032 // Hauptsache Pferd – Schmerzklinik Kiel IV

Wie überall in kleinen und großen Zwangsgemeinschaften, gibt es auch in der Schmerzklinik, die im Übrigen eher einem Kurbetrieb gleicht, reichlich Potenzial für Lästerei, Tuschelei und Heuchelei. Es sind viele Frauen hier. Das garantiert eine gewissen Dynamik bei der Frontenbildung. „Muss man mögen“, denke ich.

Die wenigen männlichen Patienten fallen eher durch offen geäußerten Unmut und prollig-ignorantes Platzhirsch-Gehabe auf. Dabei sind die Ekel-Patienten weniger die Cluster-Kopfschmerzler (also die mit den „richtigen“ Kopfschmerzen ;-)), sondern die mit Knie- und Rückenschmerzen. Gerne benehmen sich auch diejenigen daneben, die regelmäßig zum Schmerzmittelentzug hierher kommen und daraus keinen Hehl machen, dass sie nächstes Jahr garantiert wieder kommen, um erneut zu entziehen. Alles andere interessiert sie nicht. Das Schlimme: Sie erzählen es auch allen.

Die ganze Szenerie hier erinnert mich an Knut Hamsuns Roman „Das letzte Kapitel“. Die Originalausgabe der 1. Auflage von 1923 hatte ich auf einem Flohmarkt für ein paar Pfennig erstanden. Der norwegische Literaturnobelpreisträger beschreibt darin den Alltag in einem Sanatorium und seine Insassen als „Versammlung von zivilisationsgeschädigten Existenzen“ (Urs Bitterli).

In Kiel geht es ähnlich zu.

In der hall of fame der in der Klinik behandelten Krankheiten kommen die Basilarismigräne und die Trigeminusneuralgie gleich nach den Cluster-Schmerzen. Es folgen die chronischen Migräneschmerzen mit Aura und danach die „normalen“ klassischen Migräne-Kopfschmerzen. Immer wieder wird mir klar, dass ich mich mit meinem Diagnose-Päckchen am Rand einer Randgruppe befinde. Mir tun hier aber alle gleich leid. Die schlimmsten Schmerzen sind immer die eigenen. Da mach’se nix.

Für mich persönlich sind die Schmerzen aber lange nicht das Belastendste an der Migräne. Die extremen Auren und der Schwindel rund um die Basilaris-Sache sind – was die Migräne angeht – meine Hauptprobleme. Ich hatte so sehr gehofft, dass man mir hier damit weiterhelfen kann. Aber mehr als hinlegen und abwarten habe ich zu diesem Thema auch hier nicht als Tipp bekommen. Bleibt abzuwarten, ob die Prophylaxe wenigstens langfristig anschlägt. Jede Stunde weniger mit diesem Scheißdreck wäre ein absolutes Plus an Lebensqualität.

Heuchelei ist die Tugend des Feiglings (Voltaire)

In den Patientenseminaren geht es um die richtige Medikation, die Migräne-angepasste Ernährung und den aktuellen Stand der Forschung. Überall sitzen mehr oder weniger von Schmerz und Gram gebeugte Gestalten. Einige sind offenbar noch nicht krank genug, um den gnädigen Hauch von Bescheidenheit und Demut erfahren zu können: Es wird gemotzt, gemeckert und laut gelitten, was das Zeug hält.

Besonders auffällig: Die, die am lautesten gegen irgendwelche synthetisch hergestellten Zusatzstoffe in Lebensmitteln oder Gebrauchsgegenständen wettern, haben erstaunlicherweise die wenigsten Probleme damit, sich bei jeder Gelegenheit, diverse Analgetika, Opioide, Benzodiazepine, Antidepressiva und sonstige synthetische Drogen der (ansonsten selbstverständlich bösen) Pharmaindustrie in den Kopp oder die Venen zu knallen.

Dass ausgerechnet diese Damen sich berufen fühlen, über die Ernährungsgewohnheiten ihrer Mitinsassen zu werten, verstehe wer will.

