009 // „Das Schlimmste“ – TK-Programm “Schmerzfrei leben” (Teil II)

Am Anfang der dritten und letzten Programmwoche meines Rückschmerz-Programms geht es bei 37 Grad Außentemperatur und gefühlten 47 im Wartebereich der Arztpraxis zur Sache:

“Die Hitze – das ist das Schlimmste!”, höre ich eine pummelige Dame, mit braunen Locken, weißer Popelinehose und sich langsam auflösenden Bast-Schühchen zu einem Herrn sagen. Der schleppt sich grade mühsam auf seine Krücken gestützt zwei Meter über den Flur zu der dort platzierten Sitzgruppe.

Die Frau steht auf, setzt sich auf einen anderen Platz, neben einen anderen Herrn – den kennt sie wohl bereits. “Das Warten – das ist das Schlimmste!”, schnaubt sie und wischt sich mit einem kleinen Handtuch durchs Gesicht. Eine Tür geht auf. Das Startsignal für mich und fünf weitere Schmerzpatienten zur psychotherapeutischen Gruppensitzung. Frau Pummel ist auch mit von der Partie. Die Therapeutin bittet uns, ein kleines Piktogramm an das aufgestellte Flipchart zu zeichnen. Es soll unseren momentanen Gemütszustand beschreiben.
Herr Bärtig malt einen gelben Smiley, lächelnd – läuft. Bei Herrn Vokuhila läuft’s gar nicht: Er malt eine orangefarbene Mundwinkel-Nach-Unten-Version. Herr Ringelpulli: Grüner Haken – alles tutti. Herr Handballer: Blauer Smiley, wellenförmiger Mund und Kugelaugen – geht so. Ich male einen schwarzen Smiley mit Fragezeichen als Nase – mal gucken. Frau Pummel springt auf und kritzelt unter alles ein großes, schwarzes Fragezeichen.
“Die vielen Fragen – das ist das Schlimmste!”, zetert sie und drückt sich das kleine Handtuch ins Gesicht.

Balla Balla

Die Therapeutin hatte für diesen Termin ursprünglich eine Einführung in die „Progressive Muskelentspannung“ nach Jacobson plus Wärmeübung vorgesehen. Die gruppenspezifische Begeisterung dafür hält sich in Anbetracht der Wetterlage in Grenzen. Stattdessen soll die “Übung mit dem Ball” folgen. Keiner wehrt sich. Nur Herr Vokuhila wirft ein:
“Was?! Bälle fangen?! Wir ham doch alle Rücken!”, regt er sich auf.
Herr Vokuhila ist neu in der Gruppe. Er weiß noch nicht um die universalenergetisch positive Wirkungsweise des Lederballwerfens mit mehreren Bällen in der immer gleichen Abfolge: Herr Ringelpulli zu mir, ich zu Herrn Bärtig, Herr Bärtig zu Herrn Vokuhila, Herr Vokuhila zu Herrn Handballer, Herr Handballer zu Frau Pummel, Frau Pummel zur Therapeutin, die Therapeutin zu Herrn Ringelpulli, der wieder zu mir und so weiter …
Wir legen los. Bällchen fangen macht Spaß und alle sind total gut drauf. Von Wurf zu Wurf werden die kleinen Bälle klebriger. ‘Jetzt haben ALLE ALLES’, denke ich und stelle mir die Heerscharen von Bazillen vor, die jeder von uns an seinen schweißnassen Händen kleben hat. Jetzt bloß nicht ins Gesicht fassen!
In der dritten Runde gibt Frau Pummel auf und setzt sich hin. “Das Stehen – das ist das Schlimmste!”, seufzt sie. Die Therapeutin stellt freundlich fest, dass man Bälle auch im Sitzen fangen kann und wirft der leidenden Lockenträgerin den Ball in den Schoß. Frau Pummel nimmt ihn widerwillig.
“Geht’s so?”, fragt die Therapeutin.
Frau Pummel stiert auf den Ball. Dann kocht sie langsam über: Sie springt auf und fängt an zu schimpfen. Es würde ihr nicht geholfen, ihr Leben sei furchtbar. Die Therapeutin versucht, ihr Mut zu machen. Ermuntert sie, die ihr gestellten Aufgaben im Leben anzunehmen und ihren Weg zu finden.
Das ist zu viel für Frau Pummel.
“Die nette Ärztin ist weg – das ist das Schlimmste!”
Sie steht auf und geht zur Tür. „Ja, da hat sie aber auch wirklich Recht“, sagt Herr Bärtig und schaut die Therapeutin vorwurfsvoll und auffordernd an. Die sagt: „Ja, das ist wirklich Schade, dass Frau Dr. B. weg ist.“
„Ich hab’ meinen Job verloren, wegen der Scheiße hier. DAS ist schlimm!“, sagt Herr Handballer und zeigt dabei auf seinen Nacken. „Mir bringt das hier alles GAR nichts“, wettert Herr Vokuhila.
“Also mir hat man geholfen“, brummt Herr Ringelpulli. Plötzlich schauen sie alle zu mir.
Ich will nichts Falsches sagen. Denke darüber nach, was für mich hier das Schlimmste ist, ohne offen Kritik an jemandem üben zu müssen. Was das sein wird, kann ich zu diesem Zeitpunkt auch noch gar nicht wissen, denn das erlebe ich erst drei Tage später …
Jetzt sage ich: „Also mir macht die Hitze echt zu schaffen.“
Allgemeine Zustimmung. Erleichterung. Die Therapeutin entscheidet, die Sitzung aufgrund der Wetterlage zu beenden.

Es gibt Schlimmeres … 😉

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