017 // Zwerchfell-OP und die Stimme des Traumas

Meine Begegnung mit Pfleger Stefan hat mich nicht nur auf die Spur des Traumas gebracht. Der Gastroenterologe entdeckte bei der Magenspiegelung eine Gastritis und einen Zwerchfellbruch, der für meine Beschwerden im Oberbauch verantwortlich zu sein scheint.

Dass das Zwerchfell mein Haupt-Problem ist, hatte mein Osteopath, Herr R., zwar schon ein dreiviertel Jahr vorher festgestellt, aber dass Teile meines Magens sich durch einen Riss durch den “Bauchraumtrenner” nach oben in den Brustraum verlagern und dort meinem Herzchen von Zeit zu Zeit auf die Pelle rücken und damit für Stress sorgen, war bis dato unbekannt.

Jetzt wird mir einiges klar.

Mein neuer Hausarzt, den ich auf Empfehlung von meinem Psychotherapeuten jetzt aufsuche, schickt mich mit der Diagnose zum Spezialisten.

Ein Glück leben wir im Ruhrgebiet. Da wohnt der Hernien-Papst fast nebenan. Tausende Operationen dieser Art machen die ehemals mehrstündige Operation für ihn zum Routine-Eingriff. Seinen Humor hat der Doc dabei nicht verloren. Meine Angst vor ihm kann ich bei der Untersuchung deshalb gut hinter zynischen Bemerkungen und Mediziner-Witzen verstecken. Mein Mann ist bei der Unterredung dabei, da bin ich mutig.

Die OP empfiehlt der Chirurg vor allem, weil ich noch so jung sei (haha) und die lebenslange Gabe von Protonenpumpenhemmern, wie Pantoprazol, auf die ich sonst nach wie vor angewiesen wäre, auch nicht das Gelbe vom Ei seien. Ausschlaggebend ist allerdings die durch die Hernie verursachte Kollapsneigung.

Den Scheiß will ich los sein.

Die als „Panikattacken“ missgedeuteten Auswirkungen eines verrutschen Magens will ich nicht mehr haben. Ich denke an die Worte meines früheren Hausarztes: „Alles psychosomatisch“ – Der ist übrigens auch Internist und hätte bereits vor zwei Jahren mal auf den Trichter kommen können, dass trotz Adipositas (bzw. gerade da) ein Zwerchfellbruch Ursache meiner im übrigen sehr präzise geschilderten und daher relativ eindeutig zu diagnostizierenden Beschwerden im Oberbauch und Brustkorb sein könnte.

So hätte ich mir locker ein Jahr Ranitidin und Pantoprazol zur Sodbrand-Bekämpfung sparen können, denn diese Biester können ebenfalls zur Verschlimmerung der Migräne und anderer Malessen beitragen, wie ich heute weiß.

Die Aussicht auf ein Leben ohne die Anfälle und die Magentabletten lassen mich in die OP einwilligen. Angst vor (postoprativen) Schmerzen hatte ich noch nie. Die bringen mich nicht um. Anfang November werde ich operiert. Alles verläuft regelrecht. Mehrere Wochen flüssige und breiige Kost in Mäuse-Portionen lassen selbst bei mir die Pfunde purzeln.

Am Ende des Jahres habe ich 25 Kilo weniger auf den Rippen als am Anfang.

Nach der Narkose verliere ich noch mehr Haare.

Unverändert dick: Meine Beine.

Endstufe der Besinnlichkeit…

Kurz vor Weihnachten, ein paar Tage nach meiner Entlassung und etwa zwei Monate, nachdem ich aus der Wiedereingliederung auf der Intensivstation gelandet war, bekundet mein Arbeitgeber doch noch Interesse an mir. Dann scheinen die ja mitgekriegt zu haben, dass ich noch lebe, denke ich. Per Einschreiben teilt man mir mit, dass man mit mir über meine Zukunftsperspektiven im Unternehmen sprechen möchte. Wie schön, denke ich. Dass ich nach dem Verdacht auf Hirninfarkt (von dem zumindest zwei der Kolleginnen wussten) noch sprechen oder laufen kann, wird vorausgesetzt. Details zu meinem Befinden scheinen niemanden zu interessieren.

Wenn ich aus gesundheitlichen Gründen nicht erscheinen könne, müsse ich dies durch ein zusätzliches ärztliches Attest belegen, schreibt die Sachbearbeiterin Fehlzeitenmanagement.  (War sie nicht früher Justitiarin und Leiterin von irgendwas? Hatte sie mir nicht höchst selbst bei ihrem Einstieg ins Unternehmen gar das Du angeboten? Bis sie den Leiterposten übernahm und wieder zum Sie wechselte …)

Ich schreibe ihr zurück, dass mich ihr Interesse an mir und meinem Zustand freut, ich aber leider nicht kommen kann, da ich mich von einer OP erhole. Ein ärztliches Attest läge in Form meiner AU-Bescheinigung vor, ich wäre aber gerne jederzeit bereit, telefonisch über ihr Anliegen zu sprechen. Ihr und ihrer Familie wünsche ich ebenfalls eine besinnliche Vorweihnachtszeit. Sie hatte das im Eifer des Gefechts wohl schlicht vergessen, kann ja mal passieren …

Sonst war sie doch immer so nett. Um so irritierter bin ich, dass die mir immer freundlich ins Gesicht lächelnde, verbindlich tuende Dame nicht einfach mal den Telefonhörer oder die PC-Tastatur in die Hand nimmt, um (zumindest vorab) mal mit mir Kontakt aufzunehmen. Schließlich sind wir doch sowas wie eine große Familie in unserem Unternehmen, in dem soziale Verantwortung groß geschrieben wird.