„Also ICH brauche mehr als 10 Triptane im Monat. Das KANN man nicht aushalten“, salbadert eine krauslockige subtil militante Veganerin mit Pumphosen passenderweise im Schmerzmittel-Seminar.
„Doch, kann man“, erklärt ihr der Oberarzt korrekterweise. Und sorgt damit hier und da für Empörung im Saal. Natürlich sei es schwer, anstrengend, schmerzhaft und raubt einem über Tage jede Art von Lebensenergie, aber „was haben wohl Ihre Großmütter gemacht als es noch keine Triptane gab?“, fragt der Mann, den ich mir seit unserer ersten Begegnung im Hausmeisterkittel vorstelle, kokett.
‚Und was meinen die, was man macht, wenn man keine Triptane nehmen darf?‘, ergänze ich im Stillen und schaue zu meiner Leidensgenossin herüber, die ebenfalls zu den Basilarisgeplagten gehört.

Bio-Löckchen verstummt pikiert. Sie sieht nicht aus, wie jemand, der oft vor versammelter Mannschaft dazu gezwungen wird, von der Huch- und Hach-Ebene auf die Sach- und Fach-Ebene zu kommen.
Ich sage: Guter Mann! Weniger Jammern, mehr Fakten. Das ist das, was interessiert – mich jedenfalls. Leider bleibe ich bis auf ein paar wichtige Infos zur richtigen Dosierung meiner Migräne-Medikamente weitgehend „unbefaktet“ als mich mein Mann nach 19 Tagen wieder nach Hause holt.

In meiner sehr ausführlichen Patientenbewertung weise ich sachlich und freundlich auf diesen „Mangel“ hin. Danach höre ich nichts mehr von der Klinik. Keine Reaktion auch auf eine schriftliche Nachfrage zu meinem Entlassungsbericht und keine Reaktion auf meine E-Mail. Das hinterlässt einen etwas faden Nachgeschmack. Nicht mal einen Textbaustein a la „Tut uns leid, wir wünschen alles Gute!“ oder Ähnliches hat man für mich übrig. OK. Vielleicht nehm‘ ich mich einfach mal wieder zu wichtig …

Fazit:

Der Umgang des Personals in der Klinik mit Migräne-Anfällen und Panikattacken war vorbildlich. Ich hatte nicht ein einziges Mal das Gefühl, belächelt oder falsch angesehen zu werden. Natürlich kennt man sich in einer Migräne-Klinik gut mit Komorbiditäten wie Angst und Depressionen aus, aber was ich hier an professioneller Zuwendung und menschlichem Entgegenkommen erlebt habe, war bemerkenswert. Ausnahmslos alle in der Schmerzklinik angestellten Personen, mit denen ich Kontakt hatte, waren nicht nur fachlich hervorragend ausgebildet, sondern auch menschlich ein Gewinn. Offenbar hat der Professor ebenfalls erkannt, dass Leid eine gute Qualifikation sein kann, denn viele der Mitarbeiter dort haben selbst Handycaps oder Migräne-Erfahrung.

Die zuständigen Ärzte standen im Grunde immer für Gespräche zur Verfügung, auch wenn ich leider wenig konkrete Antworten auf meine Fragen bekommen habe, kümmerte man sich sehr nett um mich. Sehr verwirrend finde ich allerdings die Tatsache, dass während meines Aufenthalts beinahe täglich mit mir über das Thema Körperschmerzen gesprochen wurde, die Diagnose Fibromyalgie aus dem Aufnahmegespräch im Entlassungsbericht aber nicht mehr als solche auftaucht.

