Monat: Oktober 2017

064// Die Taubenklinik

Auf dem Weg zur Physiotherapeutin meines Vertrauens verfahre ich mich. Verfahren finde ich prinzipiell nicht schlimm – so lernt man die Welt kennen und irgendwann komme ich im Ruhrgebiet immer irgendwo an, wo ich mich auskenne. An der nächsten Kreuzung gibt es allerdings etwas, das mich völlig verwirrt: Ein großes weißes Schild zeigt nach links:  <– Taubenklinik, steht da.

Zuviel für mein komisches Gehirn.

Ich stelle mir abwechselnd graue zerfledderte Vögel mit verbundenen Köpfen und Gehhilfen unter den Flügeln und wild um Hilfe gestikulierende, gehörlose kranke Menschen vor. Wie Vexierbilder morhphen die beiden Varianten sich die nächsten zwei Stunden durch meinen Kopf.

W T F ???

Bis ich Dr. Google fragen kann, gibt es erstmal keine Lösung. Ich traue mich auch nicht, meine Physiotherapeutin danach zu fragen. Sie stammt aus der Ukraine, spricht zwar gut Deutsch, aber ich will nicht, dass sie meint, ich wolle sie verarschen.

Weil ich beide Möglichkeiten völlig bizarr finde und denke, dass ich es mal wieder bin, die einfach den Witz nich’ rafft, schweige ich.

Zu hause schaue ich nach. Wie unglaublich krass: Wir haben tatsächlich eine Klinik für Columbidae (lat. Tauben) in der Nachbarstadt.

Ich lerne, dass sie die einzige ihrer Art in Deutschland ist.  Der Betreiber spricht gar von der ganzen Welt. Beeindruckend.

Vor allem Brieftaubenbesitzer wissen das Angebot des Verbands Deutscher Brieftaubenzüchter offenbar zu schätzen. Ich recherchiere weiter und komme aus dem Staunen nicht mehr raus:

In der Klinik betreibt man allerhand Aufwand, für des Federviehs Wohl. Röntgen, Ultraschall, Endoskopie … Tauben können sogar Chlamydien bekommen! Ich will nicht wissen, wie die da rein kommen … aaahrg Kopfkino … Hilfe! Jedenfalls nimmt man auch Abstriche.

Auf der Klinik-Shop (!) Seite lese ich, dass Tauben, nach ihrer stationären Behandlung in einer Spezialversandbox wieder zurück zu Herrchen (seltener wohl Frauchen) geschickt werden.

Ich bin platt. Ein Teil von mir macht sich sogleich lustig über mich. “Taube” als Synonym für “Gehörlose” und dann noch auf ‘nem Straßenschild, ts, was für eine wirre Idee. Das geht doch schon wegen political correctness nicht. Hätte man auch drauf kommen können, blöde Liese …

Aber eine Klinik für ansonsten als Flugratten verschrieene Vögel – jahahaaa, das passt. Das passt zu unserem System: Die zig Tausenden grau-bunten Vögel in unseren Innenstädten jagen wir mit gebrochenen Füßen und halbgerupftem Gefieder hinfort, auf dass sie selber sehen, wie sie klarkommen. Spicken unsere Fensterbänke mit Drähten und Zacken, damit kein hinterhältiger Taubenvogel vor unseren frisch geputzten Fenstern seine Notdurft verrichtet. Wir haben sie nicht eingeladen, diese widerlichen Schmarotzer, die den kleinen süßen Spatzen ihre Krumen klauen! Wer sich so benimmt, hat’s nich besser verdient. Fangt gefälligst an, euch nützlich zu machen! Trollt euch! Fliegt! Tragt Briefe aus, wie die anderen! Ernährt euch gesund! Dann kommt ihr eines Tages vielleicht auch in unsere hübsche Klinik und wir befreien euch von den Folgen eures liederlichen Lebenswandels …

Ja, DAS ist mein Land, so läuft das hier … ;-D

 

——

Die WAZ berichtet:

https://www.derwesten.de/staedte/essen/taubenklinik-in-essen-aerzte-versorgen-gefluegelte-patienten-id10926641.html

 

(Grafik: pixabay.de)

063// Arzt mit Eiern

Ja, ich weiß, man könnte meinen, an Ärzten lasse ich generell kein gutes Haar. Das stimmt aber so nicht. Mittlerweile habe ich es ja geschafft, in einzelnen Fachgebieten Problem-Bär-kompatible Exemplare ihrer Zunft zu finden.

