008 // “I feel pretty …” – TK-Programm “Schmerzfrei leben” (Teil I)

Nach fünf Wochen AU und der Diagnose „HWS-Prolaps in C5-C6 und C6-C7“ muss es endlich vorwärts gehen. Meine Geduld ist am Ende. Ich melde mich für das integrierte Versorgungskonzept bei Rückenschmerzen “Schmerzfrei leben” meiner Krankenkasse, der Techniker, an. In einem schönen bunten Flyer wird erklärt, dass „ausgewählte Fachärzte, Verhaltens- und Physiotherapeuten dabei eng und effektiv zusammen [arbeiten] und so die Heilungschancen [erhöhen].“

Das will ich. So geht’s voran.

Mit dem Orthopäden, seinem Kortison und seinen Theken-Schlampen war ich fertig.
Darf man Schlampen sagen? Es ist angemessen, also bleibt es stehen. Außerdem bin ich nicht ganz dicht, übersensibel und in einem emotional labilen Zustand. Da muss man mit sowas rechnen.

Der Weg in die Hölle führt auch durch schöne Gärten…

Bei einem diagnostischen Screening, das sich anfühlt wie ein Bewerbungsgespräch, wird entschieden, wer bei dem Programm mitmachen darf. Die mir zugeteilte Praxis ist nicht nur auf Rückenschmerzen spezialisiert, sondern auf Migräne und Schmerztherapie im Allgemeinen. So pflückt Frau Dr. B. mein gesamtes Schmerzerleben in nullkommanix auseinander und erklärt mir die kausalen Zusammenhänge der unterschiedlichen Baustellen in meinem Körper.

Einige meiner Beschwerden seien ganz klar auf meine, seit der Kindheit bestehende Migräne zurückzuführen. Nervus trigeminus heißt der Schlingel, der da vorwiegend in meiner linken Gesichtshälfte seinem Namen alle Ehre macht und rumnervt. Ein großer Teil der Nackenschmerzen, Schwindel und Gefühlsstörungen seien dadurch erklärbar. Das ist mir neu. Hat mir noch keiner gesagt. Zum ersten Mal seit langer Zeit, habe ich das Gefühl, dass da ein Arzt seinen Job gut macht.

Arm und Schulter-Schmerzen hingen eher mit den Bandscheibenschäden zusammen. Die kriege man bestimmt in den Griff. Hinzu kämen allerdings die psychosozialen Faktoren, die das gesamte Schmerzerleben und die Migräne triggern und beeinflussen können. „Ganz wichtiger Punkt“, sagt sie. Klingt plausibel.

Eine Stunde Später hab’ ich den Therapieplatz und ‘nen Sack voll Hoffnung.

Ich freue mich, obwohl sich mir allein bei dem Gedanken an die Fahrten zu den Therapeuten der eh schon rebellische Magen umdreht. An manche Fahrten kann ich mich nicht erinnern. Zu den ersten Terminen fährt mich mein Mann, der gerade Urlaub hat. Geplant war eigentlich, diese Zeit gemeinsam am Meer zu verbringen. Jetzt stehen wir drei Tage lang gemeinsam auf der B224. Danach zwinge ich mich, alleine zu fahren. Ich will nicht dauernd um Hilfe fragen.

I feel pretty…

Unzählige Male bleibe ich auf der Strecke stehen, um meine Panik- und/oder Schwindelattacken zu bewältigen. Mein Mann coacht mich bei diesen Fahrten telefonisch über die Freisprecheintrichtung. So ganz ohne Hilfe geht es nicht. In meinem Auto riecht es penetrant nach Lavendel (Tipp von Herrn E. zur Beruhigung). An jeder Hand habe ich einen Akupunktur-Ring (zur Fokusumlenkung). Ich hasse mich für meine Unselbständigkeit, hasse die anderen, weil sie mich im Auto weinen sehen, hasse die ganze Welt, weil sie mir das antut. Aber: Ich kapituliere nicht!
Ich singe: “I feel pretty … oh so pretty …” Ich bin Jack Nicholson und Adam Sandler in Personalunion.

