Monat: März 2017 (Page 1 of 3)

027 // „Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche zieh’n.“* – Durchs Nadelöhr gehen.

Am Abend vor meinem Check-in in der Schmerzklinik finde ich Mike Hellwig und seine YouTube-Videos zum Konzept der Radikalen Erlaubnis.

Anfangs denke ich noch: Wer is’ ER denn?
Seine Art zu reden ist stark gewöhnungsbedürftig, aber daran soll’s nicht liegen. Der sollte mich mal hören, wenn ich versuche, meinem Mann morgens um vier die Gedankenexperimente und Recherche-Ergebnisse meiner von Schlaflosigkeit geprägten Nächte vorzustellen.

Von dem Hamburger Therapeuten höre ich zum ersten Mal: Alles darf sein! Das ist der Schlüssel. Davon geht das Schlimme nicht weg, aber es ist weniger quälend und der einzige Weg zur Erleichterung, sagt er. Das passt zu meinen Erkenntnissen mit Fury.

Außerdem gefällt mir der Begriff: Radikal ist immer gut – es klingt nach Dynamik, Intensität und Selbstbestimmtheit – like! Erlaubnis … jo, da gucken wir mal … 😉

Ich experimentiere zunächst mit der Außenwelt:

„Hallo, dicke, nervige Scheißhausfliege am Fenster! Du darfst sein.“, sage ich zu dem dicken, grünmetallisch schimmernden Nervtöter.
Sie ist weiter und es ist ok. Ich schaue sie an, folge ihr mit dem Blick und nicke ihr freundlich zu. Sie darf da sein. Ein Teil in mir hat Mordgelüste. Ich sage: ‘Hallo, Mordgelüst. Ich nehme Dich wahr, Du darfst da sein.’ Da kommt der nächste Teil und sagt: ‘Jetzt bist Du wohl vollkommen durchgeknallt?!’ Ich sage: „Hallo, Zweifler, ja, ich verstehe Deine Zweifel. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass ein Teil von mir vollkommen durchgeknallt ist’. Zu Mordgelüst und Zweifler gesellt sich eine Art distanziert cooler Ober-Checker: ‘Leute, jetzt lasst doch mal Fliege in Ruhe. Es gibt doch echt schlimmere Probleme hier.’ Der innere ärztliche Dienst schaltet sich ein: ‘Aber das macht sie doch nur aus therapeutischen Gründen.’ Ich komme gar nicht so schnell nach mit dem Begrüßen und Anerkennen. Ich forsche immer weiter, ob noch jemand was beizutragen hat.

Nach einer Weile fliegt die Fliege wieder raus. War gar nicht so nervig. Und aus dem anfänglichen Genervtsein ist eine Art kindlicher Spaß am Spiel mit den inneren Anteilen geworden.

Hallo, Angst!

So will ich es auch mit der Angst probieren.
Als es wieder so weit ist, lege ich mich hin, höre in meinen Körper und sage freundlich in Gedanken: „Hallo, Angst. Was willst Du, warum kommst Du jetzt?“
Die Angst sagt: Ich will, dass Du den Fokus auf Dich selber richtest. Du sollst Dich mit Dir beschäftigen. Guck Dir genau an, was in Dir ist.
‘Ein Brötchen mit Frischkäse und Gurkenschnipseln ist da. Meinst Du das?’
Nein, das meint sie nicht. Sie merkt natürlich, dass ich sie verarsche und haut mir eine rein.
Ich weine. Bin sauer auf sie und sie auf mich. Zu Recht.

Ich probiere es wieder. Je öfter und länger ich meiner Angst zuhöre, ihre Motive und Rückschlüsse nachvollziehen kann, desto ungruseliger wird sie. Das ist zwar schon ganz hilfreich, aber die Radikale Erlaubnis setzt eigentlich woanders an: Im Körper. Genauer gesagt: Im Bauch. Dort, wo nach Hellwigs und anderer Leute Meinung das innere Kind und alle unsere emotionalen Anteile – gute und böse – sitzen. Sie alle haben nur ein Ziel: Gehört, gesehen und geliebt zu werden.

In den Körper hören ist keine neue Methode, aber die Zusammenhänge, wie Mike Hellwig sie erklärt, scheinen mir sehr plausibel. Sie erklären in einem simplen Modell alles, was ich brauche, um mit dem klarzukommen, was nun mal ist. Beruhigend: Es kommt weitestgehend ohne religiös ideologischen oder esoterisch-quaksalberischen Überbau aus. Es ist in sich schlüssig und das Wichtigste: Es hilft!

Alles, was Hellwig bei Befolgen seiner Methode prophezeit, tritt ein – zuverlässig und reproduzierbar.

Das Nadelöhr

Abends bekomme ich noch mal eine feine Schwindel-Migräne und Schmerzen. Die Gründe? – Ein halber Espresso, zwei Kugeln Vanilleeis und Gewitter. Zuviel!
Und schon ist sie wieder da: Die Angst zu sterben.
Aber diesmal will ich es anders machen. Mit Mike Hellwigs Säuselstimme im gedanklichen Ohr spüre ich in meinen Bauch: Chaos. Die Angst würgt mich von innen. Drückt mir die Eingeweide bis zum Hals.
Ich sage “Hallo, Angst”. Mache mich durchlässig. Gebe ihr einen Raum. Bin Gastgeber. Es dauert einen Moment. Sie wütet wie eine Irre. ‘Ja, wüte nur, ich bleib’ hier und guck Dir zu.’, sage ich in Gedanken. Ich bin schweißgebadet und mir laufen die Tränen aus den Augen. Aber diesmal schicke ich sie nicht weg. Diesmal kämpfe ich nicht. Auch Fury dreht durch. Er darf. Er kann ja nicht anders. Ich bleibe einfach ruhig stehen und betrachte ihn, fühle seine Aufregung und es ist ok. Irgendwann fange ich an zu zittern. Zittern ist in Ordnung. Der Körper kann so die Anspannung auflösen.
Ich weiß nicht, wie lange ich so liege. Irgendwann bin ich nur noch Angst und Schmerz.
Aber ich BIN. Das kann ich wahrnehmen. Ich genieße dieses Sein und lasse Angst und Schmerz sich austoben. Sogar den möglichen Tod akzeptiere ich. Es fühlt sich an, als würde ich große schleimige Steine kotzen. Fast ersticke ich daran. Es ist verdammt eng im Nadelöhr.

Dann – plötzlich – kommt da ein neues, anderes Gefühl dazu. Ich kann es nicht sofort glauben, weil ich jetzt als letztes damit gerechnet hatte: Es ist Zuversicht. Tatsächlich. Ich gucke mir das Gefühl noch mal ganz genau an. Es ist wirklich Zuversicht. Interessant und wunderschön. Ich freue mich und sage “Hallo, Zuversicht”. Sie wohnt direkt neben der Angst, lässt sie mich durch ein warmes, glattes, weiches Gefühl im Bauch wissen. Cool.

Ich bin tief beeindruckt und nehme mir vor, mit diesem Ansatz weiter zu forschen. Mike Hellwig hatte Recht: Die Angst bekam ihren Raum, war gesehen, begrüßt und gefühlt worden. Dann, plötzlich konnte ich noch andere Räume mit anderen Gefühlen sehen: Zuversicht, Erleichterung, Freude und Liebe!

*aus dem 80er-Jahre-Hit von einem ebenfalls von mir sehr geschätzten Mike: „Der Nippel“- von Mike Krüger 😀

026 // Mein Ende gehört mir!

In den letzten paar Tagen vor meinem Klinikaufenthalt kann ich kaum noch aufstehen, scheitere am Aufdrehen eines Flaschenverschlusses. Jedes Wort, jede Umarmung, jeder Kontakt zu Mann und Kind sind nur noch anstrengend. Ich denke wiederholt über Selbstmord als Lösung nach. Glücklicherweise schützen meine Angst vorm Verpissen, mein logisches Denkvermögen und die Liebe meiner Familie mich zuverlässig vor solcherlei Unsinn.

Die Tatsache, dass ich schon sehr früh im Leben gelernt habe, dass Suizid nur in sehr seltenen Spezialfällen eine Lösung für irgendetwas sein kann, kommt mir jetzt zugute.

Logik kann Leben retten

Wenn Selbstmord plausibler wär’, wäre ich wahrscheinlich schon tot. Erhängt, vom Hochhaus gesprungen, Tabletten, Insulin, besoffen im Schnee einschlafen … Es gibt so viele Möglichkeiten.

Mit 14 hab’ ich’s mal probiert. Die Pulsader-Nummer. Old school sozusagen. Dilettantisch aufgrund fehlender Tötungsabsicht. Klassisches “Hilfreschrei”-Ding. Erst ‘ne halbe Flasche Cointreau (eine Art Weinbrand) rein und dann mit dem Obstmesser angesetzt. Den Moment, in dem die Klinge den ersten Milimeter Haut zerteilte, hab’ ich bis heute nicht vergessen.

Tat scheiße weh.