War aber nicht so einfach und selbst bei ihnen fällt es mir manchmal schwer, mich „normal“ zu verhalten und nicht in Starre oder Panik zu verfallen, weil ich nur schnell wieder weg will.

Ein Arzt ist mir aber in besonderer Erinnerung geblieben. Er fiel nicht durch fachliche Kompetenz auf, aber durch Menschlichkeit und etwas, das es nicht nur bei Frauen selten gibt: Eier.

Vor etwa zwei Jahren traf ich ihn:

Nach meinem Ausflug auf die Stroke Unit und der Diagnose „Basilarismigräne“ bin ich auf der Suche nach einem Neurologen, der mich (wie vom Krankenhausarzt dringend angeraten) weiterbehandelt. Die Krankenkasse schlägt als Migräne-Spezialisten in meiner Nähe den Neurologen/Psychiater Dr. B. vor – er arbeite mit der Schmerzklinik in Kiel zusammen, sagt die Tabelle, die man mir ausgedruckt und zugesandt hatte. Ich rufe an, vereinbare einen Termin und warte nur drei Monate – das ging also vergleichsweise schnell für einen Neurologen.

Kurz vor Weihnachten fährt mich mein Schwiegervater die 30 Kilometer in die Nachbarstadt. Den Stadtteil kenne ich – habe selbst dort einige Jahre gewohnt. Hatte mich deshalb schon gewundert, dass in dieser eher mäßig mondänen Gegend eine spezialisierte Migränepraxis sein sollte.

Vor Ort geht die Verwunderung nahtlos in Erstaunen über. Eine neurologische Praxis habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Nach dem, was ich an Designer-Mobiliar und Kunstsachverstand in der Krankenkassen-Programm-Praxis in E. erlebt hatte, dachte ich ja, Migräne-Spezialist müsste man sein. Passiv natürlich 😉

Die Praxis von Dr. B. folgt einer anderen Stilrichtung: Vintage, würd’ ich sagen.

Sie befindet sich in einer Altbauwohnung im ersten Stock. Der Eingang für die Nervenpatienten liegt neben einem Billig-Bäcker, was den ansonsten etwas muffigen Geruch des Treppenhauses durch den wohlig, versöhnlichen Duft frischen Backwerks, der uns nun kurz anhaftet, notdürftig zu überdecken vermag.

Auch mein Schwiegervater schaut zweifelnd, aber schweigt, als wir durch die Wohnungstür in die Praxis gehen. Die Inneneinrichtung hat schon bessere Zeiten gesehen, aber alle Anwesenden scheinen entspannt und freundlich. Ja, dann … Vorurteilsfrei und nervös wie immer nehme ich im Wartezimmer Platz.

Hier hängen etwa 20 DIN A4-Zettel mit diversen interessanten und weniger interessanten, aber ablauforganisatorisch und verhaltenstechnisch wichtigen Informationen für Patienten an Türen und Wänden. Stabile Stühle sind in ausreichender Menge und komplett montiert vorhanden. Fußleisten nicht.
Der alte braune Filzteppich nutzt die Lücke und lukt frech hinter den Stuhlbeinen empor.

Ich rechne kurz aus, wie viel die fehlenden und kaputten Meter Leiste und die paar Nägel wohl kosten, und überlege, ob wir nicht schnell in den nahegelegenen Baumarkt fahren sollen, das wär’ kein Thema, so als Zeichen meiner Dankbarkeit, dass sich jemand meiner annimmt.

