Monat: Juli 2017

057 // Wenn jedes Wort das Falsche ist …

Kurz nachdem ich am Sonntag, den 23. Juli 2017 meinen letzten Post veröffentlicht habe, erfuhr ich, dass sich wenige Stunden zuvor in meiner Familie eine unfassbare Tragödie ereignet hat.
Einer der wunderbarsten, liebenswürdigsten und tollsten Menschen, die ich kennenlernen durfte, ist tot.
Mit 13 Jahren plötzlich und ohne jede Vorwarnung aus dem Leben gerissen.

Gegen das, was die Eltern jetzt durchmachen müssen, empfinde ich das hier von mir beschriebene Leid als Peanuts und keiner Zeile wert.

Der Tod des eigenen Kindes ist die Geburt eines Traumas, für das mir einfach die Worte fehlen.

Wenn ich sie wiederfinde, hoffe ich, Ihr seid noch da.

Genießt jede Stunde, die Ihr mit Euren Kindern und Liebsten erleben dürft!

Wünscht uns Kraft – ich weiß nicht, woher wir sie momentan nehmen sollen …

056 // “In the end it doesn’t even matter …” :-(

Ich bin etwas spät dran mit meinen Beileidsbekundungen, aber mich hält die Migräne immernoch in Schach. Trotzdem beschäftigt mich der Tod von Chester Bennington, dem Sänger von Linkin Park am 20. Juli, mehr als ich vermutet hätte.

“Und wieder einer von uns, der’s nicht geschafft hat”, denke ich. Wieder einer, der den Kampf gegen Depression und Trauma verloren hat.
Benningtons Schicksal geht mir nah, obwohl ich ihn nur durch seine Musik kannte – vor allem die frühen Alben Hybrid Theory und Meteora der Band habe ich rauf und runter gehört, aber auch neue Stücke wie Heavy mag ich.

Immerhin hat Chester Bennington in den letzten ca. 20 Jahren viel von meinem eigenen Schmerz durch meine Lautsprecherboxen geschrien – wie ich es selbst nicht besser gekonnt hätte.

“Crawling in my skin –
these wounds they will not heal”

Wie oft hab’ ich diese und andere Zeilen aus den Liedern von Linkin Park mitgeschrien und/oder mitgeschluchzt?

Jetzt empfinde ich Traurigkeit und Wut –
aber auch Demut und Dankbarkeit.
Traurigkeit und Wut, weil ich es generell schlecht aushalten kann, dass ein so junger Mensch (41!) an irgendwas in seinem Inneren, für das er wahrscheinlich nichts konnte, kaputt geht und ihn nichts retten konnte – nicht mal die Liebe zu und von seinen Kindern. 🙁

Demut und Dankbarkeit, weil mich meine eigenen “mentalen Sicherungsseile” immer noch gut und sicher halten und sich trotz aller Not seit meinem juvenilen Hilferuf vor ca. 30 Jahren (ich berichtete) noch nicht gelockert haben. Wann immer ich von Selbstmorden in Verbindung mit Depression und Trauma höre, check’ ich das reflexartig. Man ist sich ja immer selbst der Nächste.

Ich habe Glück – ich fühle mich gehalten vom und im Leben.

Für Chester Bennington lief es trotz Geld, Ruhm und Ehre weniger gut: Vor zwei Monaten trat sein Freund Chris Cornell (Sänger der ebenfalls von mir geschätzten Band Soundgarden) auf die gleiche Weise ab und kappte damit eines von Benningtons Seilen … so denke ich mir das.

Aber, was weiß ich schon?

Bleibt zu hoffen, dass seine Kinder und ihm nahestehende Menschen das irgendwie “verpacken” können …

Das macht ja eh jeder anders.

Äußerungen wie die von Brian Welch (Gittarist von Korn) kann ich da auch verstehen. Er hatte auf facebook ziemlich wütend geschrieben “Ich habe genug von diesem Selbstmordscheiß!“, weil er meint, dass sei der “feige Weg” und keine “gute Botschaft” für die Kinder und Fans. Stimmt auch irgendwie. Natürlich kassierte er einen Shitstorm. Klar. Allen tut was weh, alle wollen mit ihrer Wut irgendwo hin.
Ich möchte auch jedem Suizidkandidaten erstmal ins Gesicht schreien. “Lass die Scheiße!” Aber, wer bin ich, dass ich mir ein Urteil über Ausmaß und Auswirkung eines anderen Leids anmaßen kann?

