Wer schon mal auf der Neurologie lag, stellt schnell fest, dass hier die Uhren anders ticken. Ein Universum für sich, denn hier treffen sie sich: Die Grenzfälle menschlichen Bewusstseins. Ich bin mittendrin. Genauso grenzwertig bewusst unterwegs wie alle anderen.

Zur weiteren Abklärung eines Anfalls mit Verdacht auf Hirninfarkt werde ich nach zwei Tagen auf der Stroke Unit nun mit meinem Höllen-Schwindel auf Zimmer Nr. 6 der Neurologie geparkt. Mit im Zimmer: Linda und Michaela. Linda hat Epilepsie und diverse psychische Probleme. Zwischen uns liegt völlig apathisch Michaela: eine altersmäßig schwer schätzbare Patientin mit Down-Syndrom, die zwar nicht sprechen, aber sehr laut brummen kann.

Rund um die Uhr stößt sie unvermittelt Schreie aus, die sich anhören wie ein balzender Pfau. Ich rede dann mit ihr. Sage ihr, dass alles gut ist. Beruhige damit in Wirklichkeit mich selbst. Ich habe keine Ahnung, ob Michaela mich versteht. Auf jeden Fall sieht sie mich an, hört auf zu schreien und brummt wieder. Manchmal lächelt sie, wenn ich mit meinem grünen Plüsch-Frosch ihr rosa Frottee-Schaf anstupse und dabei „Hallo“ sage. Ich mag Michaela, aber unsere Beziehung wäre schöner, wenn sie leiser wäre – oder ich taub.

Wenn Linda nicht gerade in einem seltsam weggetretenen Zustand ist (liegt an den Medikamenten, sagt sie), kann man sich sehr gut mit ihr unterhalten. Sie ist gebildet, witzig und lebenserfahren. Ich erschrecke ein bisschen, als sie mir erzählt, dass sie sich selbst unter Betreuung stellen lassen möchte. Sie kriegt nichts mehr geregelt und hat niemanden, der ihr helfen kann, sagt sie. Mehrmals. Ohne jede erkennbare Gefühlsregung. Liegt auch an den Medikamenten, denke ich. Nicht mal Wechselklamotten kann ihr jemand bringen.

Nachdem sie mir ihre ganze Lebensgeschichte erzählt hat, bin ich mir sicher: Wenn ich mich nicht sehr schnell und sehr gewissenhaft um meine Probleme kümmere, wird genau DAS meine Zukunft sein: weitere Medikamenten-Experimente, psychiatrische Einrichtungen, kompletter Autonomie-Verlust, totaler Zusammenbruch: Good bye, Familie.

Am nächsten Tag rufe ich meinen Psychotherapeuten an und schildere meine Sorgen. Er beruhigt mich. Ich hätte genug Werkzeug, um jetzt hier drin erst mal klarzukommen und dann schauen wir weiter, wenn ich wieder zu hause bin, sagt er. OK. Ich verlass‘ mich drauf und gehe stoisch meine Übungen und Werkzeuge durch: Akupunktur-Ring zur Fokus-Umlenkung bei aufsteigender Angst, Pika-Pika-Atmung, Hypnose-App, Schmetterlingsumarmung, breitbeiniger Gang bei Unruhe.

Hier falle ich mit merkwürdigem Verhalten nicht unangenehm auf. Unbestaunt gehe ich sechs mal täglich die Treppen hoch und runter und zwanzig mal den Gang auf und ab, um meine Venenklappen und mein Gleichgewichtsorgan nicht vollends zu schrotten.

Nach einer Woche Diagnostik, Hoffen und Bangen heißt es: Sie dürfen morgen nach Hause.

Ich habe nur eine seltene Form der Migräne. Eine mit Hirnstammsymptomatik. Die äußert sich gerne wie ein Schlaganfall. Machen kann man da eigentlich nichts, außer hinlegen, sagt der nette Oberarzt und gibt mir den Tipp, es aber doch mal mit Betablockern zu versuchen.

Hinreichend verwirrt, aber Heimwehgesteuert packe ich meine Tasche. Eine viertel Stunde später sitze ich reisefertig auf meinem Bett. Jetzt nur noch die letzte Nacht überstehen und dann raus hier, denke ich.

Schnell wird klar, dass das kein Spaziergang wird.

Mein Gesicht brennt, pocht und sieht nach der ganzen Aufregung und den Medikamenten aus wie ein Schälchen billiger Lachs-Ersatz … ausgekotzt … vor 3 Tagen. Der schöne Name Rosacea täuscht – es sieht nicht schön aus!