Mit dem Schmerz kam die blitzartige Erkenntnis:

  1. Obstmesser taugen nicht zum Fleisch schneiden.
  2. Wenn ich jetzt wirklich sterbe, würde ich das Gefühl, gehört, gesehen und geliebt zu werden, definitiv niemals mehr erleben. Und die Verantwortlichen würden immer noch nichts verstanden haben. Ergo: Selbstmord als Lösung ist unplausibel.

Ich hab’ das Messer wieder weggebracht, ein Pflaster auf den Mini-Schnitt geklebt und meinen Rausch ausgeschlafen. Bin sehr froh, dass ich diese Lektion so früh, so gründlich und so rechtzeitig gelernt habe.

Trotzdem lehne ich Selbstmord nicht grundsätzlich ab. Ich bin für selbstbestimmtes Abtreten. “Mein Ende gehört mir!” ist eine Kampagne, die ich deshalb aus vollem Herzen unterstütze. Ich habe gesehen, wie anders die Uhren am Ende des Lebens ticken, und finde jedwedes Urteil darüber, ob, wann und wie jemand sterben möchte, höchst unmoralisch und menschenverachtend. Die frühe Begegnung mit Siechtum, Sterben und Tod hat vieles relativiert. Diese Erfahrung sollte jeder Erwachsene mal gemacht haben, finde ich.

Willkommen in Dementia

Während meines Soziologie-Studiums habe ich eineinhalb Jahre im Sozialen Dienst in einem Pflegeheim gearbeitet. Da wurde hemmungslos gestorben – jede Woche. Viele gingen mit einem Lächeln auf den Lippen – auch und vor allem die, deren Leben zuletzt nur noch aus Schmerz und Einsamkeit bestand. Viele hatten am Ende nur noch einen Wunsch: In Würde und selbstbestimmt zu gehen, der Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit und dem Leid den Rücken zu kehren.

“Ich will sterben!”, sagte Frau Soundso eines Tages zu mir.  Zuerst hat mich das schockiert und ich wusste nichts Besseres zu sagen als “Ach, Frau Soundso, das wird schon wieder.”  – Was für ein selten dämlicher Spruch.

Frau Soundso war zerfressen vom Krebs, ihr hingen die geschwürigen Gedärme praktisch zwischen den Beinen raus. Sie hatte Schmerzen trotz Morphium, bekam keinen Besuch, lag nur noch im Bett. Sie erhielt jede Woche verstörende Briefe von einer Zeugin Jehovas aus ihrer ehemaligen “Gemeinde”. Ich las sie ihr vor, weil Frau Soundso fast blind war. Mich gruselt es heute noch, wenn ich an Harmagedon und die restlichen Horrorstorys zurückdenke. Frau Soundso waren die Briefe wichtig – deshalb las ich so schön, wie ich konnte. Gleichzeitig stürzten sie sie in einen tiefen inneren Konflikt. Sie sehnte sich nach dem ihr versprochenen Leben im Himmel oder der Erde*. Gleichzeitig wand sie sich in Schuldgefühlen und Gewissensbissen, weil ‘Jehova  Selbstmord nicht gefällt’. Sie traute sich nicht mal, daran zu denken. Und wenn ihr doch mal ein “Ich will sterben.” rausrutschte, quälte sie nachher das schlechte Gewissen Jehova gegenüber. Ihr Leben bestand am Ende nur noch aus Schmerzen, Angst, Schuldgefühlen und Einsamkeit. Die Stunden bei Frau Soundso haben mich demütig und nachdenklich gemacht.

Schämt euch!

Wenn ein derartig leidender Mensch nun entscheidet: ‘Ich will nicht mehr!’ – welches Recht hat irgendwer, den Wunsch nach Erlösung mit der Arroganz der Übriggebliebenen womöglich noch im Namen irgendwelcher obskuren Ideologien (ja, auch die christlichen Kirchen sind gemeint!) zu entwerten? Schämen solltet ihr euch! Ekelhaft und menschenverachtend ist das!

Die beiden letzten Tage von Frau Soundso habe ich nicht mehr mitbekommen. Und ganz ehrlich: Ich bin froh darüber. Eine Kollegin erzählte mir später, sie habe viel geschrien, hätte wild fantasiert und sei dann irgendwann nach langem Kampf verstummt.

So will ich nicht enden. Und ich will nicht, dass irgendjemand so enden muss. Wenn alles getan ist, was einem Menschen seine Würde erhält, wenn wir ihm so viele glückliche Momente, Respekt und Liebe entgegengebracht haben, wie es nur geht, dann (und nur dann!) müssen wir auch seinen freien Willen und seinen Entschluss akzeptieren, zu gehen, wann er es für richtig hält. Und wir müssen ihm auf diesem letzten Weg helfen dürfen. So sehe ich das. Ich hoffe, dass irgendwann die Menschlichkeit siegt und die sogenannten Volksvertreter ihren skandalösen Beschluss von 2015 möglichst bald zurücknehmen.

Umdenken

Den (noch lebenden) Senioren in dem privat geführten Heim wurde wenigstens zu Lebzeiten noch einiges geboten. Sie guckten mich anfangs nur skeptisch an, als ich ihnen ihren tristen Alltag mit Mandalas, Gehirnjogging und Sitztanz verschönern wollte. An sich war das Angebot freiwillig für die Bewohner. Da ich meinen relativ gut bezahlten Job dort nicht aufgrund magerer Teilnehmerzahlen riskieren wollte, sammelte ich jeden Samstag und Sonntag alle Wehrlosen, Unbesuchten, Desorientierten und die Rollstuhlfahrer im Haus ein und verbrachte sie in meinen Raum ins Untergeschoss. Langsam kamen die alten Leutchen auf den Geschmack. Mit meinen Freddy-Quinn-CDs für den Sitztanz und beeindruckender Textsicherheit beim „Auf der Reeperbahn“-Singen, machte ich mir in kurzer Zeit einen Namen. Bald halfen auch ein paar fußfitte Bewohner beim Einsammeln der Wehrlosen und so hatte ich stets eine gute Teilnehmerstatistik vorzuweisen.

Nur Frau Dingsbums jagte mich regelmäßig weg, weil sie mich durch meinen Nachnamen als “undeutsch” entlarvt sah. “So was” kam für sie nicht infrage. Das war unter ihrer Würde. Einem polnischen Pfleger zog sie eines Tages ihre Lederhandtasche über, als er sie auf ihr Zimmer bringen wollte. Alte Leute sind nicht immer nett und auch Arschlöcher haben ein Recht auf Pflege. Viel später singen die Ärzte mit Sommer nur für mich „unser“ Lied …

Aber, weil so ein Heim eine völlig eigene Normalität hat, fallen Problem-Patienten wie Frau Dingsbums gar nicht weiter auf. Die beiden Schiebetüren am Eingang funktionierten wie eine Schleuse. Sssst – erste Tür geht auf. Sssst wieder zu. Tschüss, Welt! Sssst – zweite Tür geht auf. Du gehst hindurch. Sssst – zweite Tür geht zu: Willkommen in Dementia!

Lektionen für’s Leben

Es gibt tausend beschissene Krankheiten, aber Alzheimer empfand ich schon immer als besonders perfide. Die Betroffenen bekommen mit, dass langsam etwas mit ihnen passiert. Viele kämpfen dagegen, werden aggressiv. Andere resignieren, ziehen sich in sich zurück und verzweifeln. Die traurigen Geschichten kennt man.

Ich hatte das Glück, eine alte Dame kennenzulernen, die ganz anders mit ihrer Erkrankung umgehen konnte. An diese unkaputtbare Lebensfreude erinnere ich mich oft und gerne:

“Haha”, lachte sie beim Einsteigen in den Aufzug, in dem ich eines Nachmittags schon mit einer eingesammelten Rollstuhl-Oma stand.
“Ich weiß, dass Sie schon mal hier waren, aber wer Sie sind: Keine Ahnung! Ich lerne hier jeden Tag neue Leute kennen!”, lachte sie.
“Hallo Frau Dings. Ich bin Tanja Dingske vom Sozialen Dienst. Schön, dass Sie mit uns zum Gruppentreffen kommen!”
“Wo gehen wir hin?”
“In den Gemeinschaftsraum im Untergeschoss. Wir wollen heute wieder eine Collage machen.”, erklärte ich.
“Hab’ ich das schon mal gemacht?”, fragte sie interessiert.
“Ja, ich glaube, Sie waren letztes Mal auch dabei.”
“Ach, wie schön!”

Egal, was es war, Frau Dings war immer Feuer und Flamme. Angst kannte sie nicht. Wenn sie auf dem Gang stand und nicht wusste, wo ihr Zimmer ist, rief sie laut aber freundlich und sehr geduldig. „Hallooooo?!“ – solange bis jemand kam. Beneidenswert. Ich hoffe, sie konnte sich ihre Lebensfreude bis zum Schluss bewahren.

In dunklen Momenten hilft mir die Erinnerung an sie, mich selbst in den Arsch zu treten: „Nimm’ Dir mal’n Beispiel dran!“ –

Hallooooo?!“

Wenn Du an Selbstmord denkst:

Überleg’ Dir gut, was Du mit Deinem Plan erreichen willst. In den allermeisten Fällen geht die Rechnung ebenso wenig auf wie bei mir (s.o.). Wenn Du sämtliche Plausibilitätsprüfungen durch hast, denk noch mal drüber nach. Schlaf eine Nacht drüber. Und denk noch mal nach. Dann rede mit irgendwem über Deine Gedanken. Wenn Du niemanden kennst, der das aushält, wende Dich an die Menschen von der Telefonseelsorge. Hier hört man Dir zu. Anonym, kostenlos und rund um die Uhr.

