024 // Endzeitromantik

Dank meiner fortgesetzten Friedensverhandlungen mit Fury habe ich zwar nicht weniger Migräneanfälle, aber ich leide psychisch nicht mehr so lange und intensiv darunter. Das einfache Prinzip „annehmen – aushalten – abhaken“ funktioniert immer besser. Dennoch geht es seit meiner Reha und der Venen-OP stetig bergab. Meine Erkenntnisse bezüglich Histamin kann ich alle nicht vernünftig umsetzen, weil ich weder mit Töpfen und Pfannen hantieren, noch einkaufen gehen kann. Ich bin physisch am Ende und ein psychischer Wackelkandidat.

Jeder Tag ist Kampf.

Mein ganzer Körper besteht nur noch aus Schmerzen, die ich mit allen Mitteln loswerden will. Jede Berührung, jedes Streicheln, jedes bisschen Zuneigung – alles verursacht Schmerz. Ich weiß immer noch nicht, warum genau und das macht alles noch viel schlimmer. Kopf, Gesicht, Rücken, Hüfte, Arme, Beine, Hände – ein einziges Desaster.

Resignative Analgesie

Ein einziger Bereich schmerzt nicht: die Knie. Ein vollkommenes Rätsel. Waren es doch sonst die Knie, die mir in schweren Lebensphasen zuallererst angezeigt hatten, dass die Last gerade zu schwer ist. Nicht, dass ich darauf gehört hätte, aber das Signal war rückblickend sehr deutlich wahrnehmbar.

Die Knie tun mir also nicht weh. Vielleicht haben sie einfach aufgegeben. Resignative Analgesie – gibt es sowas?

Dafür schmerzen alle Narben vergangener Blessuren an meinem Körper (außer denen am Knie) als prokelte jemand mit einer Stricknadel darin herum. Da es ziemlich viele sind, bin ich gut beschäftigt mit dem Versuch, sie zu ignorieren: 20 Mini-Einstiche an meinen Beinen, je eine 5 cm-Narbe in den Leisten, 9 „Einstiegslöcher“ für die minimalinvasiven OPs am Bauch, der vor Jahren gebrochene Zeh, die Geburtsverletzungen, die 2 „Löcher im Kopf“, die Mandel-Krater im Hals, die Oberarm- und Unterarm-Narben, die ich mir bei diversen Stürzen in der Kindheit zugezogen hatte, die Stelle, an der die Gürtelrose wucherte und nicht zu vergessen die Narbe von der weggeschnittenen Anal-Thrombose – die finde ich besonders gemein.

Auch innen ist nur Schmerz. Muskeln, Gelenke, Sehnen – alle machen mit. Ich habe Angst vor jeder Bewegung. Kann nicht sitzen und nicht stehen. Bekomme die schwere Haustür kaum auf. Butterbrote für’s Kind schmiere ich mit Tränen in den Augen – manchmal gibt’s nur Tüten-Croissants. Die 600 Meter zur Schule fahre ich mit Tempo 25 im Auto. Wenn ich nichts tun muss, liege ich im dunklen Zimmer. Große Teile des Tages erLEBE ich nicht – ich vegetiere.

Bis zu meinem Termin in der Schmerzklinik muss ich durchhalten. Egal wie.

Liebe ist alles

Ich schaffe das nur, weil mich die Liebe von Mann und Kind durch die tiefen Täler der Schmerztage tragen. Dass sie bei mir sind und in mir nicht nur das hilflose Krüppelchen sehen, hilft mir mehr als alles andere. Die Prinzessin auf der Erbse gebe ich hier nämlich nicht, falls das jemand glaubt. Mir wird auch nicht alles abgenommen, nur weil ich krank bin. Und das ist gut so.

Mein Mann ist 12 Stunden aus dem Haus und hat genug mit sich zu tun. Ein Kind muss ein Kind sein und darf nicht zum Krankenpfleger oder Haushälter seiner Mutter werden.

Das daraus entstehende Dauer-Chaos und den herrschenden Minimal-Hygiene-Standard in der Wohnung halten wir gemeinsam aus. Hilfe haben wir kaum. Die wenigen verbliebenen Freunde und Familienangehörigen haben selbst genug um die Ohren.  Um Hilfe fragen, war ohnehin noch nie meine Stärke. Ich gebe mein Unvermögen ungern zu und jammern können andere besser – dazu brauchen die nicht mal trifftige Gründe.