Jeder sollte machen dürfen, was er für richtig hält.

Ich heul’ einfach ein paar Tage und freue mich, dass ich noch – und wieder – heulen kann.

“In the end it doesn’t even matter …”

R.I.P.  – Chester Bennington.

Shadow Of The Day (Official Video) – Linkin Park

Dieses Video ansehen auf YouTube.

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Mehr von Linkin Park auf deren youtube-channel:
https://www.youtube.com/user/linkinparktv

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Ich finde diesen Standard-Hinweis am Ende von Berichten über Selbstmorde immer irgendwie seltsam, weil sie so “druntergestempelt” aussehen. Einige wirken fast arrogant, weil man deutlich merkt, dass ein standardisierter Textbaustein verwendet wird – von Autoren, die meistens nicht den Hauch einer Ahnung haben, um was es da wirklich geht.

Meine “Standardversion” schreibe ich hier bewusst noch mal hin, weil ich weiß, dass solche Geschichten eine Art Sogwirkung haben können und weil ich weiß, dass es im Notfall helfen kann.

Also:

Wenn Du an Selbstmord denkst:

Überleg‘ Dir gut, was Du mit Deinem Plan erreichen willst. In den allermeisten Fällen geht die Rechnung ebenso wenig auf wie bei mir (s.o.). Wenn Du sämtliche Plausibilitätsprüfungen durch hast, denk noch mal drüber nach. Schlaf eine Nacht drüber. Und denk noch mal nach. Dann rede mit irgendwem über Deine Gedanken. Wenn Du niemanden kennst, der das aushält, wende Dich an die Menschen von der Telefonseelsorge. Hier hört man Dir zu. Anonym, kostenlos und rund um die Uhr.

Telefonnummern: 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.

Der Anruf taucht übrigens nicht auf der Telefonrechnung oder im Einzelverbindungsnachweis auf.

Du kannst auch per E-Mail Kontakt mit den Leuten von der Seelsorge aufnehmen: Unter https://ts-im-internet.de/ findest Du alle Infos.

Bevor Du weiter planst, schau‘ unbedingt mal hier rein: Freunde fürs Leben

Wenn Du weiter dabei bleibst, dass Suizid der richtige Weg ist: Denk dran: Keiner ist unnütz, er kann immer noch als abschreckendes Beispiel dienen ;-P – – Wenn Du jetzt wütend auf mich bist wegen des dummen Spruchs – gut!
Wut ist Leben! Du spürst gerade Lebensenergie in Dir. Mach was draus! Es lohnt sich!

055 // Auf die Perspektive kommt es an

Es ist Sommer. Ich habe seit 3 Tagen Migräne und es wird nicht weniger. Der nächste status migraenosus? Bitte nicht.

Meine Mutter ist da, um mit ihrem Enkel ein paar schöne Ferientage zu verbringen.

Sie wollen in den Zoo.

Mit dem ÖPNV kennt sie sich nicht aus, also will ich die beiden hinfahren – is’ ja nicht weit. Keine 5 Kilometer. „Das schaff’ ich schon“, lautet mein Mantra für das waghalsige Unterfangen. Es winken ein paar Stunden ohne irgendwen um mich herum als Belohnung. Die Aufwand-Nutzen-Bilanz stimmt … noch.

Im Auto herrscht brütende Hitze. Für die braungebrannte Sonnenanbeterin mit unempfindlicher Haut und robuster Gesundheit (Oma) und den kleinen Springinsfeld (Sohnemann) ist das kein Thema.

Ich mit meiner Matschbirne und dem wahrscheinlich eh schon grenzwertigen Histaminspiegel pfeife auf dem allerletzten Loch – reiße mich aber zusammen und will das nur schnell hinter mich bringen. Ohne mich irgendwie äußerlich straßentauglich zu machen, setze ich mich mit Schlabberbuchse und T-Shirt ohne BH hinter’s Steuer – is’ ja nicht weit. Fehlen nur noch ein paar Gummistiefel und ein wenig Rauchwerk auf’m Zahn und Mama Flodder* wäre ein Scheißdreck gegen mich. Pah!