Telefonnummern: 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.

Der Anruf taucht übrigens nicht auf der Telefonrechnung oder im Einzelverbindungsnachweis auf.

Du kannst auch per E-Mail Kontakt mit den Leuten von der Seelsorge aufnehmen: Unter https://ts-im-internet.de/ findest Du alle Infos.

Bevor Du weiter planst, schau’ unbedingt mal hier rein: Freunde fürs Leben

Wenn Du weiter dabei bleibst, dass Suizid der richtige Weg ist: Denk dran: Keiner ist unnütz, er kann immer noch als abschreckendes Beispiel dienen ;-P – – Wenn Du jetzt wütend auf mich bist wegen des dummen Spruchs – gut!
Wut ist Leben! Du spürst gerade Lebensenergie in Dir. Mach was draus! Es lohnt sich!

 

*”Zeugen Jehovas vertreten eine doppelte Erlösungslehre: Sie glauben, dass ein Teil der von Gott als „treu“ befundenen Menschen nach dem Tod unsterbliches Leben im Himmel erhalten wird, die anderen würden nach Harmagedon auf der Erde zu ewigem Leben wiedererweckt.” (Quelle: Wikipedia)

 

025 // Todesangst

Da ist doch gewaltig was schief gelaufen, denke ich immer wieder über mich und mein Leben. Ja, das ist es. Es nennt sich Trauma. Das weiß ich heute. Daraus entstanden ist eine veritable Angst- und Panikstörung, depressive Episoden, somatoforme Schmerzstörung und eine Hypersensibilität, die jeden kleinen Scheiß zum Migräne-Trigger macht.

Neben diversen anderen Dingen, habe ich zum Beispiel Angst davor, dass meine Emotionen mich töten – vor allem die negativen, wie Wut und Aggression. Die Angst hat sich offenbar in frühester Kindheit etabliert, weil Wut, Hass, Ärger auf keinen Fall gefühlt werden durften. Das habe ich mir nicht ausgesucht, sondern es war tatsächlich überlebensnotwendig, diese negativen Gefühle nicht auszuleben. Die Lösung: Abspaltung – am besten gar nicht fühlen. Eine Art Aufpasser musste her: Die Angst.

Wenn ich sie fühle, fühle ich nichts anderes mehr. Aus ihrer Sicht: Ziel erreicht. Existenz gesichert. Läuft! Jetzt wacht sie also darüber, dass ich die negativen Emotionen nicht mehr fühlen muss, denn die bringen mich um, meint sie.

Das findest Du wirsch? Ich auch. Aber es geht noch wirscher:

Täter werden

Immer wieder habe ich Todesangst. Mal begründet durch einen Basilarismigräne-Anfall, mal ausgelöst durch irgendwelche, zum Teil banalen Körpersensationen, mal völlig unbegründet. Diese Todesangst ist nicht nur die Angst vor’m Selbstverlust. Nein, bei mir ist das zusätzlich die Angst vor’m Verpissen. Die Angst davor, dass ich mein Kind und meinen Mann im Stich lasse, so wie man mich unzählige Male im Leben im Stich gelassen hat. Ich habe Angst davor, Täter zu werden.

Da muss man erstmal drauf kommen.

Ich empfinde eine möglicherweise irgendwann mal aufgrund meines Ablebens verursachte Schuld. Na, toll. Nicht mal das Sterben (in meinem kranken Kopf als ultimative Unzulänglichkeit gesehen) erlaube ich mir. Als hätte ich einen Einfluss darauf. Im Grunde ist das der absolute Gipfel der krankhaften Selbstüberschätzung. Vielleicht bin ich doch Narzisst – es äußert sich nur anders und fühlt sich dööfer an als bei denen, die ich zur Genüge kenne.

Mein erstes Mal

Meiner ersten “Erinnerung” an die Todesangst konnte ich in der Hypnotherapie begegnen. Authentische Worte habe ich nicht für das in Trance Erlebte. Ich kann nicht 1:1 beschreiben, wie und was das genau war. Es sind nur Eindrücke, Farben, Gefühle. Der Rest ist Interpretation. Offenbar ging es um eine sehr frühe Erfahrung in einer Arztpraxis: Ich erlebe, wie mein Körper sich einkrempeln will. Mein rechtes Knie geht nach oben, meine Fäuste sind geballt, die Arme vor der Brust gekreuzt. Ich nehme “Wesen” (Menschen ?) wahr, einen Honigfarbenen wolkenartigen Kranz an einem der Wesen (lockige Haare?), weiße Flächen (Deckenplatten?), unangenehme Helligkeit (grelle Beleuchtung?) – Schmerz. Man tut mir weh. So weh, dass ich Todesängste ausstehe. Niemand hilft. Ich bin den Grausamkeiten allein und hilflos ausgeliefert.

Zuviel für mich. Die Szene ist abrupt zu Ende.

“Die weiß aber, was sie will.”, hätte die Kinderärztin mal bei einer Impfung zu meiner Mutter gesagt. An mehr kann (oder will) sie sich nicht erinnern als ich sie danach frage. Ich kombiniere: 1. So was sagen Ärzte nicht, wenn ein Säugling still und lethargisch auf dem Behandlungstisch döst. 2. Meine Mutter war nicht unmittelbar dabei.
Ich habe mich offenbar gegen etwas gewehrt. Habe gekämpft. Wollte nicht verletzt werden, wollte nicht sterben. Und ich war allein.

Ob das wirklich der Anfang war?
Genau weiß das niemand. Dennoch macht es einiges plausibel. Die hundert nachfolgenden Erlebnisse in Arztpraxen und Krankenhäusern waren der Zement in den mein Trauma gegossen wurde. Immer und immer wieder. Neue kamen dazu. Alte wurden verstärkt. Hilfestellung durch Bezugspersonen: Regelmäßig Fehlanzeige.

Helfer wurden zu Tätern – die meisten unabsichtlich, ohne es zu wissen. Ein Dilemma.

Übergangslösung

Ich muss mir erst mal selber helfen, zu groß ist die Gefahr, wieder in die Falle zu tappen. Wieder alles erleben zu müssen, wieder abzuspalten, wieder falsch behandelt zu werden, wieder von vorn anfangen zu müssen.

Um irgendeine Lösung zu finden, lese ich, wann immer mein Kopf es zulässt, E-Books, höre Podcasts und schaue youtube-Videos. Irgendwo muss die Lösung zu finden sein …

Immerhin lerne ich so, dass die Schuldgefühle ein ziemlich genialer Trick der geschundenen menschlichen Seele sind. Sie gaukeln dem Selbst eine Wirkmacht vor, die es nicht hat. Solange ich mir also einbilden kann, dass ich selbst Schuld bin an dem, was passiert, gebe ich mir unbewusst eine Möglichkeit, in das, was geschieht, einzugreifen – eine Selbstwirksamkeit. Die zu haben, ist verdammt wichtig. Hab’ ich aber nicht – nicht immer jedenfalls.

Die Kreativität der menschlichen Existenz ist erstaunlich, das muss man anerkennen.

Theorie und Praxis

Obwohl ich so viel weiß, so viel von meiner Geschichte aufgearbeitet und einige meiner Muster verstanden habe, kann ich immer noch keine Erlösung spüren. Mein Verhalten und meine Körperreaktionen scheren sich einen Scheiß um mein intellektuelles Verständnis. Ich kann mir ‘nen Wolf autosuggerieren und positiv denken bis (mal wieder) der Arzt kommt.

Es geht nicht vorwärts, aber es muss eine Lösung geben!

024 // Endzeitromantik

Dank meiner fortgesetzten Friedensverhandlungen mit Fury habe ich zwar nicht weniger Migräneanfälle, aber ich leide psychisch nicht mehr so lange und intensiv darunter. Das einfache Prinzip „annehmen – aushalten – abhaken“ funktioniert immer besser. Dennoch geht es seit meiner Reha und der Venen-OP stetig bergab. Meine Erkenntnisse bezüglich Histamin kann ich alle nicht vernünftig umsetzen, weil ich weder mit Töpfen und Pfannen hantieren, noch einkaufen gehen kann. Ich bin physisch am Ende und ein psychischer Wackelkandidat.

Jeder Tag ist Kampf.

Mein ganzer Körper besteht nur noch aus Schmerzen, die ich mit allen Mitteln loswerden will. Jede Berührung, jedes Streicheln, jedes bisschen Zuneigung – alles verursacht Schmerz. Ich weiß immer noch nicht, warum genau und das macht alles noch viel schlimmer. Kopf, Gesicht, Rücken, Hüfte, Arme, Beine, Hände – ein einziges Desaster.

