023 // Migräne-Trigger entlarvt

Meine Erkenntnisse über Fury führen dazu, dass ich mich systematisch und unaufgeregt auf die Suche nach den Faktoren mache, die mich und ihn besonders beeinflussen.

Was vernünftig behandelte Migränepatienten von ihren Ärzten lernen, muss ich mir selbst zusammensuchen. Meine “Expertin” verweist auf die anstehende Behandlung in Kiel – da würde man sich umfassend um alles kümmern. Dass das noch Monate dauert, interessiert niemanden – außer mir.
Soll ich dasitzen und nichts tun? Das kann ich (noch) nicht. Hinzu kommt mein ausgeprägter Ergründungszwang. Ich kann Dinge schlecht so sein lassen, wie sie sind, wenn ich nicht weiß, warum sie so sind. Mir geht es um Grundsätzlichkeiten, den Kern, das Prinzip, das zugrunde liegende Konzept, aus dem alles abzuleiten ist.

Um ein solches Konzept bezogen auf meine Migräne zu erforschen, wähle ich den Weg der Empirie. Als Soziologe und wissenschaftsaffiner Mensch weiß ich zwar, dass Korrelation und Kausalität nicht dasselbe sind, aber dennoch liefern meine statistischen Erhebungen erste Hinweise: Mit Hilfe eines abgewandelten Kopfschmerztagebuchs, das ich folienartig über verschiedene andere Kalender legen kann, gleiche ich die Kopfschmerzarten und das Migränegeschehen mit meinen Aufzeichnungen über Zyklus, Wetter, Ernährung, Tätigkeiten und besondere Vorkommnisse ab.

So finde ich schwere Migräneattacken immer im Zusammenhang mit

  • Gewitter und extremer Wetterlage allgemein,
  • bestimmten Nahrungsmitteln (Matjes, Überbackenes, Thunfischpizza),
  • Sonnenlicht und schnellem Hell-/ Dunkel-Wechsel,
  • Aufregung aller Art (leider auch positive),
  • Anstrengung aller Art,
  • Schlafrhythmus,
  • bestimmten Zyklus-Phasen und
  • Narkosen.

Gegner enttarnt

Fachliteratur und biochemisches Grundlagenwissen, das ich mir mühsam aneignen muss, weil ich in der Schule offenbar nicht aufgepasst, oder zu oft wegen Migräne gefehlt habe, entlarven drei Problemstoffe: Histamin, Tyramin und Glutamat.

Mit meinen Recherchen über das Histamin erklären sich auf einen Schlag auch weitere Beschwerden: Magen-Darm-Probleme, Hautreaktionen, eine bestimmte Form der Schwindelsymptomatik und die meisten meiner zum Teil extremen oder paradoxen Reaktionen auf bestimmte Medikamente. Zwar ist sich die Fachwelt hierüber nicht ganz einig, aber meine Erfahrung deckt sich mit den Fachansichten, dass ausschließlich Ibuprofen ohne Zusätze als Schmerzmittel histaminmäßig keine Probleme bereitet.

Auch die jahrelange Gabe der Magenmittel Pantoprazol und Ranitidin scheint in meinem Fall einen Beitrag zur Migräne-Verschlimmerung geleistet zu haben. Was im Akutfall bei Magenschleimhautentzündung und -geschwür ein Segen ist, ist als Langzeit-Medikation für viele Vorgänge im Körper kontraproduktiv: Mit der Verminderung der Magensäureproduktion wird auch die Aufnahme von Vitaminen und Mineralstoffen (z.B. Vitamin B12 und Magnesium) beeinträchtigt. Das behindert wichtige Selbstregulationsmechanismen im Körper. Auch Ernährungsfehler, die bei anderen nicht groß ins Gewicht fallen, wirken sich unter diesen Umständen doppelt doof aus.

