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Migräne ist kein Arschloch oder: Ich und mein Fury

Über das Leben mit Migräne und wie es leichter wird

Jahrzehnte lang verfluchte ich meine mittlerweile chronische Migräne und beschimpfte sie regelmäßig als Arschloch. Bis eine unerwartete Wendung die Krankheitsbewältigung erdrutschartig forcierte: Während einer Hypnosesitzung wurde mir klar, dass die Migräne nicht mein Feind ist.

Seit dem erkenne ich die Migräne als Strickmuster meines Gehirns an. Zum Arschloch wird es nur, wenn das Drumherum, also die Lebensumstände, Reize oder Eindrücke einen Störfall triggern. Ich stelle mir meine Migräne nun nicht mehr wie ein böses Etwas in meinem Kopf vor, das es zu eliminieren gilt, sondern ich sehe sie als Teil meiner angeborenen Hirnfunktion. Mein Gehirn erinnert mich dabei an eines dieser englischen oder arabischen Vollblut-Pferde: hochleistungsfähig, aber auch anfällig für jeden kleinen Mist.

Wo jeder dösige Ackergaul ruhig grasend auf der Koppel stehen würde, zittert und vibriert mein Fury* schon unruhig beim kleinsten Geräusch oder Windhauch. Wenn jetzt noch eine Kleinigkeit dazu kommt, dreht das Vieh am Rad und rennt wie bekloppt los.

Bis er wieder friedlich ist, vergehen ein bis zwei Tage in denen er fix und fertig irgendwo rumlungert. Ja, so isser, mein Fury.

Die Kehrseite der Medaille
Im Grunde ist das keine Überraschung. Wer ein bisschen von meiner Geschichte mitbekommen hat, ahnt vielleicht langsam, wie es in meinem Kopf den ganzen Tag zugeht: Ich kann sieben Sachen gleichzeitig denken, mein IQ wurde mehrfach mit weit überdurchschnittlichen Werten gemessen und aufgrund meiner kindlichen Erfahrung mit den Befindlichkeiten meiner Bezugspersonen wurde Sensibilität besonders trainiert, um Gefahrenpotenziale frühzeitig erkennen zu können. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass dieser Dauer-Denk-Apparat extrem anfällig für Überlastung, Störfälle und Fehlfunktionen ist. Was kann man anderes erwarten?

Mitgefühl statt Hass
Der Hass auf meinen kaputten Kopf verwandelte sich langsam in Mitgefühl. Fury kann nix dafür -- ich kann nix dafür. Fury kann sich nicht zum lethargischen Hängebauchschwein umoperieren lassen -- ich kann ihm nur helfen, in dem ich die Reize von außen und innen im grünen Bereich halte.

Wir sitzen in einem Boot. Wissen um des anderen Nöte und können ihm doch nicht helfen. Mehr als eine wohlwollende, friedliche Koexistenz ist nicht drin. Wir kommen irgendwie klar. Wir fristen unser Dasein gemeinsam und leben mit der Migräne.

Selbst wenn Fury rumzickt, kann ich das Tierchen als Teil meiner Existenz akzeptieren und dem Rest Ruhe verordnen. Das hat zwar wenig Einfluss auf die Häufigkeit und die Intensität meiner Migräneanfälle, aber mir gelingt es immer besser, mich innerlich von ihnen zu distanzieren – auf eine gesunde Art und Weise.

*Fury (englisch für Wut, Furie) ist der Name eines Pferdes aus dem Roman Fury von Albert G. Miller und einer gleichnamigen Fernsehserie aus US-amerikanischer Produktion. (Quelle: Wikipedia) -- Hier das Intro:

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Hirnstammaura / Basilarismigräne – “Ganzkörper-Wahrnehmungskirmes”

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Migräne-Trigger entlarvt: Histamin und Co.

  1. Sonja Reber

    Hallo myyzilla,

    deine Artikel spiegeln mich in vielen Bereichen voll und ganz wieder.
    Nur, jetzt ist es schon so lange her, doch ich versuche es trotzdem mal :

    Wenn dir auch nach Austausch über Migräne mit Hirnstammaura ist, würde ich mich sehr über eine E-Mail freuen.

    Ich war zuletzt im Januar 2020 stationär in der Kieler Schmerzklinik und bin auch dort ambulant angebunden.

    Viele Grüße, Sonja
    [E-Mail-Adresse nur sichtbar für Admin]

  2. Ich sag’s immer wieder, Deine Beiträge sind wirklich super humorig und der Vergleich als “AuchMigränikerin” -( jetzt nur noch selten) finde ich die Lösung die Migräne als “Fury” zu betrachten – finde ich grandios!

  3. Sogar ziemlich HSP würd’ ich sagen .. – Das Thema beschäftigt mich ebenfalls schon länger. Da gibt es viele interessante Fragen und Zusammenhänge. Ich hoffe, ich komme bald dazu, darauf noch mal näher einzugehen. Gruß zurück von Prinzessin zu Prinzessin 😉

  4. Also auch HSP. 🤔 Tscha, Rückzug und Meditation helfen so Prinzessinnen auf der Erbse. Oder ne Umstellung des gesamten Lebens wie bei mir.
    Sonnige Grüsse von einer ehemaligen Kielerin😉

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