049 // Sitzbank-Theater

Obwohl ich nicht als multiple Persönlichkeit diagnostiziert bin, habe ich oft den Eindruck, dass mich verschiedene innere Stimmen bzw. Anteile kommentierend begleiten. Ich stelle mir das vor wie Tonspuren, die über mir und um mich herum kreisen – mal mehr mal weniger laut und unterschiedlich dominant.

An einem 3. Migränetag, an dem der Kopfschmerz langsam besser wird, sitze ich nun mit meinem Mann im Auto, um eine von mir online gekaufte Sitzbank in der Nachbarstadt abzuholen. Mir ist kotzübel, schwindlig, der Kopf zickt bei Bewegung noch ganz schön rum, aber ich will das jetzt unbedingt machen! Manchmal bekomme ich diese Anfälle von „Siechen-Trotz“ … Grrrr … tut nicht immer gut, hilft aber bei der Verschönerung des Wohnambientes. 😉

Im Auto geht’s dann los mit dem inneren Disput:

FURY [= mein Migräne-Hirn, nassgeschwitzt, mit Schaum vor’m Maul, zitternd]: „Ja, ja, Kopfschmerzen, aber ‚rumfahren. So sieht Deine Rücksichtnahme aus? Toll! Drei Tage Kopfchaos und dann noch durch die Gegend fahren, um eine beschissene Holzbank abzuholen. Ich dachte, wir hätten vereinbart, Du nimmst Rücksicht! Würde heißen: liegen bleiben.“

ICH: „Aber ich freu‘ mich so, dass ich die [Bank] gefunden hab‘!“

FURY: „Ja toll, und ICH hätt‘ mich gefreut, wenn ich wenigstens noch ein paar Stunden Ruhe gehabt hätte. Nachher heißt es wieder: Äh, ich bin so erschöpft, mäh, ich kann nich‘ mehr …“

ICH: „Ich mach das doch für uns alle, dass wir was zum freuen haben. GENUSS! Fasteehße?!“ [Ruhrpott lässt grüßen!]

FURY [schnaubt abfällig; nach kurzer Pause]: „Super! Sonne scheint auch noch, Spitze! Mann! Dann klapp wenigstens die Sonnenblende runter, dusseliges Weib, datte bis‘!“ [Fury is‘ auch im Ruhrpott zu hause ;-)]

ZWEI [= 2. Stimme, arroganter Kritiker]: „Für einen Termin beim Optiker wegen einer neuen Sonnenbrille hatte Madame ja keine ‚Kraft‘ … aber Sitzbänke können selbstverständlich jederzeit abgeholt werden … ts …“

ICH: „Ich wollte MAL was machen, was mir Spaß macht und mal raus, ihr Arschgeigen!“

FURY: „Bitteschön! Offenbar geht’s uns noch nich‘ schlecht genug …“

ZWEI: „Sag‘ ich doch: Die kann doch!!!! Die will nur nicht!!!“

ICH: „Lass mich in Ruhe, Arschloch!“

ZWEI: „Ich beschreibe nur, was ich sehe …“

ICH: „Halt’s Maul!“

ZWEI: „Deine heftige Reaktion zeigt doch ganz deutlich, dass ich ins Schwarze getroffen habe. Wer Sitzbänke abholt, kann auch arbeiten gehen …“

FURY: „Nee, also DAS kann man so wirklich nich‘ sagen, …“

ICH [zu 2.]: „Du weißt doch genau, dass das Schwachsinn ist.“

DREI [= 3. Stimme, weinerlich, kindlich]: „Mir is‘ schlecht. Ich hab‘ Angst.“

ICH [zu DREI]: „Ja, ich weiß, geht jetzt grad nicht anders, atme mal tief ein und langsam wieder aus. Is‘ alles gut.“

DREI [schluchzt]: „mmm … was, wenn ich gleich nicht mehr kann?“

ICH: „Du kannst. Bleib mal ganz ruhig. Wir sind ja nich‘ alleine und nachher hast Du eine schöne Bank.“

FURY: „Also ICH garantiere für nichts …“

ICH: „Bitte, Pferd, reiß Dich für eine Stunde zusammen, danach schwöre ich, lass‘ ich Dich in Ruhe bis morgen früh.“

FURY: „Versprochen?“

ICH: „Ja, versprochen.“

[Fury guckt misstrauisch, trabt dann aber weg.]

