Monat: Mai 2017

047 // Selbstdarstellung

Motiviert durch meine Erlebnisse in der Online-Community der Schmerzklinik denke ich intensiv über das Thema Selbstdarstellen nach. Ein Selbstdarsteller zu sein, wurde mir dort zumindest mittelbar unterstellt. Das hat mir zunächst eine Stich versetzt, weil der Begriff hier offenbar nicht im soziologisch wertfreien Sinne nach Goffman verwendet wurde sondern, wie die meisten Leute ihn heute verstehen: Selbstdarsteller ist jemand, der mit allem, was er sagt und tut, stets auf sich aufmerksam machen will und damit anderen zeigen will, was er (vermeintlich) alles Tolles geleistet hat. Dabei ist der Begriff in unserer Gesellschaft eindeutig negativ konnotiert, da er die Motivation hinter der Darstellung des Selbst negativiert.

Das will ich jetzt wissen. Schau’n wir mal, ob und was da in meinem Fall dran ist:

  1. Ja, genau, ich will auf mich bzw. meine Geschichte und Erlebnisse aufmerksam machen.
  2. Nein, nicht mit allem, was ich tue, sondern mit meinem Blog.
  3. Da ich über meine “Leistungen” hier noch gar nicht gesprochen habe, wird es Zeit für eine umfassendere Berichterstattung.

Nur: Offizielle Errungenschaften, Auszeichnungen und Preise habe ich wenig vorzuweisen.

Außer dem Seepferdchen, dass ich mit fünf im ersten Anlauf geschafft, einer einzigen Siegerurkunde, die ich als dickes unsportliches Kind zu Schulzeiten mühsam erkämpft und einem Preisausschreiben, in dem ich ein Schweizer Taschenmesser mit dem Aufdruck “Die Milch macht’s!” gewonnen hatte, gibt’s nicht viel medienwirksam zu präsentieren.

Mäßig erfolgreich bin ich bisher auch im Rubbellos-Freirubbeln und Lotto-Spielen gewesen. Mein größter Erfolg: Vier Richtige mit Zusatzzahl (= 285 Euro). Ein sozialer Aufstieg als Quereinsteiger in die High Society somit im Keim erstickt.

Ich bin nirgendwo Gründungs-Mitglied. Nur “Fußvolk” in der Giordano-Bruno-Stiftung. Als Kind war ich im DLRG und im Knax-Kinder-Club der Sparkasse.

Meine öffentliche Netzaktivität blieb bisher weitgehend im Verborgenen, obwohl ich von Anfang an dabei war.

In den 90er Jahren habe ich im Experten-Forum von wer-weiss-was die Einrichtung eines Medizin-Threads angeregt. Das konnte man damals noch nicht einfach selber machen, sonst hätte ich vorwitziges Lieschen das sicher auch einfach ungefragt erledigt. ;-D

Aber es gibt doch ein paar formale Erfolge:

Schon 1999 schrieb ich in meiner Magisterarbeit im Schwerpunktfach Medienpädagogik über Computer Based Training in der Führungskräfteweiterbildung. Den empirischen Teil der Arbeit konnte ich in Zusammenarbeit mit den Coaches der Deutschen Post AG anfertigen. Das war damals schon etwas Besonderes, wird aber niemandem groß aufgefallen sein.

Nach meinem Soziologie und Pädagogik- Studium an der Uni-Hannover, das ich mit der Gesamtnote sehr gut abschloss, schrieb ich bei der Post AG Drehbücher für Lernprogramme und Dokumentationen für Managementinformationssysteme, Personalplanungssoftware und Adressverwaltungsprogramme. Danach arbeitete ich in einem Spin-off Unternehmen der Fernuni Hagen als Konzeptioner und Projektmanager E-Learning (u.a. für MLP, die Douglas-Holding und den Landesverband der Betriebskrankenkassen). Da ging’s zwar um ordentliche Geldsummen, aber auch hier: Wenig Platz für großangelegtes mediales Selbstmarketing. In diesen Projekten entwickelte ich u.a. ein Online-/Offline-Verkaufstraining für die Sport-Voswinkel-Kette, eine Office-Schulungsplattform für Betriebskrankenkassen und ein ECDL– Internet-Führerschein-Modul. Da hab’ ich mich immerhin mit diversen Eastereggs verewigt. 🙂

Später machte ich eine Weiterbildung zum PR-Fachjournalisten und landete sehr unspektakulär in einer vollkommen anderen Branche in der Unternehmenskommunikation, wo ich hauptsächlich im Bereich Intra- und Internet gearbeitet habe. Übrigens für das gleiche Geld wie ein langjährig beschäftigter Busfahrer, was eine kostspielige, öffentlichkeitswirksame Selbstpräsentation in der Ruhrgebiets-Schickeria ebenfalls effektiv verhindert hat. 😉

Nachdem ich nun aus gegebenem Anlass Rentner auf Zeit bin, schreibe ich nur noch als freier Autor in sehr geringem Umfang an einem medizinischen Online-Lexikon und anderen Publikationen mit.

Alles sehr backstage mit wenig Profilierungspotenzial.

Ich kenne auch keine berühmten Leute persönlich, außer einem sehr bekannten Medienanwalt, mit dem ich in einer Klasse war. 😉

Im Fernsehen bin ich selten zu sehen gewesen – nur ein paar Sekunden im RTL-Format “Die singende Firma” mit Inka Bause! (Nein, keine Sorge, ich hab’ nicht gesungen ;-))

Hören konnte man mich aber etwas länger, als ich in den späten 90er Jahren mit Jürgen Domian telefoniert habe. Das war ein längeres, sehr nettes Gespräch, aber auch unspektakulär.

Tja, viel mehr hab’ ich nicht zu bieten – für mich reicht das aber, um doch ein bisschen stolz auf mich zu sein. Wenn ich bedenke, wie oft und lange mich allein die Migräne mein ganzes Leben lang immer wieder vom Schlitten gehauen hat, ist das echt ok.

Oh, das Wichtigste fehlt noch!

ICH habe einen Tapir gestreichelt! Pah! Wer kann das von sich behaupten? 🙂

Den Besuch im Krefelder Zoo mit Privatführung und Tapir-Streichel-Aktion hatte mein Mann mir geschenkt. Und: Meine Mutter war mal mit mir im Zirkus und ich durfte auf einem Elefanten sitzen!  Davon gibt es leider kein Bild, aber ich schwöre, ich saß ganz vorne, vor den Ohren und konnte mich an einem roten Leder-Geschirr festhalten. Na, kann da noch wer mithalten? 😉

Dummerweise liefert auch meine Familie wenig Vitamin B: Meine gelernte Einzelhandelskauf-Mutter hat in der Versandabteilung einer Drahtwarenfirma jahrelang Schrauben verpackt (wie ich auch in den Ferien). Mein Vater ist John Wayne … nee, Spaß! 😀 Er ist Maschinenschlosser (a.D.). (Wer den Beitrag “Die unsichtbaren Krankheiten” vorher gelesen hat, weiß bescheid … ;-))

Die bereits verstorbenen Großeltern: kriegsflüchtige pommersche Bauern, Putzfrau und Giesserei-Arbeiter.

Mein Mann ist weder Arzt noch Anwalt. Aber mein Sohn geht tatsächlich auf die gleiche Schule wie Nationaltorwart Manuel Neuer dereinst. 🙂 Und ich saß schon im Ruheraum vor der Sauna neben der ehemaligen Nachbarin von Manuel Neuers Mutter …  jahahaaa! 😀

Dass ich es mit dieser eher gewöhnlichen Existenz jetzt nur durch Zurschaustellung meiner Person und ihren Problemen mit irgendwelchen Krankheiten quasi vom Bett in meiner Gelsenkirchener 3-Zimmer-Mietwohnung aus sogar zum Selbstdarsteller geschafft haben soll, ist zumindest bemerkenswert. DAS nenn’ ich Krankheitsgewinn! Wird mir jetzt erst bewusst. 😀

Oder ist einfach jeder, der über seine Erfahrungen öffentlich Auskunft gibt, Selbstdarsteller? Also auch alle, die in irgendeiner Form etwas öffentlich, also anderen über sich schreiben, erzählen oder zeigen?