Resignative Analgesie

Ein einziger Bereich schmerzt nicht: die Knie. Ein vollkommenes Rätsel. Waren es doch sonst die Knie, die mir in schweren Lebensphasen zuallererst angezeigt hatten, dass die Last gerade zu schwer ist. Nicht, dass ich darauf gehört hätte, aber das Signal war rückblickend sehr deutlich wahrnehmbar.

Die Knie tun mir also nicht weh. Vielleicht haben sie einfach aufgegeben. Resignative Analgesie – gibt es sowas?

Dafür schmerzen alle Narben vergangener Blessuren an meinem Körper (außer denen am Knie) als prokelte jemand mit einer Stricknadel darin herum. Da es ziemlich viele sind, bin ich gut beschäftigt mit dem Versuch, sie zu ignorieren: 20 Mini-Einstiche an meinen Beinen, je eine 5 cm-Narbe in den Leisten, 9 „Einstiegslöcher“ für die minimalinvasiven OPs am Bauch, der vor Jahren gebrochene Zeh, die Geburtsverletzungen, die 2 „Löcher im Kopf“, die Mandel-Krater im Hals, die Oberarm- und Unterarm-Narben, die ich mir bei diversen Stürzen in der Kindheit zugezogen hatte, die Stelle, an der die Gürtelrose wucherte und nicht zu vergessen die Narbe von der weggeschnittenen Anal-Thrombose – die finde ich besonders gemein.

Auch innen ist nur Schmerz. Muskeln, Gelenke, Sehnen – alle machen mit. Ich habe Angst vor jeder Bewegung. Kann nicht sitzen und nicht stehen. Bekomme die schwere Haustür kaum auf. Butterbrote für’s Kind schmiere ich mit Tränen in den Augen – manchmal gibt’s nur Tüten-Croissants. Die 600 Meter zur Schule fahre ich mit Tempo 25 im Auto. Wenn ich nichts tun muss, liege ich im dunklen Zimmer. Große Teile des Tages erLEBE ich nicht – ich vegetiere.

Bis zu meinem Termin in der Schmerzklinik muss ich durchhalten. Egal wie.

Liebe ist alles

Ich schaffe das nur, weil mich die Liebe von Mann und Kind durch die tiefen Täler der Schmerztage tragen. Dass sie bei mir sind und in mir nicht nur das hilflose Krüppelchen sehen, hilft mir mehr als alles andere. Die Prinzessin auf der Erbse gebe ich hier nämlich nicht, falls das jemand glaubt. Mir wird auch nicht alles abgenommen, nur weil ich krank bin. Und das ist gut so.

Mein Mann ist 12 Stunden aus dem Haus und hat genug mit sich zu tun. Ein Kind muss ein Kind sein und darf nicht zum Krankenpfleger oder Haushälter seiner Mutter werden.

Das daraus entstehende Dauer-Chaos und den herrschenden Minimal-Hygiene-Standard in der Wohnung halten wir gemeinsam aus. Hilfe haben wir kaum. Die wenigen verbliebenen Freunde und Familienangehörigen haben selbst genug um die Ohren.  Um Hilfe fragen, war ohnehin noch nie meine Stärke. Ich gebe mein Unvermögen ungern zu und jammern können andere besser – dazu brauchen die nicht mal trifftige Gründe.

Die paar Stunden, in denen mein Sohn nachmittags und abends zu Hause ist, versuche ich so unbeschwert wie möglich mit ihm zu verbringen. Dass seine Mama nicht viel mit ihm unternehmen kann, nimmt er locker. Dafür weiß er über Migräne und Bandscheiben genauso viel wie über Dinosaurier und Spiderman. An seinen Papa-Wochenenden hat er Halligalli genug – da geht er schwimmen, auf den Spielplatz, besucht alle möglichen Veranstaltungen und die Verwandtschaft väterlicherseits. Er ist gut beschäftigt.

Zu hause geht mein Mann mit ihm einkaufen, bringt ihm das Kochen bei und daddelt mit ihm Playsi, wenn er früh genug zu hause ist. Mein Job ist das Knuddeln, Liebhaben, Philosophieren, Hausaufgaben Kontrollieren, gemeinschaftliches Hörspiel hören und verrückte Sachen machen: So schlafen wir beide manchmal im Zelt – mitten im Zimmer, machen Picknick auf der Dachterrasse, bemalen uns gegenseitig die Füße, verkleiden uns oder schreiben SMS von einem Bett zum anderen.

Wenn ich komplett ausfalle, zelebriert man(n) im Mama-freien Wohnzimmer zünftige Männerabende mit Pupswettbewerb, DMAX und Selbstverteidigungstricks. Was da sonst noch abläuft, will ich gar nicht wissen …

Wenn es irgendwie geht, trainieren wir zusammen Gruppenkuscheln.

Jeder tut, was er kann.

Trotz allem erleben wir so gemeinsam viele glückliche Momente.

Der Tod steht ihr gut

Eine Woche vor meinem Termin in der Schmerzklinik stirbt meine Tante nach jahrelangem Kampf gegen den Krebs. Obwohl der Kontakt zu ihr zuletzt nicht mehr sehr eng war, haut mich ihr Tod regelrecht vom Schlitten.

Zur Beerdigung gehe ich halb ohnmächtig vor Schmerzen und Traurigkeit mit allem, was ich an Medikamenten zur Verfügung habe. Ich fühle mich schuldig und schäme mich für meine Kraftlosigkeit. Wenigstens JETZT müsste man sich doch zusammenreißen können – für Tante Rosi.

Ich gebe alles. Mache mich schick für sie. Dehnbund und Klettschuh bleiben im Schrank. Wenigstens für zwei Stunden will ich vernünftig aussehen. Vor dem Kleiderschrank stehe ich und rede laut mit der immer modisch gekleideten, attraktiven, lebenslustigen Frau, die jetzt nicht mehr lebt. Sprühe etwas von dem Parfüm auf, das sie mir zuletzt geschenkt hat. Vor drei Wochen hab’ ich sie noch gesehen. Ihr Smartphone hat rumgezickt. Wenigstens  dieses Problem konnte ich für sie beseitigen.

Mein fleckiges, blasses Gesicht und die dunklen Augenringe verstecke ich jetzt hinter einer dicken Schicht Schminke. Meine Kompressionsstrümpfe verschwinden unter einer schwarzen Nylonstrumpfhose. Ein schmaler Rock, ein langer schwarzer Baumwollmantel und die teuren Barrock-Pumps lassen mich fast elegant wirken. Ich seh’ beinahe aus wie ein Mensch.

Erstaunlich.

In der Kapelle will ich singen. – In Kirchen und Kapellen singe ich immer. Auch wenn ich mit dem religiösen Geschwurbel nichts anfangen kann. Aus Respekt denjenigen gegenüber, die hier ihre Zeremonien abhalten, singe ich gerne. Das kann ich machen – das tut mir nicht weh.

Heute ist das anders: Ich fange beim ersten Lied an zu heulen und kann bis zur Beisetzung der Urne nicht mehr aufhören. Unpassend, unkontrolliert und schäbig komme ich mir dabei vor, schließlich haben die nächsten Angehörigen, ihr Mann, ihre Kinder und Enkelkinder viel mehr verloren und zu leiden als ich.

Wie ich diese Schwäche hasse.

Das Kranksein macht mich schwach und die Schwäche macht mich noch kränker.

Ich kann nicht mehr.

Das anschließende Kaffeetrinken muss ich ausfallen lassen. Mit meinen Verwandten von Außerhalb, den Bekannten und Freunde der Familie, die ich Jahre nicht gesehen habe, kann ich nicht mehr sprechen. Die kleinsten sozialen Verpflichtungen und Erwartungen kann ich nicht erfüllen.

Was soll ich eigentlich noch hier?

Ich frage mich, wie lange ich noch so leben muss.

023 // Migräne-Trigger entlarvt

Meine Erkenntnisse über Fury führen dazu, dass ich mich systematisch und unaufgeregt auf die Suche nach den Faktoren mache, die mich und ihn besonders beeinflussen.

Was vernünftig behandelte Migränepatienten von ihren Ärzten lernen, muss ich mir selbst zusammensuchen. Meine “Expertin” verweist auf die anstehende Behandlung in Kiel – da würde man sich umfassend um alles kümmern. Dass das noch Monate dauert, interessiert niemanden – außer mir.
Soll ich dasitzen und nichts tun? Das kann ich (noch) nicht. Hinzu kommt mein ausgeprägter Ergründungszwang. Ich kann Dinge schlecht so sein lassen, wie sie sind, wenn ich nicht weiß, warum sie so sind. Mir geht es um Grundsätzlichkeiten, den Kern, das Prinzip, das zugrunde liegende Konzept, aus dem alles abzuleiten ist.

Um ein solches Konzept bezogen auf meine Migräne zu erforschen, wähle ich den Weg der Empirie. Als Soziologe und wissenschaftsaffiner Mensch weiß ich zwar, dass Korrelation und Kausalität nicht dasselbe sind, aber dennoch liefern meine statistischen Erhebungen erste Hinweise: Mit Hilfe eines abgewandelten Kopfschmerztagebuchs, das ich folienartig über verschiedene andere Kalender legen kann, gleiche ich die Kopfschmerzarten und das Migränegeschehen mit meinen Aufzeichnungen über Zyklus, Wetter, Ernährung, Tätigkeiten und besondere Vorkommnisse ab.