Leicht „übermotiviert“ husche ich so über die nächste Ampel. Mein Auto ist klein, aber beschleunigt relativ zügig. Ich halte mir mit einer Hand die Sonne vom Kopf als plötzlich ein grimmig schauender Mann mit kurzem Hemd und langer roter Kelle von links auf die zweispurige Straße des Industriegebietes springt und mich energisch nach rechts winkt.

Ich bremse auch für Männer 😉 , also drossele ich die Geschwindigkeit und verkneife mir ein „BIST DU LEBENSMÜDE, DU AFFE?!“

Im letzten Moment bemerke ich die anderen beiden Männer mit Mütze und Laser-Gerät auf der anderen Straßenseite. Na, Bravo! Freund und Helfer sorgen für Recht und Ordnung. Das ist ja auch richtig so. Nur heute wünsche ich mir ehrlich, sie würden sich um die wirklichen Probleme dieser Stadt kümmern. Aber ok. Ich war zu schnell. Das war falsch. Ganz einfach. Jetzt kommen die Konsequenzen.

Oma kriegt rote Ohren. Mein Sohn lacht sich kaputt.

„Mama is’ geblitzt worden! Mama is’ geblitzt worden!“, feixt er von der Rückbank.

Ich öffne die Fenster. Der Kassier-Polizist guckt durch’s Beifahrerfenster. Meine Mutter begrüßt ihn mit einem fröhlichen „Moin!“ – wie der Ostfriese das halt so macht. Mein Sohn lacht sich halb tot. Ich könnte sie beide erwürgen.

Leicht vornübergebeugt entschuldige ich mich ernsthaft einsichtig und höre mir den Kurzvortrag über meine Missetat an. 67 abzüglich 3 Toleranz – macht 14 km/h zu schnell. Der Polizist ist sehr freundlich und gibt mir noch den Tipp, hier auf die Kollegen zu achten, die stünden hier öfter’s.

Ja, das sollen sie auch. Gute Leute! Alles super.

Ich will einfach nur nach Hause. Einfach nur in Ruhe irgendwo liegen.

Auf der Rückfahrt denke ich darüber nach, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, mich zurzeit überhaupt in einem Auto sitzen zu sehen, geschweige denn auf einer zweispurigen Straße außerhalb unseres Wohngebietes mit seinen 30-Zonen. Und dann noch mit überhöhter Geschwindigkeit.

Respekt. Da waren die echt zur richtigen Zeit am richtigen Ort. 🙂

Da ich mir angewöhnt habe, in wirklich allem das Positive zu sehen, fühle ich mich kurz vor’m Abbiegen in meine Straße schon wieder richtig gut.

Ich habe grade etwas ganz Normales erlebt! Ich war zu schnell auf einer Straße unterwegs! Das muss man sich mal vorstellen! Soooo krank kann ich doch gar nicht sein.

Das Glück, dann auch noch geblitzt zu werden, wie jeder andere auch, muss man erst mal haben!
DAS nenn’ ich Teilhabe am sozialen Leben!
DAS nenn’ ich Lebensqualität!

Danke, Polizei! 🙂

 

 

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*Die Flodders sind die Protagonisten einer holländischen Film-Trilogie aus den ’90ern. Besonders “Ma Flodder” hab’ ich ins Herz geschlossen:

Ma Flodder – Kampf mit dem Hund 1 + Interview 1 (Deutsch)

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054 // “Stay here. I’ll be back!”

Ich bin wütend.

Diese profane Feststellung hat mich einiges an Kraft gekostet. Wie immer ist das Erleben – nein das Ausleben von Wut für mich ein physisch und psychisch sehr schmerzhaftes Unterfangen.

Der Auslöser war eine unangemessene Strafe einer Lehrerin für meinen Sohn.

Sie hatte ihn in der letzten Unterrichtseinheit vor den Ferien vom Schwimmunterricht ausgeschlossen, weil er sein Duschgel (!) ein einziges Mal nicht dabei hatte. (Es war mir aus der Tüte gefallen beim Taschepacken).

Ja, richtig gelesen. Das Duschgel …

Muss man mal kurz “einwirken” lassen die Szenerie … 😉

Eigentlich nur lachhaft das Ganze, aber das Kind war fix und fertig und mir ist die nicht mehr vorhandene Galle übergelaufen.

Das Kind konnte am Wochenende ganz gut abschalten, weil er ersatzweise mit seinem Papa im Freibad war. 🙂

Ich hatte weiter mit der Wut zu kämpfen.