Ja, dann sag’ ich doch mal: Gut so! Sonst gäbe es weder Selbsthilfegruppen, noch Foren aller Art, youtube wäre am Arsch und Zuckerberg säße heute in einem verwaschenen, alten selbstgemalten facebook-T-Shirt im Keller irgendeiner Computerfirma, um für irgendwen, irgendwas zu programmieren.

Sicher, das wünschen sich (und ihm) wohl viele, vor allem die, die ihre Macht und eigene (formale) Stellung von “Unwürdigen” untergraben sehen. Im Kleinen, wie im Großen. Kommt mir irgendwie bekannt vor …

Für mich (neben der Befriedigung eigener, narzisstischer Anteile) ist das einer der besten Gründe, genau so weiterzumachen!

Nur: So richtig fühl’ ich mich noch nicht heimisch in meiner neuen Rolle. Ich muss noch mehr trainieren. Wär’ ja irgendwie cool, wenn ich es nach über 40 Jahren als unscheinbares und mäßig attraktives Mauerblümchen, auf dessen Kosten sich sonst immer nur andere die Lorbeeren eingestrichen haben, jetzt mal schaffen würde, als böses, selbstdarstellerisches Ich wahrgenommen zu werden.

Interessant, oder wie Mr. Spock sagen würde: Faszinierend!

Vielleicht wären ein paar Hater oder zumindest noch ein paar abfällige Bemerkungen über meine Person hilfreich, um mir die Orientierung in der neuen Rolle zu erleichtern? Jemand Interesse?

Zurzeit habe ich keine Kopfschmerzen, hätte also Kapazitäten für eine neue Bootcamp-Runde frei!

Aber Vorsicht! Diesmal bin ich vorbereitet, habe mehr von meinen dunklen inneren Anteilen am Licht und in diesem, meinem Blog (= MEIN Machtbereich, MEINNNNN SSSchatzzzz *geifer* he he he) garantiere ich – je nach Tagesform, Lust und Laune – unfaire, maximal verletzende, mega-arrogante, überhebliche Retourkutschen auf allerunterstem Niveau … 😉

046 // Bootcamp „Konfliktangst-Bewältigung“

Die „Moderatorin” einer großen Online-Migräne-Patienten-Community löscht einen von mir eingestellten Link auf mein Blog, den ich Forenregelkonform dort im Vorstellungsthread eingestellt hatte. Das ist ihr gutes Recht und für mich kein Problem. Im Verlauf der kurzen Unterhaltung äußern sie und ein anderer Forenteilnehmer (offenbar mit der Moderatöse bekannt) sich dann etwas abwertend und wenig sachlich über meinen Beitrag und mich persönlich.

Für mich reichte das, um mal wieder eine Extra-Runde im Selbstzweifelkarussel zu drehen und mich zu fragen, was ich jetzt wieder falsch gemacht habe, dass die so garstig zu mir sind.

Zwar habe ich Theorien, aber die würden weniger über mich sagen, als über diese Menschen und hier soll es ja um mich gehen.

Was ist passiert?

Neben einer kurzen Beschreibung  meiner Krankheiten habe ich einen Link auf mein Blog (= meine persönliche Geschichte) im Thread “Mein persönlicher Schmerzverlauf” gesetzt.

Mit dem Hinweis, dass dort auch ein etwas kritischerer Bericht zur Schmerzklinik enthalten ist. Darum geht es in diesem Forum, dachte ich. Vorher hatte ich aufmerksam die Forenregeln studiert, in denen stand, das Forum diene u.a. zum Austausch von Links.

Da ich hin und wieder dort mitgelesen hatte, wurde ich auf einen Thread von einer Frau aufmerksam, die (ebenso wie ich damals) mit vielen Fragen und dem Gedanken “Kiel ist meine letzte Hoffnung” ganz verzweifelt auf ihre Aufnahme dort wartet.

Da ich froh gewesen wäre, wenn man damals meine Hoffnungen nicht so immens hochgeschraubt hätte und jemand authentisch und differenziert über den Aufenthalt dort berichtet hätte, dann wäre mir eine mittlere Enttäuschung erspart geblieben und ich hätte schon vor Ort anders reagieren können, dachte ich.

In der Community-Netiquette steht: “Diese Migräne- und Kopfschmerz-Community mit Gruppenforen wurde eingerichtet, damit Du mit anderen Interessierten Deine Meinungen und Erfahrungen austauschen kannst. Dies soll eine Plattform zur freien und auch kritischen Diskussion sein – in einem offenen, friedlichen und freundlichen Gesprächsklima. Bitte unterstütze dieses Ziel: Diskutiere fair und sachlich – auch wenn es zu unterschiedlichen Meinungen kommen sollte.” [Quelle: www.headbook.me]

Ich weiß nicht, was andere da lesen, aber für mich steht da: Meinungen und Erfahrungen, sowie freie (auch kritische) Diskussion erwünscht, sofern friedlich und freundlich. Da hab’ ich mir nichts vorzuwerfen.  Aber: Soll ich da meine kompletten Texte reinkopieren? Albern. Also der Link.

Das war offenbar falsches, mindestens aber unerwünschtes Verhalten.

Man löscht also diesen Link und schreibt, dass die Forenregeln nach meinem Post jetzt angepasst worden wären. Die seien noch alt gewesen. Jetzt sei das unmissverständlich klar, dass keine Blogs o.ä. verlinkt werden dürfen.

Ok, konnte ich ja nicht wissen.

Vielleicht hätte man das mit der Netiquette auch anpassen sollen, die hat sich zwischenzeitlich wohl auch geändert …

Ich fühle mich im Folgenden jedenfalls vollkommen unangemessen und ungerechtfertigt persönlich angegangen. Ich will weder etwas verkaufen, noch Werbung für obskure Heilmethoden machen. Nur meine Geschichte erzählen.

Sinngemäß hieß es dann “glaubst du, dass man auf Deiner Seite mehr findet als auf unserer?”

Äh, … nein ?! … darum geht es doch gar nicht … ?! Was soll denn DER Scheiß?!

Das hätte ich mal so antworten sollen, aber ich dachte immer noch, is’ doch alles easy, lösch’ halt, was weg soll und gut is’.

Aber, nein, es geht weiter.

Den vollständigen Austausch findet Ihr hier … 

Für den kleinen Ballon, den andere da für mich aufgeblasen haben, müsste ich mich aus PR-Sicht ja eigentlich bedanken (ohne Ende Klicks hier im Blog). Aber die Dankbarkeit überwiegt noch nicht – kommt noch. 😉

Momentan geben sich noch Schreck, Unverständnis und Angst die mentale Klinke in die Hand.

Schreck vor der grundlos überheblich, abwertenden, subtil-aggressiven Grundhaltung mir gegenüber. Unverständnis, ob der Gesamtentwicklung. Angst vor meinen daraus entstandenen inneren Vorgängen und Körpersensationen.

Klar, mit Kritik (auch und vor allem unsachlicher) muss man rechnen, wenn man seine Rübe derart aus’m Fenster hält wie ich hier. Da sind andere schon für weniger als Sau durch’s Dorf getrieben worden. Letztendlich ist es ja auch genau das, was ich brauche und suche, um mit meinen Konfliktängsten und Selbstzweifeln irgendwann besser umgehen zu können. Das sind die Geister, die ich rief.

In diesem Fall trifft es mich nur völlig unvermittelt, weil nicht beabsichtigt und zu spät erkannt.

Willkommen in meinem selbst errichteten Bootcamp der Konfliktangst- und Selbstzweifel-Bewältigung.

Die bisherigen Trainingseinheiten: Eine Panikattacke, mehrere Stunden Herzinfarktangst, zwei Tage Migräne, dick verheulte Augen und das quälende überhebliche Gefühl der Besserwisserei, das in mir aufsteigt, wenn ich sehe, wie PR-taktischer Dilettantismus und mangelnder Anstand guten Grundideen und dem Ansehen des eigenen Stalls schaden.

Ich kann gar nicht fassen, wie unprofessionell man sich im Grunde dort verhalten hat. Immerhin gehört das Forum einer international anerkannten medizinischen Institution. Dass die einfachsten Regeln im Umgang mit unerwünschten Postings nicht befolgt werden, erschüttert mich ehrlich gesagt.

Daran, wie nichtig der Anlass für MEINE Aufregung ist, kann man sehen, wie verzwickt die Sache mit den inneren Vorgängen bei Menschen wie mir sein kann. Was für die meisten “Normalen” nicht einen Gedanken wert wäre, kann Menschen wie mich in den Ausnahmezustand katapultieren.

Jetzt, wo das überstanden ist, macht sich zwar das gute, friedliche Gefühl, alles richtig gemacht zu haben (und dabei nicht gestorben zu sein) breit, aber ob es in Form und Ausmaß notwendig gewesen ist, mir das selbst anzutun? Zumindest fraglich.

Ein Teil von mir ist richtig stinkig auf mich und schimpft fortwährend: Toll, ganz toll hast Du das gemacht. Hätte man nicht ahnen können, was?! Dusselige Kuh!

Fury ist auch eingeschnappt. Lässt sich nach seinem letzten Anfall nicht mehr am Gatter sehen. Hat wohl einfach keinen Bock, sich von mir ärgern zu lassen. Ich brauche drei Tage, um wieder halbwegs auf die Beine zu kommen.

Nicht zuletzt wegen des Zuspruchs einiger Leser, die mich kontaktiert haben, um mir ihre ganz ähnlichen Erfahrungen mit dem Forum zu schildern, kam ich mit den kurzzeitig aufflammenden Selbstzweifeln klar und konnte den Impuls, mein gesamtes Blog zu löschen, unterdrücken. Danke Euch!!!

Die Runde im Bootcamp hat mich ganz schön Energie gekostet. Aber es hat sich gelohnt. Nächstes Mal bin ich besser vorbereitet …

 

045 // Mein Blog

Von der ersten Rentenzahlung kaufe ich mir ein kleines Ultraleicht-Notebook, ein Seitenschläferkissen und meine WordPress-Seite. Jetzt kann ich auch im Liegen schreiben und die eingesprochenen und bereits fertigen Texte, relativ gut nachbearbeiten.

Dann geht es los: Mein Blog wird geboren – noch zeitversetzt, aber die Synchronizität ist greifbar nah. 🙂

Erst quäle ich mich rum mit diesem Entschluss, bekomme aber das Gefühl des Richtigseins nicht aus dem Kopf. Die Dinge müssen raus, ich muss sichtbar werden, so wie ich bin. Bisher habe ich (außer auf meinem facebook-Profil) es immer vermieden, mein Gesicht irgendwo im Internet zu verbreiten. Ich bin nicht wichtig, habe ich gelernt. Bedeutungslos, unerwünscht und ohne Relevanz.

Damit ist jetzt Schluss. Jetzt bekommen andere innere Anteile ihre Chance.

Ich will das. Ich brauch’ das. Es müssen Punkte hinter so viele Geschichten gemacht werden. Auf dem Bildschirm und im realen Leben.

Es gibt für mich keinen leichten, versteckten Weg – das hab’ ich schon gelernt.

Ich habe einige doofe Krankheiten, die mich mittlerweile zum Behinderten gemacht haben, aber es gibt mehr als die Angst, die Panik, die Verzweiflung und die Schmerzen. Das will ich sagen und zeigen. Ich bin ein Mensch wie alle anderen. Es gibt keinen objektiv plausiblen Grund, warum ich mich nicht zeigen sollte.

Ich bin es auch einfach leid, mich zu verstecken, ich bin es leid, nach innen zu leiden.

Wenn ich irgendwann wieder in Balance kommen will, muss ich jetzt erst mal ein Stück „nach außen leiden“, ob mir das gefällt oder nicht – ob das anderen gefällt oder nicht.

Über mich (mit einem Riesen-Foto dazu) schreibe ich schließlich:

BÄM! [wegen des Fotos :-)]

So klein, unbedeutsam und schwach wie ich mich meistens fühle, so großkopfert, wichtig und hilfreich muten manche meiner Ideen an. Das hab’ ich eingesehen, integriert und jetzt blogge ich.

Ich befolge damit sogar einen ärztlichen Rat. OK, er hat von Buch gesprochen, aber Blog is’ ok, oder Doktor F.? 😉

Ich weiß, dass das alles andere als schön für mich wird. Ich werde mich über mein Arbeitstempo, meine Orthografie, meinen Output und die schreckliche Angst vor Konflikt und Kontrollverlust ärgern. Geht schon los … aber das ist ok.

Trotz allem habe ich das Gefühl (immerhin hab’ ich mittlerweile sowas), dass dies der einzige Weg für mich ist, den ich noch eigenständig gehen kann. Den ich gehen WILL! Obwohl etwas in mir mich permanent anschreit: „Bist du noch zu retten? Was geht das die Leute an? Was glaubst du, wer du bist? Die werden wohl alle grad auf dich gewartet haben. Deinen Kram interessiert doch niemanden. Guck, mal, jetzt macht’se auf Blogger … usw. usf.”

Nein, auf mich wartet keiner und interessieren tut sich auch keiner. Jedenfalls keiner, von denen ich das erwartet hätte. Wie weit mein Schicksal anderen am Arsch vorbei geht, weiß ich jetzt. Und das ist gut so. Ich lerne.

Was ich bereits gelernt habe, ist, dass ich mich nicht darüber beschweren darf, dass mich niemand sieht, wenn ich mich nicht zeige. Also bitte sehr. Hier bin ich: myyzilla – die winzigkleine Königin der riesengroßen Monster.

“myy”: gesprochen mü= (µ) = winzig klein + “zilla” von Godzilla = König(in) der MonsterMein Alter-Ego mit dem schönen Namen erblickte fast unbemerkt zwischen Befundkopien für’s Versorgungsamt und diversen Krankenkassen-Formularen irgendwann im Frühjahr des Jahres 2016 das Licht der Welt, als ich grade knapp eine ambulante ganztägige Reha überlebt hatte. „Überlebt“ ist natürlich maßlos übertrieben. Meine Krankheiten sind alle nicht unmittelbar lebensbedrohlich. Sie fühlen sich nur so an.

Zu diesem Zeitpunkt entwickelte ich also eine Ahnung davon, dass das größtenteils unfreiwillig angesammelte Wissen über Krankheiten, Sozialversicherungs- und arbeitsrechtliche Schmankerln und unser Gesundheitssystem irgendwann mal raus will. Raus muss.

Jetzt ist es soweit.

Engage!

(bitte jetzt die typische Gestik und entschlossenen Gesichtsausdruck von Captain Jean-Luc Picard vom Raumschiff Enterprise in StarTrek vorstellen. Für alle “nicht-Trekkies” gibt es hier ein Video… )

myyzilla

 

044 // Der Mann, der mich Affenmädchen nennt

Je mehr ich der Radikalen Erlaubnis folgend, alle inneren Anteile erlaube, desto mehr negative Gefühle und Ideen ploppen bei mir ungebremst hoch. Das erschreckt mich manchmal. Mit „Ideen“ meine ich nicht solche Sachen, wie unvermittelt Hotelzimmer-Schlüssel ins Meer werfen oder so, wie wir alle sie kennen. (Kennen wir doch, oder? ;-))

Nein, ich habe richtig wilde, aggressive, zerstörerische – schlicht sadistische Gedanken. Und damit meine ich nicht die nett gemeinten Streichel-Hiebe eines verantwortungsvoll zur Tat schreitenden, einvernehmlichen Sadomasochisten – nein. Ich denke so richtig fiese Sachen. Ohne Codewörter und komplett non consensual. Einfach gruselig. Erschwerend kommt hinzu, dass ich als alter Splatter-Fan auch auf einen enormen Pool von bereits fertigen Szenen zurückgreifen kann, die von mir nur noch abgewandelt und perfektioniert werden müssen. Ich mache mir ein bisschen Sorgen.

Mein Psychotherapeut versichert mir, dass Zwangsgedanken statistisch gesehen nur in den allerseltensten Fällen tatsächlich umgesetzt werden und nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen, die bei mir nicht gegeben seien. Das beruhigt mich ein bisschen. Auf Zahlen kann ich mich verlassen. Die bleiben was sie sind.