So finde ich schwere Migräneattacken immer im Zusammenhang mit

  • Gewitter und extremer Wetterlage allgemein,
  • bestimmten Nahrungsmitteln (Matjes, Überbackenes, Thunfischpizza),
  • Sonnenlicht und schnellem Hell-/ Dunkel-Wechsel,
  • Aufregung aller Art (leider auch positive),
  • Anstrengung aller Art,
  • Schlafrhythmus,
  • bestimmten Zyklus-Phasen und
  • Narkosen.

Gegner enttarnt

Fachliteratur und biochemisches Grundlagenwissen, das ich mir mühsam aneignen muss, weil ich in der Schule offenbar nicht aufgepasst, oder zu oft wegen Migräne gefehlt habe, entlarven drei Problemstoffe: Histamin, Tyramin und Glutamat.

Mit meinen Recherchen über das Histamin erklären sich auf einen Schlag auch weitere Beschwerden: Magen-Darm-Probleme, Hautreaktionen, eine bestimmte Form der Schwindelsymptomatik und die meisten meiner zum Teil extremen oder paradoxen Reaktionen auf bestimmte Medikamente. Zwar ist sich die Fachwelt hierüber nicht ganz einig, aber meine Erfahrung deckt sich mit den Fachansichten, dass ausschließlich Ibuprofen ohne Zusätze als Schmerzmittel histaminmäßig keine Probleme bereitet.

Auch die jahrelange Gabe der Magenmittel Pantoprazol und Ranitidin scheint in meinem Fall einen Beitrag zur Migräne-Verschlimmerung geleistet zu haben. Was im Akutfall bei Magenschleimhautentzündung und -geschwür ein Segen ist, ist als Langzeit-Medikation für viele Vorgänge im Körper kontraproduktiv: Mit der Verminderung der Magensäureproduktion wird auch die Aufnahme von Vitaminen und Mineralstoffen (z.B. Vitamin B12 und Magnesium) beeinträchtigt. Das behindert wichtige Selbstregulationsmechanismen im Körper. Auch Ernährungsfehler, die bei anderen nicht groß ins Gewicht fallen, wirken sich unter diesen Umständen doppelt doof aus.

Gute Ärzte schlechte Ärzte

Mein früherer Hausarzt hat davon nichts gesagt und hatte kein Problem damit, mir über Jahre Magenmittelchen und Blutdruck-Pillen zu verschreiben, die meine eigentlichen Beschwerden nicht beseitigt, sondern im Gegenteil noch verstärkt haben, so dass ich immer verzweifelter wurde. Wahrscheinlich würde er die eben von mir dargelegten und auf Wunsch durch allerlei Fachpublikationen zu belegenden Zusammenhänge als psychisch bedingte Hysterie einer abnehmunwilligen Frau kurz vor den Wechseljahren abtun.

Abrechnungstechnisch scheint er da mehr auf Zack zu sein: Wie ein Blick in die Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigung zeigt, berechnet er neben den großzügig dramatisch ausgelegten Konsultationen gerne mal Leistungen, die er nie erbracht hat: Ein Hautscreening hätte er bei mir gemacht und ein Hämangiom (ein Blutschwämmchen) gefunden. Das suche ich heute noch … Vielleicht sitzt es an einer Stelle, die ich nicht so gut einsehen kann? Blutschwämmchen: am Arsch!

Gut, dass der bald in Rente geht – da richtet er vielleicht weniger Schaden an.

Mein jetziger Hausarzt tickt da ganz anders und ich bin sehr dankbar, dass ich ihn und sein Praxisteam habe. Er ist zwar kein Migräne-Fachmann, aber als Hausarzt und Internist unschlagbar. Als ich ihm von meinen Beobachtungen nach bestimmten Nahrungsmitteln berichte, sagt er wie aus der Pistole geschossen: „Histamin!“ – Er ist kein Mann der großen Worte, findet aber immer die richtigen.

Darüber hinaus ist er einer der wenigen Ärzte, die Adipositas, weibliches Geschlecht und Psyche richtigerweise als Risikofaktor und Einflussgröße einstufen, aber nicht (ohne genau hinzusehen) als Ursache für alles und jedes postulieren. Geschilderte Symptome untersucht er systematisch und ergebnisoffen, nimmt meine Fragen und Gedankengänge ernst und unterstützt mich bei meinen Eigenbemühung. Sogar seine fachlichen Grenzen gibt er offen zu und hilft in diesen Fällen, den richtigen Ansprechpartner zu finden. Da könnte so manch eine Koryphäe und selbst ernannter Symptom-Checker noch was lernen. Das würde mir und vielen anderen einiges erleichtern.

Er ist übrigens der einzige Arzt, dem es bisher gelungen ist, bei mir in einer Arztpraxis einen Blutdruckwert von „nur“ 140/80 festzustellen. Respekt! Das unterbieten andere nur, wenn ich in Narkose liege.

Ich frage ihn, was man bei der Histamin-Sache machen kann.
„Weglassen.“, sagt er – gewohnt präzise und lösungsorientiert. 🙂

Wie immer, wenn ich eine neue Chance auf Besserung sehe, bin ich im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten hochmotiviert und zuversichtlich. Leider stelle ich schnell fest, dass histaminarme Ernährung nicht so leicht umzusetzen ist. Histamin ist in so ziemlich allem enthalten – vor allem in den wirklich leckeren Sachen. Aber Fury zuliebe beschäftige ich mich jetzt eingehend mit dem Thema Ernährung. Und beginne, mich an ein extrem eingeschränktes Nahrungsangebot zu gewöhnen.

022 // Migräne ist kein Arschloch. Unerwartete Wendung mit Pferd.

Während ich auf meine Aufnahme in der Klinik in Kiel warte, verfluche ich die Migräne und beschimpfe sie regelmäßig als Arschloch. Mein Therapeut und ich mühen uns in mehreren Hypnosesitzungen mit ihr ab. Bis eine unerwartete Wendung die Krankheitsbewältigung erdrutschartig forciert.

Mein Unterbewusstsein (das arrogante kleine Miststück) teilt mir mit, dass es meine Migräne gar nicht als Defekt sieht. (Das hätte es auch mal eher sagen können). Sie war immer schon da und gehört zu mir – seit meiner Entstehung. “Die Migräne ist einfach das Strickmuster deines Gehirns”, sagt mir mein Unterbewusstes. “Es funktioniert einfach so. Zum Arschloch wird es nur, wenn das Drumherum, also die Lebensumstände, Reize oder Eindrücke einen Störfall triggern”.

Ach …

So hab’ ich das noch gar nicht gesehen.

Ist das vielleicht der Grund, warum es nie eine ursächliche Therapie dagegen geben kann, die die Persönlichkeit unangetastet lässt? Eine Frage, die erst mal unbeantwortet bleibt.

Es vergehen ein paar Tage, bis ich dieses lebensversauende Monster ganz neutral als Funktionsmuster meines Gehirns anerkennen kann. Ich stelle mir meine Migräne nicht mehr wie ein böses Etwas in meinem Kopf vor, das es zu eliminieren gilt, sondern ich sehe mein Gehirn als Ganzes mit bestimmten Eigenschaften, wie die eines englischen oder arabischen Vollblut-Pferdes: Wunderschön, hochleistungsfähig, aber auch anfällig für jeden kleinen Mist.

Schnell rennen und toll aussehen, aber bei der kleinsten Störung durchdrehen – das ha’m wa gerne. Wo jeder dösige Ackergaul ruhig grasend auf der Koppel steht, zittert und vibriert mein Fury* schon unruhig beim kleinsten Geräusch oder Windhauch. Jetzt noch ein Motorenstart in der Ferne und das Vieh dreht am Rad. Da is’ der Name echt Programm: Fury (= Furie) rennt wie von der Tarantel gestochen los bis er schweißgebadet mit Schaum vor’m Mund, vollkommen erschöpft in der letzten Ecke der Koppel stehen bleibt.

Jede Annäherung unmöglich.

Bis er wieder friedlich ist, vergehen ein bis zwei Tage in denen er fix und fertig unter irgendeinem Apfelbaum lungert.

Ja, so isser, mein Fury.

Keine Überraschung

Wer mir ein bisschen in meinem Blog gefolgt ist, hat vielleicht langsam eine Ahnung davon, wie es in meinem Kopf den ganzen Tag zugeht: Ich kann sieben Sachen gleichzeitig denken, mein IQ wurde mehrfach mit weit überdurchschnittlichen Werten gemessen und aufgrund meiner kindlichen Erfahrung mit den Befindlichkeiten meiner Bezugspersonen wurde Sensibilität besonders trainiert, um Gefahrenpotenziale frühzeitig erkennen zu können. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass dieser Dauer-Denk-Apparat extrem anfällig für Überlastung, Störfälle und Fehlfunktionen ist. Was kann man anderes erwarten?

Der Hass auf meinen kaputten Kopf verwandelt sich langsam in Mitgefühl.

Fury kann nix dafür – ich kann nix dafür. Fury kann sich nicht zum lethargischen Hängebauchschwein umoperieren lassen – ich kann ihm nur helfen, in dem ich die Reize von außen und innen im grünen Bereich halte.

