„Du siehst doch gar nicht so krank aus.“

Wie ich diesen Satz liebe …

Schmerzen und Migräne können Außenstehende nicht sehen. Da liegt die Vermutung nahe: „Die hat doch gar nichts. Die kann uns viel erzählen.“
Im Grunde stimmt das natürlich. Wer nicht grade seine speziellen aktuellen Blutwerte oder ein mobiles MRT-Gerät dabei hat, dem fällt es schwer, die messbaren Vorgänge im Gehirn zu visualisieren. Der sieht eben fit aus. Vor allem, wenn er noch nicht so alt ist. Da Mitmenschen zunehmend geizig werden mit Verständnis, Rücksicht oder Anteilnahme hier mein Tipp:

Um im Alltag Aufmerksamkeit zu bekommen, mach‘ Dir lieber ’nen Verband um den kleinen Finger oder renn‘ mit hochgekrempelter Hose durch’s Büro, um allen Deine neuesten blauen Flecke zu präsentieren. DAS macht Eindruck.

Deine Schmerzen interessieren keinen. Man muss schon was sehen können.

Pneumatische Plastologie

Aber einige Migräniker haben’s gut: Manchmal sieht ihr Gesicht aus wie eine Hüpfburg. Die können dann zwar nicht durch’s Büro laufen, aber sie können mal ein Foto ins Internet stellen. Endlich sieht man denen die Krankheit mal an. Dann sehen selbst kritische John Wayne-sozialisierte ältere Herren, dass „die wirklich was hat und sich nicht nur anstellt, oder bei unangenehmen Aufgaben in die Krankheit flüchtet“.

Ich staune bei diesen Gelegenheiten immer, wie schön glatt auch meine Stirn noch sein kann, wenn die ansonsten canyonartigen Furchen mal gut ödemisch unterpolstert sind.

Migräne tut nicht nur weh, die sieht manchmal auch Scheiße aus.

Simulant und Verpisser

Immer wieder wurde ich in der Vergangenheit als Simulant und berechnender Verpisser dargestellt. Natürlich kann man sagen: „Da musst Du doch drüber stehen.“ Da sag ich: „Tu‘ ich aber nicht.“
Von Kollegen erfahre ich zum Beispiel nach meiner Mandeloperation, dass sie der Meinung sind, ich würde immer krank mit Ansage. Klar, wenn ich morgens mal wieder solche Mandeln

mandeln

und Fieber habe, äußerte ich schon mal ein vorsichtiges: „Ich glaub‘ ich werd‘ krank.“ (Originalfoto)

By the way: Man kann wirklich nicht zu einem Pläuschchen ins Büro kommen, wenn der Magen und seine Nachbarn vor ein paar Tagen auf diese:

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Art und Weise operativ verwurschtelt wurden. (Originalfoto)

Und: Nein, ich verpisse mich nicht. Die Angst davor ist viel zu groß. Wie groß, können sich die meisten gar nicht vorstellen. Darüber sollten sie froh sein.

Die unzähligen Male, die ich mit Migräne, Rückenschmerzen oder eitrigen Mandeln und Gallenkoliken meine Arbeit gemacht habe, hat niemand auf dem Schirm, weil ich es gut versteckt habe. Mit der Gürtelrose bin ich auch ins Büro gegangen. Zwar wusste ich nicht, dass es eine Gürtelrose war, aber wegen Schmerzen schon wieder fehlen? Nein, nein, dann lieber Schmerzmittel rein und los. Oh, keine Angst, alles war steril verpackt und zum Heulen bin ich auf’s Klo gegangen. Nicht, dass meine Krankheiten noch jemanden belästigen.

Ich war richtig gut im Gesund-Tun und Auf-Stark-Machen.

Alles nich‘ so schlimm

Sprüche wie: „Stell Dich nicht so an!“ und „Guck mal, was andere alles aushalten müssen!“, habe ich sozusagen mit der Muttermilch eingesogen. Wobei in diesem Punkt nicht meine Mutter die treibende destruktive Kraft war.

Mein Vater, das jüngste von vier pommerschen Flüchtlingskindern einer alleinerziehenden Mutter, deren Mann auf dem Weg nach Sibirien irgendwo verschollen, und Augenzeugen zufolge unterwegs an Typhus gestorben war, wurde in Ermangelung des Vaters von Kino-Cowboy John Wayne erzogen.

