047 // Selbstdarstellung

Motiviert durch meine Erlebnisse in der Online-Community der Schmerzklinik denke ich intensiv über das Thema Selbstdarstellen nach. Ein Selbstdarsteller zu sein, wurde mir dort zumindest mittelbar unterstellt. Das hat mir zunächst eine Stich versetzt, weil der Begriff hier offenbar nicht im soziologisch wertfreien Sinne nach Goffman verwendet wurde sondern, wie die meisten Leute ihn heute verstehen: Selbstdarsteller ist jemand, der mit allem, was er sagt und tut, stets auf sich aufmerksam machen will und damit anderen zeigen will, was er (vermeintlich) alles Tolles geleistet hat. Dabei ist der Begriff in unserer Gesellschaft eindeutig negativ konnotiert, da er die Motivation hinter der Darstellung des Selbst negativiert.

Das will ich jetzt wissen. Schau’n wir mal, ob und was da in meinem Fall dran ist:

  1. Ja, genau, ich will auf mich bzw. meine Geschichte und Erlebnisse aufmerksam machen.
  2. Nein, nicht mit allem, was ich tue, sondern mit meinem Blog.
  3. Da ich über meine “Leistungen” hier noch gar nicht gesprochen habe, wird es Zeit für eine umfassendere Berichterstattung.

Nur: Offizielle Errungenschaften, Auszeichnungen und Preise habe ich wenig vorzuweisen.

Außer dem Seepferdchen, dass ich mit fünf im ersten Anlauf geschafft, einer einzigen Siegerurkunde, die ich als dickes unsportliches Kind zu Schulzeiten mühsam erkämpft und einem Preisausschreiben, in dem ich ein Schweizer Taschenmesser mit dem Aufdruck “Die Milch macht’s!” gewonnen hatte, gibt’s nicht viel medienwirksam zu präsentieren.

Mäßig erfolgreich bin ich bisher auch im Rubbellos-Freirubbeln und Lotto-Spielen gewesen. Mein größter Erfolg: Vier Richtige mit Zusatzzahl (= 285 Euro). Ein sozialer Aufstieg als Quereinsteiger in die High Society somit im Keim erstickt.

Ich bin nirgendwo Gründungs-Mitglied. Nur “Fußvolk” in der Giordano-Bruno-Stiftung. Als Kind war ich im DLRG und im Knax-Kinder-Club der Sparkasse.

Meine öffentliche Netzaktivität blieb bisher weitgehend im Verborgenen, obwohl ich von Anfang an dabei war.

In den 90er Jahren habe ich im Experten-Forum von wer-weiss-was die Einrichtung eines Medizin-Threads angeregt. Das konnte man damals noch nicht einfach selber machen, sonst hätte ich vorwitziges Lieschen das sicher auch einfach ungefragt erledigt. ;-D

Aber es gibt doch ein paar formale Erfolge:

Schon 1999 schrieb ich in meiner Magisterarbeit im Schwerpunktfach Medienpädagogik über Computer Based Training in der Führungskräfteweiterbildung. Den empirischen Teil der Arbeit konnte ich in Zusammenarbeit mit den Coaches der Deutschen Post AG anfertigen. Das war damals schon etwas Besonderes, wird aber niemandem groß aufgefallen sein.

Nach meinem Soziologie und Pädagogik- Studium an der Uni-Hannover, das ich mit der Gesamtnote sehr gut abschloss, schrieb ich bei der Post AG Drehbücher für Lernprogramme und Dokumentationen für Managementinformationssysteme, Personalplanungssoftware und Adressverwaltungsprogramme. Danach arbeitete ich in einem Spin-off Unternehmen der Fernuni Hagen als Konzeptioner und Projektmanager E-Learning (u.a. für MLP, die Douglas-Holding und den Landesverband der Betriebskrankenkassen). Da ging’s zwar um ordentliche Geldsummen, aber auch hier: Wenig Platz für großangelegtes mediales Selbstmarketing. In diesen Projekten entwickelte ich u.a. ein Online-/Offline-Verkaufstraining für die Sport-Voswinkel-Kette, eine Office-Schulungsplattform für Betriebskrankenkassen und ein ECDL– Internet-Führerschein-Modul. Da hab’ ich mich immerhin mit diversen Eastereggs verewigt. 🙂