Wir sitzen in einem Boot. Wissen um des anderen Nöte und können ihm doch nicht helfen. Mehr als eine wohlwollende, friedliche Koexistenz ist nicht drin.

Dummer Esel und blöde Ziege

Manchmal sind wir beide zickig. Ich werfe ihm dann Egozentrik und Arroganz vor, er mir Rücksichtslosigkeit, Unbelehrbarkeit und eine vollblutunwürdige Unterbringung. Manchmal reibe ich ihm vorsichtig mit Stroh den schweißnassen Hals ab und versuche, ihn mit meiner Aufmerksamkeit zu besänftigen. Manchmal drückt er seine Nase an meine Schulter oder macht mich mit einem Anfall auf totale Überlastung aufmerksam.

Wir kommen schon irgendwie klar.

Erst jetzt merke ich, wie passend die Analogie von Monty Roberts, dem Pferdeflüsterer und meinem Therapeuten ist. Wenn ich bei ihm in der Praxis bin, kann die Welt untergehen, da is’ alles safe. Ein Schnipp, ein „Schlaf!“ und ich mach’ mich auf den Weg in die Ruhezone meiner Seele. Selbst wenn Fury rumzickt, kann ich das Tierchen als Teil meiner Existenz akzeptieren und dem Rest Ruhe verordnen lassen. Davon haben alle was.

Das hat zwar wenig Einfluss auf die Häufigkeit und die Intensität der Migräneanfälle, aber mir gelingt es immer besser, mich innerlich von ihnen zu distanzieren – auf eine gesunde Art und Weise.

Aus Dankbarkeit und einer gehörigen Portion Eigennutz, schenke ich meinem Therapeuten ein kleines steinernes Pferdchen, mit der Bitte, es irgendwo in der Praxis aufzubewahren. Die Vorstellung, dass ein kleiner Teil von mir auf diese Art und Weise immer in Sicherheit ist, tut einfach gut.

Tausend Dank!

 

 

*Fury (englisch für Wut, Furie) ist der Name eines Pferdes aus dem Roman Fury von Albert G. Miller und einer gleichnamigen Fernsehserie aus US-amerikanischer Produktion. (Quelle: Wikipedia) – Hier das Intro:

Fury – Intro – Bobby Diamond, Peter Graves, Ann Robinson

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021 // Elefantenbeine, Speckarme und Schmerzen: Lipödem plus X

Die Diagnose Lipödem trifft mich in der Praxis des Gefäßspezialisten nicht ganz unvorbereitet. Internet-Recherchen sind nicht immer böse. Wenn man die Quellen sehr genau prüft, sein eigenes Hirn eingeschaltet lässt und sich nicht blind auf alles verlässt, was geschrieben steht, kann es eine große Hilfe sein. So wurde mein Verdacht, dass es sich bei meinen deformierten Beinen und wahrscheinlich auch bei den Beschwerden an den Armen nicht um angefressenes Fett handelt, vom Phlebologen bestätigt.

Auch die Venen-Operation als letzte Hoffnung auf Besserung brachte keine Entwarnung. „Therapiert“ wird heutzutage mit lebenslanger Kompression in Strumpfform und apparativer Lymphdrainage – für die wirkungsvollere, manuelle Lymphdrainage gibt es bei den meisten Ärzten keine Rezepte mehr.

Einzige dauerhaft helfende Möglichkeit ist die Liposuktion – das Absaugen der entarteten Fettzellen. Kosten für Arme und Beine: Um die 15.000 Euro. Hab’ ich natürlich nicht. Krankenkasse? Ha, ha – Die zahlen lieber lebenslang Kompressionsstrümpfe, apparative Lymphdrainage und die Kosten für Folgeerkrankungen wie vorzeitigen Gelenkverschleiß, Hautschäden, Lymph-Erkrankungen und psychische Probleme. Ach, ja, für garantiert wirkstofffreie Zuckerkügelchen (Homöopathie) muss ja auch noch Geld übrig bleiben.

ZUM KOTZEN IST DAS!

Presspellen und Gummihandschuh

Nach anfänglichen Schwierigkeiten und allergischen Reaktionen auf das Material der halterlosen Gummistrümpfe, zwänge ich mich fortan jeden Tag mit Hilfe von Gummihandschuhen in meine mit einem Bauchgurt zu verschließenden, hautfarbenden Presspellen. Das heißt, wenn ich es alleine schaffe. Wöchentlich werden die Schmerzen in meinem Körper mehr. Rücken, Arme, Beine, Hüfte, Hände … alles schreit um Hilfe.

Dazu kommt ein sich ständig aufblähender, druckempfindlicher Bauch nach der Zwerchfell-OP, was mir oft bis zu 12 Zentimeter mehr Bauchumfang im Laufe eines Tages beschert.

Dehnbund und Klettschuh sind meine besten Freunde.

Krankengymnastik wird aufgrund der Budgetierung vom Hausarzt nun auch nicht mehr verschrieben. Facharzttermine in erreichbaren Praxen gibt es mit Wartezeiten von drei Monaten für bereits dort behandelte Patienten bis sieben Monaten für neue Patienten (wenn diese überhaupt angenommen werden).

Die Neurologin, bei der ich nach Bitten und Betteln als „Neuer“ schon nach vier Monaten einen Termin bekommen habe, möchte mich sofort in die Schmerzklinik nach Kiel schicken. Immerhin gibt es eine Perspektive, nachdem mich zwei ihrer Kollegen komplett abgelehnt haben und einer sich mit meinem Krankheitsbild überfordert sah, muss ich zufrieden sein.

Um das 30-seitige Aufnahme-Formular der Klinik auszufüllen, brauche ich zwei Wochen. Früher wär’ ich in ‘ner Stunde fertig gewesen damit. Ich warte auf den Aufnahme-Termin …

Insgesamt fünf Monate soll ich warten. Beeindruckend, zumal ich als dringlich eingestuft bin. Wie vielen Menschen geht es dann wohl genau so scheiße wie mir? Jeder einzelne tut mir leid. Ich mir auch.

In den kommenden Wochen habe ich viele Termine für den Lymphomat: Zwei um die Beine liegende Schläuche blasen sich rhythmisch auf und sollen so die Schwellungen in Schach halten. Wenn’s hilft …

Es tut jedenfalls ganz gut und manchmal schaffe ich es sogar, mal keinen Termin wegen der Migräne abzusagen.


Lipödem
Den aktuellen Stand und gute Sachinformationen über die Erkrankung Lipödem gibt es auf der Seite der Lipödem-Hilfe e.V. unter http://www.lipoedem-hilfe-ev.de

Homöopathie
Eine gute Adresse für Informationen zum Thema Homöopathie, auf das ich sicher später noch mal zurückkommen werde gibt es hier: http://www.netzwerk-homoeopathie.eu/

020 // Ein Leben in Freiheit…

Meine Venen bescheren mir einige Wochen nach der Stammvenen-OP noch eine interessante Beobachtung in Bezug auf die Migräne-Kopfschmerzen:

Wenn man (wie ich) an 20-25 Tagen im Monat Kopfschmerzen hat (Migräne und Spannungskopfschmerzen abwechselnd oder gemischt) muss man auch an Tagen mit dickem Kopp Termine wahrnehmen, wenn es irgendwie geht. Schmerzen ignorieren hab’ ich 40 Jahre trainiert, das funktioniert ganz gut …

Ich schleppe mich also zur OP-Nachsorge ins Venenzentrum. Das will ich nicht ein zweites mal verschieben. Dort soll eine Krampfader, die man bei der OP nicht mit erwischt hat, verödet werden. Im Aufklärungsbogen steht: Durch das Verödungsmittel könne Migräne ausgelöst werden. Hm. Ich spreche mit der netten Ärztin darüber, dass ich alle möglichen Migräne-Formen habe und es evtl. zu einem Basilarisanfall kommen könnte. Nicht, dass sie sich erschreckt.

Sie ist etwas verunsichert, hat davon noch nie gehört. Sie sichert mir für den Notfall aber notärztliche Hilfe zu und legt die Entscheidung in meine Hand.
Na, super.

Ich kann immer noch schlecht nein sagen, will wenigstens die Schmerzen am Schienbein los sein und die nette Ärztin nicht enttäuschen. Also entscheide ich, dass sie loslegen soll.

Sie piekst ihr Schmetterlings-Kanülen-Dings in die verdickte Vene und spritzt das Verödungsmittel ein. Wow. Tut ganz schön weh. Nassgeschwitzt warte ich auf den Super-Gau.

Nach zwei Minuten bemerke ich, dass irgendwas anders wird im Kopf.
Nach fünf Minuten sind die Kopfschmerzen weg. Mit ihnen das Nebelgefühl und der Druck auf den Augen. Ich kann’s nicht glauben.

Wie ein übermütiges Karnickelböckchen hüpfe ich von der Pritsche. Haha!