Einer der Männer im Nebenzimmer brüllt plötzlich laut, er hätte eine Bombe im Kopf.

Als leicht autistisch veranlagter Mensch, prüfe ich immer sehr gewissenhaft, ob Äußerungen meiner Mitmenschen ernst gemeint, ironisch oder mit verstecktem Humor gespickt sein könnten. Das dauert immer eine Weile. Nachdem ich in diesem Fall beschließe, dass es sich um eine kognitive Fehlleistung handeln muss, frage ich mich, ob es der selbe abgemagerte, unrasierte Mann ist, der neulich abends, plötzlich schweigend in Streifenhose, Lederpantoffeln und beschmiertem, ehemals weißem Unterhemd vor meinem Bett stand ohne ein Wort zu sagen, bis ein Pfleger ihn mit sanftem Druck aus dem falschen Zimmer holte. Ich weiß es nicht. Eigentlich will ich es auch nicht wissen. Ich will nur weg hier. Bombe hin – Bombe her. Da muss er durch – wie wir alle hier.

Linda fängt plötzlich an zu zappeln. Sie krampft.
„Linda?!“, sag‘ ich laut. Sie reagiert nicht mehr auf mich.
Ich versuche, schnell das Gitter an ihrem Bett mit Kissen zu polstern, damit sie sich nicht weh tut und klingle nach der Schwester. Minutenlang passiert nichts. Keine Ahnung, was ich machen soll.
Als mir alles zu viel wird, renne ich im Nachthemd auf den Flur zum Schwesternzimmer. Zwei mir bisher unbekannte Pfleger stehen da und gucken mich gelangweilt an.
„Können sie bitte schnell kommen, meine Zimmernachbarin hat einen epileptischen Anfall“, sage ich aufgeregt.
„Jo, wir guckn gleich mal“, sagt das Jüngelchen mit der pickligen Stirn.
„Nein, sie gucken JETZT. Ich bin damit total überfordert. Ich hab‘ Angst. Die fällt aus dem Bett!“, herrsche ich ihn an.
Der andere verdreht die Augen, schlurft dann aber los.
„Welches Zimmer?“, fragt er.
„Sechs“, schreie ich fast.

Als wir reinkommen, zappelt Linda immer noch. Die Wasserflasche und das Telefon hat sie schon vom Tisch gefegt – trotz Gitter. Der Pfleger friemelt ihr routiniert ein kleines Plättchen in den Mund. Tavor (ein Beruhigungsmittel), wie ich später erfahre. Nach ein paar Minuten hört Linda auf zu zappeln und schläft ein.

Michaela brummt.

Mein Ohr fiepst.

Ich will nach Hause.

Als endlich Ruhe ist, wiege ich mich mit meinem nach Lavendel-duftenden Plüsch-Frosch im Arm, leise singend vor und zurück.
„Mein Vati hat drei grunzende Schweine“, rezitiere ich kaum hörbar – in Dauerschleife …
‚Wenn mich jetzt einer sieht, komm‘ ich hier nie wieder raus‘, denke ich.
Linda schnarcht.
Michaela wird unruhig.
Ich singe etwas lauter. Sie brummt. Dann schläft sie ein. Ich glaub‘, ich auch.

Um 8:30 Uhr ist es endlich vorbei.

Ich darf nach Hause.

Zum Abschied gebe ich Linda meinen Akupunktur-Ring, je zwei frische T-Shirts, Jogging- und Unterhosen zum Wechseln. Sie bedankt sich freundlich aber emotionslos. Wir wünschen uns alles Gute. Zu Michaela sage ich nur: „Tschüss, Michaela, mach’s gut!“ und winke ihr von der Tür nochmal zu.

Im Auto breche ich in Tränen aus. Niemals vorher, habe ich mich so gefreut in meinem eigenen Fahrzeug zu sitzen – wenn auch nicht auf dem Fahrersitz. Mein Mann bringt mich nach Hause. Als wir die Wohnungstür aufschließen, kommt mein knapp sechsjähriger Sohn mit Schokolade-verschmiertem Mund angerannt:
„Meine Mama ist wieder daaa!!!“, schreit er.

Und dann: “Darf ich jetzt Fernsehgucken?“

Ich will grade etwas sagen, wie: „Jetzt knuddeln wir erst mal ausgiebig!“ – da höre ich, wie der Hund ins Wohnzimmer kotzt.

In diesem Moment bin ich immer noch krank, aber unendlich glücklich, wieder in diesem stinknormalen Irrenhaus zu sein …

 

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