Später machte ich eine Weiterbildung zum PR-Fachjournalisten und landete sehr unspektakulär in einer vollkommen anderen Branche in der Unternehmenskommunikation, wo ich hauptsächlich im Bereich Intra- und Internet gearbeitet habe. Übrigens für das gleiche Geld wie ein langjährig beschäftigter Busfahrer, was eine kostspielige, öffentlichkeitswirksame Selbstpräsentation in der Ruhrgebiets-Schickeria ebenfalls effektiv verhindert hat. 😉

Nachdem ich nun aus gegebenem Anlass Rentner auf Zeit bin, schreibe ich nur noch als freier Autor in sehr geringem Umfang an einem medizinischen Online-Lexikon und anderen Publikationen mit.

Alles sehr backstage mit wenig Profilierungspotenzial.

Ich kenne auch keine berühmten Leute persönlich, außer einem sehr bekannten Medienanwalt, mit dem ich in einer Klasse war. 😉

Im Fernsehen bin ich selten zu sehen gewesen – nur ein paar Sekunden im RTL-Format “Die singende Firma” mit Inka Bause! (Nein, keine Sorge, ich hab’ nicht gesungen ;-))

Hören konnte man mich aber etwas länger, als ich in den späten 90er Jahren mit Jürgen Domian telefoniert habe. Das war ein längeres, sehr nettes Gespräch, aber auch unspektakulär.

Tja, viel mehr hab’ ich nicht zu bieten – für mich reicht das aber, um doch ein bisschen stolz auf mich zu sein. Wenn ich bedenke, wie oft und lange mich allein die Migräne mein ganzes Leben lang immer wieder vom Schlitten gehauen hat, ist das echt ok.

Oh, das Wichtigste fehlt noch!

ICH habe einen Tapir gestreichelt! Pah! Wer kann das von sich behaupten? 🙂

Den Besuch im Krefelder Zoo mit Privatführung und Tapir-Streichel-Aktion hatte mein Mann mir geschenkt. Und: Meine Mutter war mal mit mir im Zirkus und ich durfte auf einem Elefanten sitzen!  Davon gibt es leider kein Bild, aber ich schwöre, ich saß ganz vorne, vor den Ohren und konnte mich an einem roten Leder-Geschirr festhalten. Na, kann da noch wer mithalten? 😉

Dummerweise liefert auch meine Familie wenig Vitamin B: Meine gelernte Einzelhandelskauf-Mutter hat in der Versandabteilung einer Drahtwarenfirma jahrelang Schrauben verpackt (wie ich auch in den Ferien). Mein Vater ist John Wayne … nee, Spaß! 😀 Er ist Maschinenschlosser (a.D.). (Wer den Beitrag “Die unsichtbaren Krankheiten” vorher gelesen hat, weiß bescheid … ;-))

Die bereits verstorbenen Großeltern: kriegsflüchtige pommersche Bauern, Putzfrau und Giesserei-Arbeiter.

Mein Mann ist weder Arzt noch Anwalt. Aber mein Sohn geht tatsächlich auf die gleiche Schule wie Nationaltorwart Manuel Neuer dereinst. 🙂 Und ich saß schon im Ruheraum vor der Sauna neben der ehemaligen Nachbarin von Manuel Neuers Mutter …  jahahaaa! 😀

Dass ich es mit dieser eher gewöhnlichen Existenz jetzt nur durch Zurschaustellung meiner Person und ihren Problemen mit irgendwelchen Krankheiten quasi vom Bett in meiner Gelsenkirchener 3-Zimmer-Mietwohnung aus sogar zum Selbstdarsteller geschafft haben soll, ist zumindest bemerkenswert. DAS nenn’ ich Krankheitsgewinn! Wird mir jetzt erst bewusst. 😀

Oder ist einfach jeder, der über seine Erfahrungen öffentlich Auskunft gibt, Selbstdarsteller? Also auch alle, die in irgendeiner Form etwas öffentlich, also anderen über sich schreiben, erzählen oder zeigen?

Ja, dann sag’ ich doch mal: Gut so! Sonst gäbe es weder Selbsthilfegruppen, noch Foren aller Art, youtube wäre am Arsch und Zuckerberg säße heute in einem verwaschenen, alten selbstgemalten facebook-T-Shirt im Keller irgendeiner Computerfirma, um für irgendwen, irgendwas zu programmieren.