Ich verwerfe den Gedanken. Das wäre unangemessenes Verhalten. NOCH hab’ ich ja nix zu danken. Stattdessen ziehe ich also vorerst nur die Augenbrauen in Richtung Schwiegervater hoch. Er erwidert die Augenbrauen-Sache.

Es sind nur drei Patienten vor mir. Ich bin die letzte heute. Um ca. 17:30 Uhr darf ich zum Doc rein. Ziemlich fertig, aber heilfroh, dass ich nun endlich Hilfe bekommen soll, wundere ich mich noch kurz, dass es weder Gardinen noch Vorhänge gibt und frage mich, ob die türkische Familie gegenüber uns Verrückten wohl oft zuschaut, wie wir dem Doktor unser Leid klagen. Ich an ihrer Stelle würd’s machen. Aus lauter Neugier würde ich ein Richtmikrofon installieren oder vom Mund ablesen lernen. Bestimmt besser als Fernsehen.

Der Doktor kommt rein. Er hat keinen Kittel an. Schon mal gut für mich.

Er ist groß, sportlich, etwa in meinem Alter und sieht freundlich aus. Als er grade etwas sagen will, klingelt sein Handy. Seine Frau möchte Familienorganisatorisches besprechen, weil sie heute Abend in ein Konzert gehen. Er macht es kurz und entschuldigt sich das erste Mal bei mir.

Mir macht das nichts, bin sowieso total fertig mit den Nerven.

Ich solle mal erzählen, was mich zu ihm führt.

Ich erzähle so flüssig wie es geht, dass ich diese Basilarissache habe, vor drei Monaten damit im Krankenhaus war, mich das ziemlich fertig macht alles und ich jemanden suche, der sich damit auskennt und mir hilft.

„Und da kommen Sie zu mir?!“, fragt der Arzt mich völlig entgeistert.
„Äh, ja, die Krankenkasse hat Sie mir als Ansprechpartner genannt.“
„Wie kommen die denn darauf?!“ – er wirkt verwirrt.

Ich auch.

„Ja, Sie stehen doch auch in der Online-Suche der Schmerzklinik Kiel als Kooperationspartner und Schmerzspezialist.“
„WAS?!“

Ich zeige ihm den Ausdruck und werde zeitgleich noch blasser, als ich so schon bin.

„Ich war in einem Rückenschmerzprogramm bei Frau Dr. X., aber da kann ich nicht mehr hin. Zu weit und schlimme Erfahrungen.“
„Aber das ist doch DIE Koryphäe!“
„Mir gegenüber war sie anders und das mit der Basilarisdiagnose kommt auch nicht von ihr. Außerdem ist die Praxis für mich zu weit entfernt. Wie gesagt, die Krankenkasse hat mir Sie als nächstgelegenen genannt“, plappere ich los, auf dass mein Dasein möglichst gerechtfertigt klinge.

„Aber, das gibt’s doch nicht. Ich bin doch nur ein Wald- und Wiesen-Arzt … Und da schicken die mir solche Hardcore-Fälle?!”

Ich gucke ihn mit großen Augen an. Er hat tatsächlich Hardcore-Fall zu mir gesagt. Hardcore-Fall ist nicht das, was ich erwartet hätte, aber es passt zu dem, wie ich mich selbst oft empfinde. Also bin ich nicht beleidigt.

Er entschuldigt sich zum zweiten Mal.

„Ähm, ja ich weiß, das ist recht selten, aber ich weiß einfach gar nicht, was ich machen soll mit der Diagnose und dem ganzen Rest. Können Sie mir nicht irgendwie helfen?“, frage ich.

Dann kullern die ersten Tränen – also bei mir :-D.