Wie es sich für eine angepiekste Mutter gehört, hatte ich sofort in der Schule angerufen und erwischte die betreffende Lehrerin noch.

Ein guter Zeitpunkt, seine Emotionen nicht mehr allzu gut und gründlich zu unterdrücken, entschied ich und äußerte absolut sachlich, aber auch erkennbar wütend meinen Unmut über diese pädagogische Unverhältnismäßigkeit.

Das Gespräch wäre sehr schnell und sanft beendet gewesen, hätte die Dame nur einen Hauch von Bereitschaft zu kritischer Selbstreflexion erkennen lassen.
Aber: Fehlanzeige.
Im typischen “ich Macht – du nichts”, Ober-, Haupt- und “Von Gottes Gnaden”-Lehrer-Stil (auf den ICH allergisch reagiere) konstatierte sie, das sei alles ganz genau richtig so.

Wow …

Das Ende vom Lied: Ein 4-Seitiger Brief an die Schulleitung in der letzten Schulwoche. Checkereien, die niemand haben will. Ein Kind, dass jetzt Angst vor einer Lehrerin hat, eine Mutter, die vieles gebrauchen kann, aber nicht noch so ein Affentheater.
Auch die Rektorin wird sich freuen, sie hat ja bestimmt sonst nichts zu tun momentan … 😉

Aber, sich das gefallen lassen?
Keine Option.

Ich seh’s als Trainingseinheit.
“Chancen und Grenzen explizit demonstrierter Unmutsbekundungen unter dem Paradigma pädagogischer Einwirkungsoriginalität” … oder so …

… … …

… oder … SO:

“Stay here. I’ll be back!”
(Zitat: Arnold Schwarzenegger in Terminator 2)

T2 – I'll Be Back

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Gaaanz wichtig! Gewalt ist doof, meistens unnötig und bringt nix. Sein Innenleben durch Filmszenen auszudrücken, hingegen schon: Spaß! … 😉😂

 

 

 

 

 

053 // Schuld

Die Frage nach den Gründen für meinen Zustand konfrontiert mich unweigerlich mit dem Thema Schuld. „Mich“ haben nicht nur meine Eltern auf dem Gewissen. Auch Ärzte, Lehrer, Arbeitgeber, Ämter und andere Systeme und Menschen haben ihren Teil zu meinem Zustand beigetragen. Und nicht zu vergessen: Ich selbst.

Die Verantwortlichkeiten sind relativ klar zu fassen, aber die Schuldfrage?

Schwierig.

Allein die verschiedenen Definitionen von “Schuld” machen mich kirre und führen zu nichts Greifbarem für mich.

Ist ein Verursacher immer Täter? Tragen alle Täter Schuld? Ist ein Verantwortlicher immer Schuldiger?

Unser Rechtssystem stellt im Verbrechensfall ja immer die Frage nach der Schuldfähigkeit. Ziel: “Die gerechte Strafe”.

In einem Prozess wird gefragt, ob jemand nach objektiven Kriterien eine Wahl hatte, anders (sozial verträglicher) zu handeln. Das finde ich plausibel, aber wenn man ganz an die Wurzeln geht, für mich nur schwer zu beantworten.

Um irgendwie zum Prozessziel, dem Urteil, zu kommen, braucht man als allererstes einen „Angeklagten“ – im besten Fall den richtigen. Da fängt der Murks schon an.

Jahrzehnte lang bin ich davon ausgegangen, alle Schuld läge bei mir. Für alles und jeden Scheiß, der in meiner Umgebung passierte, habe ich die Schuld bei mir gesucht und meistens auch irgendein Konstrukt gefunden, dass mich schuld sein ließ. Das liegt einerseits daran, dass die Seele sich so Selbstwirksamkeit vorgaukeln kann und andererseits an der für traumatisierte Menschen typischen „Grenzenlosigkeit“. Dass wir Grenzen nicht wahrnehmen können, ist ein echtes Problem. Wir sind gefangen in den Strudeln, die andere durch ihr Handeln verursachen – ob wir wollen oder nicht.

Die reinste Katastrophe für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung.

Schrittweise “Erlösung”

Eine Art ersten Schritt zur„Erlösung“ aus diesem Spektakel habe ich dementsprechend gemacht, als ich einige „meiner“ Täter zunächst mal laut als solche benennen konnte.  Das hat gedauert und war kein Spaziergang. Für Nicht-Betroffene schwer nachzuvollziehen, was das für ein Riesenschritt und Kraftakt ist, diesen abgrundtiefen Hass, die Verachtung und die Aggression jemand anderem gegenüber zuzulassen, den man „eigentlich“ liebt bzw. lieben sollte, und ihn einer „Tat“ zu bezichtigen und anzuklagen – selbst wenn es nur vor mir selbst als richterliche Instanz ist.

Das Gefühl, diese Emotionen wie schleimige, geschwürige Steine auszukotzen, habe ich auf meinem Weg bereits mehrmals gehabt. Der reinste Horror – existenzielle Grenzerfahrungen, aber immer auf irgendeine Art heilend. Dank Mike Hellwig habe ich langsam Vertrauen in diese Art der Körper- und Seelen-Erfahrung und kann sie als heilsame Notwendigkeit sehen, ja, lerne sogar, sie zu schätzen.

Im Grunde ist das sehr einfach: Nach dem Schmerz kommt die Entspannung. Eine Art Geburt. Ich finde die Analogie des „Durch-das-Nadelöhr-Gehens“ mit dem Geburtsvorgang eine interessante Vorstellung. Mir fällt es so leichter, diese extremen Situationen anzunehmen und sie (mithin sogar freundlich) begrüßen zu können. So wie die Hebamme mir damals sagte: “Begrüße jede Wehe mit Aaahh oder Ohhh!” 😀 (Ok, nach fünzehn Stunden Wehen alle 1-2 Minuten hatte ich nur noch den Wunsch, die Wehen mögen sich ihr Aaahh und Oohhh in den eigenen Aaahhh und von mir aus auch Oohhh stecken.  Da wollte ich nur noch, dass endlich Feierabend is’ – aber das ist eine andere Geschichte.)

In Bezug auf’s Nadelöhr bleibt festzustellen, dass ich (im Unterschied zu einer Geburt eines echten Kindes) für schleimige Steine, die auch nicht unten, sondern oben wieder rauskommen, nicht weiter sorgen möchte und auch keine Liebe für sie empfinden mag.

Liebe kommt zwar nach dem Steinespucken auch, aber es ist eher das Gefühl, das sich dann an Stelle der Steine ausbreitet, die Wunden verschließt und langsam abheilen lässt.

Die Täter benennen

Einige meiner „Täter“ habe ich nach bzw. während einer „Panik-Depressions-Wutanfallattacke“ ausgemacht und ihre Namen mit letzter Kraft unter Todesangst regelrecht hochgewürgt. Ein gruseliges Schauspiel, das mir aber den Weg für neue Sichtweisen, Empfindungen und Reflexionen ebnete.

Erst danach konnte ich mich mit der Frage der Schuldfähigkeit befassen.

Schuldfähigkeit

Eine der ersten Personen auf meiner persönlichen Anklagebank ist (welch Überraschung): meine Mutter.

Ich habe von ihr wenig von dem erfahren, was ich (heute) unter Mutterliebe verstehe. Sie selbst sähe das bestimmt ganz anders, wo sie sich doch so sehr nach genau dieser Anerkennung sehnt. Nach außen war das Bild der Familie auch meistens perfekt: Mutter, Vater, Kind plus Haustiere. Geordnete Verhältnisse, traditionelles Arbeitermileu mit hohen moralischen Ansprüchen und festem Wertekanon. Tiefe Verwurzelung im sozialen Gefüge (Familie, Vereine, Nachbarschaft, trallala).

Alle fanden meine Mutter super: Klassenkameraden, Freunde, Nachbarn. Ich kam mir immer verraten vor. Denn so unkompliziert, witzig und fürsorglich sie für alle auftrat, so unnahbar, kalt und brutal hat sie sich mir manchmal (nicht immer) gegenüber gezeigt. Diese Ambivalenz ist (rückblickend gesehen) der größte Brocken, an dem ich zu knabbern hatte.

Ihre Ausbrüche und Übergriffe folgten für mich als Kind keiner Regelmäßigkeit, wirkten nie konsequent oder logisch in irgendeiner Hinsicht. Dieses „Nicht verstehen warum“, das “Vernichtetwerden” ohne erkennbaren Grund hat mir am meisten zugesetzt. Ich erkläre mir damit einen großen Teil meiner Unsicherheiten, Über-Empfindsamkeit und Kontrollverlust-Ängste.