Gute Ärzte schlechte Ärzte

Mein früherer Hausarzt hat davon nichts gesagt und hatte kein Problem damit, mir über Jahre Magenmittelchen und Blutdruck-Pillen zu verschreiben, die meine eigentlichen Beschwerden nicht beseitigt, sondern im Gegenteil noch verstärkt haben, so dass ich immer verzweifelter wurde. Wahrscheinlich würde er die eben von mir dargelegten und auf Wunsch durch allerlei Fachpublikationen zu belegenden Zusammenhänge als psychisch bedingte Hysterie einer abnehmunwilligen Frau kurz vor den Wechseljahren abtun.

Abrechnungstechnisch scheint er da mehr auf Zack zu sein: Wie ein Blick in die Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigung zeigt, berechnet er neben den großzügig dramatisch ausgelegten Konsultationen gerne mal Leistungen, die er nie erbracht hat: Ein Hautscreening hätte er bei mir gemacht und ein Hämangiom (ein Blutschwämmchen) gefunden. Das suche ich heute noch … Vielleicht sitzt es an einer Stelle, die ich nicht so gut einsehen kann? Blutschwämmchen: am Arsch!

Gut, dass der bald in Rente geht – da richtet er vielleicht weniger Schaden an.

Mein jetziger Hausarzt tickt da ganz anders und ich bin sehr dankbar, dass ich ihn und sein Praxisteam habe. Er ist zwar kein Migräne-Fachmann, aber als Hausarzt und Internist unschlagbar. Als ich ihm von meinen Beobachtungen nach bestimmten Nahrungsmitteln berichte, sagt er wie aus der Pistole geschossen: „Histamin!“ – Er ist kein Mann der großen Worte, findet aber immer die richtigen.

Darüber hinaus ist er einer der wenigen Ärzte, die Adipositas, weibliches Geschlecht und Psyche richtigerweise als Risikofaktor und Einflussgröße einstufen, aber nicht (ohne genau hinzusehen) als Ursache für alles und jedes postulieren. Geschilderte Symptome untersucht er systematisch und ergebnisoffen, nimmt meine Fragen und Gedankengänge ernst und unterstützt mich bei meinen Eigenbemühung. Sogar seine fachlichen Grenzen gibt er offen zu und hilft in diesen Fällen, den richtigen Ansprechpartner zu finden. Da könnte so manch eine Koryphäe und selbst ernannter Symptom-Checker noch was lernen. Das würde mir und vielen anderen einiges erleichtern.

Er ist übrigens der einzige Arzt, dem es bisher gelungen ist, bei mir in einer Arztpraxis einen Blutdruckwert von „nur“ 140/80 festzustellen. Respekt! Das unterbieten andere nur, wenn ich in Narkose liege.

Ich frage ihn, was man bei der Histamin-Sache machen kann.
„Weglassen.“, sagt er – gewohnt präzise und lösungsorientiert. 🙂

Wie immer, wenn ich eine neue Chance auf Besserung sehe, bin ich im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten hochmotiviert und zuversichtlich. Leider stelle ich schnell fest, dass histaminarme Ernährung nicht so leicht umzusetzen ist. Histamin ist in so ziemlich allem enthalten – vor allem in den wirklich leckeren Sachen. Aber Fury zuliebe beschäftige ich mich jetzt eingehend mit dem Thema Ernährung. Und beginne, mich an ein extrem eingeschränktes Nahrungsangebot zu gewöhnen.

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  1. spannend. ich hab Histaminintoleranz, bis ich das bemerkt habe, musste ich viele Sachen testen. Hab viel gelesen, ein Freund, der [einen Online-Shop für Wein und andere Lebensmittel] betreibt, hat mich auf die Idee mit Histamin gebracht.

    [edit 16.8.2017 von myyzilla]

    • Hallo Lars,
      Danke für Dein Interesse an meinem Blog.
      Ich habe Dein Kommentar etwas “werbefreier” gemacht 😉
      Dein Freund darf mir gerne ein paar “Pröbchen” seines Sortiments schicken 😉 … dann könnte ich meine unabhängige Meinung dazu in einem meiner nächsten Beiträge für alle hier veröffentlichen …
      Adresse findest Du im Impressum.
      Histaminarme Grüße! 🙂
      myyzilla

