Laut Wikipedia steht der sekundäre Krankheitsgewinn (äußerer Krankheitsgewinn) für die objektiven und/oder subjektiven Vorteile, die ein (tatsächlich oder vermeintlich) Kranker aus seiner Krankheit bzw. die ein Patient aus seiner Diagnose zieht.

Wann immer ich von diesem ominösen Krankheitsgewinn lese oder höre, krampfen sich diverse Teile in mir zusammen.

Die einen sagen: „Ja, weil die Recht haben!“
Die anderen sagen: „Nein, das stimmt nicht!“
Dann gibt es meinen Verstand, der sagt: „Das kann man doch so alles gar nicht sagen! Das ist zu pauschal, das ist zu undifferenziert. Die Begriffe, die verwendet werden, sind zu ungenau. Das ist doch individuell vollkommen anders zu betrachten!“

Ja, das ist es, was mich umtreibt.

Das unreflektierte Gesabbel vom sekundären Krankheitsgewinn aus dem Elfenbeinturm der Nichtbetroffenheit und des Desinteresses, bei dem anhand von Diagnoseschlüsseln über Motivation und Verhalten von Menschen geurteilt wird. Es macht mich wütend, wenn in diesem Pauschalisierungswahn so getan wird, als wisse man Bescheid, was bei einer Familie und in den Betroffenen abläuft, sobald eine Diagnose in der Krankenakte steht, zumal ja noch nicht mal immer geklärt ist, ob das denn alles so stimmt mit diesen Diagnoseschlüsseln.

Ganz wichtig: Ich bestreite nicht, dass es krankheitserhaltende Faktoren auf mehreren Ebenen gibt. Ich erwarte von Ärzten und Mitmenschen nur eine unvoreingenommene, individuelle Draufsicht, die im Austausch mit dem Kranken diese eventuell bestehenden krankheitserhaltenden Faktoren aufzuzeigen hilft, um dann zu schauen, welche man vielleicht auflösen kann und welche vielleicht (noch) nicht aufzulösen sind.

Mein Eindruck: Das Argument des sekundären Krankheitsgewinns wird heute oft als Erklärung für erfolglose Therapien von wenig erfolgreich behandelnden Ärzten und sonstigen Heilern und Therapeuten herangezogen, wenn sie nicht weiter wissen.

Frei nach dem Motto: Waaas?! Meine tolle Therapie oder das tolle Medikament hilft nicht? Das kann nur am Patienten liegen.

Nicht die Tatsache, dass jemand Recht haben könnte, lässt mich so wütend werden, sondern der Nimbus der Unfehlbarkeit und diese menschenverachtende Arroganz, die bei dieser Einstellung mitschwingt.

In der “Heiler-Szene” gibt es da die Gipfel der Unglaublichkeiten, die ich an anderer Stelle nochmal aufgreifen werde. Leute wie Dahlke oder Hamer, die es mit ihren “Schicksalsgesetzen” (Dahlke) und der “Neuen Germanischen Medizin” (Hamer) und ihren kruden Ideen so weit treiben, dass ich mich frage, wie die morgens noch in den Spiegel gucken können.

Aber jetzt noch mal GANZ GRUNDSÄTZLICH:

Ein Gewinn liegt vor, wenn man NACH Bilanzierung (also unter’m Strich) ein Plus erwirtschaftet. Sonst nicht. Sonst handelt es sich lediglich um einen Posten, den ich entweder als Bonus oder Malus auf meine Rechnung setzen kann.

Es gibt Krankheitseffekte, aber die muss man wertfrei und ohne unterschwellige Schuldzuweisungen beschreiben können. Dann führt das sogar manchmal zu einem besseren Krankheitsverständnis beim Betroffenen und hilft damit, mit der Situation besser umgehen zu können. Heilung nicht ausgeschlossen!

VORSICHT IRONIE!

Effekte, die zum Beispiel Geld einsparen:

Manchmal dusche ich zwei Wochen nicht – vor Erschöpfung, vor Schmerzen oder aus Verzweiflung. Das ist ein Gewinn: Es spart Duschgel und Wasser.

Meine Haare fallen dauernd aus. Da spare ich doch das Geld für Shampoo und Friseurbesuche! Wieder was gewonnen!

Ich kann nicht mehr laufen. Das ist doch günstiger, weil ich mir dann nicht so oft schöne Schuhe kaufen muss. Meine Lieblingspumps und meine Hochzeitsschuhe hab’ ich letztens verkauft, weil ich nicht mehr drin laufen kann. Ergebnis: 105,- Euro Plus in der Kasse! Das ist doch Gewinn!

Ich gehe nicht mehr raus, nicht mehr ins Kino, nicht mehr auf Partys, nicht mehr auf Konzerte, nicht mehr Essen. Das spart soooo viel Geld.

Gewinne, Gewinne, Gewinne … herrlich! 🙂

Und neulich: Schenkt mein Mann mir doch tatsächlich eine wunderschöne Marimekko-Tasche, weil ich keine passende für meinen Physiotherapie-Kram hatte. NIEMALS hätte ich diese schöne Tasche bekommen, ohne meine Krankheit! NIEMALS hätte ich das weißgetupfte finnische Designerstück locker über der Schulter liegend über den Physiotherapieparkplatz hinter der Tankstelle tragen können. NIEMALS hätte mein Mann mir Geschenke gemacht, das tut er nur, weil ich so schön krank bin!

Merkse selber, nä?! 😉

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