Ich denke darüber nach, diese fiesen Ideen aufzuschreiben. So wie Bret Easton Ellis. Mit American Psycho hat er alles rausgelassen und verdient damit noch Geld – noch lebt er auch. Ganz gut, glaube ich. Oder Jörg Buttgereit. Der Splatter-Regisseur erzählte in einem Interview, dass er mit seinen Filmen, wie Nekromantik, lediglich einen Weg sieht, mit seinen größten Ängsten klarzukommen. Er hat offenbar auch ein paar wirsche Ideen und ist ansonsten ein netter ausgeglichener Typ … glaube ich … äh … kennt ihn jemand persönlich? 😉

Mein Mann

Meine Mann ist auch so einer. Wenn ihn etwas oder jemand ärgert, lässt er seinen kruden Phantasien (verbal) freien Lauf, zumindest wenn wir unter uns sind. Wenn er es aufschriebe, schwämme er im Geld oder säße im Knast – da bin ich ziemlich sicher. Er kann aus einer unergründlichen Quelle von erdachten Grausamkeiten schöpfen und tut dies, mit dem Effekt einer inneren Zufriedenheit, die ihres Gleichen sucht. Ich habe viel gelernt von ihm.

Das Geheimnis unserer Beziehung

Ein Geheimnis unserer wirklich guten Beziehung ist vor allem unsere radikale Offenheit. Inklusive Schimpftiraden, Geringschätzigkeitsäußerungen und Unmutsbekundungen dem anderen gegenüber, und zwar sofort und unmittelbar, wann sie in uns wach werden. Streit gibt es bei uns dagegen fast nie. Es staut sich einfach nicht genug an, aus dem man etwas Handfestes vom Zaun brechen könnte. Wenn ich ihn doof finde, sag’ ich: „Du bist doof.“ Wenn er mich nervig findet, sagte er: „Du nervst.“ Ich sage: „Blödmann.“ Er sagt: „Affenmädchen.“ Ich sage: „Hau ab, ich kann dich grad’ nich’ leiden.“ – Er sagt. „Geh weg, Frau!“

Das klingt für manche vielleicht befremdlich, spricht man doch immer davon, wie wichtig der Respekt voreinander sei. Ja, das sehe ich auch so. Aber ich habe nicht eine einzige Sekunde in meiner Beziehung das Gefühl, dass uns der Respekt flöten geht …  Außer, wenn Herr Unflat mal wieder jeden seiner unerträglich stinkenden Fürze feiert wie den Geburtstag der Queen. 😉

Zurück zum Thema: Wer aus falsch verstandenem Respekt schweigt, generiert damit nur Probleme, Missverständnisse, Misstrauen und Unsicherheit, weil er dem anderen die Möglichkeit nimmt, sich in ihm zu finden. Deshalb reden wir lieber.

Pudding on demand

So sind wir uns aber auch nicht zu schade, unsere positiven Gefühle füreinander zum Ausdruck zu bringen. In Wort und Tat. Wobei er mir da in Ermangelung der notwendigen Energiereserven zurzeit eindeutig die Show stiehlt. Das macht mir manchmal ein schlechtes Gewissen, was aber nicht nötig sei, mir aber dennoch das Leben erschwert, was aber wirklich nicht nötig sei, und mir trotzdem auf der Seele liegt – unnötigerweise – sagt er.

Zu Mandelentzündungszeiten konnte ich beispielsweise auf einen besonderen Service zurückgreifen: Puddingsuppe on demand – in allen erdenklichen Varianten und mit liebevollen Garnierungen, kochend heiß, lauwarm oder erkaltet je nach Wunsch ans Bett geliefert.

So geht Liebe. 🙂

Oh, ich höre grade eine Stimme in mir, die sagt: „Typischer Fall von sekundärem Krankheitsgewinn.“ 😀

Na, und?

In unserer Familie soll jeder so sein dürfen, wie er ist und fühlen dürfen, was er fühlt – ohne Einschränkung.

Etwa einmal im Monat oder nach Bedarf setzen wir uns deshalb auch zusammen und jeder sagt dem anderen, was er an ihm nicht mag. Ohne Kommentar, Rechtfertigung oder Beleidigtsein. Wir halten das zusammen aus. Auch mein Sohn ist da mit von der Partie. In der zweiten Runde sagen wir uns dann, was wir besonders gern mögen. Das ist immer viel mehr.

Ein Grundsatz, den ich auch in meiner Erziehung vertrete, ist kurz gesagt das sozialverträgliche die Sau-raus-lassen.

Gut funktioniert das auch mit unserer Auto-Regel: Wenn niemand anderer dabei ist, sind bei uns im Auto auch Schimpfwörter erlaubt. Da lassen wir verbal alles raus. Wenn es nötig ist, dürfen wir die uns auch untereinander an den Kopf knallen. Wenn wir aus dem Auto steigen, gilt dann wieder das normale Regelwerk für draußen – lieb haben wir uns trotzdem.

Das klappt hervorragend und ich garantiere, dass mein Sohn niemals das Gefühl haben wird, dass negative Gefühle bei mir nicht erlaubt sind und zu Liebesentzug führen. Er wird genug andere Hürden in seinem Leben überwinden müssen und mich für andere Dinge hassen – das ist schwer auszuhalten für mich, aber nicht zu ändern.

Projektionsgefahr

Als Mutter mit traumatischen Erfahrungen darf ich nicht den Fehler machen, mein verkorkstes Kinderleben auf mein Kind zu projizieren. Das wäre weder ihm noch mir selbst gegenüber fair. Er ist eine eigenständige Person mit vollkommen anderen Rahmenbedingungen. Das nicht nur zu wissen, sondern auch zu fühlen, ist ein großer, schmerzhafter, sehr heilsamer Schritt, den ich dankenswerterweise schon geschafft habe.

Die Projektionsimpulse gibt es immer wieder, aber ich kann sie wahrnehmen und so sein lassen. Wenn es gut läuft, beschäftige ich mich mit ihnen neutral bis neugierig interessiert. Meist bin ich nach einer Begegnung mit der Projektion innerlich versöhnt und nehme deutlicher als früher die Grenzen meiner Person wahr.

Wenn es schlecht läuft, zieht es mich mit Haut und Haar in den Abgrund der Angst und Verzweiflung und ich brauche etwas länger, um mich wieder zu sortieren.

Als Projektions-Warner macht sich auch mein Mann ganz gut, wenn er nicht grade den Auftritt der königlichen Garde und den Aufstieg der Royale AirForce zelebriert … ;-P

*** Mein Kommentar zur NRW-Wahl ***

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043 // Krankheitsgewinn III – jetzt mal konkret

Als Rentner auf Zeit, stehe ich weniger unter Druck, zu irgendwelchen Terminen zu kommen, Formulare auszufüllen und meine Krankheiten zu dokumentieren. Das ist ein großer Gewinn! Zumindest im Vergleich zu vorher. Im Vergleich zum Gesunden: Kein Unterschied. Der muss das alles auch nicht.

Aber ich will’s immernoch wissen. Wo ist mein Gewinn?

Bei Wikipedia heißt es:

Sobald ein Mensch die Rolle des Kranken einnimmt, kann er in der europäischen Kultur in der Regel davon ausgehen,

  1. von Alltagspflichten entbunden zu werden,
  2. Anteilnahme / Mitleid / Mitgefühl zu erfahren und/oder
  3. von seiner Umwelt schonend behandelt zu werden.
  4. wirtschaftliche Unterstützung von Sozialversicherungsträgern zu bekommen; der Kranke wird dadurch teilweise oder ganz von der eigenen Erwerbsarbeit entbunden.

 

Zu These 1:

„Kranke werden von Alltagspflichten entbunden“

Je nach Krankheit und vor allem je nach Persönlichkeitsstruktur KANN so was ein Gewinn sein – MUSS aber nicht!

Fakt: Wenn mir beide Beine amputiert wurden, kann ich davon ausgehen, dass ich den Müll nicht mehr runter bringen muss. Müll runter bringen macht keiner gerne.

Ist das jetzt ein Gewinn für den Beinamputierten? Freut der sich, dass er von dieser Alltagspflicht entbunden ist? Die meisten werden jetzt sicher schreien: So’n Quatsch, der arme Beinamputierte! (schöne Begriff-Kombination fällt mir grade auf ;-)) Der würde doch viel lieber seine Beine wiederhaben, der würd’ doch gerne den Müll runterbringen, anstatt in seinem Rollstuhl zu sitzen und sich mit Phantomschmerzen zu plagen.

Wenn der Schmerzpatient mit Fibromyalgie den Müll nicht mehr runterbringen kann, dann schreien alle „Krankheitsgewinn“!

Wo ist da die Logik? Was soll das?

