bei chronischer Migräne besteht Kopfschmerz, der über mehr als 3 Monate an 15 oder mehr Tagen/Monat auftritt und der an mindestens 8 Tagen/Monat die Merkmale eines Migränekopfschmerzes aufweist. Das Krankheitsbild entwickelt sich im Laufe der Zeit aus einer Migräne ohne Aura und/oder Migräne mit Aura und steht häufig am Ende einer langjährigen Migräne-“Karriere”.

Gemäß IHS-Klassifikation (ICHD-3) müssen folgende Kriterien für eine Diagnosestellung erfüllt sein:

  • Kriterium A: Kopfschmerz (migräneartig oder spannungstypartig) an ≥15 Tagen/Monat über >3 Monate, welcher Kriterium B und C erfüllt
  • Kriterium B: Auftreten bei einem Patienten, der mindestens fünf Attacken gehabt hat, welche die Kriterien B bis D für eine Migräne ohne Aura und/oder die Kriterien B und C für eine Migräne mit Aura erfüllt
  • Kriterium C: An ≥8 Tagen/Monat über >3 Monate, wobei einer der folgenden Punkte erfüllt ist:
    1. Kriterium C und D für eine Migräne ohne Aura
    2. Kriterium B und C für eine Migräne mit Aura
    3. Der Patient geht bei Kopfschmerzbeginn von einer Migräne aus und der Kopfschmerz lässt sich durch ein Triptan- oder Ergotaminderivat lindern
  • Kriterium D: Nicht besser erklärt durch eine andere ICHD-3-Diagnose.

Die chronische Migräne wurde von episodischen Migränetypen getrennt betrachtet, weil es nahezu unmöglich ist, die einzelnen Kopfschmerzepisoden bei Patienten mit so häufigen oder ständigen Kopfschmerzen voneinander abzugrenzen. Der Kopfschmerzcharakter ändert sich bei Betroffenen mitunter nicht nur täglich, sondern kann auch an einem einzigen Tag variieren. Für Ärzte ist es schwer, die “natürliche Kopfschmerzgeschichte” unter diesen Umständen zu beobachten. Attacken werden daher mit und ohne Aura gezählt, ebenso wie migräneartige als auch spannungstypartige Kopfschmerzen, solange sie nicht zu den sekundären Kopfschmerzen gehören, also Kopfschmerzen, die als Folge/Symptom einer anderen zugrundeliegenden Krankheit gefasst werden müssen.

Um häufig wiederkehrende Kopfschmerzen genauer zu charakterisieren, muss mindestens einen Monat lang (viele Fachärzte fordern mindestens 3 Monate) vom Patienten ein Kopfschmerztagebuch geführt werden, in dem Angaben zum Schmerz und weiteren auftretenden Symptomen dokumentiert werden.

Häufigste Ursache der Symptome einer chronischen Migräne, ist ein sogenannter Medikamentenübergebrauch. Migräne-Experten und gut informierte Laien, sprechen in diesem Fall gerne vom “MÜK” (Medikamentenübergebrauchskopfschmerz). Rund 50% der Patienten, die die Kriterien einer chronischen Migräne erfüllen, weisen nach dem Entzug nur noch die Symptome eines episodischen Migränetyps auf.

Das bedeutet genaugenommen, dass die Diagnose einer chronischen Migräne fälschlicherweise gestellt wurde. Andererseits bessert sich der Zustand vieler Patienten mit offensichtlichem Medikamentenübergebrauch auch nach einem Medikamentenentzug nicht. Hier sollte die Diagnose eines Kopfschmerzes zurückzuführen auf einen Medikamentenübergebrauch entsprechend zurückgenommen werden.
(Quelle: https://ichd-3.org/de/1-migrane/1-3-chronische-migraene/)

Experten zur Therapie und Versorgung bei chronischer Migräne

In einer Expertenempfehlung der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft/ Deutsche Gesellschaft für Neurologie sowie der Österreichischen Kopfschmerzgesellschaft/Schweizerischen Kopfwehgesellschaft zur “Therapie und Versorgung bei chronischer Migräne” findet man folgende Informationen:

“Der Übergang einer episodischen Migräne in eine chronische Verlaufsform wurde erstmals Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, damals noch unter dem Namen ‘transformed migraine’ (transformierte Migräne) von amerikanischen [Ärzten] beschrieben. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass einige Patienten mit einer eindeutigen zu Beginn episodischen Migräne über Jahre eine zunehmende Attackenfrequenz erleben, die schließlich in einen täglichen Kopfschmerz übergehen kann. Dabei kommt es auch zu einem Wandel der Kopfschmerzsymptome. Im Vordergrund steht dann ein täglicher holozephaler, drückender Kopfschmerz ohne oder mit nur gering ausgeprägter begleitender vegetativer Symptomatik. Dieser Kopfschmerz wird zusätzlich unregelmäßig von Attacken überlagert, die die Kriterien für Schmerzen und Begleitsymptome einer Migräne ohne Aura erfüllen. […] Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) nahm mit der 2. Auflage der Internationalen Kopfschmerzklassifikation ICHD-II (2004) den Begriff der chronischen Migräne erstmals auf.

