019 // Wer nicht funktioniert, fliegt raus. Abschied von Vena S. Magna…

Etwa sechs Wochen nach meiner wenig erfolgreichen Reha checke ich mit vermeintlich letzter Kraft im Venenzentrum der Nachbarstadt ein.

Die Schmerzen und Schwellungen in den Beinen, die mein früherer Hausarzt als Folge meiner Fettleibigkeit durch Gewichtsabnahme kurieren wollte, blieben auch mit 25 Kilo weniger auf den Rippen unverändert. Meine Beine sind weiterhin dick, blau und schmerzempfindlich. Das Amlodipin, das der nette TCM-Arzt mir gegen den vermeintlich zu hohen Blutdruck verschrieben hatte, beschert mir noch ein paar Deziliter Wasser zusätzlich im Gewebe, die ich seitdem auch nicht mehr losgeworden bin.

Als ich meinem neuen Hausarzt meine Beine präsentiere und ihm von meinen Schmerzen dort erzähle, überweist er mich sofort zum Gefäßchirurgen mit Verdacht auf CVI (Chronisch-venöse Insuffizienz).

Der stellt fest: Lipödem Stadium I-II, beide Stammvenen defekt und noch ein paar Seitenast-Krampfadern. OP nötig.
Ja, super! Reicht ja alles noch nicht … In Bezug auf das Lipödem macht man mir keine große Hoffnung auf Besserung – im Gegenteil. Weitere Gewichtsabnahme sei sinnlos bis unmöglich. Auch an meinen Armen habe ich die gleichen Symptome – es ist zum auswachsen.

Die Stammvenen-Geschichte und die Krampfadern sind aber heutzutage kein Problem. Das geht ratzfatz – keine große Sache. Das sind doch mal gute Nachrichten!

In einem neuen Verfahren im Venenzentrum soll ich eine Art Plastikmanschette um die Stammvenen beider Beine gelegt bekommen. Vorteil: Erhalt des eigenen Venenmaterials. (Kann man immer mal gebrauchen das Zeug, wenn mal ein Bybass oder ähnliches fällig wird). Man fragt mich, ob ich Interesse an der Teilnahme an einer laufenden Studie dazu hätte. Ich willige ein. Wenn ich schon für sonst nichts tauge, dann sollen meine Eingeweide doch wenigstens im Dienst der Wissenschaft für die Menschheit nützlich sein.

Die Idee, mich posthum in Heidelberg plastinieren zu lassen, spukt ja immer mal wieder in meinem Kopf rum. Langsam bezweifle ich aber, dass ich mich mit den ganzen fehlenden Teilen, Modifikationen und Ersatzteilen noch als Exponat für von Hagens Körperwelten-Austellung eigne.  Vielleicht gibt’s mich mal günstig als Mängelexemplar. Stammvenen weg, Galle weg, Mandeln weg, Bandscheiben-Matsch, Magen und Zwerchfell mit Plastiknetz und Titan-Klammern verdrallert, dafür Elefanten-Beine und Arme, ‘n Kupferketten-Uterus-Piercing und ein übersensibles, wirres Hirn.
OK, es gibt für alles einen Markt …

Und Tschüss…

In guter Hoffnung auf Ruhm und Ehre für meinen selbstlosen Dienst an der Menschheit stehe ich 20 Minuten vor dem geplanten OP-Beginn für letzte Vorbereitungen im OP-Hemd auf einem Höckerchen vor dem charmanten Chirurgen, der gleich Hand anlegen soll.

Chirurgen mag ich noch am liebsten. Die interessieren sich mehr für die Hardware eines Menschen. Damit hab’ ich kein Problem. Da bin ich entspannt. Schmerzausschaltung vorausgesetzt, würd’ ich auch gerne bei meinen OPs zugucken oder assistieren. Hauptsache es misst niemand Blutdruck.

„Sie sind Studienteilnehmer?“, fragt der Doc, der das Operationsgebiet vorbereiten will, begeistert.
„Ja.“, antworte ich stolz. Er fährt mit dem Ultraschall-Gerät über meine Beine. Drückt fester auf. Aua. Er runzelt die Stirn. Fährt nochmal rüber. Doppel-Aua.
„Kann nicht sein.“, sagt er dann.
„Warum?“, frage ich erstaunt.
„Bei ihren Venen geht das nicht. Das geht nur bis 0,6 cm Durchmesser. Ihre sind bis zu 1,8 cm weit.“
„Was hat Ihr Kollege denn dann da gemessen?“, wundere ich mich vorwurfsvoll.
„Ganz ehrlich: Das weiß ich jetzt auch nicht.“
„Ja, und jetzt?“, frage ich etwas belämmert.
„Tja, auf dem OP-Plan stehen Sie. Wollen Sie dann das Stripping machen lassen?“
„Das heißt, die Venen fliegen raus?“
„Ja, die fliegen dann raus.“
„Bleibt mir was anderes übrig?“, frage ich.
„Eigentlich nicht.“, sagt der Arzt.
„OK, dann machen Sie es so.“

Und wieder einer dieser schönen Momente, in denen ich mich wie Captain Jean Luc Picard auf der Brücke der Enterprise fühlen darf 🙂
(Keine Ahnung, was ich meine? Dann hier gucken.)

Zwei Stunden später wache ich auf. 20 kleine Schnitte an den Beinen und zwei große in den Leisten waren nötig, um die defekten Venen zu eliminieren. Egal, jetzt hab ich’s hinter mir, denke ich. Die Schmerzen in den Beinen sind erträglich. Allerdings habe ich tagelang Höllen-Kopfschmerzen, am nächsten Tag Migräne und der Nacken ist auch wieder schlimmer. Ob die Ärzte meine Bitte ernst genommen haben, bei der Lagerung auf meine kaputte Halswirbelsäule zu achten? Zweifel sind angebracht, aber wer kann das schon wissen, was die mit einem machen, wenn man erst mal hinreichend sediert ist …

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  1. Meine Güte Myyzilla,
    was trägt Dein Körper da alles aus?

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