Das kann man jetzt endlos mit verschiedenen Krankheiten weiterspielen. Ich gucke mal auf mich:

Irgendwie sehe ich hier nichts, was sich von alleine regelt. Ich habe weder Geschwister noch Familienangehörige, noch Freunde oder Nachbarn (*lol*), die hier mal eben einspringen und mir irgendwas abnehmen. Mein Badezimmer und andere Räume bleiben so lange dreckig, bis ich alle paar Wochen oder Monate mal so gut drauf bin, dass ich auf allen Vieren mit ein paar Feuchttüchern das Schlimmste wegwischen kann. Ich schäme mich für den Zustand meiner Wohnung. Die Blicke und Kommentare von Schwiegermutter und Co. halte ich aus bis sie wieder nach hause gehen. Dann wird geheult.

„Kann der Mann das nicht machen?“, fragen jetzt viele. Nein, der Mann übernimmt das nicht. Das ist keine Kritik, sondern Fakt. Er ist berufsbedingt zwölf Stunden aus dem Haus. Wie immer schon, geht er einkaufen, kocht und kümmert sich um den „Außendienst“ – so wie es in vielen Familien läuft. Seit ich es nicht mehr kann, bringt er häufiger die Wäsche runter und wieder rauf. Er räumt öfter als früher das Geschirr in die Spülmaschine. Wenn ich ihn darum bitte, saugt er auch mal Staub. Wenn meine Mutter kommt (ca. 2-3 Mal im Jahr), putzt sie meine Fenster, den Hausflur, das Badezimmer und die Küche. Das war aber schon immer so – auch ohne Krankheit – wie in vielen Familien, die ich kenne.

Also, Summe Krankheitsgewinn zu 1: weniger Wäsche runterbringen / raufholen, weniger oft Geschirrspüler einräumen, kaum noch Einkaufen gehen.

Wirklich ein Gewinn?

Wenn ich arbeiten könnte, würde ich eine Putzkraft engagieren, dann wäre alles sauber und ordentlich und wir hätten mehr Zeit füreinander. Und: Ich würde die Wirtschaft ankurbeln. Das wäre ein Gewinn für alle.

Abgesehen davon: Andere finden das vielleicht toll, wenn sie dauernd den Arsch nachgetragen kriegen. Ich nicht. Ich leide darunter. Und zwar richtig. Das ist ein Teil meiner Persönlichkeit, von dem ich noch nicht weiß, wie pathologisch er ist.

Ich war immer eine extrem selbständige Person – und das war ich gerne und nicht ohne Stolz. „Geht nicht gibt’s nicht“, war meine Devise. Was ich nicht selber kann, kann ich lernen. Es ist nicht alles schlecht, was John Wayne, pardon: mein Vater 😉 mich gelehrt hat.

Was ich körperlich nicht schaffte, habe ich mit Technik ausgeglichen. Wenn meine Wand ein Loch hatte, fuhr ich in den Baumarkt, holte mir ‘nen 25kg Sack Rotband und verputzte das. Wenn ich eine Schrankwand anheben musste, um einen neuen Teppich zu verlegen, gab es Hebel und Rollbretter. Man muss nur wollen. Ich brauchte niemanden und war am Ende immer stolz auf das, was ich geschafft hatte. Um Hilfe fragte ich nur im äußersten Notfall. Ich krabbelte auch auf allen Vieren die Treppe hoch, wenn mir die Knie weh taten. Das geht auch. Hauptsache es läuft alles irgendwie weiter. Das ist in diesem Ausmaß nicht richtig – das weiß ich mittlerweile, aber die Selbständigkeit machte mich aus. Ich kenne mich mit vielem aus, weiß für fast alles eine Lösung und früher konnte ich auch die Umsetzung meistens selbst übernehmen. Da tut es weh und ist kein Gewinn, wenn davon nichts mehr übrig ist.

Für andere (vor allem Frauen) ist es vielleicht normal, wenn sie für jeden Pups ihren Mann rufen, für mich ist das Erniedrigung, Abwertung, Schwäche und Hilflosigkeit und somit vor allem eins: kein Gewinn.

Ich leide darunter, wenn ich allen nur noch Klotz am Bein bin – selbst wenn ICH es nur so empfinde. Nicht mal ein paar Schrauben kriege ich in die Wand. Für jeden Scheiß muss ich jemanden um Hilfe bitten. Da lass ich es lieber ganz. Das damit verbundene Chaos und der Verfall, die vielen nicht umsetzbaren Ideen setzen mich weiter unter Druck. Das wird zwar langsam besser, aber schön ist das immer noch nicht. Meine wunderschöne Schlagbohrmaschine, die ich mir nach der Trennung von meinem ersten Mann zur Belohnung gekauft hatte, liegt in ihrem Futteral. Und liegt … und liegt … und liegt … aber sie zu verschenken, bringe ich (noch) nicht über’s Herz, vielleicht wird’s ja mal wieder was mit uns …

Also mit der Bohrmaschine nicht mit dem Ex-Mann! ;-D

Zu These 2:

„Anteilnahme und Mitgefühl“

Wer? Wo? Wann? Woher sollte das kommen? Ich hab’ doch nie was gesagt. Hier war und ist niemand, der mich bemitleidet. Krank bin ich trotzdem. Wirklich nachvollziehen kann meine Situation sowieso nur jemand, der ähnliches erlebt hat. Mittlerweile würde ich mich zwar freuen, wenn mal jemand ehrlich sagt: „Mensch, das tut mir leid, dass es dir so geht“, aber wie oft kommt das vor? Wenn ich früher mal was gesagt habe, hieß es in meinem Umfeld entweder „krank mit Ansage“ oder „die hat keinen Bock“, oder „jammer nich’“ – so sah mein Mitgefühl aus.

Jetzt habe ich kaum noch Sozialkontakte. Deren Mitleid ist mir eher unangenehm. Mein inneres Programm lief so, dass es streckenweise für mich sogar schlimm war, wenn mir jemand „Gute Besserung!“ gewünscht hat. Das hat mir ein schlechtes Gewissen gemacht, weil es mich mit einer „Genesungserwartung“ konfrontiert hat, die ich nicht erfüllen konnte. Ich habe darunter gelitten. Das ist kein Gewinn. Das ist einfach nur krank.

Am meisten hilft mir persönlich, eben nicht als Krüppelchen gesehen zu werden. Die Menschen, die mit mir lachen, die mich noch als vollwertigen Menschen anerkennen und sich mit mir über meine Gebrechen lustig machen, tragen mich damit durch die schlimmen Zeiten. Die, die mir trotzdem das Gefühl geben, gebraucht zu werden und nicht nutzlos zu sein – das ist mein Gewinn. Diese Menschen habe ich aber schon vor den Diagnosen gehabt und ich bin ihnen unendlich dankbar.

Ob jemand Anteilnahme und Mitgefühl von anderen als Gewinn empfindet, hängt eben von vielen – vor allem persönlichen – Faktoren ab. Ich kenne auch Menschen, die brauchen das Mitleid und die Anteilnahme anderer, um sich wichtig zu fühlen. Ich gehöre nicht dazu. Mir hat man beigebracht, dass es Anerkennung und Aufmerksamkeit – „Liebe“ – nur bei Leistung gibt. Das kann man nicht einfach aus einer Person löschen. Ich konnte mich nur ehrlich freuen, wenn jemand meine sichtbar, objektiv vorhandenen Erfolge lobte.

Halt: Etwas habe ich vergessen. Nach ca. 2 Jahren Krankheit hat jetzt auch meine Mutter kapiert, dass das schlimm ist, was ich habe. Dieses Mitgefühl sehe ich aber eindeutig als Gewinn für sie – mir bringt das nichts mehr – für mich hat das im Grunde keine Bedeutung mehr. Ich nehme es zur Kenntnis und finde es erstaunlich. Da wir uns nur ein paar Mal im Jahr sehen, ändert das für meinen Alltag nichts.

Bei meinem Vater bin ich mir nicht sicher, ob der noch irgendwas merkt. Die Schmerzen, die man nach der Venen-OP hat (also mein subjektiv kleinstes Problem), stufte er aus eigener Erfahrung als schlimm ein. „Ouh. Ja, das tut weh“, waren seine Worte. Die Bilder von der Zwerchfell-OP fand er auch beeindruckend. „Ouh“, sagte er. Da kann man sich schon was drauf einbilden, wenn er „Ouh“ sagt. ;-D

Die ganze Psycho-Scheiße existiert für jemanden wie ihn nicht. Wenn es einem für ihn nachvollziehbar, emotional schlecht geht (also eventuell beim Tod eines Elternteils), hat der maximal „’nen Moralischen“.