Als ich aus der Klinik in die pralle Sonne trete, erwarte ich den stechenden Schmerz, den das helle Licht mir normalerweise beschert, um gleich darauf in abwechselnd dumpfes Drücken und scharfes einseitiges Ziehen zu münden. JETZT habe ich ein Gefühl, als würde ich an Midsommar barfuß auf eine Waldwiese springen. KEINE Schmerzen, KEIN Schwindel. KEINE Lichtempfindlichkeit. Null. Garnix.

Auf der Fahrt nach Hause singe ich: „Der Himmel ist blau..“

Stelle mir vor, wie ich mit Hilfe irgendeines renommierten Neurologen vor die Presse trete als die Frau, die das beste Migränemittel aller Zeiten gefunden hat. Blitzlichtgewitter, schüchternes Lächeln, der Doktor ergreift das Wort und dankt zunächst seiner aufmerksamen Patientin (mir) für ihre bahnbrechende Beobachtung. Ich grinse.

Leider nicht lange.
Zwei Stunden später folgt die Ernüchterung: Kopfschmerzen.
Wäre ja auch zu schön gewesen.

Dennoch: Ich habe die kleine Auszeit genossen und erinnere mich noch an jede einzelne Minute Schmerzfreiheit. Erinnere mich an etwas längst vergessenes:
Ein Leben in Freiheit.

019 // Wer nicht funktioniert, fliegt raus. Abschied von Vena S. Magna…

Etwa sechs Wochen nach meiner wenig erfolgreichen Reha checke ich mit vermeintlich letzter Kraft im Venenzentrum der Nachbarstadt ein.

Die Schmerzen und Schwellungen in den Beinen, die mein früherer Hausarzt als Folge meiner Fettleibigkeit durch Gewichtsabnahme kurieren wollte, blieben auch mit 25 Kilo weniger auf den Rippen unverändert. Meine Beine sind weiterhin dick, blau und schmerzempfindlich. Das Amlodipin, das der nette TCM-Arzt mir gegen den vermeintlich zu hohen Blutdruck verschrieben hatte, beschert mir noch ein paar Deziliter Wasser zusätzlich im Gewebe, die ich seitdem auch nicht mehr losgeworden bin.

Als ich meinem neuen Hausarzt meine Beine präsentiere und ihm von meinen Schmerzen dort erzähle, überweist er mich sofort zum Gefäßchirurgen mit Verdacht auf CVI (Chronisch-venöse Insuffizienz).

Der stellt fest: Lipödem Stadium I-II, beide Stammvenen defekt und noch ein paar Seitenast-Krampfadern. OP nötig.
Ja, super! Reicht ja alles noch nicht … In Bezug auf das Lipödem macht man mir keine große Hoffnung auf Besserung – im Gegenteil. Weitere Gewichtsabnahme sei sinnlos bis unmöglich. Auch an meinen Armen habe ich die gleichen Symptome – es ist zum auswachsen.

Die Stammvenen-Geschichte und die Krampfadern sind aber heutzutage kein Problem. Das geht ratzfatz – keine große Sache. Das sind doch mal gute Nachrichten!

In einem neuen Verfahren im Venenzentrum soll ich eine Art Plastikmanschette um die Stammvenen beider Beine gelegt bekommen. Vorteil: Erhalt des eigenen Venenmaterials. (Kann man immer mal gebrauchen das Zeug, wenn mal ein Bybass oder ähnliches fällig wird). Man fragt mich, ob ich Interesse an der Teilnahme an einer laufenden Studie dazu hätte. Ich willige ein. Wenn ich schon für sonst nichts tauge, dann sollen meine Eingeweide doch wenigstens im Dienst der Wissenschaft für die Menschheit nützlich sein.

Die Idee, mich posthum in Heidelberg plastinieren zu lassen, spukt ja immer mal wieder in meinem Kopf rum. Langsam bezweifle ich aber, dass ich mich mit den ganzen fehlenden Teilen, Modifikationen und Ersatzteilen noch als Exponat für von Hagens Körperwelten-Austellung eigne.  Vielleicht gibt’s mich mal günstig als Mängelexemplar. Stammvenen weg, Galle weg, Mandeln weg, Bandscheiben-Matsch, Magen und Zwerchfell mit Plastiknetz und Titan-Klammern verdrallert, dafür Elefanten-Beine und Arme, ‘n Kupferketten-Uterus-Piercing und ein übersensibles, wirres Hirn.
OK, es gibt für alles einen Markt …

Und Tschüss…

In guter Hoffnung auf Ruhm und Ehre für meinen selbstlosen Dienst an der Menschheit stehe ich 20 Minuten vor dem geplanten OP-Beginn für letzte Vorbereitungen im OP-Hemd auf einem Höckerchen vor dem charmanten Chirurgen, der gleich Hand anlegen soll.

Chirurgen mag ich noch am liebsten. Die interessieren sich mehr für die Hardware eines Menschen. Damit hab’ ich kein Problem. Da bin ich entspannt. Schmerzausschaltung vorausgesetzt, würd’ ich auch gerne bei meinen OPs zugucken oder assistieren. Hauptsache es misst niemand Blutdruck.

„Sie sind Studienteilnehmer?“, fragt der Doc, der das Operationsgebiet vorbereiten will, begeistert.
„Ja.“, antworte ich stolz. Er fährt mit dem Ultraschall-Gerät über meine Beine. Drückt fester auf. Aua. Er runzelt die Stirn. Fährt nochmal rüber. Doppel-Aua.
„Kann nicht sein.“, sagt er dann.
„Warum?“, frage ich erstaunt.
„Bei ihren Venen geht das nicht. Das geht nur bis 0,6 cm Durchmesser. Ihre sind bis zu 1,8 cm weit.“
„Was hat Ihr Kollege denn dann da gemessen?“, wundere ich mich vorwurfsvoll.
„Ganz ehrlich: Das weiß ich jetzt auch nicht.“
„Ja, und jetzt?“, frage ich etwas belämmert.
„Tja, auf dem OP-Plan stehen Sie. Wollen Sie dann das Stripping machen lassen?“
„Das heißt, die Venen fliegen raus?“
„Ja, die fliegen dann raus.“
„Bleibt mir was anderes übrig?“, frage ich.
„Eigentlich nicht.“, sagt der Arzt.
„OK, dann machen Sie es so.“

Und wieder einer dieser schönen Momente, in denen ich mich wie Captain Jean Luc Picard auf der Brücke der Enterprise fühlen darf 🙂
(Keine Ahnung, was ich meine? Dann hier gucken.)

Zwei Stunden später wache ich auf. 20 kleine Schnitte an den Beinen und zwei große in den Leisten waren nötig, um die defekten Venen zu eliminieren. Egal, jetzt hab ich’s hinter mir, denke ich. Die Schmerzen in den Beinen sind erträglich. Allerdings habe ich tagelang Höllen-Kopfschmerzen, am nächsten Tag Migräne und der Nacken ist auch wieder schlimmer. Ob die Ärzte meine Bitte ernst genommen haben, bei der Lagerung auf meine kaputte Halswirbelsäule zu achten? Zweifel sind angebracht, aber wer kann das schon wissen, was die mit einem machen, wenn man erst mal hinreichend sediert ist …

018 // “Ob ich erlahme und ergrau… blablabla Königsblau” – Reha auf Schalke

Der Neurochirurg stellt fest, dass die Nervenleitgeschwindigkeit in meinem linken Arm verringert ist.
Ach, was? War mir noch gar nicht aufgefallen … 😉
OP-Bedarf sieht er noch nicht.
Glück gehabt.
Er schlägt eine ganztägige ambulante Kur im “medicos.AufSchalke” oder eine auf chronische Schmerzen spezialisierte Klinik vor.
In der Klinik seh’ ich mich noch nicht, außerdem: Wer kümmert sich um’s Kind?
Ich will dieses Kur-Ding um die Ecke.

Mein Hausarzt und die Neurologin sind skeptisch, ob diese orthopädisch ausgerichtete Maßnahme jetzt das Richtige ist. Zwar glaube ich selbst nicht daran, dass ich jeden Tag irgendwohin und wieder zurück fahren kann, aber ich bin trotzig. Will’s allen und mir selbst beweisen. Ich will wieder funktionieren. Koste es, was es wolle. Außerdem habe ich den Reha-Tempel praktisch vor der Tür. Also: Kind in die Schule bringen und schnell weiter.

Vorweg: Ich hab’s durchgezogen.
Will heißen: Ich war durch und es hat sich gezogen. Immerhin waren die fünfzehn Tage lehrreich – in vielerlei Hinsicht.

Aus meinem Tagebuch:

Tag 1:
Aufnahme. Bis zum Blutdruckmessen läuft’s. Danach: Alles wie im Film.

Tag 2:
Ich habe einen Softball in einen Eimer geschlagen. Außer mir haben das nur zwei geschafft!
Toll.
Der Tag verlief irgendwie ohne mich, obwohl ich da war, war ich das garnicht, die da war.
Gesund ist das nicht … :-/

Tag 3:
Pünktlich auf die Minute, fix und alle zum Hinlegen auf der Wärmepackung angekommen.
Gerätetraining (fast) vorschriftsmäßig erledigt.
Kurz vorm Ausdauertraining: Schwindel, Stammelei und Kopp. 🙁
Grade noch geschafft, mich mitzuteilen und in den Ruheraum zu legen! = Erfolg!
Später:
Anderer Schwindel, Panik, Herzrasen, Totalausfall. Heulerei ohne Ende. Was für eine Scheiße.
Lerneffekt: Wenn Migräne-Anfall, dann muss Schluss sein für diesen Tag!
Memo an mich:
Mach das nicht noch mal so, dusselige Else!
Du musst nicht funktionieren, du musst gesund werden!!!