„Oh, Mann“, sagt er, „es ist kurz vor Weihnachten, alles total stressig hier, ich bin auch ziemlich am Ende und ehrlich gesagt: Sie überfordern mich grade.“

Wow. Das wollte ich nicht. Nicht, dass der jetzt auch noch anfängt zu heulen … Jetzt hab’ ich Mitleid mit ihm und verspüre den Impuls, ihn mütterlich fürsorglich in den Arm zu nehmen und zu sagen: ‘Wird schon wieder. Gehen Sie mal mit Ihrer Frau schön ins Konzert und schlafen Sie sich mal ordentlich aus, dann sieht die Welt schon wieder anders aus.’

Aber Moment, ICH bin doch der Patient!

Ich weine doller. Dafür entschuldige ich mich jetzt.

„Nein, nein. Ich verstehe Sie ja, Sie haben sich was ganz anderes von diesem Termin versprochen.“
„Ja, schon, aber ich hab’ doch jetzt sonst niemanden, der helfen kann, ich weiß doch garnicht, was ich machen soll.“
„Ja, wenn Sie meinen, ich kann Ihnen helfen, dann muss ich mich erst mal schlau machen.“

Ich nicke wieder. Er tippt im PC rum.
„Welche Triptane nehmen Sie denn?“
„Triptane sind kontraindiziert bei Basilarismigräne. Äh, hat man mir gesagt.“ (Ich wollte nicht so klugscheißerisch rüberkommen.)
„Oh.“
Er tippt nochmal was.
„Haben Sie es schon mit Prophylaxe versucht?“
„Ja, Betablocker – vertrage ich nicht und bringt nix.“

Er tippt.
„Amitryptillin könnten Sie nehmen.“

Der hat doch jetzt nicht gegoogelt?!?
„Nein. Nicht bei Basilarismigräne”, wende ich leise ein.

Ich bin am Ende.

„Oh, ja, also dann kann ich Ihnen nur anbieten, dass ich mich mit Ihren Unterlagen beschäftige und Ihnen dann ggf. ein Rezept zuschicke. Dann müssen Sie nicht wieder so weit fahren“, versucht er die Situation zu retten.

„Ich fahre nicht selber. Mein Schwiegervater hat mich gebracht“, sage ich.
„Oh“, sagt er. „Und wir machen einen neuen Termin. Im Februar habe ich was.“
„Ok, dann Danke.“
Ich stehe auf und gehe zur Tür. Ich bedanke mich ja IMMER. Egal für was. Notfalls auch für nichts – dabei weine ich immer noch.

Wie ferngesteuert gehe ich ins Wartezimmer zurück, hake mich bei meinem Schwiegervater unter und gehe mit ihm raus. Versuche, mich zusammenzureißen. Als wir in die Seitenstraße abbiegen, in der unser Auto steht, heul’ ich richtig los.

Wir gehen ein paar Schritte. Ganz langsam wird es besser. Irgendwann sitzen wir im Auto und ich sage: „Ich hab’ meinen Psychiater geschafft. Muss mir erst mal einer nachmachen.“
Fast schon lustig. Aber eben nur fast.
Zuhause angekommen rufe ich meinen Mann im Büro an und erzähle ihm von meinem Erlebnis. Er lacht. Und entschuldigt sich sofort dafür. Aber, so what? Is’ ja auch zum Piepen eigentlich.

Kurz nachdem unser Gespräch beendet ist, klingelt das Telefon: Dr. B.!

Er möchte sich noch mal entschuldigen dafür, wie das Gespräch grade gelaufen sei. Das sei nicht sehr professionell gewesen, wie er sich verhalten hätte. Täte ihm leid, er könne verstehen, wenn ich jetzt sauer wäre. Ich sage ihm, dass ich nicht sauer bin, nur traurig. Kann er ja nichts für. Wird schon wieder.

Krass. Damit hätte ich nicht gerechnet.

Ein Arzt mit Eiern …

062// Traumatisiertenbenamsung

Neben vielen anderen Dingen mache ich mir häufig Gedanken über Wörter. Zum Beispiel über das richtige Wort für Traumatisierte. Ich mag es so nicht, weil es so verdammt nah an Stigmatisierte ist.