These 3:

„Von der Umwelt schonend behandelt werden“

Ich lach’ mich tot.
Wie ein Blick in diverse Blogs, Foren und Leserbriefe zeigt, bin ich nicht die einzige, die aufgrund von häufigen Fehltagen im Job gemobbt und als Verpisser gehandelt wurde. Die Berichte von Betroffenen summieren sich. Kein Schwein interessiert sich dafür, wie es den anderen geht, wenn alle unter Druck stehen. Die sind doch alle froh, wenn sie einen haben, der nicht da ist. Der isses dann gewesen – da haben doch alle was davon und jeder ist nur noch froh, dass er’s nicht ist, der da belästert wird.

Ämter und Behörden nehmen null Rücksicht auf irgendwas. Du hast zu funktionieren. Pünktlich deine Anträge einzureichen und zu Terminen zu erscheinen, wie es vorgegeben ist. Was dieses System vor allem psychisch Kranken antut, ist die reinste Körperverletzung – mindestens fahrlässige, wenn nicht gar vorsätzliche. Wenn ich mir amtsärztliche Praktiken anschaue, wird mir schlecht vor Wut: Da sitzen Ärzte, die um die Mechanismen und Folgen ihrer „Urteile“ wissen. Die wissen ganz genau, was ihre „Gutachten“, die sie in vielen Fällen ohne ein persönliches Gespräch mit dem Kranken erstellt haben, in jemandem mit Depressionen, Angst oder anderen Erkrankungen auslösen können – und trotzdem bescheinigen sie wer weiß was für Leistungsfähigkeiten oder Heilungschancen. Eiskalt berechnend, um möglichst viele, die sich nicht (mehr) wehren können, in die unterste Stufe des Sozialsystems zu packen: HartzIV. Wer etwas anderes behauptet, hat keine Ahnung, was in diesem System abläuft.

Kein Mensch nimmt Rücksicht. Vielleicht ist das anders, wenn Krankheiten sichtbarer sind. Aber soll ich mir meine OP-Bilder und den Behindertenausweis um den Hals hängen? Vielleicht auf’s T-Shirt drucken? (Memo an mich: T-Shirt-Idee später noch mal aufgreifen. ;-))

„Ja, und?“, werden die meisten dann sagen. Gibt Schlimmeres. Jammer nich’ rum, Wichtigtuer oder bekloppt heißt das dann.

These 4:

„Leistungen der Sozialversicherungsträger“

Vorweg: Mir geht’s finanziell vergleichsweise gut. Wir leben in Deutschland, da muss keiner verhungern. Klarer Fall. Trotzdem will mir nicht einleuchten, wo da ein Gewinn ist, wenn ich 400,- Euro weniger im Monat habe als zu „Arbeitszeiten“ (in Teilzeit). Dann gehen noch ca. 200,- Euro jeden Monat für Therapien, Zuzahlungen und Medikamente runter, unter anderem, weil nicht alles, was wichtig ist für mich (z.B. Magnesium, Vitamin B2), von unseren Krankenkassen übernommen wird, aufgrund von Budgetierung nicht mehr von Ärzten im notwendigen Umfang verschrieben wird (z.B. Krankengymnastik) oder aufgrund von geeigneten Therapieplatzmangel zur Verfügung steht (Psychotherapie).

Ich habe großes Glück, dass ich während meines Studiums viel gearbeitet hatte. Zu Studienzeiten hatte ich einen gut bezahlten, rentenversicherungspflichtigen Job. Danach konnte ich lückenlos in die Rentenkasse einzahlen und bekomme sogar noch etwas aus der Pensionskasse meines letzten Arbeitgebers. Auch die Teilzeitarbeit, während mein Sohn in den Kindergarten ging, kommt mir zu Gute. Deshalb will ich mich über meine Einkünfte nicht lauthals beschweren.

ABER:

Die Realität für die meisten anderen Erwerbsminderungsrentner sieht anders aus:

Eine erwerbsgeminderte Frau in Westdeutschland bekam 2015 durchschnittlich 640,- Euro!

(Quelle: http://www.sozialpolitik-aktuell.de/tl_files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Alter-Rente/Datensammlung/PDF-Dateien/abbVIII47.pdf)

Das ist doch keine soziale Absicherung, das ist der absolute Ruin!
Meistens für die ganze Familie!

Eine Kranker in der Bedarfsgemeinschaft reißt ja alle mit. Nicht nur finanziell, auch mental: Mein Mann steht jetzt auch viel mehr unter Druck als vorher. Er muss durchhalten, sonst sind wir komplett ruiniert.

OK, es gibt Frauen, deren Lebensmodell genau DAS vorsieht: Einen Mann, der bis zum Umfallen für Madame und ihre Mätzchen ackern geht und kurz nach Renteneintritt abdankt, um die Bahn frei zu machen für ihr „richtiges Leben in Freiheit“.

Das ist hier nicht so. Ich habe jeden Tag, wenn der Wecker um 4:30 Uhr geht, ein schlechtes Gewissen. Mein Mann muss los, ich kann (oder muss) liegen bleiben. Das finden andere vielleicht schön – ich nicht. Früher hat er mir jeden Morgen vor der Arbeit einen Espresso ans Bett gebracht und wir haben uns kurz unterhalten, DAS war schön. Heute vertrage ich keinen Espresso in der Früh mehr und ich bin froh, wenn ich um halb fünf wieder für ‘ne Stunde einnicken kann, nachdem ich seit 3 Uhr wachgelegen habe.

Nun, ich persönlich habe die Hoffnung, dass das für mich nicht das Ende der Fahnenstange ist. Mit ein bisschen Glück, bin ich irgendwann wieder so weit, dass ich wieder arbeiten kann und finanziell zumindest etwas wieder „aufholen“ kann. Andernfalls kann ich nur hoffen, dass mein Sohn doch noch recht dumm gerät, damit er nicht so lange zur Schule gehen möchte, denn das werde ich so nicht finanzieren können.

Sämtliche Ideen zur Altersvorsorge und Absicherung meines Sohnes stehen mit meiner Erwerbsminderungsrente auf der Kippe. Eine Lebensversicherung, die ihn nach meinem Ableben absichern würde, nimmt mich schon lange nicht mehr.

Ich sehe jeden Tag im Spiegel einen Total-Versager, der es nicht schafft, mit seinem Kind schwimmen zu gehen, oder regelmäßig beim Elternabend zu erscheinen. Geschweige denn, seine Zukunft abzusichern. Ich fühle mich wie ein Betrüger und schäme mich für meine Unfähigkeit.

Das ist kein Gewinn! Das ist Scheiße!

042 // Labil aber kontrolliert …

Drei Tage vor einem Termin beim Arbeitsamt, bei dem über meine Leistungsfähigkeit und -bereitschaft gesprochen werden soll, liegt ein großer Briefumschlag von der Deutschen Rentenversicherung im Briefkasten.

Ich reiß das Ding mit 200 Puls auf und lese:

“Ihre Rente wegen voller Erwerbsminderung rückwirkend bla bla … bla bla in Höhe von bla bla bla…”

Mir knicken die Beine weg und ich sitze mit den Unterschenkeln nach außen gebogen auf dem Wohnzimmer-Teppich, an der gleichen Stelle, an der ich neulich über den Resten meiner beruflichen Existenz gejammert hatte.

Die Kindererziehungszeit, mein Studium und der rentenversicherungspflichtige Studentenjob von vor 20 Jahren haben mir tatsächlich noch etwas in den Rententopf gespült. So bekomme ich 300 Euro mehr als auf dem letzten Rentenauszug. Damit hab’ ich nicht gerechnet. Das sind immerhin etwa 100 Euro mehr als die Armutsgrenze! Ich kann es gar nicht fassen. Wir sind gerettet!

Ich hatte meinem Sohn schon bei Antragsabgabe erklärt, dass wir bald wirklich überhaupt kein Geld mehr für besondere Sachen haben und vieles aufgeben müssen. Er nahm es erst mal gelassen und bot mir sein Sparschwein an, was ich dankend und mit Tränen in den Augen ablehnte – so schlimm sei es nicht, was glatt gelogen war, um ihn nicht zu sehr zu beunruhigen.