ZWEI [zu FURY und DREI]: „Die verarscht Euch, merkt Ihr das nicht? Wenn sie wirklich nicht mehr könnte, würde sie es sein lassen! Wer quält sich denn freiwillig so ‚rum?“

VIER [verständnisvoller Friedenstifter]: „Soll sie denn nur noch in der Wohnung liegen und sich ärgern? Also ich find‘ das gut, dass sie mal was ‚Normales‘ macht, auch wenn’s ihr nicht ’normal‘ geht.“

ZWEI: „Dann kann sie doch auch ’normal‘ zur Arbeit gehen.“

VIER: „Lass sie doch erst mal in Ruhe leben lernen …“

DREI: „Ich hab‘ Angst!!!! Ich muss brechen!!!“

ICH: „Ruhig, wir ham’s ja gleich geschafft.“

ZWEI [zu DREI]: „Du KANNST überhaupt nicht mehr brechen!* … BUH! He he he!“ [erschreckt DREI]

DREI: „Määähhhh!!!“ [weint]

ICH [zu ZWEI]: „Mann!“
[zu DREI] : „Ruhig, lass Dich nicht ärgern. Gleich is‘ alles wieder gut.“
[zu ZWEI]: „Jetzt halt endlich die Fresse!“

ZWEI: „Pöh!“

ICH: „Boah, ich werd‘ bekloppt.“

Dazu gesellen sich manchmal noch weitere „Unterstützer“ der verschiedenen Teile, die pfeifend, applaudierend oder mit Zwischenrufen „ihre“ Fraktion unterstützen – ähnlich dem Publikum in amerikanischen Sitcoms.

Das ist nur ein kleines Beispiel für die inneren Dispute, die tagtäglich innerlich bei mir ablaufen. Manchmal kann das fast lustig sein, zuzuhören, aber besonders ZWEI macht mir häufig das Leben zur Hölle. ZWEI kennt kein Erbarmen. Mit dreckigen Fingern rührt er immer in den tiefsten Wunden – rücksichtslos, negativ und immer mit der arrogantesten Aura, die man auf dem Aura-Markt kriegen kann. ZWEI hat mich über lange Strecken meines Lebens immer wieder im Griff.

VIER, den entspannten Friedenstifter, gibt es noch nicht so lange. Er nimmt mich manchmal an die Hand und ich höre gerne zu, was er zu sagen hat. VIER ist eine neue Instanz, die sich vor ZWEI nicht fürchtet und von ihm auch nie direkt angegangen wird.

DREI ist mein echtes Sorgenkind. Eine bemitleidenswerte Kreatur, die ich da in mir habe. Ohne jede Kraft, ohne Mut, schmerz- und angstgeplagt. Und doch hat auch DREI einen spürbar großen Lebenswillen, der mich manchmal wundert und mithin beeindruckt. DREI scheint schon länger zu existieren, aber ich konnte seine Stimme lange nicht hören. Um DREI muss ich mich besonders kümmern, das hab‘ ich schon begriffen.

Dem Konzept der Radikalen Erlaubnis folgend, werde ich aber auch versuchen, mich mit ZWEI eingehend zu befassen. Bis jetzt ist es mir noch nicht gelungen, in ZWEI-lastigen Situationen konkret in den Körper zu spüren und auf diese Art und Weise weiter zu kommen, aber ich bleibe dran …

————————-

*seit der Zwerchfell-OP ist das Erbrechen tatsächlich nicht mehr möglich. Stattdessen gibt es dann gruselige, schmerzhafte Würgeanfälle, die mich fix und fertig machen. Dabei höre ich mich an, wie ein heiserer, altersschwacher Papageienvogel … (ja, lacht ruhig, ich würd’s auch tun, wenn ich könnte … ;-))

 

 

 

 

 

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  1. FibroFee

    Musste sehr Lachen beim Lesen :D. Danke, für deine erfrischend ehrlichen und ungeschminkten Einsichten! Habe mich in Einigem wiedererkannt. Wenn man die „Typen“ benennen kann, ist das schon mal ein guter Anfang, um besser mit ihnen klarzukommen ;).
    Liebe Grüße von der FibroFee

  2. Liebe Myyzilla,
    trotz der Tragik in dem Dialog in Deinem Inneren musste ich ein paar mal herzhaft auflachen. Trotz meiner Tragiken ist das immer noch möglich 🙂 . Solche Innendialoge sind mir nicht fremd. Interessant wird es erst, wenn Du die Herkunft von Fury, zwei, drei, vier erforscht. Da gehen dann einige Aha-Lichter auf. Jedenfalls ging es mir so.
    Wie geht es eigentlich mit dem Laufen am Rollator? Interessiert mich!
    Liebe Grüße
    Melinas

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