Die paar Stunden, in denen mein Sohn nachmittags und abends zu Hause ist, versuche ich so unbeschwert wie möglich mit ihm zu verbringen. Dass seine Mama nicht viel mit ihm unternehmen kann, nimmt er locker. Dafür weiß er über Migräne und Bandscheiben genauso viel wie über Dinosaurier und Spiderman. An seinen Papa-Wochenenden hat er Halligalli genug – da geht er schwimmen, auf den Spielplatz, besucht alle möglichen Veranstaltungen und die Verwandtschaft väterlicherseits. Er ist gut beschäftigt.

Zu hause geht mein Mann mit ihm einkaufen, bringt ihm das Kochen bei und daddelt mit ihm Playsi, wenn er früh genug zu hause ist. Mein Job ist das Knuddeln, Liebhaben, Philosophieren, Hausaufgaben Kontrollieren, gemeinschaftliches Hörspiel hören und verrückte Sachen machen: So schlafen wir beide manchmal im Zelt – mitten im Zimmer, machen Picknick auf der Dachterrasse, bemalen uns gegenseitig die Füße, verkleiden uns oder schreiben SMS von einem Bett zum anderen.

Wenn ich komplett ausfalle, zelebriert man(n) im Mama-freien Wohnzimmer zünftige Männerabende mit Pupswettbewerb, DMAX und Selbstverteidigungstricks. Was da sonst noch abläuft, will ich gar nicht wissen …

Wenn es irgendwie geht, trainieren wir zusammen Gruppenkuscheln.

Jeder tut, was er kann.

Trotz allem erleben wir so gemeinsam viele glückliche Momente.

Der Tod steht ihr gut

Eine Woche vor meinem Termin in der Schmerzklinik stirbt meine Tante nach jahrelangem Kampf gegen den Krebs. Obwohl der Kontakt zu ihr zuletzt nicht mehr sehr eng war, haut mich ihr Tod regelrecht vom Schlitten.

Zur Beerdigung gehe ich halb ohnmächtig vor Schmerzen und Traurigkeit mit allem, was ich an Medikamenten zur Verfügung habe. Ich fühle mich schuldig und schäme mich für meine Kraftlosigkeit. Wenigstens JETZT müsste man sich doch zusammenreißen können – für Tante Rosi.

Ich gebe alles. Mache mich schick für sie. Dehnbund und Klettschuh bleiben im Schrank. Wenigstens für zwei Stunden will ich vernünftig aussehen. Vor dem Kleiderschrank stehe ich und rede laut mit der immer modisch gekleideten, attraktiven, lebenslustigen Frau, die jetzt nicht mehr lebt. Sprühe etwas von dem Parfüm auf, das sie mir zuletzt geschenkt hat. Vor drei Wochen hab‘ ich sie noch gesehen. Ihr Smartphone hat rumgezickt. Wenigstens  dieses Problem konnte ich für sie beseitigen.

Mein fleckiges, blasses Gesicht und die dunklen Augenringe verstecke ich jetzt hinter einer dicken Schicht Schminke. Meine Kompressionsstrümpfe verschwinden unter einer schwarzen Nylonstrumpfhose. Ein schmaler Rock, ein langer schwarzer Baumwollmantel und die teuren Barrock-Pumps lassen mich fast elegant wirken. Ich seh‘ beinahe aus wie ein Mensch.

Erstaunlich.

In der Kapelle will ich singen. – In Kirchen und Kapellen singe ich immer. Auch wenn ich mit dem religiösen Geschwurbel nichts anfangen kann. Aus Respekt denjenigen gegenüber, die hier ihre Zeremonien abhalten, singe ich gerne. Das kann ich machen – das tut mir nicht weh.

Heute ist das anders: Ich fange beim ersten Lied an zu heulen und kann bis zur Beisetzung der Urne nicht mehr aufhören. Unpassend, unkontrolliert und schäbig komme ich mir dabei vor, schließlich haben die nächsten Angehörigen, ihr Mann, ihre Kinder und Enkelkinder viel mehr verloren und zu leiden als ich.

Wie ich diese Schwäche hasse.

Das Kranksein macht mich schwach und die Schwäche macht mich noch kränker.

Ich kann nicht mehr.

Das anschließende Kaffeetrinken muss ich ausfallen lassen. Mit meinen Verwandten von Außerhalb, den Bekannten und Freunde der Familie, die ich Jahre nicht gesehen habe, kann ich nicht mehr sprechen. Die kleinsten sozialen Verpflichtungen und Erwartungen kann ich nicht erfüllen.

Was soll ich eigentlich noch hier?

Ich frage mich, wie lange ich noch so leben muss.

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