Freiheit will gelernt sein

Dann passiert etwas Seltsames: Anstatt hüpfend und singend vor Glück (schließlich ist die Rente ja einigen Autoren zu Folge ein großer Krankheitsgewinn!) durch die nächsten Tage zu tingeln, breche ich komplett zusammen. Es folgen zwei volle Wochen Migräne, wochenlang Schmerzen, totale Verzweiflung, Selbsthass, Versagensgefühle. Der existenzielle Druck, das „Nicht wissen wie’s weitergeht“ und das Warten hatten mich offenbar in einer Art Gerüst gehalten – von außen mit Schraubzwingen unbeweglich gemacht. Jetzt hatte jemand die Schrauben gelöst. Ich habe das Gefühl, als ginge unter mir eine Falltür auf und ich spüre, wie ich falle. Frei. Ohne die Zwangsjacke und die Stromstöße, die mir unser „Sozialsystem“ verpasst hatte, fehlt jetzt erst mal jeder Halt.

„Freiheit will gelernt sein“, sagt mein Osteopath, als ich ihm von diesem Gefühl, des haltlosen Zusammenbruchs erzähle. Ja, ich muss noch viel lernen.

Doris

Etwas später bekomme ich das Gutachten zugeschickt. Jetzt bin ich aber mal gespannt, wie die kleine Sezierstunde aus der anderen Perspektive verlaufen war:

Ich bin überrascht. Das Gutachten schildert die Situation exakt so, wie ich sie in Erinnerung habe. Bis auf die Tatsache, dass ich auf dem Deckblatt mit Vornamen „Doris“ genannt werde 😀

Doris sei im Affekt labil, aber kontrolliert. Bewusstseinsklar und allseits orientiert. Antrieb gesteigert mit starker Anspannung, die kontrolliert wird. Sie wirkt monoton und starr. Wiederholt kann sie Tränen nicht unterdrücken. Die Stimmung ist ängstlich, depressiv und ratlos besorgt, lese ich.

Ja, unsere Doris, ts 🙂 … sie ist stets bemüht, wenn innen das Chaos tobt …

Auch alles andere fasst der Arzt so zusammen, wie es war. Mein Eindruck hatte also nicht getäuscht: Der wollte mir gar nichts Böses. Ich kann mich wirklich nicht erinnern, welcher Facharzt sich so sachlich-fachlich interessiert, unvoreingenommen und ausführlich mit mir befasst hat. Natürlich weiß ich, dass das im normalen Praxisalltag auch selten möglich ist, sich eineinhalb Stunden plus Lektüre der Vorbefunde mit einem Patienten zu beschäftigen. Dafür hat niemand Zeit, auch wenn es dringend nötig wäre, sie zu haben.

Was ich mich nach dieser Erfahrung aber mal wieder frage: Warum schafft es ein völlig fremder Arzt auf Grundlage von ein paar Befunden und einem Gespräch, meine Krankengeschichte von Geburt an korrekt zu erfassen, auf meine Einlassungen sofort professionell zu reagieren und anschließend ein fachlich-sachlich korrektes Gutachten (ok, bis auf den Vornamen – kann ja mal passieren ;-)) zu erstellen und andere in Jahren nicht?

Es ist offenbar doch kein Hexenwerk, einen Patienten innerhalb eines gewissen Zeitraumes kennen zu lernen und zumindest eine vernünftige IST-Analyse seiner Beschwerden vorzunehmen.

Das macht wieder Hoffnung. Hoffnung, doch noch irgendwann auf einen Facharzt zu treffen, der Willens und in der Lage ist, seinen Job vernünftig zu machen, ohne mir noch mehr Leid zuzufügen.

Taupe, Taupe, Taupe

So „versöhnt“ will ich es dann einige Wochen später wissen: Wie geht Rentner-Sein?

Ich experimentiere: Schalte morgens um 9 Uhr den Fernseher ein. Steuere zielsicher den Einkaufssender HSE 24 an – meine Omma hat sich das angeguckt, aber sie hat nie was bestellt. „Könn’se selber kaufen“, hat sie immer gesagt.

Heute werden Hosen vorgestellt. In Dunkelblau und (Achtung, O-Ton!) „lebensbejahendem Taupe“. Judith Williams präsentiert ein zauberhaftes Twinset in der „Trendfarbe“ Taupe und ein Cardigan mit Blütenmuster-Stickerei für nur 69,98 Euro. „Taupe, Taupe, Taupe“, begeistert sich Frau Williams weiter.

Für mich liegt Taupe nicht nur phonetisch verdammt nah an Tod. Meine Spracherkennungssoftware sieht das genauso:

„Heute werden Hosen vorgestellt in dunkelblau und Achtung O-Ton lebensbejahend im Tod Judith Williams präsentiert ein zauberhaftes Twinset in der Trendfarbe Tod und ein Cardigan mit Blütenmusterstickerei für nur 6998 Tod Tod Tod begeistert sich Frau Williams weiter“

Lachen oder weinen? Ich weiß noch nicht.

Ich bestelle nichts, könn’se selber kaufen! ;-D

041 // Krankheitsgewinn II – Sekundär oder doch eher trivial?

Laut Wikipedia steht der sekundäre Krankheitsgewinn (äußerer Krankheitsgewinn) für die objektiven und/oder subjektiven Vorteile, die ein (tatsächlich oder vermeintlich) Kranker aus seiner Krankheit bzw. die ein Patient aus seiner Diagnose zieht.

Wann immer ich von diesem ominösen Krankheitsgewinn lese oder höre, krampfen sich diverse Teile in mir zusammen.

Die einen sagen: „Ja, weil die Recht haben!“
Die anderen sagen: „Nein, das stimmt nicht!“
Dann gibt es meinen Verstand, der sagt: „Das kann man doch so alles gar nicht sagen! Das ist zu pauschal, das ist zu undifferenziert. Die Begriffe, die verwendet werden, sind zu ungenau. Das ist doch individuell vollkommen anders zu betrachten!“

Ja, das ist es, was mich umtreibt.

Das unreflektierte Gesabbel vom sekundären Krankheitsgewinn aus dem Elfenbeinturm der Nichtbetroffenheit und des Desinteresses, bei dem anhand von Diagnoseschlüsseln über Motivation und Verhalten von Menschen geurteilt wird. Es macht mich wütend, wenn in diesem Pauschalisierungswahn so getan wird, als wisse man Bescheid, was bei einer Familie und in den Betroffenen abläuft, sobald eine Diagnose in der Krankenakte steht, zumal ja noch nicht mal immer geklärt ist, ob das denn alles so stimmt mit diesen Diagnoseschlüsseln.

Ganz wichtig: Ich bestreite nicht, dass es krankheitserhaltende Faktoren auf mehreren Ebenen gibt. Ich erwarte von Ärzten und Mitmenschen nur eine unvoreingenommene, individuelle Draufsicht, die im Austausch mit dem Kranken diese eventuell bestehenden krankheitserhaltenden Faktoren aufzuzeigen hilft, um dann zu schauen, welche man vielleicht auflösen kann und welche vielleicht (noch) nicht aufzulösen sind.

Mein Eindruck: Das Argument des sekundären Krankheitsgewinns wird heute oft als Erklärung für erfolglose Therapien von wenig erfolgreich behandelnden Ärzten und sonstigen Heilern und Therapeuten herangezogen, wenn sie nicht weiter wissen.

Frei nach dem Motto: Waaas?! Meine tolle Therapie oder das tolle Medikament hilft nicht? Das kann nur am Patienten liegen.

Nicht die Tatsache, dass jemand Recht haben könnte, lässt mich so wütend werden, sondern der Nimbus der Unfehlbarkeit und diese menschenverachtende Arroganz, die bei dieser Einstellung mitschwingt.

In der “Heiler-Szene” gibt es da die Gipfel der Unglaublichkeiten, die ich an anderer Stelle nochmal aufgreifen werde. Leute wie Dahlke oder Hamer, die es mit ihren “Schicksalsgesetzen” (Dahlke) und der “Neuen Germanischen Medizin” (Hamer) und ihren kruden Ideen so weit treiben, dass ich mich frage, wie die morgens noch in den Spiegel gucken können.

Aber jetzt noch mal GANZ GRUNDSÄTZLICH:

Ein Gewinn liegt vor, wenn man NACH Bilanzierung (also unter’m Strich) ein Plus erwirtschaftet. Sonst nicht. Sonst handelt es sich lediglich um einen Posten, den ich entweder als Bonus oder Malus auf meine Rechnung setzen kann.