In einem weiteren Schreiben beharrt sie stattdessen weiter auf ihrer Meinung, dass ich verpflichtet sei, ein Extra-Attest beizubringen. Droht mit Sanktionen im Falle des Nichtbefolgens.
So kommen wir nicht weiter. Mit geht’s beschissen, ich kann kaum laufen, ernähre mich von Kleinstmengen Babybrei und weich gekochten Buchstabennudeln und habe null Energie, mir jetzt noch so was reinzuziehen.

Das längst überfällige geschieht: Ich überwinde und wende mich an eine Rechtsanwältin. Sie klärt daraufhin den Vorgesetzten der Sachbearbeiterin schriftlich über die Rechtslage auf und teilt mit, dass ich gerne bereit sei, nach Gesundung an einem Gespräch teilzunehmen, das den rechtlichen Anforderungen genüge und weiterhin für eine telefonische Kontaktaufnahme mit dem Personalverantwortlichen zur Verfügung stehe. Sie bittet mithin um Rücksichtnahme und verweist auf den mir vom Gesetzgeber eingeräumten Freiraum, um mich um meine Gesundung zu kümmern.

Auch meinen zuständigen Betriebsrat informiere ich über die Sachlage. Der war nämlich ein bisschen verwundert ob meiner freundlichen, aber deutlich subtil-missmutigen E-Mail-Antwort auf die „Einladung“.

Sein Kommentar dazu: „Das machen wir doch immer so.“

O M G.

Danach höre ich nichts mehr. Von niemandem aus der Firma.

Die OP löst in den nächsten Monaten nur einen Teil meiner Probleme. Andere kommen hinzu oder verschlimmern sich.

Etwa ein halbes Jahr nach der Gesprächseinladung nimmt meine neue Führungskraft, die nach Umorganisation nun für mich zuständig ist, per Mail wieder Kontakt mit mir auf. Es folgt ein beruhigend normales Telefon-Gespräch, in dem ich diverse Dinge aus meiner Perspektive schildere. Der neue Chef ist zumindest geübt in Grundanstand und sachlich-neutraler Gesprächsführung. Immerhin. Er sichert mir zu, dass ich von ihm nichts anderes zu erwarten habe. Ich glaube ihm.  Ein bisschen freue ich mich sogar über den Anruf.

Was ich von den anderen Leuten in meinem Arbeitsumfeld und im Allgemeinen zu erwarten habe, ist mir in jeder nur erdenklichen Hinsicht eindrucksvoll vor Augen geführt worden. Aber ich versuche, die Verletzungen und Enttäuschungen, die ich durch das Verhalten der sogenannten Kollegen erfahren habe, für mich zu nutzen. Sie helfen mir beim Thema Abgrenzung. Das ist eines meiner größten Probleme, da kann ich jede Hilfe gebrauchen.

Vielleicht schaffe ich es langsam, einfach zu vergessen. Mittlerweile weine ich schon nicht mehr so oft. Ich fühle mich nur noch verraten, ausgestoßen und hintergangen. Irgendwann überwiegt vielleicht mal die Dankbarkeit. Im Moment noch nicht. Da hör’ ich noch oft ihre Stimmen, sehe ihre Gesichter und habe Angst. Angst vor dem Tag, an dem ich vergesse, wie sie mit mir umgegangen sind …

Sie können sich jetzt wieder die Mäuler über mich zerreißen. Hier gibt es genug Input.  Ich hör’ sie schon: Ach, da ha’m wir ja grad drauf gewartet. DIE nimmt sich ja wichtig, als ob das hier noch jemanden interessiert … Was glaubt die, wer die is’? Is’ hier ewig nicht da und sitzt jetzt zu Hause und schaukelt sich die Eier und lebt auf unsere Kosten … und wir haben hier die ganze, viele Arbeit …

Es sind die Stimmen, die ich selbst jeden Tag in mir höre. Die Schuldgefühle und Selbstzweifel, die ich bei jeder nicht erfüllten Pflicht empfinde. Es sind die Stimmen der Täter, an die ich mich (aus welchen Gründen auch immer) emotional gebunden fühle und die mich trotz allem Bemühen um Anerkennung und Zuwendung bei jeder sich bietenden Gelegenheit eiskalt fallen lassen. Das ist die Stimme des Traumas.

Auch das Bundesarbeitsgericht hat nach diversen Urteilen anderer Gerichte nun endgültig klargestellt, dass in Fällen wie dem oben geschilderten keine Pflicht zur Teilnahme an einem Personalgespräch besteht, in dem es z.B. um „Modifikationen der arbeitsvertraglich fixierten Inhalte“ gehen soll:

http://www.lto.de/recht/hintergruende/h/bag-10-azr-596-15-arbeitnehmer-krank-personalgespraech-attest-pflicht/

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  1. Das ist interessant, das mit dem Zwerchfell – das ist doch irgendwie am Humor und Lachen beteiligt….Verzeih, Klara Gründlich denkt schon wieder ausgiebig nach und versucht Einordnungen 😉

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