Leider stimmt das auch irgendwie, deshalb denke ich schon länger über eine charmantere Begrifflichkeit nach, aber alles hört sich irgendwie doof an und wird der Sache nicht gerecht:

  • Traumathen (wie Psychopathen)
  • Traumatiker (so werden schon die mit Schädel-Hirn-Trauma genannt)
  • Traumantiker (zu schön)
  • Traumat (öhm …)
  • Traumanen (zu esoterisch)
  • Traumanten (männlich) oder Traumanzen (weibliche) ( :-D)
  • Traumansen (zu tuckig)
  • Traumatisten (zu selbstwirksam)
  • Traumanden (zu anwärterhaft zielgerichtet)
  • PTBSler (hört sich ein bisschen nach abseitigen Sexualpraktiken an, oder?)
  • Träumerle (Favorit – :-D)

Jemand Ideen? Vorschläge? Besserwissen?

Ok, die sachdienlichste Benamsung* traumatisierter Menschen wäre als Abgrenzung zu den Traumatikern (Menschen mit Schädel-Hirn-Trauma) vielleicht am ehesten Psychotraumatiker und die Unterteilung in Entwicklungstraumatiker oder Schocktraumatiker. Wahrscheilich gibt’s das auch schon, aber schön hört sich das auch nicht an. Na gut, dann passt es wenigstens, denn schön is’ anders … :-/

 

 

*Ich weiß, dass es besser Benennung heißen sollte, aber Benamsung finde ich dynamischer und einfach süß. Übrigens wird der ehemals als scherzhafte Bezeichnung für Benennung benutzte Begriff mittlerweile auch in ernsthaften Publikationen verwendet und hat sogar den Sprung in Nachschlagewerke wie openthesaurus geschafft…

Schöne verrückte Welt. 🙂

By the Way: Ich mag besonders das Wort: Klofußumpuschelung … <3 … und Max Goldt 😘

061// Follow me on Instagram

Ok, ich hab’ mich lange geziert, es ist alles sehr mühsam momentan, aber jetzt ist es soweit. Nach dem Motto “Jetzt erst recht”, heißt es ab sofort:

myyzilla goes Instagram

Unter: Instagram.com/myyzilla
könnt ihr mir auch dort euer Auge leihen, Kommentare abgeben, und vor allem kleine, grafisch optimierte Happen myyzillööösen Inputs genießen 😉

Einiges wird euch als Blogleser erstmal bekannt vorkommen, aber da geht noch was … wartet ab … 😉

060// Omma, Schalke und eine merkwürdige Art der Fortbewegung …

Obwohl sie schon so lange tot ist, hab’ ich meine Omma stets im Ohr: “Heul’ ruhig, dann muss du nich’ mehr soviel pinkeln”, riet sie des öfteren in Krisensituationen. Diesen Rat befolge ich heute sehr gewissenhaft und bilde mir ein, dass der Harndrang nach Heulkrämpfen tatsächlich deutlich weniger ausgeprägt ist 😉

Ich habe viel von und durch meine Omma (und ihre Fehler!) gelernt.

Omma wusste Bescheid – zumindest hat sie das alle glauben lassen.
Sie schimpfte, wenn ihr danach war. Sie sortierte Menschen aus, die ihr nicht gut taten. So schmiss sie den ersten Verehrer nach Oppas Tod achtkantig aus der Wohnung, nachdem dieser eine – in ihren Augen – anzügliche Bemerkung machte. “Der Saurühr!”, schimpfte sie,
“Dem werd’ ich helfen!”