Es gibt Krankheitseffekte, aber die muss man wertfrei und ohne unterschwellige Schuldzuweisungen beschreiben können. Dann führt das sogar manchmal zu einem besseren Krankheitsverständnis beim Betroffenen und hilft damit, mit der Situation besser umgehen zu können. Heilung nicht ausgeschlossen!

VORSICHT IRONIE!

Effekte, die zum Beispiel Geld einsparen:

Manchmal dusche ich zwei Wochen nicht – vor Erschöpfung, vor Schmerzen oder aus Verzweiflung. Das ist ein Gewinn: Es spart Duschgel und Wasser.

Meine Haare fallen dauernd aus. Da spare ich doch das Geld für Shampoo und Friseurbesuche! Wieder was gewonnen!

Ich kann nicht mehr laufen. Das ist doch günstiger, weil ich mir dann nicht so oft schöne Schuhe kaufen muss. Meine Lieblingspumps und meine Hochzeitsschuhe hab’ ich letztens verkauft, weil ich nicht mehr drin laufen kann. Ergebnis: 105,- Euro Plus in der Kasse! Das ist doch Gewinn!

Ich gehe nicht mehr raus, nicht mehr ins Kino, nicht mehr auf Partys, nicht mehr auf Konzerte, nicht mehr Essen. Das spart soooo viel Geld.

Gewinne, Gewinne, Gewinne … herrlich! 🙂

Und neulich: Schenkt mein Mann mir doch tatsächlich eine wunderschöne Marimekko-Tasche, weil ich keine passende für meinen Physiotherapie-Kram hatte. NIEMALS hätte ich diese schöne Tasche bekommen, ohne meine Krankheit! NIEMALS hätte ich das weißgetupfte finnische Designerstück locker über der Schulter liegend über den Physiotherapieparkplatz hinter der Tankstelle tragen können. NIEMALS hätte mein Mann mir Geschenke gemacht, das tut er nur, weil ich so schön krank bin!

Merkse selber, nä?! 😉

040 // Fragen über Fragen fragen – Krankheitsgewinn I

Mein Erlebnis mit der Neurologin bringt mich dazu, mich noch intensiver mit dem Thema Krankheitsgewinn zu beschäftigen.

Was soll das sein, ein Krankheitsgewinn?

Wikipedia sagt:

Krankheitsgewinn ist eine allgemeine Bezeichnung für die objektiven und/oder subjektiven Vorteile, die ein (tatsächlich oder vermeintlich) Kranker aus seiner Krankheit bzw. die ein Patient aus seiner Diagnose zieht.

Unterschieden wird in primären Krankheitsgewinn (innerer Krankheitsgewinn), sekundärer Krankheitsgewinn (äußerer Krankheitsgewinn), tertiärer (Gewinn, den andere aus meiner Krankheit ziehen) und quartärer (so eine Art ideeller) Krankheitsgewinn.

primärer Krankheitsgewinn

Primären Krankheitsgewinn nennt man innere oder direkte Vorteile, die der kranke Mensch aus seinen Symptomen zieht: als unangenehm empfundene Situationen oder Konflikte können so umgangen werden. Das Symptom wird dann zwar als unangenehm erlebt, jedoch erlaubt es dem Kranken, keine sofortige (aus dem Konflikt herausführende) Entscheidung treffen zu müssen (oft erkennt er einen Konflikt, den er hat oder in dem er steht, gar nicht als solchen). […] Auch kann das Symptom unbewusst dazu dienen, unangenehmeren Konflikten aus dem Weg zu gehen.
[Quelle Wikipedia]

Wie schwer die Auseinandersetzung mit diesen Dingen für mich und meinen Ergründungszwang ist, zeigt sich, wenn ich die Fragen, die schon beim Lesen der Definition in meinem Kopf um Beantwortung eifern, aufschreibe:

Was ist ein Vorteil? Was ist ein kranker Mensch? Was ist krank? Bin ICH ein kranker Mensch? Was empfinde ich als unangenehm? Was sind Symptome? Gibt es einen Unterschied zu natürlichen Reaktionen? Was sind Konflikte? Was ist bewusst? Was unbewusst?

Ich kann so schnell keine Antworten finden, entwickele aber eine Ahnung davon, dass die Migräne durchaus „Gewinn“ im o.g. Sinne sein kann. Fury ist nicht Böse. Er ist eben und manchmal verursacht er Leid.

Offenbar ist es mir nicht immer möglich, Überlastungen sofort als solche wahrzunehmen und darauf bewusst „richtig“ , im Sinne von „gesund“, also mit Reduzierung zu reagieren. Je nach Triggerfaktor schützt mich die Migräne in gewisser Weise vor Schlimmerem. Aber das scheint mir gar keine Fehlfunktion, also krank zu sein, sondern eher ein Regulativ … also gesund? Auch die dissoziativen Zustände, die ich in bestimmten Situationen erlebe, dienen dem Schutz meiner Seele (oder des Körpers?). Überhaupt stelle ich fest, dass viele meiner Symptome eher Schutzfunktion haben. Angst, Panik, Schmerzen sind nur Schutzmechanismen, die den Körper (oder die Seele? oder beide?) warnen oder ihm (ihnen?) in brenzligen Situationen beim Überleben helfen sollen.

Bin ich also gar nicht krank? Reagiere ich einfach auf innere und äußere Umstände? Ist die Reaktion nur nicht angemessen? Was ist angemessen? In Bezug auf was? Ist das, was Ärzte als Krankheit definieren, wirklich Krankheit? Was ist Krankheit überhaupt? Ist Krankheit gleich „nicht mehr funktionieren“? In Bezug worauf funktionieren? Was für Funktionen habe ich? Ist Schmerz immer krank? Ist Leid krank? Ist alles, was Schmerz verursacht, Leid? Was ist Schmerz? Was ist Leid?

So viele Fragen …

Wie ein Bär, der ins Wasser schlägt, um sich einen fetten Lachs zu packen, fische ich eine Frage heraus und versuche eine Antwort zu geben: Schmerz ist primär Alarmanlage. Erstmal nichts Schlechtes – einfach ein Reiz. Leid ist etwas, das nur durch das subjektive Empfinden eines Individuums entsteht. Oder wie Epiktet sagte: „Nicht die Dinge an sich sind schlecht, sondern nur unsere Meinung über sie.“

Und dann kommen schon wieder neue Fragen:

Ist es vielleicht sogar gut (also gesund) für mich, dass der verdrängte Schmerz der letzten Jahrzehnte jetzt gebündelt und ohne konkreten Anlass oder bei den kleinsten Anlässen hervorkommt? DAS wäre ja dann ein Gewinn! Ist das dadurch verursachte Leid also auch gesund? Oder gut? Für wen ist das gut? Ein Gewinn? Für mich? Was ist gut für mich? Woher weiß ich, was gut für mich ist? Wer ist überhaupt „mich“? – – – STOP!

Selbstkunde oder Ichologie

So oder so ähnlich laufen alle Überlegungen, die ich anstelle immer wieder auf diesen einen Punkt zu. Es läuft alles auf MICH hinaus – und da liegt das Problem: Ich bin noch nicht so gut in Selbstkunde oder Ichologie. Maximal Kindergartenniveau.

Von interessanten Kleinigkeiten und Nebenschauplätzen lasse ich mich gerne ablenken. Verfolge die kleinen Fragen so wie ich damals als Kind im Wald sitzend immer wieder einzelne Ameisen verfolgte, die nach kurvenreichem Weg, plötzlich von vielen anderen Ameisen eskortiert, erst im Gewimmel und dann in einem Erdloch verschwinden, um an anderer Stelle plötzlich mit tausend anderen emsig umherlaufenden Artgenossen wieder aufzutauchen – unerkannt, aber immer noch da und die Selben.

Ich bin sehr froh, dass es Menschen gibt, die meine unfertigen inneren Abläufe, Gedankengänge und (Teil-)Erkenntnisse in Worte fassen können.

Allen voran der von mir hochverehrte,  geniale Robert Gwisdek alias Käptn Peng mit seiner Kapelle Die Tentakel von Delphi.

WERBISTICH? – Da ist alles gesagt …

shaban & Käptn Peng – werbistich

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