  2. Hallo Myyzilla,
    das ist ein besonders interessanter Blogbeitrag für mich..(natürlich finde ich alle Deine Beiträge interessant ;-))..alle Punkte die Deinen Fury scheu machen habe ich auch in meinem Migränetagebuch herausgefunden – allerdings habe ich andere Allergien bei den Nahrungsmitteln. Bei mir ist es Rotwein, rote Weintrauben, schwarze Johannesbeeren, auch Jostabeeren und bestimmte rote Farbstoffe, die ich noch nicht herausgefunden habe, aber in Obstjoghurts oder sonstwie als Zusatz beigemischt sind. Einmal habe ich ein Stamperl Kräuterschnaps angeboten gekriegt und mir war dann 48 Stunden übel und rasende Migräne, der war auch rot. Thunfisch ist bei mir nicht das Thema, aber dafür zuviel Käse, und leider auch Schokolade.

  3. Danke! Ich stecke auch noch mittendrin. Eine Antwort bringt wieder 100 neue Fragen … Danke für den Blog-Tipp!

  4. Hallo Leidgeprüfte😉,
    Das Histamin-Thema ist unglaublich weitläufig und wenn Du Dich beginnst, damit zu beschäftigen, ist es erstmal gut, die histaminreiche Nahrung wegzulassen, wie z.B. Käse, Rotwein, Sekt, Tomaten, Bananen, Sojasoße, halt alles, was gereift ist und auch Gebäck mit Sauerteig oder Hefe (und soviel mehr) am besten weglassen. Damit hab ich mich seit Jahresbeginn beschäftigt und ja, das bringt schon was. Trotzdem führt jede kleinste Verfehlung zum GAU. Wichtig ist anscheinend auch die Konzentration bestimmter Vitamine (c und b ) und Spurenelemente (Mg und Zn) im Körper. Und häufig hat man zusätzlich zur HIT noch eine weitere Allergie/Intoleranz (testen lassen!). Dann gibt es noch Nahrungsmittel, die das Histamin im Körper senken können. Such mal auf YouTube nach Videos zum Thema. Ich bin froh, dass ich seit Mitte Februar um die Ursache meiner seit fast 20 Jahren dauernden Beschwerden weiß, aber der “Histaminkampf” geht grad erst richtig los bei mir. Ach so, die Liebe Eva betreibt den Blog “Histaminpirat” und hat da auch viele tolle Tipps.
    Ganz viel Kraft und ❤️ rüberschick
    Andrea

  5. annesch

    Nachdem ich mich vor ein paar Jahren wegen Nesselfiebers histaminarm ernährte (was auch half) und damals unsere Bibliothek zum Thema leer lieh, war (zum Glück) das Thema erst mal für mich durch, ich konnte wieder normal essen, nur zyklusbedingt etwas aufpassen, keine Histamin”bomben” an bestimmten Tagen zu essen – weil die Histaminschwelle, so wurde mir damals erklärt, mit Stress empfindlicher wird.
    Jetzt beschäftige ich mich wieder mit dem Thema, weil ich überlege, ob eine histaminärmere Ernährung gegebenenfalls auch in Sachen meines Lipödems (mit Lymphödem-Aspekt) etwas hilft: Histamin sorgt ja für Ausschüttungen von Gewebewasser (daher die Quaddeln bei Nesselsucht), und in dem Kontext Zwischenraumgewebe und Wasser- und Eiweißeinlagerungen befindet sich ja auch die Lip-/Lymphödemproblematik…

    • Das ist eine interessante Idee.
      Ich bin mir absolut sicher, dass irgendein Zusammenhang besteht. Einige Ärzte sehen offenbar eine Störung der Mitochondrien in Bezug auf das Lipödem als mögliche Ursache. Diese soll auch für die Histamin-Empfindlichkeit (mit-)verantwortlich sein.
      Ich stecke da noch zu wenig drin, möchte das aber auch noch mal genauer recherchieren.
      Das Thema “Wasser im Gewebe” bzw. Wasser-Durchlässigkeit spielt ja bei vielen der Beschwerden, über die ich hier schreibe, eine Rolle. Auch bei der Migräne. Ich werde bei Gelegenheit mal zeigen, was das Gewebswasser im Migränefall mit meinem Gesicht macht … 😀

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