U2K

Ein Beispiel:

Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre (ich war im Grundschulalter) machte ich mir viele Gedanken über die Zeit und die Zukunft. Das Jahr 2000 geisterte hier und da schon durch die Medien. Zeitspannen waren für mich damals noch nicht begreifbar, also frug ich eines Tages meine Mutter:
“Lebst Du eigentlich noch im Jahr 2000?“
Eine Frage – nichts weiter.
Ihre Antwort: “Was soll DAS DENN?!“
„Ich möchte wissen, ob Du noch lebst im Jahr 2000?“
Und: Zack! Da hatte ich schon die erste hängen. Sie ist auf mich losgegangen wie eine Furie. Ich schrie auch: “Ich will doch nur wissen, ob du dann noch lebst!” – Sie beschimpfte und schlug mich „windelweich“, wie sie es immer so schön kommentierte.

Mal mit den Händen, mal mit dem grünen oder orangenen Kochlöffel aus Melamin, wie man sie in den 70ern/80ern millionenfach in den Küchenschubladen hatte. (Das Geräusch einer schnell aufgezogenen Besteckschublade lässt mich heute noch manchmal zusammenzucken.) Und dann: Immer drauf. Egal, ob Hände, Ohren, Knie oder sonstwas dazwischen gerieten. Schlimm. So unnötig und so unverständlich.

Wenn es ihr reichte, hat sie mich alleine im Zimmer auf dem Boden liegen lassen bis ich wieder zu ihr geschlichen kam und sie anflehte, sich wieder mit mir zu vertragen – dann gab sie die gönnerhafte, großmütig verzeihende Mutter.

Meistens waren wir alleine bei diesen Exzessen. Deshalb fiel es auch leicht, mich immer wieder als „schnell beleidigt“, „überempfindlich“ und “hysterisch” darzustellen, weil ich oft so sehr weinte, dass ich kaum noch Luft bekam und mich gar nicht mehr beruhigen konnte – wie auch, so ganz alleine? Ich habe selbst Jahrzehntelang an meine grundlose Überempfindlichkeit geglaubt. Selber schuld eben.

Und hat’s Dir geschadet?

In einigen wenigen dieser Situationen gab es Zeugen – noch seltener Zeugen, die Partei für mich ergriffen. Ich kann mich an einen Winterurlaub in Österreich erinnern, in dem wir mit Tanten, Onkels, Cousins, und Cousinen hintereinander her eine kurvige Bergstraße hinaufgingen. Aus irgendeinem Grund gab es wieder Ärger. Meine Mutter schlug mir von rechts gegen den Kopf und ich fiel auf die Straße. Mit dem Gesicht auf den Asphalt mit unzähligen Kieselsteinen, die der Streudienst hier tonnenweise hinterlassen hatte. Dieses eine Mal sagte meine Tante: „Jetzt reicht’s aber!“

Diese Tante war die einzige in der Familie, die keine Kinder hatte. Tragischerweise empfand ich sie immer als die liebevollste unter den vielen Tanten und Onkeln, denn meine Cousins und Cousinen hatten ihre eigenen Erfahrungen mit ihren ebenfalls schlagenden Eltern gemacht, wie ich wusste. Meine Eltern zogen die anderen “Schläger” gern als Referenz heran, wenn ich mich mal über die spezielle Behandlung beschwerte – “Guck Dir mal xy an, die fackelt auch nich’ lange!” oder: “Wir haben auch alle Schläge gekriegt!”

Zu dieser Zeit war das Kinderschlagen auch gesellschaftlich noch mehr oder weniger akzeptiert und Eltern hatten per se weniger Unrechtsbewusstsein diesbezüglich – ähnlich dem Rauchen im Auto – das muss man vielleicht in die Schuldfähigkeitsrechnung mit einbeziehen.

Mein Vater spottet heute noch (sowohl zum Thema Schlagen als auch zum Rauchen): „Und, hat’s Dir geschadet?“ – Bisher habe ich immer geschwiegen nach diesem dummen Spruch, aber jetzt nicht mehr. Jetzt sage ich:

Ja, es hat mir geschadet. Sehr sogar.