Sicher, das wünschen sich (und ihm) wohl viele, vor allem die, die ihre Macht und eigene (formale) Stellung von “Unwürdigen” untergraben sehen. Im Kleinen, wie im Großen. Kommt mir irgendwie bekannt vor …

Für mich (neben der Befriedigung eigener, narzisstischer Anteile) ist das einer der besten Gründe, genau so weiterzumachen!

Nur: So richtig fühl’ ich mich noch nicht heimisch in meiner neuen Rolle. Ich muss noch mehr trainieren. Wär’ ja irgendwie cool, wenn ich es nach über 40 Jahren als unscheinbares und mäßig attraktives Mauerblümchen, auf dessen Kosten sich sonst immer nur andere die Lorbeeren eingestrichen haben, jetzt mal schaffen würde, als böses, selbstdarstellerisches Ich wahrgenommen zu werden.

Interessant, oder wie Mr. Spock sagen würde: Faszinierend!

Vielleicht wären ein paar Hater oder zumindest noch ein paar abfällige Bemerkungen über meine Person hilfreich, um mir die Orientierung in der neuen Rolle zu erleichtern? Jemand Interesse?

Zurzeit habe ich keine Kopfschmerzen, hätte also Kapazitäten für eine neue Bootcamp-Runde frei!

Aber Vorsicht! Diesmal bin ich vorbereitet, habe mehr von meinen dunklen inneren Anteilen am Licht und in diesem, meinem Blog (= MEIN Machtbereich, MEINNNNN SSSchatzzzz *geifer* he he he) garantiere ich – je nach Tagesform, Lust und Laune – unfaire, maximal verletzende, mega-arrogante, überhebliche Retourkutschen auf allerunterstem Niveau … 😉

Noch keine Stimmen.
Bitte warten...

Zurück

046 // Bootcamp „Konfliktangst-Bewältigung“

Nächster Beitrag

048 // Ich und mein Holz – Ergotherapie mit Nebenwirkungen

  1. Rebecca

    Also, ich finde eigentlich, dass das nach einer ziemlich ansehnlichen Aufzählung klingt. 😉
    Ich bin fast etwas beschämt, weil ich nur eine ehemalige Klassenkameradin habe, die mal sehr kurz mit der in Oer-Erkenschwick wohnenden Oma von Leonardo Di Caprio telefoniert hat.

    Ich glaube, Du bist dem Mitglied, das zuerst mit der “du suchst hier nur deinen Auftritt”-Keule gewedelt hat, ziemlich hart auf den Schmerzklinik-Loyalitätsfuß getreten. Sie ist ansonsten nämlich eine eher sehr glühende Verteidigerin des Kieler Wertekanons und ihren Einwurf fand ich persönlich ziemlich schräg. Er war aber nützlich dann für die Folgeschreiber.

    Finde diesen Selbstdarstellungsvorwurf übrigens generell ganz interessant, wenn er aus der Perspektive von Gemeinschaften geäußert wird, die schwer mit Fremdkörpern umgehen können.

    • Danke, Rebecca!!! 😀
      Die Leonardo Di Caprio-Connection is’ der Brenner. *doppellol*
      Ich kann nich’ mehr 😀 … hab’ mich grad kaputtgelacht 😀
      Damit bist Du natürlich ziemlich ernsthafte Konkurrenz für mich und ich überlege, ob ich Dich nicht sofort hier rausschmeißen möchte, weil Du es ganz offensichtlich nur darauf abgesehen hast, Dich mit Deinem arroganten Auftreten hier wichtig zu machen … ;-D

      Köstlich …
      Mach das bitte weiter so … 🙂

      Zu den in Erscheinung getretenen Forenmitgliedern möchte ich eigentlich garnichts weiter sagen, außer, dass ich glaube, dass ihr Leben nicht sehr schön ist … zufriedene Menschen verhalten sich anders.
      Ich wünsche mir, dass es ihnen bald besser geht, davon haben am Ende alle was, glaube ich … und sei’s nur ein Online-Forum, das wie ein Online-Forum funktioniert. 😉

  2. Wie immer “sehr ergiebig”! 😀

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén

Diese Seite verwendet Cookies, um die bestmögliche Funktionalität zu gewährleisten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst Du dem zu. Weitere Informationen dazu findest Du in meiner. Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen