Seit ich denken kann habe ich panische Angst vor’m Blutdruckmessen. Allerdings nur beim Arzt oder wenn jemand zuschaut. Unwillkürlich höre ich auf zu atmen. Will nur, dass es schnell vorbei ist. Außerdem tut es weh und macht blaue Flecken. Was das für Werte gibt, kann man sich vorstellen.

Sämtliche Langzeitmessungen, Eigenmessungen mit geeichten Geräten und Messungen von Vertrauenspersonen zeigen normale Werte (außer in Paniksituationen).

Manche Autoren sprechen bei diesem Phänomen von der sogenannten „Weißkittelhypertonie“.

Danke, Pfleger Stefan!

Ein Schlüsselerlebnis  mit Anästhesie-Pfleger Stefan bei den Vorbereitungen für eine Magenspiegelung bringt mich endlich auf die richtige Spur, um meine Angst zu verstehen:

Mit ihm scherze ich über Propofol und Michael Jackson. Ich weise noch fröhlich darauf hin, dass ich am gleichen Tag Geburtstag habe wie der King of Pop. Der soll ja die „Schlafmilch“, wie Pfleger Stefan das Narkosemittel nennt, von seinem verantwortungslosen Arzt bekommen haben, weil er das Entspannungs-Gefühl beim Wirkungseintritt so toll fand. Die Stimmung ist gelöst. Bis er mit der Blutdruck-Manschette ankommt. Ich krieg’ den „irren Blick“, sage, dass ich Angst vor’m Blutdruckmessen habe und lieber am offenen Herzen operiert werden würde als das.

Anstatt mich zu belächeln und mit einem „Ach, was!“ loszulegen, wie tausend Pfleger, Krankenschwestern und Ärzte vor ihm, sagt er: „Das ist ja interessant. Hab’ ich ja noch nie gehört. Haben Sie denn mehr Angst vor dem Messen oder mehr Angst vor dem Ergebnis?“

Gute Frage, Pfleger Stefan!

„Ich weiß gar nicht“, sage ich, behalte die Frage aber im Hinterkopf und hoffe, dass ich mich nach der Narkose noch daran erinnere. „Das Ergebnis ist natürlich immer zu hoch. Hab’ ja Panik. Dann fühl’ ich mich falsch verurteilt und doof. Irrational, ich weiß.“ schwadroniere ich weiter.

Der Doc kommt dazu. Ich will mich nicht anstellen und cool sein. Klappt nicht. Ich fang’ an zu heulen. Der Doc guckt verwundert. Pfleger Stefan erklärt sachlich:
„Sie hat Angst vor’m Blutdruckmessen.“
Oberpeinlich!
„Ach,“, sagt der Doc (jetzt kommt’s wieder, denke ich).
„Dann machen wir Ihnen das einfach gleich um, wenn Sie schlafen.“

Thema durch. Sofort bin ich maximal entspannt. Auch ohne Propofol. Wenn doch nur alles so einfach wär’…

Als ich wieder wach werde, hab’ ich noch die Manschette um. Pfleger Stefan sitzt nebenan an einem Tisch und sortiert Unterlagen. Als er merkt, dass ich wach bin, zwinkert er mir zu: „Na, da sind sie ja wieder. Blutdruck is’ noch’n bisschen niedrig, aber sonst is’ alles ok.“

Niedrig. So, so …

Angst vor den eigenen Befindlichkeiten

Heute weiß ich, dass meine Blutdruck-Mess-Angst nichts anderes ist, als die Angst, Inneres preiszugeben, Befindlichkeiten zu äußern und Bedürfnisse zu haben.

Befindlichkeiten wahrzunehmen und zu äußern gehört noch immer nicht zu meinen Stärken. Kein Wunder, wenn du Jahrzehnte lang bestens darauf trainiert und konditioniert wurdest, alles, was deine Bedürfnisse oder emotionalen Anteile angeht, zu verdrängen, abzuspalten oder zu verleugnen. Das ist eine völlig „normale innere Strategie“ traumatisierter Menschen …

Das Blutdruckmessen zwingt mich, mein Inneres zu zeigen. Davor habe ich panische Angst, weil mein kindliches Ich gelernt hatte, dass es existenziell wichtig ist, die eigenen Befindlichkeiten und somit Bedürfnisse nicht zu zeigen, nicht zu äußern, besser noch: gar nicht erst zu fühlen. Vor allem im Zusammenhang mit medizinischen Einrichtungen und Ärzten als Person wird dieses Traumageschehen immer wieder getriggert. Doofe Kombi … ganz doof …

Erst seit den 1990’er Jahren gibt es den Begriff der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (komplexe PTBS), die wahrscheinlich für solche Phänomene wie meine Blutdruck-Mess-Angst (mit-)verantwortlich ist.

Hier ein guter Überblick über die theoretische Seite dieser wirklich vertrakten Angelegenheit:
https://de.wikipedia.org/wiki/Komplexe_posttraumatische_Belastungsst%C3%B6rung

 

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