Einige Zeit später erfahre ich, dass es mittlerweile eigens dafür eingestelltes Personal in Kliniken und Software für Arztpraxen gibt, um die Entlassungsdiagnosen so zu codieren, dass ein „besonders effizientes“ Abrechnen mit den Krankenkassen möglich ist. Ein Schelm, der sich da jetzt wieder irgendwas bei denkt … und in Kiel wird das sicher nicht der Fall gewesen sein …

(Mir ist das ja im Grunde egal, wer hier wen verarscht, aber dann macht das doch bitte so, dass Patienten wie ich sich nicht die ganze Zeit fragen müssen: „Hab‘ ich jetzt auch noch Wahnvorstellungen?“ – Offenbar bin ich auch nicht die einzige, mit diesem „Problem“. In der Empfangshalle höre ich zwei Frauen, die sich über das gleiche Vorgehen beschweren.) *

falsche Erwartungen

Sicher bin ich mit falschen Erwartungen in die Schmerzklinik gefahren. Auch dort kocht man nur mit Wasser und kann Lahme nicht zum Wandersmann machen. Mein Eindruck: Alles ist vornehmlich auf die Schmerzmittel-Entzugspatienten und Menschen, die noch wenig über die Migräne an sich wissen eingestellt. Das hat auch seine Berechtigung. Fünf Monate Wartezeit, ohne zu wissen, wie’s nun weitergeht, um dann „nur“ zwei Medikamente zu bekommen, hätte ich mir allerdings gerne erspart, wenngleich die stationären Bedingungen für mich als Angst-Patient und Medikamenten-Sensibelchen natürlich optimal waren.

Den Chef, Prof. Dr. Göbel, habe ich einmal im Patientenseminar gehört und ein paar Mal im Treppenhaus gesehen. Er geht stets als gutes Beispiel voran und benutzt nicht den Aufzug. Als ich der Psychologin von meiner Modellvorstellung mit Fury erzählte, sagte sie: „Ach, das ist ja interessant, der Professor spricht immer vom Migränegehirn, das man sich wie einen hochleistungsfähigen Sportwagen vorstellen kann.“

Auch eine schöne Idee, mir ist das allerdings zu mechanisch gedacht. Aber ich will mal nicht so sein – so’n Ferrari hat ja auch ein Pferd vorne dran … 😉

—————————————-

*UPDATE: Nachdem ich ein paar Monate später meine Patientenakte angefordert hatte, ruft mich Prof. Dr. Göbel höchst persönlich an und erkundigt sich nach dem Stand der Dinge. Ob jemand auf mein Schreiben reagiert hätte und ob ich noch etwas benötige.

Er sichert weitere Unterstützung zu und eine Woche später liegt die Akte im Briefkasten – mit einem korrigierten und (nunmehr mit vollständigen Diagnosen) ergänzten Entlassungsbericht. Wer hätte das gedacht … Ich freue mich. Besonders über die Tatsache, dass ich offenbar doch keinen „am Brett“ hab‘ und mir Diagnosen und Arztgespräche zurechthalluziniere. 😉

 

 

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  1. „….Migränegehirn….ein hochleistungsfähiger Sportwagen….“das gefällt mir auch – ist halt die männliche Form der Wahrnehmung….nichts destotrotz Dein Fury gefällt mir besser!

  2. Danke für Deinen Zuspruch.
    Ich vermute, Du meinst meinen „Auftritt“ im headbook? 😉
    Ich war tatsächlich ziemlich schockiert über das Verhalten dort.
    Das muss ich erstmal verarbeiten …
    LG
    myyzilla

  3. Leserin

    Hallo Tanja, ich habe Deinen Thread in einem Kopfschmerz-Forum gelesen. Mir war schon nach Deinem ersten Beitrag klar, wie das endet. Dort gibt es nur eine Meinung, die streng hierarchisch verwaltet und ziemlich humorlos verteidigt wird. Von Diskussion kann keine Rede sein – was es nach Meinung der Wortführerin nicht gibt, das wird auch nicht diskutiert. Falls mal eine Meinung geändert werden muss, weil es neue Erkenntnisse gibt, dann wird das möglichst unauffällig erledigt. Der unangemessene Tonfall, in dem Dir begegnet wurde, ist allerding ungewöhnlich, normalerweise wird die Abwehr etwas geschickter kaschiert. Mach Dir nichts draus und schreibe weiter an Deinem unterhaltsamen Blog!

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