Klinisch berichten Patienten mit einer chronischen Migräne über eine längere mittlere Attackendauer, eine höhere Schmerzintensität und sie sind im Durchschnitt durch den Kopfschmerz auch mehr belastet als Patienten mit einer episodischen Migräne.
[…]
Patienten mit einer chronischen Migräne haben einen signifikant höheren Grad der Einschränkung, häufiger psychiatrische Erkrankungen und daraus resultierend häufiger Kontakte mit Ärzten, Notaufnahmen und diagnostischen Maßnahmen […]

(Quelle: Fachartikel aus “Der Nervenarzt – 12/2012 http://www.dmkg.de/files/dmkg.de/Empfehlungen/Empfehlung_Therapie_und_Versorgung_bei_chronischer_Migraene.pdf)

0,2% -1,5% d. Gesamtbevölkerung
(das sind 160.000 – 1,2 Millionen Menschen in Deutschland) sind an chronischer Migräne erkrankt. (Quelle: Deutsche Migräne und Kopfschmerzgesellschaft – DMKG)

Kopfschmerz vs. Migräne

Zum Thema: „Sie scheint unbeeinträchtigt“ zeige ich im folgenden Bild einmal den Unterschied zwischen „Kopfschmerzen“ und „Migräne“:

Wenn „normale“ Menschen das nicht wissen und ihnen der Spruch „Du siehst ja garnicht krank aus“ rausrutscht: geschenkt.

Wenn aber nicht mal Fachärzte in ihrer Eigenschaft als Gutachter (also mit großer Verantwortung für rechtlich korrekte Behandlung von kranken Menschen) aktuelles Grundlagenwissen in ihrem Fachgebiet haben, dann gute Nacht Marie!

Sowas macht mich einfach stinksauer, weil es entweder dumm oder dreist oder beides ist.

In jedem Fall macht es mir die Aktion „Arztbesuch“ noch schwerer und das ist ungefähr das Letzte, was ich brauche ..


*Zitat: „Sie führt einen Kopfschmerzkalender, wobei dieser wertlos ist, da sie jeden Tag angekreuzt hat. Sie hat dabei unterschieden zwischen den Basilaris-Migräne-Anfällen, die sehr selten sind und der normalen Migräne, die schon im Abstand von wenigen Tagen auftritt, zusätzlich füllt sie die restlichen Kreuzchen mit der Angabe eines ständigen Spannungskopfschmerzes, sodass dieser mit Plausibilität immer, auch bei der jetzigen Untersuchung, vorliegen müsste, wobei sie aber nicht beeinträchtigt erscheint.“

Podcast-Tipp:

Zum Thema chronische Migräne möchte ich Dir eine besonders tolle Podcast Folge von Sabrina Wolf (“Unwetter im Kopf”) ans Herz legen. Sabrina spricht dort mit Petra, einer ebenfalls schwer von chronischer Migräne Betroffenen. Petra erklärt plastisch, authentisch und sehr gut verständlich unter anderem, wie das Leben mit chronischer Migräne aussehen kann.

Hier –> geht es zur Folge 73: Chronische Migräne und Hochsensibilität – Interview mit Petra (vom 03.05.2020)

2 Kommentare

  1. Ja, das einzig Witzige an der ganzen Sache ist das, was du daraus gemacht hast! Als Gutachter scheint man wirklich die ganz besonders ignoranten Exemplare einzusetzen. Wer davon profitiert ist auch klar – sicher nicht die Patienten. Bleib hartnäckig und humorvoll, liebe Grüße von der FibroFee

  2. Ha, da ist sie wieder die forsche, humorige, trotzdem Myyzilla,
    zum Gutachter: Dieser Vollpfostena…..ich wünsch ihm, dass er mal heftig auf seinen dummen Kopf fällt…. und ne schöne Weile Schmerzen hat….um sich wenigstens ein bisschen einfühlen kann.
    Alles Gute für Dich!

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