Die Physiotherapie tut mir gut. Vor allem die Fango-Matten und die manuelle Therapie bringen ein bisschen Erlösung. Mein programm-immanenter Physiotherapeut ist ein kräftig gebauter, nicht sehr großer Mann mit lustigen Augen und einem Bauchansatz. Das macht ihn neben den drahtig, sportlichen Surfer-Typen, die sich sonst als Physiotherapeuten verdingen und anderen gerne die Welt erklären, für mich besonders sympathisch.

Er warnt mich: „Machen Sie nicht zu schnell wieder zu viel.“ Ich verstehe nicht, was er meint. Ich tue doch alles, was ich tue nur, damit ich schnell wieder einsatzbereit bin. Damit ich wieder funktioniere und alles wieder ist wie früher …

In der zweiten Woche geht gar nichts mehr: Migräne. Die üblichen drei bis vier Tage “Kopfschmerz mit Rahmenprogramm” legen mich lahm. In der Schmerzpraxis bekomme ich das erste Mal Aspisol i.V.* – schon nach fünf Minuten geht es besser. Ein Wunder!

Ich kann mich nicht daran erinnern, wie ich an diesem Tag wieder nach Hause komme. Außerdem ist mir schlecht und mir tut der Bauch weh, sehr weh …

—–

* Aspisol (= Aspirin = Acetylsalicylsäure) in ausreichender Dosierung von 1000mg intravenös (i.V.) verabreicht kann als Migräne-Akutmediaktion eine tolle Sache sein. Die Kehrseite der Medaille sind die Nebenwirkungen, die sich bei entsprechend empfindlichen Personen vor allem im Magen bemerkbar machen. Sodbrennen, Magenschleimhautentzündung, Magengeschwüre bis hin zu Magenbluten sind die möglichen unerwünschten Nebeneffekte dieser medikamentösen Schmerz-Therapie.

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009 // „Das Schlimmste“ – TK-Programm “Schmerzfrei leben” (Teil II)

  1. Guten Morgen Mµµ…
    also ich lese Dich jetzt chronologisch …und das mit großer Freude – versüßt Du mir doch den beginnenden Tag mit Deinem köstlichen Humor – verzeih!!!! Ich vergesse dabei keinesfalls, dass es Galgenhumor ist und “Selbsterheiterung” oder Humor ist wenn man trotzdem lacht.
    So oder so ähnliches erlebe ich zur Zeit life in meinem Bekanntenkreis – was da heißt: Freundin die seit vielen Jahren von Arzt zu Arzt rennt, danach Erleichterung für höchstens einen Tag, nächster Arzt, der auch nichts anderes weiß als eine neue Diagnose und “Medizin mit stetigen Nebenwirkungen” oder gar die “wertvolle” Einsicht “das ist alles psychisch” (sprich eingebildet). In der Not zum nächsten Arzt, was soll sie machen, die Schmerzen sind real – egal ob nichtauffindbar oder “nur” psychisch.
    Ich bin kein Internist, kein Orthopäde, kein Allgemeiner oder Frauenarzt und auch kein Psychiater – aber mir ist klar bei der deren Geschichte, die ich seit vielen Jahren verfolge sie nie gesund werden kann. Die ganzen Belastungen, die diese Frau hat (Pflege ihres Mannes mit schweren Schlaganfallfolgen – seinen Zornausbrüchen und Beschimpfungen, 100 % Arbeiten in einer Klinik im Schichtdienst…) die Frau hat einen Fastzusammenbruch – wo der Körper einfach strikt. Was soll sie machen, sich von einem entmündigten Kranken scheiden lassen? Geht nicht – packt ihre Psyche nicht. Gute Menschen werder bestraft – Hilfe kriegen sie nicht weder von den Ärzten noch von diesem verkackten System.
    So, jetzt ist meine gute Laune wieder weg und ich werde noch weiterlesen 😉 müssen…..

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