Tag 4:
Läuft.
Guter Tagesplan. Bis auf Rückenschmerzen alles soweit i.O..
Sitzen geht nicht.

Tag 5:
Geht schon wieder los … Ich kämpfe mit dem Schwindel. Sehstörungen, Ohrenschrillen. Alles Kacke. Lasse 2 Sachen ausfallen. Weiß nicht, wie ich diesen Tag hinbekommen soll. Erinnerungslücken, Chronologieprobleme.  Zu hause: nur noch ab ins Bett.

Tag 6:
Määäh!
Schleppe mich von Anwendung zu Anwendung.
Dazwischen muss ich immer liegen, sonst schaff’ ich gar nix….
Progressive Muskelentspannung fällt aus … puuuh. Glück gehabt! Kopf geht schon wieder los … :-(((
Gott sei Dank nach Hause!!!!
Warum tu’ ich mir das an?

Wochenende!
Völlig fertig … fast nur gelegen.

Tag 7:
Man glaubt es nicht: Ein guter Tag.
Rückenschmerzen doof, aber der Rest vom Körper fühlt sich ganz gut an. Kein Schwindel heute. Hallelujah!
Dafür: Grünkohl ohne jeden Geschmacksträger.  Mit GEFLÜGEL-BRÜHWURST!
W T F???
Bei aller Liebe …

Zu hause: doch wieder Bett … total erschöpft …

Tag 8:
Reha super, Programm nur bis mittags. Alles cool!
Nachmittags im Kinderzimmer aufgeräumt. Doofe Bewegung: Linker Arm/ Nacken/ Brustbein: alles Fratze. :-(((
Scheiß-Tag.
19 Uhr: mit Körnerkissen ab ins Bett.

Tag 9:
Scheiß-Nacht. Schmerzen wie bekloppt.
Nassgeschwitzt, Kopf geht auch los … :-/

Ich schlepp’ mich zur Wassergymnastik: Mal gucken, was geht.
Immer schön locker bleiben.
Linke Hand und Finger brizzeln. Och, nö. Medyjet: Tut gut auf unterster Stufe.
Krankengymnastik bei Frau K.: Die Rettung – jetzt geht’s etwas besser.
Geräte lasse ich ausfallen – ich riskier’ jetzt nix. Dafür Laufband: Immer mit der Ruhe bei 4,7 km/h.

Ich hol’ mir ‘nen Cappucino!!! Das erste Mal seit über einem Jahr “auswärts” Käffchen trinken. Reha geht als “auswärts” durch. 😉

Nettes Gespräch mit einem “Fallschirmseidenen” in Königsblau.

Mittagessen: Putenfleisch!!! Endlich Fleisch!!!! Dieser Zwangs-Vegetarismus is’ doch für’n Arsch! :-/
Das bringt doch nix. Eher das Gegenteil.
Wir sind doch auch alle schon groß … – Mann!!!

Super schönes Wetter. Ich geh’ spazieren.
Progressive Muskelentspannung: na, ja.
Seminar: Sitzen geht einfach nicht – alle Erfolge des Tages wieder futsch. 🙁

Abends: Kind erkältet, selber Nasen-Kirmes … nicht DAS auch noch …

Tag 10:
Scheißnacht. Scheißtag.
Schleppe mich schwindlig durch den Tag.
Der Tagesplan sagt: Frau K. ist nicht da. Stattdessen: Vertretung durch Herrn K. – kenn’ ich nicht.
Bin um 9 schon zu nix mehr in der Lage.
Sage “Geräte” ab. Laufe draußen rum … sitzliege im Auto … laufe rum … warte auf Chefarzt-Termin bei Frau Dr. E..
Hoffe, dass meine Ärztin  – wie versprochen – vorher mit ihr über mich gesprochen hat.

Hat sie nicht. Frau Dr. E. hat keine Zeit, weil sie einen falschen Plan hat.
Freundlich ist sie, aber was sie von mir halten soll, weiß sie auch nicht – das merke ich ihr an. Nachvollziehbar. Ich sehe aus wie der typische Psycho: Haare wie gerupft, leerer Blick, nuschelige Sprache, Schweißperlen auf der Stirn und das, was (vermutlich) mein Gesicht ist, hängt irgendwie am Schädel fest … Tendenz fallend … ich spür’ mich nicht mehr, kann mich kaum bewegen …
Meine Fragen kann ich alle nicht stellen. Ich versuche, mich zusammenzureißen, mobilisiere alle Energien … und unternehme einen zaghaften Versuch, mich verständlich zu machen. Ende vom Lied: erst beim Rausgehen zwischen Tür und Angel quetsch’ ich mir raus, dass ich nicht mehr kann und nach hause möchte.
Kann ich dann auch … was ein Kraftakt … 🙁
Heulerei und Verzweiflung warten schon feixend im Auto auf mich.
OK – heute seid ihr Sieger. Morgen versohl’ ich euch den Arsch!

Der Rest vom Tag ist mir egal. Hauptsache zu hause.

Tag 11:
Es ist Freitag.
Den Tagessieg fahr’ ich jetzt locker nach hause.
Programm: Schaffbar. Bloß nicht stressen lassen.
In der Schmerzgruppe sitzen Leute, die “schon 1 Jahr lang Schmerzen” haben. Süß.
Leid tun sie mir trotzdem. Die Schmerzen der anderen können einem die eigenen nunmal nicht nehmen.

Tag 12: Ich kann nicht mehr.

Tag 13: Ich kann echt nicht mehr.

Tag 14: Dicker Basilarismigräne-Anfall. Mein Notfallausweis macht sich bezahlt.
Die Krankenschwester sagt, das Ding hat ihr geholfen und sie beruhigt … na, immerhin.
Dr. T. findet das alles “total interessant, aber unspektakulär”, sagt er.
Ja, da hat es der Epileptiker besser: der kriegt seine Anfälle publikumswirksamer hin.
Bei mir bin ich die einzige, deren Welt, Wahrnehmung und Bewusstsein im Chaos oder im Nichts versinkt.
ICH seh’ nix mehr, ICH kann mich nicht mehr bewegen, ICH spür’ mein Gesicht nicht mehr, ICH habe Todesangst und nur in MEINEM Kopf schrillen 20 Schulglocken.
Das kann allen anderen am Arsch vorbei gehen. Tut’s ja auch.
Ich mach’ auch nix kaputt, versau’ keine Auslegware mit aufgeschlagenen Gliedmaßen oder Körperflüssigkeiten. Ich schrei’ nich’ rum und bin (wenn ich wieder sprechen kann) scheißfreundlich. Das ist sehr unspektakulär. Da hat er Recht.

Zum Kotzen ist das!!!

Ach, ja: ich kotz’ auch keinem die Bude mehr voll. Das geht nämlich nicht mehr, seit der Zwerchfell-OP.

Ich kann mich nach dem Anfall auf ‘ner Pritsche ausruhen. Die Krankenschwester kommt in ihrer Pause zu mir und teilt ihre Kekse und Bonbons mit mir.
Das hilft mir und beruhigt mich. Danke!

Tag 15 :
Am Ende.

~~~

Von wem reden die da?

Im Entlassungsbericht steht sinngemäß: Sie war total motiviert (stimmt), hat alles mitgemacht (stimmt für fast die Hälfte der Anwendungen nicht), ist aus orthopädischer Sicht mit Einschränkungen vollschichtig funktionsfähig (ja, klar, liegende und schwimmende Tätigkeiten, oder was?), ist arbeitsunfähig und gehört in psychosomatische Reha (aber sowas von). Migräne: ein Anfall wurde gesehen – kein weiterer Kommentar (logisch, is’ ja auch unspektakulär).

Dazu kommen eine Reihe von Sachfehlern bei Erfassung der Medikation, Ausbildung, Anamnese, Aufstellung der in Anspruch genommenen Maßnahmen, Nebendiagnosen usw., so dass ich meinem Mann eine Gegendarstellung bzw. Korrektur diktiere. Am PC sitzen geht gar nicht mehr. Ich lasse darauf hinweisen, dass Migräne keine psychosomatische Erkrankung ist, sondern eine neurologische – dieses Wissen kann auch einem Orthopäden nicht schaden, denke ich. Das Pamphlet mit Fotos der Reha-Dokumentation, die ich in weiser Voraussicht angefertigt hatte, schicke ich an die Reha-Einrichtung und an den Rentenversicherungsträger.

Nach einigen Wochen und einem mutigen Telefongespräch mit dem an sich freundlichen zuständigen Arzt gibt es tatsächlich eine korrigierte Version, in der man fast alle meine Korrekturhinweise berücksichtigt – nur auf die ärztliche Einschätzung hat das keinen Einfluss. Interessant …

Hier meine 10 Tipps für eine gelungene Reha

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