Sie war ungebildet, aber clever, dominant, aber liebevoll, pragmatisch, aber idealistisch.
Vor allem aber war sie stur, dickköpfig und furchtlos.
Sie trank gerne Bier und Schnaps, kochte hervorragend frische Eintöpfe und kaufte sich von Schuhen, die ihr gut passten, immer gleich 2-3 Paar. Laufen war wichtig, denn Omma und Oppa hatten kein Auto. Es wurde alles zu Fuß mit der Einkaufskarre erledigt.
Etliche Kilometer kamen so zusammen, wenn wir in die Innenstadt marschierten, um unserer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: “Leute gucken”. Das kostete nichts und machte Spaß!

Über ihre Krankheiten schwieg Omma, oder machte sich darüber lustig.
Die blau-weißen Kniegelenks-Stützen, die man ihr nach mehreren Stürzen für ihre Arthrose-Knie verpasst hatte, kommentierte sie mit: “Ich hab’ Schalke” und lachte sich schlapp dabei.
Tabletten, die der Arzt ihr verschrieb, landeten direkt im Müll.
“Kann er alleine fressen!”, spottete sie.

Für so viel Ignoranz gab’ es später die Quittung in Form eines kapitalen Schlaganfalls, von dem sie sich nicht mehr erholen sollte.

Lerneffekt für mich: Medikamentenverweigerung nur nach eingehender Informationsbeschaffung über die vorliegende Erkrankung und Rücksprache mit vertrauenswürdigem Fachpersonal!

Bei Schutzbefohlenen (wie Kindern und Ehemännern ;-)) gilt es, doppelt und dreifach aufzupassen und nicht blind auf jeden inneren Impuls zu hören. Wenigstens darauf hatte auch Omma geachtet:
Bei meinem Oppa, der – wie ich erst als Erwachsene erfuhr – an Epilepsie litt, sorgte sie penibel dafür, dass er pünktlich seine Pillen nahm. Ok, ein langes Leben haben die ihm nicht beschert – er starb mit 63 an mehreren Herzinfarkten. Lerneffekt: Rauchen kann tödlich sein.

Omma warf sich lediglich einen Löffel brauner Kügelchen aus einer Art Kakaodose ein. Agiolax – Ein Abführmittel. Sehr beliebt bei älteren Damen und Essgestörten, wie ich später von einem Apotheker erfahre.
“Omma kann’ nich’ auf Klo”, erklärte sie immer, bevor die Kügelchen in einem Happs in ihrem Mund verschwanden. (In diesem fehlten ein paar Zähne, weil sie keinen Zahnarzt an sich ranließ. Ihr Vater hatte schließlich auch mit dem blanken Kiefer Nüsse geknackt, wie sie oft erzählte. Er war ein nicht besonders attraktiver, armer, kleingewachsener, aber immer fröhlicher, äußerst potenter Mann mit Segelohren, der keine Zähne brauchte, um 17 Kinder zu zeugen. 😀 )

Bis ins hohe Jugendalter stellte ich mir vor, wie Omma nich’ auf Klo kann. Wie sie es immer wieder versuchte, sich auf die Klobrille zu setzen, um im letzten Moment von einer unsichtbaren Macht gedrängt seitlich oder nach vorn abzurutschen. Oder, wie sie sich nicht weit genug in Richtung Keramik runterlassen konnte, um sich gemütlich sitzend zu erleichtern.

Wegen “Schalke”, vermutete ich lange. 😀

Man hatte es in meiner Familie nicht so mit bedarfsorientiertem Lernen und pädagogisch wertvollen Erklärungen. So nahm ich (dem autistischen Spektrum verdächtig nahe) stets alle beim Wort und zog meine ganz eigenen Schlüsse.

Erst 13-jährig auf der HNO-Station eines städtischen Krankenhauses, in dem ich wegen eines Rhinolithen (eine Art Nasenstein) am Tag zuvor operiert worden war, lernte ich, was wirklich mit “Stuhlgang” gemeint war. Es handelte sich doch nicht um eine merkwürdige Art der Fortbewegung … 😉

Nach dem Einlauf wusste ich jedenfalls, dass meine Antwort auf die Frage “Stuhlgang?” in Zukunft immer “Ja.” lauten würde … 😀

 

 

 

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