Der Mann in Zitaten (also mein Vater – nicht John Wayne ;-)):

„Rumflennen bringt da jetzt auch nix.“ – „Reden, wieso reden? Worüber denn?“ – „Science fiction? So’n Blödsinn – alles ausgedachter Mist.“ – „Büro? Das ist doch keine Arbeit!“ – „Ein Mann der weint, is‘ doch kein Mann, das is‘ ne Memme.“ – „Wegen Kopfschmerzen geht man doch nicht zum Arzt.“ – „Schwul? Das ist doch abnorm.“ – Danke, Papa, dass du mir geholfen hast. – „Ja, muss ich ja. Gehört sich ja so.“ – Mir tun die Knochen im Bein so weh, Papa. „Du bist doch noch ein Kind, du hast doch noch gar keine Knochen.“ – „Das macht die doch mit Absicht!“ (Zu meiner Omma nach ihrem Schlaganfall, als sie halbseitig gelähmt, im Rollstuhl sitzend und schwer sprachgestört die Wörter Steckdose und Flugzeug verwechselt.) – „Ja, guck‘ Dir mal xy an, was andere alles aushalten müssen!“ (auf die Nachricht, dass ich mich scheiden lassen will.) – „Du hast Dir doch noch nie ’nen Vernünftigen gesucht!“ (im Gespräch über die Scheidung) – „Natürlich ist das DEINE Schuld!“ (als ihm eine Taube auf den Benz geschissen hat, an dem Tag, an dem ICH gefahren bin.) – „Der wird NIE den Wert der Dinge kennen lernen!“ (zu meinem 2-jährigen Sohn, als er sein Eis in den Sand fallen lässt.) – später dazu: „Natürlich bist DU da dran Schuld!“- „Was studierst Du noch mal?“ (im 6. Semester kurz vor der Prüfung).

Das Blöde ist: Ich habe nicht nur ein Gehirn wie ein Pferd, sondern auch ein Gedächtnis wie ein Elefant. Jeder Spruch hat sich eingebrannt. Wie in diese kleinen Holztäfelchen, die man früher auf den grün- oder bahamabeige-gefliesten Gästetoiletten unserer Elternhäuser hängen sah. Ich hab‘ alle Sprüche im Kopf. Jeden Tag.

Trotz allem fühle ich so was wie Liebe, Zuneigung und Verbundenheit zu diesem Menschen, aber ich weiß genau, dass die emotionale Verstümmelung, die er da in sich trägt, die Verbindung an vielen Stellen sehr fragil macht. Am besten nur an der Oberfläche kommunizieren und nichts hinterfragen, dann kann er echt witzig sein. Und hilfsbereit. Muss er ja. 😉

Zu Tieren hat er ein besseres Verhältnis. Ich hab‘ ihn außer nach dem Tod seiner Mutter nur weinen sehen, als unsere Hunde gestorben sind. OK, weinen ist vielleicht übertrieben, aber er hat sich mit seinem Baumwolltaschentuch, dass er immer in der Hosentasche trägt, die feuchten Augenwinkel abgewischt.

Das Apfel / Stamm-Problem

Schlimm für mich: Ich habe irgendwann seine Maßstäbe in meine Persönlichkeitsstruktur übernommen. Habe alle körperlichen und erst recht die seelischen Verwundungen und Schwächen ignoriert, geleugnet oder versteckt. So wie ich es gelernt habe. Systematisch hat man mir das Bauchgefühl abtrainiert. Als ich älter wurde, hab‘ ich die Kontrolle selbst übernommen und bin mit mir selbst mindestens so schlecht umgegangen, wie ich es anderen heute vorwerfe. Verrückt.

Das ist nicht gesund und macht es anderen schwer, dich als verwundbares Wesen zu sehen. Das wiederum führt dazu, dass sie dich auch nicht wie ein solches behandeln. Du steckst alles ein und wehrst dich nicht. Was innen ist, sieht keiner. Die meisten interessiert es auch nicht, aber das ist ok, die meisten Menschen interessieren mich ja auch nicht.

Ich weiß nicht genau, welcher Zusammenhang zu meiner Angst vor dem Falsch-Verurteilt-Werden besteht, aber irgendeinen gibt es – ganz bestimmt. In mir schreit alles und raus kommt nichts. So habe ich das gut 40 Jahre lang gehandhabt.

Irgendwann kamen die ersten Quittungen: In Form einer Gallen-Not-OP, chronischer Mandelentzündung, (unbehandelter) Gürtelrose, eines gerissenen Zwerchfells, zweier Bandscheibenvorfälle und Vorwölbungen, kaputter Venen, Tinnitus und einem hübschen Konglomerat an psychischen Folgeschäden: Angst, Panik, Depression und Schmerzen im ganzen Körper.

Ich bin fertig. Mit 43.

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