027 // „Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche zieh’n.“* – Durchs Nadelöhr gehen.

Am Abend vor meinem Check-in in der Schmerzklinik finde ich Mike Hellwig und seine YouTube-Videos zum Konzept der Radikalen Erlaubnis.

Anfangs denke ich noch: Wer is‘ ER denn?
Seine Art zu reden ist stark gewöhnungsbedürftig, aber daran soll’s nicht liegen. Der sollte mich mal hören, wenn ich versuche, meinem Mann morgens um vier die Gedankenexperimente und Recherche-Ergebnisse meiner von Schlaflosigkeit geprägten Nächte vorzustellen.

Von dem Hamburger Therapeuten höre ich zum ersten Mal: Alles darf sein! Das ist der Schlüssel. Davon geht das Schlimme nicht weg, aber es ist weniger quälend und der einzige Weg zur Erleichterung, sagt er. Das passt zu meinen Erkenntnissen mit Fury.

Außerdem gefällt mir der Begriff: Radikal ist immer gut – es klingt nach Dynamik, Intensität und Selbstbestimmtheit – like! Erlaubnis … jo, da gucken wir mal … 😉

Ich experimentiere zunächst mit der Außenwelt:

„Hallo, dicke, nervige Scheißhausfliege am Fenster! Du darfst sein.“, sage ich zu dem dicken, grünmetallisch schimmernden Nervtöter.
Sie ist weiter und es ist ok. Ich schaue sie an, folge ihr mit dem Blick und nicke ihr freundlich zu. Sie darf da sein. Ein Teil in mir hat Mordgelüste. Ich sage: ‚Hallo, Mordgelüst. Ich nehme Dich wahr, Du darfst da sein.‘ Da kommt der nächste Teil und sagt: ‚Jetzt bist Du wohl vollkommen durchgeknallt?!‘ Ich sage: „Hallo, Zweifler, ja, ich verstehe Deine Zweifel. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass ein Teil von mir vollkommen durchgeknallt ist‘. Zu Mordgelüst und Zweifler gesellt sich eine Art distanziert cooler Ober-Checker: ‚Leute, jetzt lasst doch mal Fliege in Ruhe. Es gibt doch echt schlimmere Probleme hier.‘ Der innere ärztliche Dienst schaltet sich ein: ‚Aber das macht sie doch nur aus therapeutischen Gründen.‘ Ich komme gar nicht so schnell nach mit dem Begrüßen und Anerkennen. Ich forsche immer weiter, ob noch jemand was beizutragen hat.

Nach einer Weile fliegt die Fliege wieder raus. War gar nicht so nervig. Und aus dem anfänglichen Genervtsein ist eine Art kindlicher Spaß am Spiel mit den inneren Anteilen geworden.

Hallo, Angst!

So will ich es auch mit der Angst probieren.
Als es wieder so weit ist, lege ich mich hin, höre in meinen Körper und sage freundlich in Gedanken: „Hallo, Angst. Was willst Du, warum kommst Du jetzt?“
Die Angst sagt: Ich will, dass Du den Fokus auf Dich selber richtest. Du sollst Dich mit Dir beschäftigen. Guck Dir genau an, was in Dir ist.
‚Ein Brötchen mit Frischkäse und Gurkenschnipseln ist da. Meinst Du das?‘
Nein, das meint sie nicht. Sie merkt natürlich, dass ich sie verarsche und haut mir eine rein.
Ich weine. Bin sauer auf sie und sie auf mich. Zu Recht.

Ich probiere es wieder. Je öfter und länger ich meiner Angst zuhöre, ihre Motive und Rückschlüsse nachvollziehen kann, desto ungruseliger wird sie. Das ist zwar schon ganz hilfreich, aber die Radikale Erlaubnis setzt eigentlich woanders an: Im Körper. Genauer gesagt: Im Bauch. Dort, wo nach Hellwigs und anderer Leute Meinung das innere Kind und alle unsere emotionalen Anteile – gute und böse – sitzen. Sie alle haben nur ein Ziel: Gehört, gesehen und geliebt zu werden.

In den Körper hören ist keine neue Methode, aber die Zusammenhänge, wie Mike Hellwig sie erklärt, scheinen mir sehr plausibel. Sie erklären in einem simplen Modell alles, was ich brauche, um mit dem klarzukommen, was nun mal ist. Beruhigend: Es kommt weitestgehend ohne religiös ideologischen oder esoterisch-quaksalberischen Überbau aus. Es ist in sich schlüssig und das Wichtigste: Es hilft!

Alles, was Hellwig bei Befolgen seiner Methode prophezeit, tritt ein – zuverlässig und reproduzierbar.

Das Nadelöhr

Abends bekomme ich noch mal eine feine Schwindel-Migräne und Schmerzen. Die Gründe? – Ein halber Espresso, zwei Kugeln Vanilleeis und Gewitter. Zuviel!
Und schon ist sie wieder da: Die Angst zu sterben.
Aber diesmal will ich es anders machen. Mit Mike Hellwigs Säuselstimme im gedanklichen Ohr spüre ich in meinen Bauch: Chaos. Die Angst würgt mich von innen. Drückt mir die Eingeweide bis zum Hals.
Ich sage „Hallo, Angst“. Mache mich durchlässig. Gebe ihr einen Raum. Bin Gastgeber. Es dauert einen Moment. Sie wütet wie eine Irre. ‚Ja, wüte nur, ich bleib‘ hier und guck Dir zu.‘, sage ich in Gedanken. Ich bin schweißgebadet und mir laufen die Tränen aus den Augen. Aber diesmal schicke ich sie nicht weg. Diesmal kämpfe ich nicht. Auch Fury dreht durch. Er darf. Er kann ja nicht anders. Ich bleibe einfach ruhig stehen und betrachte ihn, fühle seine Aufregung und es ist ok. Irgendwann fange ich an zu zittern. Zittern ist in Ordnung. Der Körper kann so die Anspannung auflösen.
Ich weiß nicht, wie lange ich so liege. Irgendwann bin ich nur noch Angst und Schmerz.
Aber ich BIN. Das kann ich wahrnehmen. Ich genieße dieses Sein und lasse Angst und Schmerz sich austoben. Sogar den möglichen Tod akzeptiere ich. Es fühlt sich an, als würde ich große schleimige Steine kotzen. Fast ersticke ich daran. Es ist verdammt eng im Nadelöhr.

Dann – plötzlich – kommt da ein neues, anderes Gefühl dazu. Ich kann es nicht sofort glauben, weil ich jetzt als letztes damit gerechnet hatte: Es ist Zuversicht. Tatsächlich. Ich gucke mir das Gefühl noch mal ganz genau an. Es ist wirklich Zuversicht. Interessant und wunderschön. Ich freue mich und sage „Hallo, Zuversicht“. Sie wohnt direkt neben der Angst, lässt sie mich durch ein warmes, glattes, weiches Gefühl im Bauch wissen. Cool.

Ich bin tief beeindruckt und nehme mir vor, mit diesem Ansatz weiter zu forschen. Mike Hellwig hatte Recht: Die Angst bekam ihren Raum, war gesehen, begrüßt und gefühlt worden. Dann, plötzlich konnte ich noch andere Räume mit anderen Gefühlen sehen: Zuversicht, Erleichterung, Freude und Liebe!

*aus dem 80er-Jahre-Hit von einem ebenfalls von mir sehr geschätzten Mike: „Der Nippel“- von Mike Krüger 😀

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  1. Hallo, ich habe jetzt angefangen – wie Du es empfiehlst – von Anfang an zu lesen.

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