Ich musste Menschen lieben, die mich geschlagen, gedemütigt und im Stich gelassen haben, wann immer ich sie gebraucht hätte, weil man seine Eltern nunmal liebt. Ich war dazu gezwungen, sie zu lieben und um ihre Liebe zu kämpfen.
Mit Liebsein, mit Leistung, mit Gehorsam, mit dem Ignorieren und Verleugnen eigener Bedürfnisse, mit Abspaltung aller negativen Gefühle, mit allem, was eine kindliche (und später erwachsene) Seele so machen kann. Ich habe versucht, von ihnen so geliebt zu werden, wie ein Kind es braucht – ohne Erfolg.

Ja, UND OB mir das geschadet hat!

Ich habe mit meiner eigenen Persönlichkeit – meiner Seele – bezahlt für die Defizite meiner Eltern.

Die Schuldfrage

ABER: Kann ich ihnen die Schuld dafür geben?

Ist meine Mutter schuld an ihrer Persönlichkeitsstruktur? Ist sie schuld an allem, was sie tat? Welche Schuld trägt meine Mutter? Welche mein Vater? War nicht die Mutter meiner Mutter (meine geliebte Omma) schon Schuld daran, dass das kleine Mädchen, das auch meine Mutter mal war, kein entsprechend großes Selbstwertgefühl aufbauen konnte, so dass sie weniger narzisstische Züge hätte annehmen können? Wer ist für die Persönlichkeit meiner Omma verantwortlich? Ihre Eltern? Die 16 Geschwisterkinder, die sie durch Kriegszeiten als älteste Tochter schlörren musste?

Dass Omma während und nach dem Krieg zwei ihrer Kinder beerdigen musste und meine Mutter als einzige übrig blieb, trug garantiert dazu bei, dass sie sie so kurz hielt und überbeschützte, dass sich nichts Freies, Starkes, sondern ein narzisstisches, verkümmertes Ich entwickelte, das immer auf der Suche nach Anerkennung und innerer Stärke und vor allem Selbstliebe war.

Daran ist doch eindeutig der Krieg Schuld. Also die Nazzis (wie Omma sagte), weil die ja den Krieg gemacht haben …

Die kämen mir als Feindbild grad zupass. 😉

Einstweilen bleibe ich mal dabei, einfach nur, weil es mir hilft und Nazzis doof sind! (Das dahinter auch wieder Menschen mit Geschichten stehen, verdränge ich jetzt mal bewusst, das ist ein Problem der Nazzis, um das sie sich selber kümmern müssen.)

Ist mein Vater Schuld, dass John Wayne in den Kinofilmen als Vorbild herhalten musste, weil sein eigener Vater im 2. Weltkrieg in russischer Gefangenschaft verreckt ist? Da stecken doch auch die Nazzis dahinter!

Aber, wer hat die Nazzis gemacht? Der „liebe“ Gott? Also ist der Schuld! Aber dann is’ der ja garnicht lieb … Und wenn’s den lieben Gott gar nicht gibt? Dann is’ am Ende niemand Schuld!
Dann SIND wir einfach alle. Punkt.

Au backe. Was, wenn das die Lösung ist?

Hat Epiktet recht, wenn er sagt:

„Anderen an seinem Unglück die Schuld geben, ist ein Zeichen von Dummheit, sich selbst die Schuld geben, ist der erste Schritt zur Einsicht; weder anderen noch sich selbst die Schuld geben, ist ein Zeichen von Weisheit.“ ?

Ich denke, es ist wie Alexander Solschenizyn sagt: “Die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft durch das Herz eines jeden Menschen.”

Mit dem Schuldbegriff kann ich deshalb schon lange nicht mehr arbeiten. Es ist mir schlicht egal wer Schuld hat, ohne das Ursache-Wirkungsprinzip zu vernachlässigen.

Mir tun auch irgendwie alle leid: Ommas, Oppas, Väter, Mütter, Kinder. Mir, der erwachsenen Frau, die erst jetzt vieles verstehen und erklären kann, was ihr widerfahren ist, tun alle leid, die nicht glücklich aufwachsen konnten. Schon allein, weil ich selbst deshalb nicht glücklich aufwachsen konnte.

Ich möchte damit niemanden entschuldigen oder gar von seiner Verantwortung reinwaschen. Aber das Gefühl,  dass meine Vorfahren meine jetzigen Probleme lösen müssen, nur, weil sie dafür mitverantwortlich sind, habe ich nicht mehr. Und das ist gut so.
So funktioniert das nämlich nicht. Erst seit dem ich das erkannt habe, gibt es eine Art “Erlösung”, bzw. Neustrukturierung und Rollenumschreibung.

