Leider gibt es in der Schmerzklinik wenig Neues für mich zu lernen. Aber ich will nicht undankbar sein. Allein dafür, dass ich ein paar wirklich tolle Menschen kennen lernen durfte, und die Lage der Klinik mir die Möglichkeit gibt, einmal ganz andere Perspektiven einzunehmen, hat sich der Aufwand gelohnt.

Bei aller Liebe für die Daheimgebliebenen ist es natürlich auch eine ungeheure Entlastung, sich als kranker Mensch und Mama nicht den täglichen Herausforderungen des Familienalltags stellen zu müssen. Eigentlich logisch, dass es einem allein dadurch schon etwas besser geht. Du legst Dich hin, wenn Du es brauchst, isst das Essen, das man Dir gemacht hat, oder isst nichts, wenn Du keinen Hunger hast, gehst duschen und auf’s Klo, ohne dass jemand nach Dir ruft, schläfst oder guckst nachts Fernsehen, gammelst den ganzen Tag im Schlafanzug rum, weil Du nirgendwo hin musst.

Das sind die Fakten. Als Mutter stellst Du Dich automatisch hinten an. Das scheint so eine Art Naturschutzprogramm im Glucken-Gen zu sein. Die Brutpflege geht vor. Die Art muss erhalten bleiben. Als Mutter mit Versagensängsten ziehst Du das Programm sogar durch bis zur Selbstaufgabe. Das ist nicht immer schön. Manchmal sogar richtig Scheiße.

Für Mütter (und Väter), die ihrer Erschöpfung in irgendeiner Art und Weise dann doch mal Ausdruck verleihen, haben Kinderneider sofort den passenden Spruch parat: „DU wolltest doch Kinder haben! Dann brauchste jetzt auch nich’ zu jammern.“

Ja, da haben sie natürlich Recht und sprechen im Grunde weise.

Schon Epiktet sagte ja:

Beginnst du irgendein Werk, so bedenke genau, von welcher Art es sei. Willst du baden gehen, so erwäge zuvor bei dir selbst, was sich alles im Bade zu ereignen pflegt: daß einige sich vordrängen, andere ungestüm hineinstürzen, einige schimpfen, andere stehlen. Daher wirst du mit größerer Sicherheit die Sache unternehmen, wenn du dir von vorneherein sagst: “Ich will baden und dabei meine durch die Vernunft gefaßten Entschlüsse behaupten.” So verfahre bei jedem Werke. Dann hast du, wenn sich während des Badens irgend etwas Hinderndes ereignet, sogleich den Gedanken bei der Hand: “Nicht bloß dieses (baden zum Beispiel) wollte ich, sondern auch meinen freien Willen und Charakter bewahren. Ich würde ihn aber nicht behaupten, wenn ich über das, was hier vorgeht, ungehalten sein wollte.”

Ich bin ehrlich: Soviel prägnant-philosophischen Intellekt hätte ich dem verwöhnten Rotzblach, von dem ich die vergleichsweise folkloristisch-simplifiziert anmutende Version des o.g. Satzes zuletzt serviert bekommen habe, wirklich nicht zugetraut. Die Aussage an sich kann ich übrigens unaufgeregt in den unzähligen Stunden der Selbstreflexion durch meine mentalen Instanzen kreisen lassen, ohne dass sich großer innerer Widerstand regt.

Mit der verächtlich, abwertenden Attitüde, mit der dieser Satz seiner Zeit ausgesprochen ward, habe ich allerdings immer noch Schwierigkeiten, so dass ich die intellektuelle Leistungsfähigkeit, die ein solcher in der Tradition der Stoiker gefasste Gedanke impliziert, auch weiterhin stark anzweifle. 😉

Da fällt mir grad noch ein passendes, etwas volkstümlicheres Zitat von Epiktet ein:

Wer niemanden liebt, mache sich darauf gefasst, von niemandem geliebt zu werden.

Ich freue mich so sehr über ein Riesenpaket von meiner Freundin, das mir zeigt, wie wertvoll ich für die Menschen bin, die ich liebe.

 

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