Der Begriff „Vergebung“, den andere hier vielleicht benutzen würden, ist mir zu christlich religiös und damit (subjektiv) negativ gefärbt. Ich habe meine Mutter als “Unglücksverursacher” aus meinem Erwartungsdruck entlassen, die Lösung meiner Probleme zu liefern. Ich erwarte oder erhoffe nichts mehr und sehe einen Verursacher meiner Leiden (wieder) als Mensch, nicht nur als Täter. Das hilft mir. Das entspannt mich. Das fühlt sich (zumindest in Bezug auf meine Mutter) richtig an. Ich habe genau diesen Punkt erreicht und mir damit selbst am meisten geholfen.

Manchmal kann ich es selbst kaum glauben, aber unser Verhältnis ist heute entspannt und sogar friedlich. Vielleicht auch, weil wir uns so selten sehen und weit auseinander leben. Mit ihren Taten von damals muss sie selber klarkommen. Das scheint mir schwer genug. Aber das ist nicht „unser“ Thema. Dabei kann und werde ich ihr nicht helfen. Das ist ihre Sache. Ich fühle mich nicht mehr verantwortlich. Ich fühle mich nicht mehr schuldig. Das tut gut.

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie seelisch verkümmert man sein muss, um einem kleinen Kind das anzutun, was sie mir immer wieder angetan hat. Das Ausmaß an Feigheit, Unvermögen und mangelndem Einfühlungsvermögen, ja offenbar Lieblosigkeit lässt mich heute noch oft erschaudern. Was muss solchen Menschen passiert sein, dass sie sich überhaupt so verhalten können? Das muss auch etwas Schlimmes gewesen sein, denke ich – ohne das Verhalten zu entschuldigen oder zu bagatellisieren!

Ich kann sie nicht zur besten Mutter der Welt küren. Ich werde ihre Taten nicht weiter leugnen und sie auch nicht schützen. Ich kann sie nur als Mensch sehen. Als Mensch mit Defiziten, unter denen mein jüngeres Ich sehr gelitten hat.

Diese Trennung von früher und heute. Die ABGRENZUNG ist der entscheidende Punkt. Dass ich da heute bin, das ist ein Riesenglück für uns alle. Vor allem für meinen Sohn, der deshalb seine Oma, die so ganz anders mit ihm umgeht als mit ihrem eigenen Kind damals, lieb haben darf, ohne in Loyalitätskonflikte zu geraten. Ich kann mir durch die Abgrenzung erlauben, sogar Zuneigung zu der Frau, die sie heute ist, zu empfinden. Ich kann mich freuen, wenn ich sie sehe, oder sie mir hilft und sich um meinen Sohn kümmert, wenn ich es nicht kann. Ich kann mit ihr lachen und ihr in gewissem Maße von meinen Problemen erzählen – und heute hört sie auch zu. Damit macht sie natürlich einiges gut, aber nichts vergessen.

Mit ihrer Schuld muss SIE alleine leben. Die kann und will ich ihr nicht abnehmen. Vielleicht kann sie das auch gut, weil sie einfach anders gestrickt ist. Das ist alles nicht (mehr) meine Baustelle.

Für mich ist diese Schuld so unfassbar gruselig, dass ich mit der Gewissheit, soetwas auf mich geladen zu haben, garnicht umgehen könnte. Und das ist wiederum das, was mich in extremen Situationen aufrecht hält. Das, was mir die Kraft gibt, weiterzuleben. Die Angst die ich habe, wenn mein Herz stolpert, wenn die Migräne mich paralysiert, wenn Schmerzen mich handlungsunfähig machen. Das ist die Angst davor, meinen Sohn und meinen Mann – die Menschen, die ich von Herzen liebe und die mich ihrerseits von Herzen lieben, im Stich zu lassen. Die Angst so zu werden wie die Mutter, die mein kleines Ich damals hatte.

Diese Angst quält mich fast jeden Tag und schützt mich gleichzeitig vor’m Aufgeben.

Ein Paradox.

Ziemlich krasse Scheisse.

Und wer is’ schuld? – Die Nazzis! 😛 😀

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